Efeu - Die Kulturrundschau

Mit unvergleichlicher Zartheit

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18.06.2025. Die Feuilletons trauern um den Ausnahmepianisten Alfred Brendel. Er war, womöglich, der Stellvertreter Beethovens und Schuberts auf Erden, schwärmt die Welt. Die Zeit freut sich darüber, dass auf der Berlin Biennale statt postkolonialer Sittenstrenge Comedy und lyrische Absurdität reüssieren. Die SZ startet einen weiteren Frontalangriff auf Bayerns Kunstminister Markus Blume in Sachen Raubkunstaffäre. Critic.de gedenkt der Off-Kino-Legende Bernhard Marsch. Monopol lernt bei Hermann Nitschs "6-Tage-Spiel"-Performance den Geruch von Blut kennen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2025 finden Sie hier

Musik

Die Feuilletons trauern um den Jahrhundertpianisten Alfred Brendel. Er begann als "Exzentriker und Sonderling", schreibt Martin Meyer in der NZZ, doch erzeugte seine "Kunst der Interpretation fortlaufend Wunder". Denn "Brendel war anders. Er wirkte vital und distanziert, verwundert und entschlossen, nachdenklich und witzig. ... Der ganze Körper war in Aktion, das Gesicht figurierte als Ort des Ausdrucks für alle möglichen Seelenlagen, sei es in dramatischer, sei es in heroischer, in lyrisch-zärtlicher oder in philosophisch-erhabener Absicht. ... Brendel war auch deshalb anders, weil das Instrument als solches nicht den Vorrang vor den Stücken genoss, die es zur Darstellung bringen sollte. Trug Brendel seine Favoriten vor, Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert, ließ er im Nu vergessen, dass diese für die Tasten geschrieben hatten."

Am allerberühmtesten waren vielleicht seine Schubert-Interpretationen. Hier das Impromptu in As-Dur:


"Es gab eine Zeit, da hätte man diesen Pianisten für den Stellvertreter Ludwig van Beethovens wie Franz Schuberts auf Erden halten können", erinnert sich Manuel Brug in der Welt. "Keiner zog die architektonischen Linien des einen in so kühnen Bogen und blieb doch gleichzeitig bei aller Dramatik sachlich unterkühlt, zurückhaltend, ja scheinbar objektiv. Die Traumverlorenheit des anderen kostete er mit unvergleichlicher Zartheit aus, ohne in den heißen Tränenfluss des Weinerlich-Schluchzigen abzugleiten. Die von ihm besonders geliebte letzte, die B-Dur-Sonate, nahm er unsentimental, wehmutsvoll, nie im Tempo nachlassend, aufgelichtet in der Struktur, konturenstark ausgeprägt in der thematischen Entwicklung. Auch hier wahrte er den wohlmeinenden Abstand, der seine Interpretation so klug wie gütig, gültig sowieso machten."

Brendel "wollte den Kern und vor allem den Charakter einer Komposition ... herausfinden und herausarbeiten", hält Helmut Mauró in der SZ fest. "Charakter war ihm, wie der Kriegsgeneration generell, dabei ein positiv besetzter Schlüsselbegriff. Es ging um individuelle Gestaltung und um Gestalten. In den Beethoven-Sonaten orientierte er sich tatsächlich an einer umfangreichen Personage unterschiedlichster Charaktere, die er in den Stücken fand oder die er dort hineinstellte. Auch sein Schubert-Spiel kann man vor diesem Hintergrund besser verstehen."

Außerdem zu Brendel: Die legendäre britische Zeitschrift Gramophone bringt das letzte Interview mit ihm, geführt im Jahr 2015, und eine Liste mit seinen zehn besten Alben. Michael Krüger erinnert sich in der FAZ an persönliche Begegnungen mit Brendel. Weitere Nachrufe schreiben Frederik Hanssen (Tsp), Gerald Felber (FAZ) und Judith von Sternburg (FR).

Weitere Artikel: Im Podcast von Backstage Classical spricht Met-Intendant Peter Gelb über die Kultur in den USA unter den Eindrücken der Kulturpolitik Donald Trumps. Gerald Felber berichtet in der FAZ vom Bachfest Leipzig. Im SZ-Gespräch mit Kathleen Hildebrand identifiziert die Journalistin Sophie Gilbert die Spice Girls als jenen Kippmoment, an dem der klassische Feminismus zugunsten eines diffusen "Girl Power"-Gutelaune-Pop-Feminismus entkernt wurde - was es den aktuellen Angriffen auf die Errungenschaften des Feminismus besonders leicht gemacht hat.

Besprochen werden eine Berliner Aufführung von Jessie Montgomerys Komposition "Hymn for Everyone" durch das Deutsche Sinfonie-Orchester unter André Raphael (taz), Schumann- und Bruckner-Aufnahmen des Orchesters Le Concert des Nation unter Jordi Savall (Welt), das neue Haim-Album "I Quit" (Standard), ein Auftritt von Massive Attack in Zürich (NZZ), Seilers und Speers Album "Hödn" (Standard) und Sophia Kennedys Album "Squeeze Me" (Jungle World).
Archiv: Musik

Kunst

Deneth Piumakshi Veda Arachchige, Installationsansicht, 12. Berlin Biennale, KW Institute for Contemporary Art, Foto: Silke Briel

Zeit-Autor Hanno Rauterberg begegnet in Berlin einem Fuchs und nimmt das als gutes Zeichen. Denn die von ihm besprochene Berlin Biennale für Gegenwartskunst (siehe auch hier) kommt erstaunlich unverbissen daher; vielmehr begegnet er jeder Menge fuchsartig-verschmitzter Kunst: "Hier verblasst die übliche Sittenstrenge des postkolonialen Diskurses, der über viele Jahre die Gegenwartskunst beherrschte. Hier gibt es einen Comedy-Club mit bosnischem Einschlag, es gibt Sturz- und Stolpervideos aus dem polnischen Widerstand, dazu den größten Büstenhalter der Kunstgeschichte. (…) Auch Ausflüge in eine eher lyrische Absurdität bietet diese ungemein facettenreiche Biennale: So lässt Gernot Wieland neben einem Fuchs auch einen Walfisch auftreten, von dem er verschluckt wird wie einst der Prophet Jona." 

Nichts bewegt sich. Jörg Häntzschel ist in der SZ ganz und gar nicht glücklich darüber, wie Bayerns Kunst- und Wissenschaftsminister Markus Blume und andere Verantwortliche in der schwelenden Raubkunstaffäre (siehe unsere diversen Resümees hier) agieren. Häntzschel zählt eine Reihe fragwürdige Personalentscheidungen Blumes auf und kommt schließlich auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen zur Sache zu sprechen, die wissen wollten, wie Blume die Vereinbarungen zum Umgang mit Raubkunst umzusetzen wolle. In einem Statement, das der neue Generaldirektor der Staatsgemäldesammlung Anton Biebl der SZ schickte, heißt es: "Mein persönliches wie institutionelles Interesse gilt einer ernsthaften Auseinandersetzung und einer sachlich fundierten Lösungsfindung. Eine ergebnisoffene, rechtlich und historisch differenzierte Aufarbeitung liegt mir in hohem Maße auch persönlich am Herzen." Häntzschel merkt an: "Den Erben geht es indes weniger um 'Auseinandersetzung', 'Lösungsfindung' oder 'Aufarbeitung'. Es geht ihnen ganz einfach um die Rückgabe ihres gestohlenen Eigentums."

Weitere Artikel: Tobias Timm unterhält sich für die Zeit mit Wolfgang Tillmans über dessen bald eröffnende große Schau im Centre Pompidou. Philipp Meier spaziert für die NZZ über die Art Basel. Auch monopol-Autorin Saskia Trebing hält nicht viel von der Neuauflage der Reichstags-Verhüllung.

Besprochen werden die Schau "Fermenting Textiles" im Berliner Art Laboratory (taz), "Mögliche Übereinstimmung: Barlach x Sander" in der Berliner Galerie Burster (monopol), Park McArthurs "Contact M" im Museum Abteiberg, Mönchengladbach (taz), "David Hockney 25" in der Fondation Louis Vuitton, Paris (NZZ) und die Fotoausstellung "Changing Perspectives" im Wiener Westlicht (Standard).
Archiv: Kunst

Film


Ein schrecklicher Verlust für die deutsche Offkino-Szene: Der Filmarchivar, Schauspieler, Kurzfilm-Regisseur, Kinomacher und Kino-Netzwerker Bernhard Marsch ist am vergangenen Sonntagabend bei einem Verkehrsunfall in Köln, wo er den legendären Filmclub 813 nicht nur mitbegründete, sondern auch durch alle Krisen und juristische Scharmützel manövrierte, ums Leben gekommen. Legendär und geschätzt war er in deutschen Offkino-Szene nicht nur als nie versiegen wollender Quell von Anekdoten, sondern auch als Analogfilm-Archivar, der seine schweren Schätze oft genug auf einer Sackkarre im Zug quer durch Deutschland schleppte, um ein Kinopublikum zu beglücken. "Für mich und sicher nicht nur für mich ist Bernhard auf immer mit dem Filmclub 813 verbunden", schreibt Lukas Foerster auf critic.de. "Hier traf man ihn viele Jahre lang Abend für Abend, mehrere Tage pro Woche, vor den Filmen hinter der Kasse sitzend, mal mehr mal weniger Gäste begrüßend für ein Programm, das auch in der Offkinoszene, oder was noch von ihr übrig ist, seinesgleichen sucht. ... Filme von Lemke, Gosov und Spils, aber auch viele, viele andere bilden das von Bernhard über die Jahre zusammengetragene, über diverse Kölner Keller und Lagerräume verteilte Ramsch-Archiv, eine Schatztruhe an Filmen, für die sich die sogenannten Filmerbe-Institutionen auch in 30 Jahren nicht interessieren werden. Das Ramsch-Archiv gilt es nun zu bewahren. Genauso wie, jetzt erst recht, den Filmclub 813, ohne den die Kinoszene Kölns keinen Pfifferling wert wäre." Im Gespräch mit Dlf Kultur blickt der Kurator und Filmclub-813-Kollege Felix Mende auf Marsch und dessen Verdienste zurück.
 
Weiteres: Jafar Panahi hat sich auf Instagram gegen den israelischen Angriff auf Iran ausgesprochen, meldet FAZ.net. Besprochen werden Abderrahmane Sissakos "Black Tea" (FR), Scott McGehees und David Siegels "Loyal Friend" nach dem Roman "Der Freund" von Sigrid Nunez (taz), Hanna Ladouls und Marco La Vias "Funny Birds" mit Catherine Deneuve (Standard), Nick Hamms Neuverfilmung von "Wilhelm Tell" (Presse), der neue Pixar-Animationsfilm "Elio" (FR) und Dominik Grafs neues Buch "Sein oder Spielen. Über Filmschauspielerei" (Zeit).
Archiv: Film

Literatur

"Ach, schon wieder?" Mit dieser Lakonie nahm Elfriede Jelinek gestern gegenüber der Agentur AFP zur Kenntnis, dass sie nun schon zweimal binnen kurzer Zeit gestorben sein muss. Dies zumindest behauptete gestern Mittag ein ganzer Strauß an Medien, denen es mit der Eilmeldung gar nicht schnell genug gehen konnte, nachdem ein Witzbold namens Tommaso Debenedetti auf einem gefakten Rowohlt-Twitteraccount eine entsprechende Nachricht abgesetzt hatte. Schon im letzten Jahr machte eine solche Fake-Meldung die Runde. Debenedetti ist auf solche virale Pranks spezialisiert und allzu oft fallen Redaktionen, die nicht mehr wissen, dass man spektakuläre Meldungen gegenprüfen sollte, auf ihn herein, berichtet Gerrit Bartels im Tagesspiegel. "Für ihn ein Spaß, wie er in Interviews verlautbaren ließ. Aber auch eine Form von Aufklärung, wie er der ARD 2018 erklärte: 'Es ist auch ein Mittel, um die Presse, die Journalisten auf ihre Verantwortung aufmerksam zu machen und vor den Risiken ihres Berufes zu warnen.'"

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Weitere Artikel: Tania Martini (FAZ) und Felix Stephan (SZ) freuen sich, dass der Deutsche Sachbuchpreis in diesem Jahr an Ulli Lust geht und damit zum ersten Mal in der Geschichte des Preises ein Comic ("Die Frau als Mensch") ausgezeichnet wird. Nadine A. Brügger berichtet in der NZZ, dass in Zürich und Berlin Literaturveranstaltungen mit Bezug zu Israel oder zur jüdischen Geschichte in Europa abgesagt wurden - zum einen aus Sicherheitsbedenken, zum anderen aber auch, weil viele Teilnehmer aus Israel wegen des aufgrund des Israel-Iran-Kriegs geschlossenen Luftraums über Israel nicht ausreisen können. Yelizaveta Landenberger erzählt in der FAZ von ihrer Begegnung mit der rumänisch-moldauischen Dichterin Moni Stănilă beim Poesiefestival Berlin.

Besprochen werden unter anderem Isabel Kreitz' Comic "Die letzte Einstellung" über Erich Kästner und den letzten Progapagandafilm der Nationalsozialisten (Intellectures), Alexander Keppels Erzählband "Unzone" (Standard), Alex Schulmans Autobiografie "Vergiss mich" (FR), Nell Zinks "Sister Europe" (Zeit) und Todd Kontjes "Global Germany Circa 1800. A Revisionist Literary History" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Bühne

Hermann Nitsch, 2009. © Harald Peki. Quelle: Wikipedia. Lizenz: CC-by-sa 3.0.
Mächtig was los war, wenn man Julia Stellmann bei Monopol glauben kann, auf dem Schloss Prinzendorf in Prinzendorf an der Zaya bei Hermann Nitschs "6-Tage-Spiel". Das wagnerianisch-gesamtkunstwerkerische Performance-Musiktheater-Spektakel wurde in Prinzendorf womöglich zum letzten Mal überhaupt aufgeführt - die "Vollendung" der Aktion datierte laut Website auf den 7.-9. Juni diesen Jahres. Es scheint eine gute Gelegenheit für Grenzerfahrungen gewesen zu sein: "Nach einem weiteren Pfiff zerquetschten die Performer mit den Händen die glänzenden Lebensmitteln zu Brei, woraufhin  sich bei über 30 Grad ein penetranter Geruch breitmachte. Er sollte eine der eindrücklichsten Konstanten über die Dauer des gesamten Spiels bleiben: Metallisch und schwer hing Blut in der Luft, ließ sich gleichermaßen riechen wie schmecken. Wie aber riecht Blut? Wie schmeckt es? Nicht das Blut, das sich nach einem versehentlichen Schnitt mit dem Küchenmesser langsam aus der Wunde quält. Nein, literweise Blut, das Hände, Gesicht und Kleidung rot färbt. Das sich in grüne Wiesen einschreibt, die weiße Kleidung tränkt und in die Ritzen des Steinbodens sickert. Ein Geruch von frischem Blut, wie es beim Aufreißen der Beute durch wilde Tiere austritt"

Weitere Artikel: Theresa Schütz berichtet für die nachtkritik vom 19. Festival TransAmériques in Montréal. Janis El-Bira plädiert ebenfalls in der nachtkritik für ein individuelleres Applaudieren. Christian Spuck, der Intendant des Berliner Staatsballetts, erhält den Deutschen Tanzpreis, berichtet Dorion Weickmann in der SZ. Michael Skasa wohnt für die Zeit der szenischen Lesung eines Franz-Xaver-Kroetz-Textes bei.

Besprochen werden Miroslav Srnkas Amoklauf-Oper "Voice Killer" im Theater an der Wien (FAZ, "bedient dann doch vor allem Klischees"), Katharina Birchs Inszenierung der Komödie "Dieses Stück geht schief" am Deutschen Theater Göttingen (taz, "schwer, beim chronischen Scheitern mitzuleiden und beim heldenhaften Weitermachen mitzufiebern") und Lia Rodrigues' Tanzstück "Borda", das auf den Wiener Festwochen zu sehen ist (Helmut Ploebst freut sich im Standard über ein Stück, das "künstlerische Arbeit und soziale Initiative" glücklich vereint).
Archiv: Bühne