Efeu - Die Kulturrundschau
Wirken ungeachtet aller Widrigkeiten
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.05.2025. Die Goldene Palme geht in Cannes dieses Jahr an den iranischen Regisseur Jafar Panahi - eine Auszeichnung, die sowohl aus künstlerischen als auch aus politischen Gründen überzeugt und einen starken Jahrgang abschließt, meinen die Zeitungen. Die FR blickt am Schauspiel Frankfurt in die psychologischen Abgründe von E.T.A. Hoffmanns "Sandmann". Die taz sieht den EU-Granden im Mannheimer Nationaltheater zu, wie sie in einer Robert-Menasse-Dramatisierung dahinsiechen.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
26.05.2025
finden Sie hier
Film

Die Goldene Palme von Cannes geht in diesem Jahr an Jafar Panahis "Ein einfacher Unfall" (unser Resümee). Der Film handelt von einem einst inhaftierten Automechaniker namens Vahid, der seinen früheren Gefängnisfolterer wiederzuerkennen meint und diesen aus Rache ermorden will - auch wenn bald Zweifel an ihm nagen. "In die Sonne schauen" (unsere Resümees hier und dort), der deutsche Wettbewerbsbeitrag von Mascha Schilinski erhält gemeinsam mit Óliver Laxes "Sirāt" (unser Resümee) den Preis der Jury. Hier alle Auszeichnungen im Überblick.
Eine politische Auszeichnung für Panahi? Wahrscheinlich ja, schreibt Tim Caspar Boehme in der taz, aber "wer mutiges Kino will, muss Mut auch belohnen". Panahi unterliegt in Iran seit 15 Jahren einem Berufsverbot und saß von 2022 bis 2023 in Haft. Dennoch dreht er unermüdlich weiter. "Panahi äußert dabei seine Kritik im Film so offen, dass man sich um ihn sorgen zu müssen meint. Zumal er bei der Preisverleihung ankündigte, in den Iran zurückzukehren, obwohl ihm dort Repressionen drohen. Und auch wenn er in der Vergangenheit vielschichtigere Filme gedreht haben mag, erhält er die Goldene Palme zum richtigen Zeitpunkt, würdigt sie sein bisheriges Engagement und Wirken ungeachtet aller Widrigkeiten doch indirekt gleich mit." In der NZZ fragt sich Patrick Straumann allerdings schon, "ob die klandestin gedrehte Parabel über Rache und Vergebung, die in der iranischen Gegenwart verankert ist und unübersehbar die Grenzen der Ausdrucksfreiheit testet, auch ohne den brennenden Kontext honoriert worden wäre".
Eine rein politische Auszeichnung wäre auch für SZ-Kritiker David Steinitz "natürlich in Ordnung", sowas "kommt auf Festivals regelmäßig vor. Aber in diesem Fall ist nicht nur der Mann hinter der Kamera preiswürdig, sondern ohne Zweifel auch sein beeindruckender Film." Zu sehen "ist eine rabenschwarze Tragikomödie aus dem Innersten eines Landes, in dem unter diesen Umständen zu leben man niemandem wünscht." Auch ansonsten war es "mal wieder ein sehr starker Cannes-Jahrgang. Einige der wichtigsten Filme des Jahres feierten hier ihre Premiere und werden noch viel von sich hören lassen". Steinitz listet Joachim Triers "Sentimental Value" sowie die bereits genannten Filme von Schilinski und Laxe auf. Auch Welt-Kritiker Jan Küveler hält fest: Dieser Jahrgang war ein "guter".
Mit Panahi wurde ein altgedienter Auteur des Weltkinos ausgezeichnet - also alles beim Alten an der Croisette? Nicht ganz, fällt Zeit-Kritikerin Katja Nicodemus auf: "Während der vergangenen Festivalausgaben hatte die künstlerische Leitung den Wettbewerb meist wie die Vitrine eines Juwelengeschäfts bespielt: Ausgelegt wurden die dicksten Klunker und bekanntesten Namen. In diesem Jahr kam Bewegung in die Auswahl, mit Neuentdeckungen, jüngeren Filmemacherinnen und teils extremen Tonlagen. ... Diese zehn Kinotage in Cannes hatten einfach eine enorme Power." Dem stimmt auch Daniel Kothenschulte in der FR zu: "Selten hat man einen Festivalwettbewerb auf so hohem Niveau gesehen."
Viel wurde in Cannes über Trumps irrsinnige Zollpläne für außerhalb der USA gedrehte Filme diskutiert, berichtet Andreas Busche im Tagesspiegel. "Damit einher ging die Frage, welche Konsequenzen die amerikanische Realpolitik für das Kino haben könnte." Zwar nimmt auch Cannes gerne amerikanische Filme ins Programm, zumal "die Star-Auftritte auf dem roten Teppich dem Arthouse-Kino als glamouröses 'Werbeumfeld' diesen. Dieser Cannes-Jahrgang beweist aber, dass das Weltkino vor dem Hintergrund einer überfälligen Emanzipation von Amerika über genug eigene Ressourcen verfügt. Unsere krisenhafte Gegenwart hält auch ohne Hollywood reichlich Geschichten parat."
Mehr aus Cannes: Viele Filme befassten sich mit dem Wandel im Verhältnis zwischen den Geschlechtern, für die große Weltpolitik hingegen interessierten sich aber deutlich weniger Filme, notiert Josef Lederle in seinem Cannes-Fazit für den Filmdienst. Weitere Resümees schreiben Valerie Dirk (Standard), Maria Wiesner (FAZ) und Patrick Straumann (NZZ).
Außerdem melden die Agenturen, dass der Filmemacher Marcel Ophüls im Alter von 97 Jahren gestorben ist.
Literatur


Besprochen werden neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Clemens J. Setz' von Stefanie Jeschke illustriertes Bilderbuch "Mopsfisch" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hans Maier über Michelangelo Buonarrotis "Schon angelangt":
"Schon angelangt ist meines Lebens Fahrt
im schlechten Schiff durch Stürme übers Meer
am Hafen Aller, wo die Wiederkehr ..."
Kunst
Den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado, der am Freitag im Alter von 81 Jahren verstorben ist, würdigen FAZ und FR mit Nachrufen.
Bühne

Robert Menasses Roman "Die Erweiterung" kommt im Nationaltheater Mannheim auf die Bühne, inszeniert von Anna-Elisabeth Frick, freut sich Björn Hayer in der taz. Dass die Romanhandlung, die einen möglichen Beitritts Albanien zu EU verhandelt, mit vielen Perspektivwechseln einhergeht, macht die Adaption für die Bühne nicht gerade einfach, was aber vielleicht auch ein ganz treffendes Bild für die Lage der EU ist, deren Staatschef sich auf Kreuzfahrten zu einigen versuchen: "Auf dem Schiff hat sich ein Magen-Darm-Virus ausgebreitet, der die sich erbrechenden Ego-Player dahinrafft. Inmitten sämtlicher umgeworfener Requisiten - vom Spielzeughund mit Wischmoppfell bis zu Holzrosen - liegen die Darsteller:innen am Boden. Treffender könnte man einen Staatenbund im Siechtum gar nicht in Szene setzen. Dazu erklingt kaum hörbar von einer Violine die Europahymne aus Beethovens 9. Sinfonie. Sie, ein Ruf aus einer verschütteten Vergangenheit, verhallt im Nichts. Oder ist sie doch eine leise Melodie der Hoffnung? Es bleibt offen, genauso wie der Ausgang von Menasses Trilogie. Diese furiose Premiere lässt Vorfreude aufkommen auf deren noch nicht erschienenen dritten und letzten Part."
Weiteres: Die nachtkritik liefert einen Überblick über die Wiener Festwochen. Die Berliner Zeitung erinnert sich anlässlich ihrer Jubiläumsausgabe daran, was sich in den letzten 80 Jahren alles auf den Berliner Bühnen abgespielt hat.
Besprochen werden: Florentina Holzingers Inszenierung "A Year Without Summer" an der Berliner Volksbühne (Welt), "The Visitors" auf den Maifestspielen Wiesbaden, inszeniert von Constanza Macras (FR), Philipp Arnold erzählt Mary Shelley neu in "Frankenstein oder Schmutzige Schöpfung" am Volkstheater München (SZ), Armin Petras inszeniert "Tesla, die Spree und der Kirschgarten" mit Motiven aus Tschechows "Kirschgarten" am Staatstheater Cottbus (Nachtkritik).
Architektur
Annina Valle Thiele ist in der Jungle World reichlich enttäuscht von der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig, bei der sich alles um Nachhaltigkeit dreht: "Beim Durchlaufen der Werkhallen im Arsenale stellt sich schnell Ermüdung ein. Auf der einen Seite findet man viel Rückbesinnung auf natürliche Ressourcen, da werden Archen oder Häuser aus Lehm oder Schilf gebaut. Auf der anderen Seite stößt man auf jede Menge Zukunftsszenarien - und fast alle konzentrieren sich auf Künstliche Intelligenz und Robotik. Zweifelsohne sind diese Technologien für die Architektur relevant; einen größeren Bogen auch mit gestalterischen Anforderungen vermag man jedoch nicht zu erkennen."
Musik
Welchen Status Dietrich Fischer-Dieskau in der frühen Bundesrepbulik hatte, lässt sich heute kaum mehr nachvollziehen. Aber Jürgen Kesting redet darüber mit der heutigen Nummer 1 des Liedgesangs, Christian Gerhaher, in solcher Selbstverständlichkeit, dass es rührend ist - das Gespräch steht in der FAZ zum hundertsten Geburtstag Fischer-Dieskaus: "Ich stehe mit größter Bewunderung davor, wie er das alles geschafft hat: fast alle Lieder von Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms, Wolf, Mahler und Strauss, teils mehrfach, das alles technisch in für mich geradezu unfassbarer Konstanz, dazu natürlich noch alles mit Orchester und ein sehr breites Oratorien- und Opernrepertoire. Das alles musste Fischer-Dieskau in kurzer Zeit gelingen, die es aber schwer machen kann, der klanglichen Einzigartigkeit beispielsweise eines Liedes immer völlig gerecht zu werden. Die Gefahr, die in einer so immensen Produktivität liegt, ist die einer zum Pauschalen neigenden Darstellung, die zu einer gewissen Monotonie führen kann."
Hier eine seiner berühmten Debüt-Aufnahmen, Bahms' "Ernste Gesänge" von 1949:
Weitere Artikel: Jochen Overbeck blickt für Zeit Online auf den anhaltenden Einfluss von Britney Spears' vor 25 Jahren erschienenem Popsong "Ooops! I Did It Again" auf den Pop der Gegenwart. Besprochen werden das Comeback-Album von Stereolab (taz, mehr dazu bereits hier), ein Konzert von Masha Qrella in Offenbach (FR), ein von Matthias Hermann dirigiertes Konzert des BR-Symphonieorchesters im Rahmen der "musica viva"-Reihe in München (SZ) und das neue Album "Sable, Fable" von Bon Iver (Jungle World).
Hier eine seiner berühmten Debüt-Aufnahmen, Bahms' "Ernste Gesänge" von 1949:
Weitere Artikel: Jochen Overbeck blickt für Zeit Online auf den anhaltenden Einfluss von Britney Spears' vor 25 Jahren erschienenem Popsong "Ooops! I Did It Again" auf den Pop der Gegenwart. Besprochen werden das Comeback-Album von Stereolab (taz, mehr dazu bereits hier), ein Konzert von Masha Qrella in Offenbach (FR), ein von Matthias Hermann dirigiertes Konzert des BR-Symphonieorchesters im Rahmen der "musica viva"-Reihe in München (SZ) und das neue Album "Sable, Fable" von Bon Iver (Jungle World).
Kommentieren