Efeu - Die Kulturrundschau
Sie sind nackt, erschöpft und aufgekratzt
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21.11.2024. Während immer mehr KünstlerInnen das Symposium "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung" absagen, hält Nan Goldin in der Zeit Berlin für ein "Zentrum der Unterdrückung". taz und Zeit wüssten gern, wer genau eigentlich unterdrückt wird. Die FAZ sucht in der Berlinischen Galerie die Verbindung zwischen Stierkämpfern und Müttern nach der Entbindung im Werk von Rineke Dijkstra. In der Zeit erzählt Serhij Zhadan, wie schwer es ist, im Krieg zu schreiben. Und die Filmkritiker lassen sich von Bruno Dumont mit extraterrestrischen Bauern in der französischen Provinz bekanntmachen.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
21.11.2024
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Kunst

Wie die Malerei der niederländischen Altmeister erscheinen dem FAZ-Kritiker Andreas Kilb die Fotografien der Niederländerin Rineke Dijkstra, die die Berlinische Galerie derzeit in der Schau "Still - Moving. Portraits 1992-2024" zeigt. Ihre Bilder bremsen den Blick so lange ab, "bis man erkennt, dass sich in der Tiefe des Bildes etwas bewegt", staunt Kilb etwa mit Blick auf eine Bildserie, die junge Mütter kurz nach der Entbindung mit ihrem Baby im Arm zeigt: "Sie sind nackt, erschöpft und aufgekratzt, einer läuft ein dünner Blutfaden am Bein herab. An die Wand gegenüber hat der Kurator Thomas Köhler Aufnahmen aus einer Serie gehängt, die Rineke Dijkstra von portugiesischen Stierkämpfern gemacht hat. Deren Aufgabe besteht, anders als in Spanien, darin, den durch Pfeile gereizten Stier nicht zu töten, sondern ihn in einem kollektiven Kraftakt auf den Boden zu zwingen. Die Anstrengung und Todesgefahr, die sie hinter sich haben, ist den Forcados ins Gesicht geschrieben. Bei einem ist die Jacke zerrissen, ein anderer trägt ein Pflaster unter dem Kinn, fast alle haben Blutflecken auf Hemd, Anzug, Nase und Wange. Aber das Blut stiftet keine Gemeinschaft zwischen Müttern und Stierbezwingern, im Gegenteil, es wirft jede der Gruppen auf ihren eigenen Raum, ihr eigenes Schicksal zurück."
Immer mehr KünstlerInnen sagen das von Meron Mendel und Saba-Nur Cheema organisierte Symposium "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung" ab, das flankierend zur Nan-Goldin-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin stattfinden soll, weiß Tobias Timm in der Zeit: Hito Steyerl hat ihre Keynote-Rede abgesagt, Candice Breitz zog ihre Teilnahme ebenfalls zurück und auch "Masha Gessen hatte, wie sie meldete, ihre Teilnahme nie endgültig bestätigt. ... Ausgerechnet jene Menschen wollen nun nicht mehr öffentlich auf dem Podium sprechen, die in der Vergangenheit über Zensurerfahrungen in Deutschland berichtet hatten und behaupten, sie kämen nicht ausreichend zu Wort." Goldin selbst sagte ein Interview mit der Zeit ab, wieder zu und wieder ab - und schickte schließlich ein Statement: "'Ich habe beschlossen, diese Ausstellung als Plattform zu nutzen, um meine moralische Empörung über den Krieg gegen Gaza und gegen den Libanon sowie über die Zensur jüdischer und palästinensischer Stimmen in Deutschland zu verstärken', schreibt Nan Goldin, ohne jedoch zu sagen, von welchen Stimmen sie spricht und wo für sie Zensur beginnt. Weiter heißt es: 'Wir Künstler haben Berlin immer als einen Zufluchtsort für offene künstlerische Freiheit erlebt, und es ist traurig, dass es zu einem Zentrum der Unterdrückung geworden ist.' Worin genau die Unterdrückung besteht, hätte man gerne von ihr erfahren, zumal sie selbst, wie sie in dem Statement herausstreicht, keineswegs unterdrückt wird."
"Bei 'Strike Germany' freut man sich indes über die Absagewelle", weiß Julia Hubernagel in der taz: "Neben Candice Breitz sind mittlerweile auch die Namen Eyal Weizmans sowie Raphael Maliks von der Teilnehmer:innenliste verschwunden. Zum Gespräch mit Andersdenkenden scheint man auf Seiten derer, die ansonsten gern Kundgebungen mit dem klingenden Namen 'We still need to talk' veranstalten, wohl nicht bereit." Direktor Klaus Biesenbach stellt sich indes hinter die Ausstellung - und die Künstlerin, distanziert sich aber von ihrer Haltung zum Nahostkonflikt, meldet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung: "Wir unterstützen das Recht der Künstlerin, ihre Meinung zu äußern, auch wenn wir nicht immer mit ihr übereinstimmen. Gleichzeitig sind wir davon überzeugt, dass ein Symposium wie unseres längst überfällig und in dieser Zeit notwendig ist."
Weitere Artikel: Das Monopol-Magazin hat die Top 100 des Kunstbetriebs gekürt, darunter Florentina Holzinger, Yael Bartana, Klaus Biesenbach und Marion Ackermann. In der NZZ meldet Sabine V. Vogel, dass die Art Basel bei der Kunstmesse Abu Dhabi Art einsteigen soll: Die Schweizer Muttergesellschaft MCH würde dafür 20 Millionen Euro von Abu Dhabi erhalten.
Besprochen werden die Ausstellung "Fotogaga. Max Ernst und die Fotografie. Die Sammlung Würth zu Gast" im Museum für Fotografie in Berlin (FR), die Ausstellung "Mythos & Moderne. Fritz Koenig und die Antike" in der Münchner Glyptothek (FAZ) und die Andrea-Pichl-Ausstellung "Wertewirtschaft" im Hamburger Bahnhof (taz).
Literatur


Besprochen werden unter anderem neue Lyrikbände von Abdalrahman Alqalaq und Agi Mishol (Perlentaucher), Jagoda Marinićs "Sanfte Radikalität" (online nachgereicht von der FAZ), Achdés und Juls neuer Lucky-Luke-Band "Letzte Runde für die Daltons" (FAZ.net), eine Zürcher Lesung der New Yorker Spoken-Word-Poetin Aja Monet (NZZ), Ca Roses Bilderbuch "Und jetzt sei fröhlich, Knochenmann!" (FR) und Monika Rincks Gedichtband "Höllenfahrt & Entenstaat" (FAZ).
Außerdem bringt die Zeit heute eine zehnseitige Literaturbeilage zu Weihnachten, unter anderem bespricht darin Clemens J. Setz mit großer Euphorie Ivy Compton-Burnetts "Ein Haus und seine Hüter".
Architektur
An ein "Ferienhaus an der Küste Japans" fühlt sich Nils Minkmar in der SZ im Innenhof des Frankfurter Senckenberg-Museums erinnert beim Betrachten des Projekts, für das sich Studenten der Städelschule, der Fachhochschule sowie zahlreicher weiterer Institutionen der Zivilgesellschaft zusammengeschlossen haben, um mit einer temporären Wohnanlage zu zeigen, wie bezahlbares und flexibles Wohnen möglich ist: Der Bau "besteht aus mehreren Teilen, die ganz aus Holz und Stahl gefertigt wurden. Die Materialien wurden aus anderen Baustellen recycelt, das Holz kam von der Verschalung einer Betonbrücke. Zur Linken erhebt sich eine Art Regal, das sich nach und nach in einen vertikalen Garten verwandeln kann. Versucht wird, hier so viel Gemüse und Obst wie möglich anzubauen, eine große grüne Fläche der Möglichkeiten. Man kann auch eine Hängematte aufspannen. Der untere Bereich des Prototyps ist frei zugänglich und flexibel zu gestalten. Man kann zu Lesungen und Aufführungen einladen, einfach nur Tee trinken oder auch einen Flohmarkt veranstalten."
Film

Mit "Das Imperium" zieht es den französischen Auteur Bruno Dumont einmal mehr in die Bauernwelt der französischen Provinz - nur dass er diesmal dort eine "parodistische und bitterernste Weltraumsaga" erzählt, die sich beherzt aus dem Fundus des aktuellen Blockbusterkinos bedient, und also "einen sich an den eigenen Bildern ergötzenden Sci-Fi-Walzer, in dem hinter jedem nordfranzösischen Gesicht ein potenziell extraterrestrisches Wesen lauert", schreibt Patrick Holzapfel im Perlentaucher. Unklar bleibt allerdings, wie ernst oder ironisch der Filmemacher sein Programm auffasst. "'Das Imperium' kommentiert eine visuelle Wirklichkeit, die längst aus den Fugen der Glaubwürdigkeit gefallen ist. Tatsächlich weiß man in diesem Film nicht, wie man sich zu den Bildern verhalten soll oder wie sich der Filmemacher zu ihnen verhält. Daraus entsteht eine Art Kippbild im Kopf der Zuschauer: Entweder Dumont verortet hier intergalaktische Narrationen im Realismus und zeigt so, dass sich der Kampf von Gut gegen Böse im scheinbar Banalen abspielt, die Metaphysik also ganz wirklich wäre. Oder aber er zeigt, dass die Ideologien, die großen Fragen unserer Zeit nur Eskapismen sind, um die machtlosen Menschen von der Leere ihres Daseins zu erretten."
"Hier geht es mit dem Rührbesen zu", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR: "Selten hat man eine so verwegene Achterbahn aus 'high' und 'low' zusammengeschraubt, wäre dieser Film ein Essen, man bekäme vermutlich Magenbeschwerden." Die Raumschiffe sind "zusammengesetzt aus Elementen gotischer Kathedralen", ist Kothenschulte aufgefallen: "Wenn man nicht gerade ein virtuelles Versailles darin findet, dann wenigstens die Glasfenster und den Mosaik-Fußboden der Berliner Gedächtniskirche. Allein diese wunderbare Ausstattungsidee macht eine Menge von dem Blödsinn wieder wett, den uns Bruno Dumont an anderer Stelle aufbürdet."
"Nicht jede unter den mal sorgfältig ausgearbeiteten visuellen Ideen, mal fahrig in die Landschaft gestellten Albereien mag Beweis für die Produktivität von Dumonts Wechselspiel sein", schreibt Karsten Munt im Filmdienst. "Aber irgendwie schafft er es auf exakt diese absurde Art und Weise doch, das Kleine neben dem Großen hochzuhalten, das Profane im Sakralen zu finden oder auch einfach nur klarzustellen, dass im Menschsein beides hoffnungslos miteinander verschränkt ist - so albern das auch aussehen mag."
Weitere Artikel: Wilfried Hippen spricht für die taz mit Helge Schweckendiek über dessen Programm für das Europäische Filmfestival in Göttingen. Matthias Lerf spricht für den Tages-Anzeiger mit der Schauspielerin Saoirse Ronan über deren Rolle im Alkoholismusdrama "The Outrun". Sonka Weiss empfiehlt im Filmdienst das ab Dezember gezeigte Online-Filmfestival mit jungem europäischen Kino in der Arte-Mediathek.
Besprochen werden Edward Bergers "Konklave" nach dem gleichnamigen Thriller von Robert Harris (FR, FD, taz, Presse, mehr dazu bereits hier), Luigi Toscanos Dokumentarfilm "Schwarzer Zucker, Rotes Blut" über Anna Strishkowa, die in Kiew lebt, als kleines Kind Auschwitz überlebte, aber kaum etwas über ihre Herkunft oder ihr wahres Alter weiß (FAZ), Min Bahadur Bhams "Shambala" (SZ, FD), Sébastien Vaničeks Tierhorrorfilm "Spiders" (Perlentaucher, SZ), Jacques Audiards Musicaldrama "Emilia Pérez" (NZZ), David Lowerys auf Disney+ gezeigter Animations-Kurzfilm "Weihnachten im Anflug" (FD), Benjamin Rees auf Netflix gezeigte Doku "The Remarkable Life of Ibelin" über einen todkranken Jungen, der Zuflucht in der "World of Warcraft"-Community findet (TA), die zweite Staffel der Netflix-Serie "Arcane" (taz). Außerdem blicken SZ und Filmdienst auf die Filmstarts der Woche.
Design
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Marina Razumovskaya sammelt für die taz Eindrücke von der Fashion Week Riga. Unter anderem hat ihr dabei "X" imponiert, eine Kollektion aus der Serie "Melanholija" des lettischen Labels "Iveta Vecmane". "Man sieht junge Nonnen oder heimliche Ninjas in langen Roben, die Taille betont, ganz ohne Accessoires. Auf den Roben sitzen gehäkelte Einsätze, wie Teile von Fischernetzen, abnehmbar als Kragen, oder wie kleine Servietten auf Jacke und Rock als All-over-Muster genäht. Die Models tragen lange, dünne Zöpfe, wie früher junge Frauen auf dem Land. Auch im Gespräch denkt die Designerin über Haare nach: wie viel Information jede*r in seinen Haaren trägt und wie viel Geschichten es gibt, in denen Frauen ihre Haare abschneiden und dadurch magische Kräfte verlieren. Auch wenn wir uns ändern wollen, schneiden wir die Haare ab. In der Show rieselt von oben plötzlich schwarzes Papierkonfetti, und eine Frau erhebt sich neugeboren aus der Asche - nach Ende des Kriegs."
Bühne

Wirtschaftskrisenromane aus den 1930er Jahren haben auf deutschen Bühnen derzeit Hochkonjunktur, aber gelegentlich ist das ein Glücksfall, freut sich Jakob Hayner in der Welt, nachdem er Elsa-Sophie Jachs Adaption von Marieluise Fleißers einzigem Roman "Eine Zierde für den Verein. Roman vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen" am Münchner Residenztheater gesehen hat. Das liegt weniger an der Inszenierung in "poppiger Puppenhausästhetik", so Hayner. Aber der Roman um den an Krise und Inflation irre gewordenen Tabakhändler Gustl ist eine tolle Wiederentdeckung: "Die Inflationszeit ist bei Fleißer auch ein moralischer Entwertungsschock, der sich kaum bemerkbar im Alltag ausbreitet. Ein Niedergang der menschlichen Beziehungen, wie man ihn auch heute - spätestens seit der Corona-Krise - deutlicher spüren kann. Eine Übergangszeit, die Antonio Gramsci die 'Zeit der Monster' nannte. 'Das sind keine kleinen Angestellten und Verkäufer mehr', heißt es in dem Stück. 'Das sind die entfesselten Barbaren der Kleinstadt, welche die augenblickliche Formel ihres Heils ins Ohr von Unberufenen heulen.' Noch schwelt es, schreibt Fleißer, bald wird es brennen."
Weitere Artikel: Von der Soli-Gala "Das Konzert" am Dienstagabend im Berliner Festspielhaus, die anlässlich der Kürzungen des Kulturetats durch den Berliner Senat stattfand, berichtet Andreas Hartmann in der taz. Im Zuge der Einsparungen fürchtet die Berliner Schaubühne eine Insolvenz, meldet der Tagesspiegel.
Musik
In der Welt feiert Manuel Brug Rafael Payare, seit 2022 der neue Chef-Dirigent des Orchestre Symphonique de Montréal und dort Amtsnachfolger von Kent Nagano. "In Montreal erlebt man ein glückliches, ausgeglichenes, den Aufbruch freudig zelebrierendes Orchester. ... Das Schumann-Klavierkonzert, das auch auf der Tournee Daniil Trifonov in orchestral eng verzahnter Allüre abtastet, klingt frisch und farbensatt. Die 'Symphonique Fantastique' von Berlioz, so etwas wie das Erkennungsstück des Orchesters, wird vom Ballvergnügen über die bukolische Landpartie zum jähen Fiebertraum und schrillen Untergang als nie überdrehte Tour de Force. ... Payare infiltriert das Repertoire mit Latino-Stücken, plant einen zyklischen Mahler plus ein neues 'Lied von der kanadischen Erde' mit Inuit-Poesie sowie eine halbszenischen Mozart/da-Ponte-Operntrilogie."
Außerdem: Reiner Wandler spricht für die taz mit Fermin Muguruza, der früher den Soundtrack zum baskischen Kampf beigesteuert hat, bis er sich für ein Ende der Gewalt aussprach. Jan Freitag freut sich in der SZ, dass mit dem Nica ein neuer Jazz-Liveclub in Hamburg aufgemacht hat. Holger Noltze kommentiert in VAN seine "guilty displeasures" in der Klassik.
Besprochen werden das Album "In Waves" von Jamie XX (FR), ein Konzert des Swiss National Orchestra in Rom (NZZ) und das Solodebüt der Pixies- und Breeders-Musikerin Kim Deal (Standard).
Außerdem: Reiner Wandler spricht für die taz mit Fermin Muguruza, der früher den Soundtrack zum baskischen Kampf beigesteuert hat, bis er sich für ein Ende der Gewalt aussprach. Jan Freitag freut sich in der SZ, dass mit dem Nica ein neuer Jazz-Liveclub in Hamburg aufgemacht hat. Holger Noltze kommentiert in VAN seine "guilty displeasures" in der Klassik.
Besprochen werden das Album "In Waves" von Jamie XX (FR), ein Konzert des Swiss National Orchestra in Rom (NZZ) und das Solodebüt der Pixies- und Breeders-Musikerin Kim Deal (Standard).
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