Efeu - Die Kulturrundschau
Als fahre der Wind hinein
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13.08.2025. Der Standard applaudiert Christophe Honorés Film "Marcello Mio", in dem Chiara Mastroianni ihren Vater Marcello Mastroianni spielt. Die FAZ findet sich in Versailles von Angesicht zu Angesicht mit dem Sonnenkönig wieder - oder zumindest mit seiner prächtigen Büste, geschaffen von Gian Lorenzo Bernini. Die Welt lauscht bei den "Kleinen Nachtmusiken" der Salzburger Festspiele einer zirpenden Zauberflöte. Die taz feiert einhundert Jahre "Berliner Moderne".
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
13.08.2025
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Film

Christophe Honorés "Marcello Mio" läuft vorerst nur Österreich an, aber Bert Rebhandls Kritik im Standard lässt darauf hoffen, dass der Film auch in Deutschland bald zu sehen ist. Chiara Mastroianni, die Tochter von Marcello Mastroianni und Catherine Deneuve, spielt hier sich selbst als Tochter, die im Film wiederum ihren Vater spielt, dem sie ohnehin schon sehr ähnlich sieht. Auch die Deneuve spielt mit und sich selbst. Wäre Chiara Mastroianni Mastroiannis Sohn, "wäre alles klassisch einfacher, eine Staffelübergabe unter Männern. Viel wurde geschrieben über das Männerbild, das Mastroianni verkörperte: der elegante Frauenheld, der Liebhaber, der immer ein melancholischer Einzelgänger bleibt, die obligate Zigarette immer in der Hand. Dass Chiara sich alle diese Facetten zu eigen macht, hat etwas Subversives, denn für sie ist das ja eine Hosenrolle, sie wirkt plötzlich queer... In bester französischer, intellektueller Tradition ist Marcello Mio nicht nur eine Liebeserklärung an das klassische europäische, natürlich vor allem italienische Nachkriegskino."

Für Matthias Kalle (Zeit Online) bildet Noah Hawleys auf Disney+ gezeigte Serie "Alien: Earth" einen "vorläufigen Höhepunkt dieses Serien-Sommers". Die Serie spielt zwei Jahre vor den Ereignissen aus Ridley Scotts SF-Klassiker "Alien" und ist auf der Erde angesiedelt, wo finstere Konzerne finstere Machenschaften planen. Es "herrscht die Ära des Spätkapitalismus und die Hybris der Tech-Eliten, die Transhumanismus als Geschäftsmodell für das Versprechen ewigen Lebens für Superreiche entdeckt haben. Die Serie erschafft eine Zukunft, die nicht unplausibel erscheint, weil sie von der Gegenwart nach vorne denkt. ... Hawley will mit 'Alien: Earth' beunruhigen, und für die besonders düsteren Momente klaut er hin und wieder bei Ridley Scott und auch bei Stanley Kubrick, nicht plump, sondern mit Sinn und Verstand. Und er weiß, wie weit er gehen kann. Er geht sehr weit, denn er interessiert sich nicht für Kanonpflege", sondern "für die Erzählung selbst - für ihre Form, für ihre Metaphern und für die Möglichkeiten, die in einem Stoff stecken, den die meisten für auserzählt hielten."
Außerdem: André Malberg schreibt auf critic.de ausführlich über die Dokumentarfilme des Eifel-Chronisten Dietrich Schubert. In der NZZ verneigt sich Jean-Martin Büttner vor Steve Martin, der morgen seinen 80. Geburtstag feiert. Besprochen werden Oliver Laxes in Cannes ausgezeichnert Film "Sirat" (Tsp, Welt, taz, unsere Kritik), die ZDF-Serie "We Are Lady Parts" (FAZ) und Cédric Klapischs "Die Farben der Zeit" (SZ).
Literatur
Ursula Poznanski findet es "wahnsinnig unmoralisch" und urheberrechtlich zweifelhaft, Bücher von einer KI schreiben und unterfüttern zu lassen, sagt die Jugendbuchautorin im FAZ-Gespräch mit Tilman Spreckelsen. Doch alles in allem ist sie "pessimistisch. Denn die Arbeit mit KI ist wahnsinnig praktisch, und alles, was kurzfristig den Menschen das Leben erleichtert, setzt sich durch, auch wenn wir langfristig damit nicht glücklich werden - jedenfalls die meisten von uns. Meine Hoffnung liegt weniger bei den Produzenten als bei den Konsumenten, die immer noch den Menschen hinter einem Werk spüren möchten. ... Ich bin mir ziemlich sicher, auch wenn es mich nicht glücklich macht, dass die KI eines Tages in bestimmten, eher simplen literarischen Genres nicht mehr wegzudenken ist. Und das andererseits das Persönliche, das Originäre als noch wertvoller angesehen wird."
Außerdem: Jannis Koltermann denkt in der FAZ über den anhaltenden Erfolg von literarisch-historischer Sachbücher seit Florian Illies' "1913" nach. Gerrit Wustmann schreibt auf 54books einen Nachruf auf den Dichter Axel Kutsch.
Besprochen werden unter anderem Silke Scheuermanns Lyrikband "Zweites Buch der Unruhe" (taz), Jane Gardams "Tage auf dem Land" (FR), Constance Debrés "Play Boy" (Jungle World), Mieko Kawakamis "Das gelbe Haus" (online nachgereicht von der LitWelt), Oleg Jurjews Gedichtband "Verse vom himmlischen Drucksatz" (online nachgereicht von der FAZ), Martina Clavadetschers "Die Schrecken der anderen" (NZZ), Helmut Lethens "Stoische Gangarten. Versuche der Lebensführung" (FAZ) und Thomas Melles "Haus zur Sonne" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Außerdem: Jannis Koltermann denkt in der FAZ über den anhaltenden Erfolg von literarisch-historischer Sachbücher seit Florian Illies' "1913" nach. Gerrit Wustmann schreibt auf 54books einen Nachruf auf den Dichter Axel Kutsch.
Besprochen werden unter anderem Silke Scheuermanns Lyrikband "Zweites Buch der Unruhe" (taz), Jane Gardams "Tage auf dem Land" (FR), Constance Debrés "Play Boy" (Jungle World), Mieko Kawakamis "Das gelbe Haus" (online nachgereicht von der LitWelt), Oleg Jurjews Gedichtband "Verse vom himmlischen Drucksatz" (online nachgereicht von der FAZ), Martina Clavadetschers "Die Schrecken der anderen" (NZZ), Helmut Lethens "Stoische Gangarten. Versuche der Lebensführung" (FAZ) und Thomas Melles "Haus zur Sonne" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

Von Angesicht zu Angesicht mit dem Sonnenkönig: Peter Kropmanns studiert in einer Ausstellung in Versailles begeistert eine Marmorbüste Ludwig XIV., angefertigt von Gian Lorenzo Bernini. Es ist die "Büste eines jungen Mannes mit üppiger Lockenpracht, selbstbewusst und entschlossen in den Raum schauend, unter dem Hals ein Spitzenjabot, Schultern und Brust in einen faltenreich zu einer Seite flatternden Umhang gehüllt, als fahre der Wind hinein." Sie entstand 1665 bei einem Aufenthalt Berninis in Versailles: "Der König nämlich hatte ihn auch gebeten, sein Antlitz zu meißeln, wofür er dreizehn Sitzungen erdulden musste. Als das Abbild samt Perücke nach gut drei Monaten vollendet, geschliffen und poliert war, soll Bernini es als sein 'am wenigsten schlecht' geratenes Porträt bezeichnet haben. Der höchst anspruchsvolle Dargestellte war seinerseits begeistert. Zwar befragte er seine Höflinge, wie es um die Treffsicherheit stand, mit der seine Physiognomie naturgetreu erfasst wurde. Doch erkannte er selbst, dass der idealisierte Ausdruck seines Selbstverständnisses, jenes eines werdenden absolutistischen Souveräns, perfekt gelungen war."
Die ukrainische Kuratorin Marina Hrytsenko und der Künstler David Chichkan sind beide an der ukrainischen Front gefallen. In der FAZ würdigt Konstantin Akinscha deren Verdienste: "Als alleinerziehende Mutter blieb Marina nicht nur in der Stadt, sondern zog mit ihrem Kind in den Keller des Museums, um dessen Sammlung vor Plünderung und Zerstörung zu schützen. Sie blieb bis Anfang April, als sich die russischen Truppen zurückzogen, in dem Gebäude - ohne fließendes Wasser und Strom. Für den Schutz der Schätze während der Schrecken der Belagerung und der ständigen Bombardierungen erhielt sie kaum öffentliche Anerkennung." In der taz schreibt Yelizaveta Landenberger über Chichkan: "Viele fassten seine Kunst als Provokation auf. Seine Ausstellungen wurden mehrfach von Ultrarechten demoliert, zuletzt wurde seine Ausstellung in Odessa Anfang 2024 auf deren Druck hin abgesagt. Aber Chichkan ließ sich nicht unterkriegen."
Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Graffiti" im Museion Bozen (taz).
Bühne

Nachtkritik bringt einen Auszug aus einer Bearbeitung des Stücks "Das Salzburger große Welttheater" von Hugo von Hofmannsthal durch die Schriftstellerin Lydia Haider.
Architektur

In der taz macht Nikolaus Bernau einen Rundgang durch die Hufeisensiedlung in Britz und feiert dabei 100 Jahre "Berliner Moderne": Auch damals brauchte man günstigen Wohnraum. "Möglich war das ohne Qualitätsverluste nur durch eine atemberaubende Konzentration der PlanerInnen auf die Wohnungsgrundrisse. Sie war letztlich viel wichtiger als die viel debattierte Vorfertigung. Nicht mehr Platz, sondern die bestmögliche Ausnutzung auch der kleinsten Fläche waren ihr Ziel: Eine Erfindung wie die des kombinierten Besenschranks auf dem Balkon, der zugleich als Kühlungspuffer für den Speiseschrank in der Küche dient, ist einfach genial. So können Wohnungen mit Küche, Bad, Balkon und dreieinhalb Zimmern auf 67 Quadratmetern auch heute noch funktionieren."
Musik
Manuel Brug berichtet in der Welt über die "Kleinen Nachtmusiken", eine sich zusehends als feine Tradition entwickelnde Veranstaltung der Salzburger Festspiele. "Im weißen Europa-Saal der Edmundsburg, draußen dunkelt es, klingt die 'Zauberflöten'-Ouvertüre zart und zirpend verwispert. Georg Nigl singt und säuselt dazu sitzend Papagenos 'Mädchen oder Weibchen' mit der leicht beschwipsten Heurigen-Seligkeit eines Wienerlieds. Mozart wird hier trotz der leise-silbrigen Nuancen jede feinbalancierte Klassik ausgetrieben. Er gebärdet sich greinend noch einmal todeswund als junger Wilder. Doch beide Musiker können es auch mit sehr viel mehr Zurückhaltung, vor allem horcht Nigl in eben nicht nur flüssig-galant servierten Liedern mit oft nur halber Stimme jeder Textnuance nach. Alexander Gergelyfi findet in Rondos, Trauermusiken, Fantasiefragmenten Mozart als Modernen."
Weiteres: Jakob Biazza denkt in der SZ über die Marketingstrategie von Taylor Swift nach, die gerade auf kryptischen Umwegen ein neues Album angekündigt hat. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf die Jazzsängerin Sheila Jordan. Besprochen werden Drakes Konzert in Zürich (NZZ), Graeme Lawsons musikarchäologisches Buch "Soundtracks" (FR), Renée Rapps Popalbum "Bite Me" (Standard) und diverse neue Musikveröffentlichungen, darunter "Love" von Das B, eine Interpretation von John Coltranes Jazzklassiker "A Love Supreme" (online nachgereicht von der FAZ).
Weiteres: Jakob Biazza denkt in der SZ über die Marketingstrategie von Taylor Swift nach, die gerade auf kryptischen Umwegen ein neues Album angekündigt hat. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf die Jazzsängerin Sheila Jordan. Besprochen werden Drakes Konzert in Zürich (NZZ), Graeme Lawsons musikarchäologisches Buch "Soundtracks" (FR), Renée Rapps Popalbum "Bite Me" (Standard) und diverse neue Musikveröffentlichungen, darunter "Love" von Das B, eine Interpretation von John Coltranes Jazzklassiker "A Love Supreme" (online nachgereicht von der FAZ).
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