Im Kino
Farben rascheln im Laub
Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
23.04.2025. Niemand bringt die Gefühlswelten von Jugendlichen derzeit so variantenreich und mitfühlend auf die Leinwand wie die japanische Anime-Regisseurin Naoko Yamada. Mit "The Colors Within" ist nun erstmals einer ihrer Filme auch regulär in Deutschland zu sehen.
"So wie Schmetterlinge und Bienen Blumen ausfindig machen können, die Menschen gar nicht bemerken, gibt es Farben, die ich mehr fühle, als dass ich sie sehe", sagt Totsuko. Farben sind letztlich reine Empfindungen, Wellen des Lichts, die vom menschlichen Auge wahrgenommen werden. Für die etwas verpeilte und mitunter reichlich dösige Totsuko, eine Schülerin in einer katholischen Mädchenschule, besitzen sie in "The Colors Within" schlichtweg eine andere Wellenlänge als für andere. Immer wieder sieht sie die Umrisse ihrer Mitschülerinnen in einem kräftigen, einfarbigen Ton: Die eine leuchtet grün, die andere orange, und unter allen strahlt Kimi, mit der Totsuko in einem Chor singt, am schönsten und reinsten - in einem hellen Blau, der Farbe der unerfüllten Sehnsucht.
Die Empfindungswelten von Jugendlichen in gezeichnete Bilder zu übertragen, beherrscht momentan niemand so variantenreich und mitfühlend wie die Regisseurin Naoko Yamada. In nahezu allen ihren Filmen und Serien bildet die japanische Oberschule einen Mikrokosmos an der Schwelle zum geregelteren Erwachsenenleben, den sie so hochgestimmt wie bisweilen wehmütig als den prägendsten Ort für junge Menschen zeigt, einen Ort, an dem Gemeinschaft erlernt und ausprobiert werden kann: "Those days colored with excitement", wie es in einem Song heißt, den die Schulabgängerinnen am Ende von "K-ON! The Movie" (2011), Yamadas erster Regiearbeit fürs Kino, singen.
Lieder und Melodien ziehen sich durch das ganze Werk der Regisseurin: In "Liz und der blaue Vogel" (2018) können zwei Mädchen erst ihre Gefühle füreinander ausdrücken, als sie mit Oboe und Querflöte ein Musikstück einüben, also mit ihren Instrumenten harmonieren. Gemeinsames Musizieren bringt auch bei "The Colors Within" Totsuko, die noch kein wirkliches Außen zum reglementierten Alltag des religiösen Internats kennt und ihre Emotionen zunächst verschämt in der Form eines Gebets beichten muss, und Kimi, die zu Beginn des Films von der Schule verwiesen wird, weil sie wohl was mit einem Jungen hatte, zusammen. Einer spontanen Laune folgend, wie sie wahrscheinlich nur von Teenagern in einen euphorisch erneuernden Lebensentwurf verwandelt werden kann, gründen die beiden eine Band: Das Mädchen im Schulblazer mit christlichem Fischsymbol versucht sich am Keyboard, das Mädchen im Smashing-Pumpkins-Longsleeve bedient dazu einen Bass. Und dann ist da bald noch Rui, ein Junge, der Totsuko und Kimi seit geraumer Zeit hinterher schleicht und flugs mitmachen darf, weil er auf Flohmärkten allerlei musikalisches Equipment zusammengesammelt hat und es vielleicht auch schaffen könnte, so etwas wie einen ersten Song für die Gruppe zu schreiben.

Die Geschichte einer Annäherung, die am Ende der Schulzeit auch eine des notwendigen Abschieds sein wird, erzählt Yamada in einer eigensinnig empfindsamen Mischung aus handgemalten und computeranimierten Elementen. Geradezu synästhetisch verbindet sie von einem starken Bewusstsein für Lichtverhältnisse geprägte Farbtöne mit Klang. Die Farben scheinen mitunter wie Laub zu rascheln oder mit den Wellen zu rauschen, verbinden sich mit einem Ozean aus Sound. In Sequenzen, die stilistisch Aquarellfarben nachempfunden sind, nähert sich der Film bisweilen sogar der zeichnerischen Ästhetik des Anime-Regisseurs Masaaki Yuasa ("Inu-Oh") an, für dessen unabhängige Produktionsfirma Science Saru "The Colors Within" hergestellt wurde.
Unter den auch jenseits von Japan bekannteren Anime-Schöpfer*innen der letzten zwei Jahrzehnte ist Yamada eher eine Solitärin: Anders als beispielsweise Makoto Shinkai ("Your Name."), der mit seinen populären High-Concept-Ideen längst auch anschlussfähig an den internationalen FestivaIbetrieb geworden ist, wahrt sie mit ihren bezüglich narrativer Entwürfe wesentlich kleinformatigeren Filmen eine erfreuliche Nähe zu seriellen Animes, Mangas und Light-Novel-Vorlagen. Da ihr Werk stets auch auf Variationen und Fortschreibbarkeit ausgerichtet ist, verwundert es nicht, dass "The Colors Within", der erste originäre Stoff, den sie mit ihrer langjährigen Drehbuchschreiberin Reiko Yoshida entwickelt hat, nun auch eine mehrbändige Fortsetzung in Manga-Form gefunden hat. In Deutschland ist der Film hingegen ein Debüt: Erstmalig trägt er die Empfindungswelten Naoko Yamadas regulär ins Kino.
Kamil Moll
The Colors Within - Japan 2024 - OT: Kimi no Iro - Laufzeit: 100 Minuten.
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