Efeu - Die Kulturrundschau

Verhaltensanreicherung

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25.04.2025. Der Guardian wartet mit Antony Gormleys Menschen aus Blei bang darauf, abgefeuert zu werden. Besteht der Musikjournalismus eigentlich nur noch aus Gossip und Skandälchen, seufzt die taz. Die FAZ fragt sich, was Zootiere eigentlich von Erlebnisarchitektur halten. Der Standard stellt österreichische Literatinnen vor, die einen modernen Heimatbegriff pflegen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2025 finden Sie hier

Kunst

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Der britische Turner-Preisträger Antony Gormley ist vor allem für seine monumentalen Skulpturen bekannt, aber auch sein Frühwerk, das der Londoner White Cube derzeit in der Ausstellung "Witness is at" zeigt, ist beunruhigend aktuell, meint Eddy Frankel im Guardian, die hier zwischen Erbsen, Bananen und Granaten aus Blei auch die frühen körperförmigen Statuen betrachtet: "Eine liegt mit dem Gesicht nach unten und gespreizten Beinen auf dem kalten Beton, eine andere zieht die Knie an die Brust und vergräbt den Kopf in den Armen. Bei der größten, einer schreitenden Figur in der Mitte des Raums, wurde der Kopf gegen ein riesiges, 5 m langes Gebäude ausgetauscht. Jedes Werk ist aus Blei, und die Schweißnähte wirken wie riesige Narben auf ihren Körpern. (...) Es sind Werke, die von tiefer Angst und Paranoia geprägt sind. Das Blei, das das Fleisch dieser Körper ersetzt hat, ist das Material des Krieges. Sie sind jetzt menschliche Munition, Kugeln, die darauf warten, abgefeuert zu werden, Schilde, die bereit sind, geopfert zu werden. Sie kauern in Angst oder liegen auf dem Bauch und warten auf ihre unvermeidliche Vernichtung."

Weitere Artikel: Wo bleibt hierzulande eine große Überblicksausstellung zum "Novecento", jener der Neuen Sachlichkeit nahe stehenden Künstlergruppe, die sich 1923 in Italien gegründet hatte, fragt sich Bernhard Schulz im Tagesspiegel. Immerhin der Mailänder Palazzo Reale richtet einem ihrer Vertreter, dem Maler Felice Casorati, nun eine Schau aus, dessen Bildnisse in ihrer "monumentalen Darstellung weit über das neusachliche Ideal des Berufsmenschen hinausgehen", so Schulz. Ingeborg Ruthe macht sich in der FR Gedanken, wer für das Kanzlerinnen-Porträt von Angela Merkel in Frage käme: "Rosemarie Trockel, Conny Maier, Corrine Wasmuth? (…) Es fallen Künstlernamen aus der ostdeutschen Hemisphäre: Neo Rauch? Oder Rosa Loy, Angela Hampel, Cornelia Schleime, Doris Ziegler? Es gebe viele gute Malerinnen, so Merkel im Radio."
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Literatur

Während FPÖ und zunehmend auch der ORF sich mit einem "Hauch von Verlogenheit" und "zudringlichem Kitsch" in Österreich als Heimatpfleger vom Dienst darstellen, befassen sich österreichische Literatinnen schon längst ernstzunehmend mit dem Heimatbegriff, stellt Ronald Pohl im Standard fest - und nennt Autorinnen wie Julia Jost, Birgit Birnbacher oder die 2024 verstorbene Helena Adler. Zwar bleibt es "schwer zu sagen, ob diese nur allzu heutigen Exponenten der Landflucht Aufrührerinnen sind - oder ob sie, nolens volens, das Geschäft der Restauration betreiben. Literatur lebt nicht vom Widerspruch allein; ihre Vertreterinnen zeichnen ein überaus komplexes Bild vom Leben in der Provinz. Deren Ausläufer reichen selbstredend tief hinein nach Wien oder in andere heimische Städte. Sie sind tausendmal bedenkenswerter als jede Form der Heimatpflege, welche die Anbetung des Gamsbartes mit kulturellem Brauchtum verwechselt."

Weitere Artikel: Javier Cercas' auf Deutsch noch nicht vorliegender Roman "El loco de Dios en el fin del mundo" über seine Begegnungen als Atheist mit Papst Franziskus hat sich in den letzten Wochen in Spanien zum absoluten Bestseller entwickelt, berichtet Hans-Christian Rößler in der FAZ. Besprochen werden unter anderem Tomas Espedals "Lust. Früchte einer Arbeit. Lesefrüchte" (NZZ), Gayl Jones' "Evas Mann" (FR) sowie Arnfrid Schenks und Stefan Schnells "Atlas der vom Aussterben bedrohten Sprachen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Bühne

Szene aus "Warten auf Godot". Foto: Jörg Brüggemann

Matthias Brandt ist derzeit als Estragon in Luk Percevals Inszenierung von Becketts "Warten auf Godot" am Berliner Ensemble zu sehen (unser Resümee). Im SZ-Gespräch mit Peter Laudenbach bekennt er, zwar nicht herausbekommen zu haben, worum es Beckett eigentlich geht, der Interpretation des französischen Autors Pierre Temkine, der glaubte, "Wladimir und Estragon seien zwei Juden auf der Flucht vor den Nazis im besetzten Frankreich, die auf jemanden warten, der sie über die Grenze bringt", hält er zwar für plausibel, aber man muss das deshalb nicht illustrieren, meint er: "Es gibt immer wieder Stellen im Text, bei denen man denkt, dass das so gemeint sein muss. Estragon erinnert sich an 'all die toten Stimmen', er spricht von den Millionen Toten. 'Ohne mich wärst du ein Häufchen Knochen', sagt Wladimir einmal zu Estragon. ... Natürlich kann man da an den Holocaust denken. (...)  Aber ich glaube nicht, dass man diese Lesart in einer Inszenierung irgendwie illustrieren muss, abgesehen davon, dass man mit einer Illustration des Holocausts sowieso sehr, sehr vorsichtig sein sollte. Jede Konkretisierung wäre bei 'Godot' eine Verengung, die vom Autor dezidiert nicht beabsichtigt ist."

Szene aus "Piratenrepublik". Foto: Stephan Walzl

Wer Antworten auf die Frage nach den Ursachen der Krise der westlichen Demokratien sucht, blicke nicht auf die Politik, sondern auf die städtischen Bühnen, meint Stefan Grund, der für die Welt Jakob Weiss' Adaption des Joseph-Roth-Romans "Hotel Savoy" am Staatstheater in Schwerin und  Łukasz Ławickis Uraufführung seiner "Piratenrepublik" in der Exerzierhalle in Oldenburg gesehen hat. Besonders Lawickis Inszenierung nach David Graeber, der in seinem Essay "Piraten" die basisdemokratischen Piratenkönigreiche auf Madagaskar vom frühen 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert beschwor, überzeugt Grund. Die Zuschauer dürfen nach einem Wahlduell zwischen den Präsidentschaftskandidatinnen, der linken Liselotte Meyer und der rechten Frauke Stein wählen: "Dann verläuft die Inszenierung wie die Französische Revolution im Zeitraffer. Natürlich frisst die Revolution ihre Kinder. Obwohl die Besucher im Saal mit mehr als 80 Prozent Meyer wählen, wird durch Brief- und Onlinestimmen Stein zur ersten Präsidentin der Piratenrepublik. Meyer wird Vize. Basisdemokratische Elemente werden bald abgeschafft, aber weil die Wirtschaft brummt, wird das populistische Duo zweimal wiedergewählt."

Weitere Artikel: Warum das Staatstheater Kassel seine Schauspieldirektorin Patricia Nickel-Dönicke "mit sofortiger Wirkung" entlassen hat, ist nicht bekannt. Als künftige Intendantin des Landestheaters Niederösterreich in St. Pölten ab der Saison 2026/27 steht sie aber weiterhin fest, meldet der Standard. Im leider nicht frei verfügbaren Interview mit Ulrich Seidler (Berliner Zeitung) spricht der Regisseur Ersan Mondtag über sein "Denkmal für einen ungekannten Menschen" und den Osten. Im taz-Gespräch mit Katrin Ullmann sprechen der Dramaturg Falk Richter und die Choreografin Anouk van Dijk über ihr aktuelles Stück "A perfect Sky", das sich dem Einfluss der Digitalisierung auf menschliche Beziehungen widmet.

Besprochen werden Katie Mitchells Inszenierung der Strauss-Oper "Die Frau ohne Schatten" an der niederländischen Staatsoper (FAZ) und Eneas Nikolai Prawdzics Inszenierung "Die Jahrtausendflut" an den Bühnen Bern (nachtkritik).
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Film

Die Regisseurin Angelina Maccarone spricht im Filmdienst mit Thomas Klein über ihren Thriller "Klandestin", der das Verhältnis zwischen Migration, Politik und Kultur in den Blick nimmt. Besprochen werden Naoko Yamadas japanischer Animationsfilm "The Color Within" (critic.de, FR, unsere Kritik), Naomi Osakas Tennisdrama "Julie bleibt still" (Tsp), Ryan Cooglers rassismuskritischer Zombiefilm "Blood & Sinners" (NZZ, mehr dazu bereits hier) und Paul Poets bislang nur in Österreich startender Dokumentarfilm "Der Soldat Monika" über eine rechte Trans-Frau im österreichischen Militär, die sowohl in der Neuen Rechten wie in der queeren Community aneckt (Standard).
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Architektur

Nur eine Handvoll Büros weltweit ist auf "Erlebnisarchitekur" in Zoos spezialisiert, die Tiere in Simulationen ihrer Lebensräume inszeniert. Eines davon ist die Agentur Dan Pearlman, deren Mitbegründer Kieran Stanley Petra Ahne für die FAZ getroffen hat. Er zeigt ihr das geplante Konzept für den Frankfurter Zoo, aber Ahne bleibt skeptisch, denn die "unnatürliche Voraussetzung von Gefangenschaft" bleibt: "Über die positive Wirkung solcher 'Verhaltensanreicherung' ist vergleichsweise viel bekannt, etwa durch die Messung von Stresshormonen. Allgemeinere Aussagen über das Befinden vor allem kognitiv hoch entwickelter Tiere, die natürliche Verhaltensweisen - Nahrungssuche, Paarung, das Durchstreifen von Revieren - nur sehr eingeschränkt ausleben können, sind schwerer zu treffen."
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Musik



Dass nun auch der Youtuber Anthony Fantano, der selbsternannnte "Internet's busiest music nerd" und bislang die "personifizierte Ehrenrettung von Musikjournalismus", den Musikdiskurs für tot erklärt hat (siehe oben), ist für tazler Lars Fleischmann ein weiteres Anzeichen, dass die ganze Sache im Zuge "einer nicht mehr enden wollenden Saure-Gurken-Zeit" wirklich im Begriff ist, allergründlichst den Bach runterzugehen. Erst starben und sterben die Print- und Online-Magazine, dann auch die Blogs und viele Youtube-Kanäle. Auch Reels auf Instagram und TikTok spenden keinen Trost. "Ein weiterer Diskurskiller ist die schiere Masse an Content. Auf Spotify werden täglich mehr als 100.000 Musikstücke (Stand 2023) hochgeladen, das ist mehr, als früher in einem ganzen Jahr veröffentlicht wurde. Wie soll dieser Output noch überblickt werden? Musikjournalisten tun ein Übriges: Instagram und Tiktok werden mit Selbstverständlichkeit bespielt, Videos über Samples veröffentlicht, pausenlos Gossip verbreitet und vor allen Dingen nach Skandälchen gesucht. Ob das auf Dauer die Kritik voranbringt?" Ein paar Oasen zumindest im deutschsprachigen Raum nennt Fleischmann aber doch: das Netzradio Byte.FM, der öffentlich-rechtliche Sender Cosmo sowie die Kolumnen von Florian Aigner im Magazinbereich des Plattenladens HHV.

Erst Klaus Mäkelä, der noch keine 30 ist und den internationalen Klassikbetrieb im Sturm erobert hat, jetzt Tarmo Peltokoski, der mit 25 nun mit der Lettischen Nationalphilharmonie und dem Nationalorchester in Toulouse gleich zwei Klangkörpern als musikalischer Leiter vorsteht: Die Sibelius Akademie in Helsinki, wo beide unter Jorma Panula studiert haben, hat "sich nun endgültig zur Talentschmiede des Dirigiernachwuchses gemausert", stellt Helmut Mauró in der SZ fest. Bei den Proben für ein Brahms-Gastspiel an der Elbphilharmonie hat Mauró dem jungen Talent zusehen können: Peltokoski "stachelt die Musiker zu kraftvollen Crescendi an, reckt ihnen dabei bedrohlich die Faust entgegen und nimmt sie wieder zurück als sanftes Hasenpfötchen. Das sieht etwas eigenartig aus, verfehlt seine Wirkung aber nicht, das Brahmssche Spiel der Extreme von Forte-Explosionen und weich gebettetem Ruheklang profiliert herauszuarbeiten. Keine Frage, dieser junge Maestro will hier nicht nur ein bisschen gastieren, sondern einen bleibenden Eindruck hinterlassen."

Weitere Artikel: David Thomas von Pere Ubu war "einer der größten Sänger, die die US-amerikanische Rock'n'Roll-Avantgarde jemals hatte", schreibt Joachim Hentschel in seinem Nachruf in der SZ. Raweel Nasir porträtiert für die taz den Jazzmusiker Paul Brody, der mit seiner Musik den Berliner Gleisdreieckpark abbildet. Mit dem oft sehr wahren Satz "Das Leben ist oft blöd" kommentiert Karl Fluch im Standard den Sachverhalt, dass die neuseeländische Popmusikerin Lorde für einen via Social Media ausgerufenen Überraschungsauftritt im Washington Square Park gar keine Auftrittsgenehmigung vorliegen hatte, was naturgemäß die Polizei intervenieren ließ. Jan Wiele (FAZ) und Joachim Hentschel (SZ) gratulieren dem ABBA-Musiker Björn Ulvaeus zum 80. Geburtstag. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Daniel Rotsein über "The Teacher" von Paul Simon. Und Oliver Jungen jubelt in der FAZ über den von Arte online gestellten Konzertfilm von Nick Caves Auftritt in Paris im vergangenen Herbst: "Ein Jahrhundertkonzert", denn "alles ist Perfektion, höchste Konzentration und mitreißende Wucht".



Besprochen werden der von Erika Thomalla herausgegebene Band "Die Wahrheit über Kid P" mit den musikjournalistischen Texten von Andreas Banaski (taz, mehr zu dem Buch bereits hier), das Solo-Debütalbum von TV-on-the-Radio-Sänger Tunde Adebimpe (Presse), Yaneqs Album "Reime und lose Gedanken" (taz), ein Konzert von Ghost in Frankfurt (FR), ein Zürcher Konzert von Shirin David (NZZ), weitere neue Popveröffentlichungen (Tsp) und das neue Album von DJ Koze (NZZ-Kritiker Adrian Schräder wird beim Hören "öfter mal von einem schwarzen Loch verschluckt").

Archiv: Musik