Efeu - Die Kulturrundschau
Die Körperlichkeit der Rhinozerosse
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16.01.2025. Die Filmkritiker lassen sich von Clint Eastwoods minimalistischem Slowburner "Juror #2" über einen befangenen Geschworenen in den Bann ziehen. Monopol bewundert die Leichtigkeit, mit der Albert Oehlen die archaischen Plastiken des Holocaust-Überlebenden Hans Josephsohn in Paris arrangiert. In der FAZ will der neue Albertina-Direktor Ralph Gleis nicht auf "Zwangsbeglückung", sondern auf Partizipation in Museen setzen. Und die SZ schickt mit Selen Kara in Essen einen deutschen Gastarbeiter nach Istanbul.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
16.01.2025
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Film

Das Gerichtsdrama "Juror #2" über einen befangenen Geschworenen ist Clint Eastwoods 40. Film. Es könnte wohl der letzte Film des 94-Jährigen und ist erneut "wie viele seiner Vorgänger insbesondere im Spätwerk des Regisseurs, ein zutiefst skeptischer Film, ein Film, der den Institutionen, die das gemeinschaftliche Leben in der modernen Welt auf vielfältige Weise prägen, nicht über den Weg traut", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher. Was Eastwood einmal mehr erzählt, "ist das Drama individueller Freiheit. Die privaten und institutionellen Zwänge, die einen jeden von uns subjektiv einengen, tragen sich in diese Gesichter ebenso ein wie die objektiv trotzdem stets gegebene Möglichkeit des Handelns entgegen diese Zwänge. Wahrscheinlich ist fast jeder Gerichtsfilm nicht nur ein juridischer, sondern auch ein moralischer Thriller. Doch längst nicht in jedem fällt beides derart geschickt und vieldeutig in eins wie in 'Juror #2'".
"In Eastwoods tiefenentspannter Regie entfalten sich die Geschehnisse so geschmeidig, dass man zunächst gar nicht wahrnimmt, wie einen dieser Slowburner in den Bann zieht", hält Michael Kienzl auf critic.de fest. "In der so sorgfältigen wie minimalistischen Inszenierung herrscht ein tiefes Vertrauen in die Geschichte. ... Häufig konfrontiert Eastwood in seinen Filmen falsche Autoritäten und abstrakte Bürokratie mit gelebter Erfahrung - nicht selten repräsentiert durch einen hemdsärmeligen, aber auch emotional vernarbten Haudegen alter Schule. In seinem Klassizismus und seiner handwerklichen Finesse ist Eastwood selbst zum Inbegriff dieser aus Erfahrung gewonnenen Weisheit geworden." Weitere Besprechungen in der taz, in der FR, im Standard und im Tagesspiegel.

Wahre Schmerzen - wenn auch nicht im Sinne des Films - durchlitt derweil Perlentaucher Jochen Werner in Jesse Eisenbergs "A Real Pain" über zwei jüdische Amerikaner mittleren Alters, die sich auf eine Reise nach Polen begeben (mehr zum Film bereits hier). Der Film erfüllt eben geradeso den "Standard dieser Art von Indie-Dramödien, in denen man immer ein bisschen zu genau weiß, was man gerade fühlen soll. Dafür sorgt nicht zuletzt die Tonspur, denn das Gros der anderthalb Kinostunden ist mit wahnsinnig emotionaler Klaviermusik unterlegt, am Ende hat man das Gefühl, das chopinsche Gesamtwerk durchgehört zu haben. ... Man weiß genau, was man bekommt, wenn man sich die Prämisse durchliest, wenig vom Erwartbaren wird ausgelassen, nichts hinzugefügt." Für die Welt bespricht Matthias Heine den Film.
Besprochen werden Morgan Nevilles mittels animierter Legosteine umgesetztes Biopipc "Piece by Piece" über Pharrell Williams (critic.de), Halfdan Ullmann Tøndels "Armand" (FR) und die DVD-Ausgabe von Sébastien Marniers "Haus der Lügen" (taz).
Literatur

Weitere Artikel: Die Comicautorin und Filmemacherin Marjane Satrapi hat die Aufnahme in die französische Ehrenlegion abgelehnt, weil sie mit dem zu laschen Kurs der französischen Regierung gegenüber Iran nicht einverstanden ist, meldet Andreas Platthaus in der FAZ. Ich "spüre eine herzzerreißende Trauer", schreibt die in Potsdam und Los Angeles lebende Schriftstellerin Zaia Alexander in einem literarischen Essay für die FAZ, wenn sie von Deutschland aus die Brände in Kalifornien verfolgt. Berlin setzt trotz Sparkurs seine Comicförderung fort, atmet Lars von Törne im Tagesspiegel auf.
Besprochen werden unter anderem Hannah Brinkmanns Comic "Zeit heilt keine Wunden" (taz), Caroline Darians "Und ich werde dich nie wieder Papa nennen" (Presse), Ursula Krechels "Sehr geehrte Frau Ministerin" (TA, Zeit), Charles Nodiers "Jean Sbogar" (NZZ), neue Lieferungen aus der Werkausgabe Wolfgang Koeppen (Welt), Sebastian Barrys "Jenseits aller Zeit" (FR), Paul Lynchs "Das Lied des Propheten" (FAZ) und Elke Schmitters "Alles, was ich über Liebe weiß, steht in diesem Buch" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

Im Monopol-Magazin staunt Elke Buhr: So überraschend leicht und schön hat sie die "archaisch groben" Skulpturen des jüdischen, in Königsberg geborenen Künstler und Holocaust-Überlebenden Hans Josephsohn, der 1938 in die Schweiz floh, selten gesehen. Nun aber hat der Maler und Kurator Albert Oehlen Josephsohns eigensinnige, "schmerzhaft an der Grenze zur Formlosigkeit balancierende" Plastiken im Musée d'Art Moderne de Paris ausgestellt: "Oehlen platziert die Skulpturen in geradezu tänzerischen, geschwungenen Linien im Raum, stellt sie in Metallregale oder auf Holzpaletten wie zum Transport. Er behandelt sie wie Persönlichkeiten, die miteinander in Kontakt stehen, von den frühen, an ägyptische Statuen oder auch an Giacometti erinnernden Stehenden über die schwerbrüstigen Frauenbildnisse bis zu den späten, wie grobe Steingötter wirkenden Köpfen."
Bereits von 2009 bis 2017 war Ralph Gleis Kurator des Wien-Museums, zuletzt leitete er die Alte Nationalgalerie. Seit Anfang Januar ist folgt er auf Klaus Albrecht Schröder als neuer Generaldirektor der Wiener Albertina. Im FAZ-Gespräch mit Hannes Hintemeier sorgt er sich nicht um Kulturbudgetkürzungen unter der FPÖ und gibt einen Einblick in seine Planung, die vorsieht, das Museum "partizipativer" zu gestalten. Man wolle schließlich keine "Zwangsbeglückung". Zudem wage er viel Neues, etwa mit sechs Soloausstellungen über Künstlerinnen, darunter Jenny Saville, Jitka Hanzlová, Leiko Ikemura. "Wir wollen den für die Moderne angeblich immanenten Traditionsbruch untersuchen. Da werden Dürer und Grünewald neben Hauptwerken von Beckmann, Kollwitz und Munch hängen. Und man muss oft zweimal hinschauen, um zu erkennen, was Mittelalter und was 20. Jahrhundert ist. Das sind Projekte, die sich aus der wissenschaftlichen Bearbeitung der Sammlung ergeben, die ich verstärken möchte. Ich möchte auch internationale Kooperationen ausbauen: Wenn eine Kuratorin aus Oslo unsere Sammlung sichtet, tut sie das anders, als wir es tun würden. Skandinavien geht uns ohnehin weit voraus, was die Einbindung des Publikums und auch den Wissenschaftsbegriff in Museen angeht." Für den Standard hat Michael Wurmitzer mit Gleis gesprochen.
Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel trifft sich Gunda Bartels mit dem Schweizer Fotografen Lukas Hoffmann, dessen Doppelbelichtungen und Fassadenfotografien derzeit in der Ausstellung "Sidewalks" im Berliner Haus am Kleistpark zu sehen sind. Weitere Nachrufe auf den verstorbenen Fotografen Oliviero Toscani schreiben Reinhart Bünger im Tagesspiegel und Hanno Rauterberg in der Zeit. In der FAZ erzählt die amerikanische Konzeptkünstlerin Kim Abeles von ihrer Arbeit mit inhaftierten Feuerwehrfrauen. Der Chemiekonzern Bayer möchte einen großen Teil seiner mehrere Tausend Werke umfassenden Kunstsammlung verkaufen, weil Bilder Mitarbeiter nicht mehr motivieren, meldet Jörg Häntzschel in der SZ.
Besprochen werden die Ausstellung "24-2=2022" in der Berliner St. Matthäus-Kirche, in der sich die ukrainische Künstlerin Alevtina Kakhidze und die polnische Künstlerin Renata Rara Kaminska mit dem Krieg in der Ukraine auseinandersetzen (Berliner Zeitung) und die Ausstellung "Fotogaga. Max Ernst und die Fotografie" im Museum für Fotografie Berlin (FAZ).
Bühne

Seit zehn Jahren läuft die umgekehrte Gastarbeitergeschichte "Istanbul" über den Deutschen Klaus Gruber, der in den sechziger Jahren in die Türkei muss, erfolgreich auf deutschen Bühnen, nun hat Regisseurin und Stückentwicklerin Selen Kara das Stück an das Schauspiel Essen geholt, wo sie seit 2023 Co-Intendantin ist. Für die SZ geht Max Florian Kühlem dem Erfolg des Stückes auf den Grund: "Es gibt Szenen in 'Istanbul', bei denen deutlich wird, was die Gesellschaft damals angerichtet hat. Menschen aus dem Publikum werden zur Musterung auf die Bühne gebeten. Alican Yücesoy, der in der Türkei ein Film- und Serienstar ist und im Stück auch Klaus Grubers besten Freund Ismet spielt, spielt den Arzt, der die Gemusterten nur auf Türkisch anspricht und scheinbar willkürlich auswählt: Du darfst in unserem Land arbeiten. Und du musst wieder gehen. Klaus Gruber muss sich auch mit der irritierenden Tatsache auseinandersetzen, dass die Politik im anwerbenden Land tatsächlich dachte, man könne ihn und seine Gastarbeiterkollegen nur für zeitlich begrenzte Arbeitseinsätze holen, dann wieder nach Hause schicken und bei Bedarf Nachschub ordern. Dieser unmenschliche Umgang produzierte in der Wirklichkeit ein starkes soziales Gefälle: Deutsche blickten herab auf die Gastarbeiter..."
Im März 1991 legten der Schriftsteller Friedrich Dieckmann, die Theaterkritiker Michael Merschmeier und Henning Rischbieter sowie der Publizist und Theaterintendant Ivan Nagel ihre heute als "Nagel-Gutachten" bekannte Bilanz der Berliner Theaterlandschaft nach der Wiedervereinigung vor, erinnert der Philologe Kai Bremer in der nachtkritik, der findet von den "unmissverständlichen politischen Positionierungen" könne sich die aktuelle Kulturpolitik auch heute eine Scheibe abschneiden: "So wird zwar erwogen, 'drei weltberühmte Theater zu schließen, etwa: Staatsoper, Staatliche Schauspielbühnen (samt Schiller-Theater), Berliner Ensemble - oder: Deutsche Oper, Deutsches Theater, Schaubühne am Lehniner Platz.' Es wird aber ebenso klar formuliert, was das hieße: 'Nur um den Preis einer dreifachen 'Kulturschande' käme man auf Größenordnungen, die vom Land Berlin allein finanziert werden können.' Das Gutachten benennt damit die Option Theaterschließung ausdrücklich. Von ihr wird aber abgeraten, indem an die internationale Strahlkraft der Häuser erinnert…"
Besprochen werden das Stück "Letters Home" des russischen Schauspielduos Alena Starostina und Ivan Nikolaev im Festspielhaus Hellerau Dresden (nachtkritik).
Musik
In der FAZ gratuliert Jan Brachmann Simon Rattle, der nicht zur 70 Jahre alt wird, sondern auch den renommierten Ernst-von-Siemens-Musikpreis erhält. Eleonore Büning porträtiert für die NZZ den Dirigenten Marek Janowski, "einen der letzten großen Kapellmeister der deutschen Tradition". Reinhard J. Brembeck spricht für die SZ mit dem Bariton Thomas Quasthoff. Die Kulturhauptstadt Chemnitz ist auch ein Hotspot der Hiphop-Szene, ruft Cornelius Pollmer in der Zeit in Erinnerung. Es "wächst zusammen, was nie zusammengehörte, nach Jahrzehnten aber unbedingt zusammengehören will", schreibt Gerrit Bartels im Tagesspiegel dazu, dass die Schwulenhymne "Y.M.C.A." von den Village People von Trump erst gekapert wurde und nun auch im Rahmen seiner Inauguration gespielt werden soll. Aufs musikalische Rahmenprogramm von Trumps Amtseinführung blicken außerdem Ueli Bernays (NZZ) und Karl Fluch (Standard).
Besprochen werden Lorenz Birklbauers und Wolfgang Plankers Reader "Als die Beatles Österreich auf den Kopf stellten" (Standard), Thommys Album "Lemme Cook For You" (FR), das neue Album des Punk-Duos Lambrini Girls (taz) und das neue Album des puertoricanischen Musikers Bad Bunny, der international im Streaming allein von Taylor Swift geschlagen wird, in Deutschland aber weitgehend unbekannt ist (Zeit Online). Vielleicht ändert sich das ja:
Besprochen werden Lorenz Birklbauers und Wolfgang Plankers Reader "Als die Beatles Österreich auf den Kopf stellten" (Standard), Thommys Album "Lemme Cook For You" (FR), das neue Album des Punk-Duos Lambrini Girls (taz) und das neue Album des puertoricanischen Musikers Bad Bunny, der international im Streaming allein von Taylor Swift geschlagen wird, in Deutschland aber weitgehend unbekannt ist (Zeit Online). Vielleicht ändert sich das ja:
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