Efeu - Die Kulturrundschau
In den Fressnapf gestoßen
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03.09.2025. Die Filmfestspiele Venedig gehen dem Ende entgegen und haben laut critic.de einen neuen Löwen-Favoriten: Mona Fastvolds pulsierendes, formvollendetes Biopic "The Testament of Ann Lee". Die taz begeistert sich einerseits für die in Maastricht ausgestellten fräsenden und ratternden elektronischen Skulpturen Carl Chengs. Und andererseits für die walzenartige Musik der Ruhrpott-Metal-Band Kreator. Die SZ erklärt uns das erstaunliche Comeback der Musikkassette.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
03.09.2025
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Kunst

Katharina J. Cichosch ist in der taz ziemlich begeistert vom Werk des amerikanischen Künstlers und Erfinders Carl Cheng, das derzeit im Bonnefanten-Museum in Maastricht ausgestellt ist. Der 1942 geborene Cheng war ein früher Environmental Artist, der stets das Prozesshafte der Natur betonte. In Maastricht sind unter anderem einige faszinierende Fotocollagen zu sehen. "Vollends zusammen kommt sein Werk in den fantastischen elektronischen Skulpturen und Nature Machines, eigenartigen Apparaten, Schaukästen, Aquarien, Dioramen, in denen Natur- und Kunstvorstellung auf Chengs ausgeprägtes Interesse als Archäologe einer Gegenwart treffen. Ein Fräsen, Rattern und Surren im White Cube. Etliches funktioniert bis heute, kann über ein Fußpedal bedient werden oder arbeitet scheinbar autonom vor sich hin. In großen, elektrisch betriebenen Tanks lagern bemalte Steine, die auf unbestimmte Zeit dem Zahn der Zeit ausgesetzt werden. In anderen finden sich Klimawarnsysteme, Wettersimulationen, utopische und dystopische Erzählungen."
Weitere Artikel: Es geht also doch! Bayern restituiert Raubkunst, die in der Nazizeit jüdischen Besitzern entwendet wurde, vorerst betrifft das, nach langen Querelen (siehe unter anderem hier), immerhin vier Werke, wie unter anderem die taz meldet. Birgit Rieger unterhält sich im Tagesspiegel mit dem burmesischen Künstler Htein Lin unter anderem über die Zeit, die er in seiner Heimat im Gefängnis verbrachte. Nicola Kuhn resümiert ebenfalls im Tagesspiegel eine Umfrage unter deutschen Galeristen - das Ergebnis: Licht und Schatten. Siehe dazu auch monopol. Fürs selbe Medium unternimmt Silke Hohmann einen Rundgang durch Frankfurter Galerien. Und ebenfalls auf monopol interviewt Anne Simone Kiesiel die Hamburger Galeristin Lucia Kaufmann. Florian Illies gratuliert in der Zeit dem Maler und Illustrator Hans Ticha zum 85. Adrian Lobe verteidigt in der NZZ KI-Kunst, in der er die "Street-Art von heute" sieht. In der FAZ plädiert Stefan Trinks dafür, dass der Teppich von Bayeux in England verbleibt.
Besprochen werden die Ausstellung "Teamwork in Antwerpen - Pieter Bruegel, Hendrick van Balen und die anderen" in der Galerie Alte Meister, Dresden (FAZ), die Lotte-Laserstein-Ausstellung in der Berlinischen Galerie (BlZ) und die Schau "Sleeping Resistance" in der Berliner Alten Feuerwache (Tsp).
Film

Mit Mona Fastvolds "The Testament of Ann Lee" über die Gründerin der Shaker-Freikirche fahren die Filmfestspiele Venedig auf der Zielgeraden nochmal Kino der ganz großen Gesten auf, schreibt Pavao Vlajcic auf critic.de: "70mm-Filmmaterial, Musical-Einlagen, eine verstrahlte Amanda Seyfried, Chris Abbott als untervögelten Hausmann, an klassischer Malerei orientierte Kameraarbeit, Auspeitschungen, Totgeburten, Lustversagen. Das ergibt einen oft maximal prätentiösen Film, der einige garantiert hirnverbrannte Diskurse verantworten wird. Aber auch ein Stück lebendiges, pulsierendes, formvollendetes Kino, das Intellekt und Emotion gleichermaßen anspricht. Ich dachte nach dem Screening kurz, ich hätte den Siegerfilm gesehen. Applaus im Auditorium danach eher unentschlossen und mein Kollege meinte, um ihn herum hätten sich mehrere über das 'Gesinge' mokiert. Wahrscheinlich bekommen wir als Gesellschaft dann doch die Filme, die wir verdienen."
Tazler Tim Caspar Boehme war nicht ganz so begeistert: "Oft arrangiert Fastvold ihre Szenen als Wimmelbilder, in denen sich so viele Körper fließend durch den Raum bewegen, dass es schwerfällt, den Überblick zu behalten." Vielleicht birgt "dieser Kostümfilm" ja "einen eigenwilligen Zugang zum Aufschwung evangelikaler Bewegungen in den USA", denn "fanatisch sind Ann Lee und ihre Anhänger, die Sexualität als Sünde ablehnen und daher ein freiwilliges Zölibat propagieren, allemal. Fastvold hingegen hält die Dinge durchgehend ambivalent, fällt kein Urteil über die Begeisterten, sondern bewundert gar, wie es scheint, ihre Hingabe. Ob der Film einst in einem Zug mit 'Jesus Christ Superstar' genannt werden wird?"

Auch der neue Film der Action- und Thriller-Meisterin Kathryn Bigelow läuft in Venedig: Ihr Politthriller "House of Dynamite" handelt in drei Episoden von den je letzten 30 Minuten vor dem Einschlag einer von unbekanntem Absender abgefeuerten Atombombe auf dem Gebiet der USA. "Noch mangelt es an großen Kriegsfilmen aus der digitalisierten militärischen Gegenwart", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Bigelow selbst leistete mit ihrem 2008 ebenfalls in Venedig uraufgeführten, späteren Oscargewinner 'The Hurt Locker' einen wichtigen Beitrag. Wie alle Filme der ehemaligen Bildenden Künstlerin ist auch 'The House of Dynamite' weniger Träger einer konkreten politischen Haltung als ein audiovisuelles Schaustück. Es ist bewundernswert, wie sie hier die klassisch-moderne Filmsprache des Montagefilms auf eine weitere Stufe der Verdichtung führt. Dass sie aber in einer Zeit, in der konventionelle Hochrüstung kaum noch infrage gestellt wird, an die Gefahren der Atomarsenale erinnert, ist hochpolitisch." In der Welt schreibt Hanns-Georg Rodek über den Film.
Weitere Artikel: Denis Sasse denkt im Filmdienst über Filme nach, in denen Kochen und Essen eine zentrale Rolle spielen. Andreas Kilb schreibt in der FAZ zum Tod des Schauspielers Graham Greene.
Besprochen werden Mia Maariel Meyers Adaption von Caroline Wahls Roman "22 Bahnen" (FAZ, SZ), Chris Columbus' auf Netflix gezeigter Knobelkrimi "The Thursday Murder Club" mit Helen Mirren, Pierce Brosnan und Ben Kingsley (NZZ), die ZDF-Reportage "Vergewaltigt: Leben mit dem Trauma" (FAZ) und Sherry Hormanns auf Netflix gezeigter, deutscher Erotikkrimi "Fall for Me" (Welt).
Architektur
Wolfgang Jean Stock porträtiert in der FAZ den Südtiroler Architekten Walter Angonese, der versucht, mit seinen Bauten einen Gegenpol zu schaffen zur auch architektonischen Verschandelung, die in der Gegend der Übertourismus mit sich bringt. Einen Bibliotheksbau in Kaltern etwa begreift er als eine "gesellschaftspolitische Setzung. (…) Der hell leuchtende, skulptural gestaltete Baukörper erhebt sich als turmartiger Abschluss des historischen Zentrums eindrucksvoll über einem steilen Hang. Charakterisiert wird er durch ein großes, bis zum Boden reichendes Dach, das die vier Geschosse in einer Stahlkonstruktion umhüllt. Für einen intensiven Bezug zu ihrer Umgebung sorgen die rundum verglasten Räume der Bibliothek wie auch kleine Terrassen für den Aufenthalt im Freien. Vom Ort aus präsentiert sich das Gebäude durchsichtig und einladend - und im Inneren wurde die gewünschte wohnliche Atmosphäre erreicht."
Außerdem: Auch Peter Richter in der SZ, Rainer Haubrich in der Welt und Hanno Rauterberg in der Zeit rufen dem Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann nach. Siehe für die ersten Nachrufe hier.
Außerdem: Auch Peter Richter in der SZ, Rainer Haubrich in der Welt und Hanno Rauterberg in der Zeit rufen dem Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann nach. Siehe für die ersten Nachrufe hier.
Bühne

Emma-Theater Osnabrück: Die Brücke zum Goldenen Horn.
Foto: Uwe Lewandowski
"Der Abend will viel. Und es gelingt ihm viel": taz-Kritiker Harff-Peter Schönherr ist beeindruckt von Tanju Girişkens Inszenierung des Emine-Sevgi-Özdamar-Romans "Die Brücke vom Goldenen Horn", die das Emma-Theater Osnabrück auf die Bühne bringt. Es geht um das türkische Folter-Regime der Putsch-Zeit, aber auch um linkspolitisches Erwachen und sexuelle Experimente. "Die Mittel, mit denen Girişken diese Ich-Findung in Szene setzt, mit dem Subtext, dass aus Diversität Heilung und Kraft erwachsen, sind Augen öffnend: Dem realen Publikum sitzt ein imaginäres gegenüber, auf tribünenhaften Stuhlreihen, die von Zeit zu Zeit verstörend nahe rücken. Kleidung ist über die Lehnen gehängt, und die drei DarstellerInnen bedienen sich ihrer, um die Figurenfülle zu erweitern. Am Ende liegen so Dutzende von Menschen zu unseren Füßen, ein Feld der Toten, gestaltleerer Hüllen, und der Versuch, sie aus dem Staub zu heben, ist fast vergeblich. Stark ist das."
Weitere Artikel: Dorion Weickmann ist, wie wir der SZ entnehmen, enttäuscht vom diesjährigen Berliner "Tanz im August"-Festival, lobt aber Jeremy Nedds Choreografie "from rock to rock". Marco Frei besucht für die NZZ die Festwochen der Alten Musik in Innsbruck und freut sich über die Wiederentdeckung von Opern von Antonio Caldaras und Tommaso Traetta.
Literatur
Besprochen werden unter anderem Dan Nadels Biografie über den Comiczeichner Robert Crumb (NZZ), Michael Cunninghams "Ein Tag im April" (FR), David Foenkinos "Das glückliche Leben" (Standard), Dorothee Elmigers "Die Holländerinnen" (FAZ) und Ferdinand von Schirachs "Der stille Freund" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Design
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Chloe Malle wird die neue Chefin der Vogue und tritt damit die Nachfolge von Anna Wintour an, die das Magazin 40 Jahre lang fest im Griff hatte. Auf Alfons Kaiser (FAZ) wirkt diese Entwicklung "wie ausgedacht. Denn die Neununddreißigjährige ist die Tochter berühmter Eltern: Ihr Vater ist der französische Nouvelle-Vague-Regisseur Louis Malle, (...) ihre Mutter die amerikanische Schauspielerin Candice Bergen - die witzigerweise in der Serie 'And Just Like That' wie schon in 'Sex and the City' die Vogue-Chefin mit dem eisigen Namen Enid Frick spielt, also ihrer Tochter als Vorbild dienen kann." Allerdings hat sie auch handfeste Kompetenzen vorzuweisen: "Sie studierte Komparatistik an der Sorbonne und der Brown University, begann ihre Karriere beim New York Observer und kam schließlich 2011 als 'Social Editor' zur 'Vogue'. Als eine der wenigen Chefinnen der Modezeitschrift, die in 28 Länderausgaben erscheint, ist sie als Autorin ausgewiesen - viele qualifizieren sich vor allem als Stylistinnen für die Aufgabe."
Musik

Rundheraus verzaubert ist tazler Benjamin Moldenhauer von Cordula Kablitz-Posts Kinoporträt "Hate & Hope" über die im Ruhrpott und Berlin beheimatete Thrash-Metalband Kreator und deren Leader Mille Petrozza: Der Sound der Band ist seit jeher wüst, die Texte senden Nachrichten Düsteres betreffend in die Welt, aber Gastarbeitersohn Mille ist ein Herzchen von einem Mensch, der Tocotronic-Shirts trägt, sich vegan ernährt, Yoga macht und sich klar gegen Rechtsextremismus positioniert. "Am Ende des Films ist man geneigt, wieder an längst ad acta gelegte Ideen von Katharsis zu glauben. (...) Der hyperaggressive Hochgeschwindkeitsmetal mit Punkeinschlag, den die Band bis heute, nach ein paar Suchbewegungen in den neunziger und nuller Jahren wieder spielt, ballert ungemein und formt walzenartige Musik. Und dieser Sound ist inzwischen - auch das deutet der Film an -, zum kanonischen Kulturgut der Ruhrregion nach Schließung der Bergwerke geworden. Kreator ist einer der wenigen deutschen international präsenten popkulturellen Exportschlager."
In den USA hat sich der Absatz von Musikkassetten in den letzten zehn Jahren verfünffacht. War dies zu Beginn noch ein Bandcamp-Nischenphänomen, veröffentlichen Megastars wie Taylor Swift und Billie Eilish ihre Alben heute wie selbstverständlich auch in diesem Format, das "noch unpraktischer ist als die Langspielplatte", wie Andrian Kreye in der SZ schreibt. Vielmehr als Peanuts kommen dabei zwar nicht rum, aber interessant ist das Phänomen eben doch: "Kassetten gehören in den Bereich des Protestkonsums (...) gegen die Bequemlichkeit der digitalen Welt mit ihren reibungslosen Benutzeroberflächen und allumfassenden Datenspeichern. Es gibt inzwischen in den USA, Europa und vor allem in Asien eine ganze Bewegung von Teens und Twens, die sich der digitalen Welt verweigern und Medienformate aus dem 20. Jahrhundert wiederbeleben. (...) Die Qualitätsmängel und begrenzten Speicherkapazitäten sind ein Aufstand gegen die Vorherrschaft der Algorithmen, die die gesamte Kulturgeschichte in Datenströme aufgelöst haben. Es ist die Rückbesinnung auf das Abenteuer einer Welt, in der man jeden Song und jeden Film einzeln entdeckt und erobert."
Weiteres: Lotte Thaler resümiert in der FAZ das Kammermusikfestival Krzyżowa Music in Polen. Jens Uthoff porträtiert in der taz Ture Rückwardt von der Kieler Lokalband FEX, die erst im vergangenen Jahr als Urheber des in den frühen Achtzigern entstandenen "most mysterious song on the internet" identifiziert wurden, nach dessen Ursprung anderthalb Jahrzehnte händeringend gefahndet wurde, ohne dass die Musiker davon je Wind bekommen hätten. Davon beflügelt, hat die Band nun nach 40 Jahren ein Debütalbum aufgenommen. Hier eine Youtube-Doku über das Phänomen, zu dessen Beginn der Song auch in der original verrauschten Radiomitschnitt-Fassung gespielt wird:
Besprochen werden Sophie Gilberts Buch "Girl vs. Girl. Wie Popkultur Frauen gegeneinander aufbringt" (online nachgereicht von der FAZ), Frederik Kösters Jazzalbum "K. On The Shore" (FR), ein Konzert der K-Pop-Band Enhypen in Berlin (Tsp), Aylivas Tourauftakt in Mannheim (SZ) und Big Thiefs neues Album "Double Infinity" ("Die repetitive Form senkt den Puls, der Ozean ist die Leinwand", schreibt Tobi Müller auf Zeit Online, Standard-Kritiker Karl Fluch bescheinigt ein "gutes Gefühl für Balance").
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