Im Kino
Aus den Fugen der Glaubwürdigkeit
Die Filmkolumne. Von Patrick Holzapfel
20.11.2024. Denkt Bruno Dumonts neuer Film ernsthaft über die Dichotomie von Gut und Böse und andere philosophische Grundfragen nach? Oder ist die Science-Fiction-Groteske "Das Imperium", in der Aliens von französischen Bauern Besitz ergreifen, nur ein einziger, großer Witz? Gerade, dass man diese Frage letztlich nicht beantworten kann, macht den Film interessant.
Wer sich schon immer fragte, ob das nicht nur politisch fragwürdige Klischee des hinterwäldlerischen Bauernstandes mit seinen stumpf ins Gelände gaffenden Visagen nicht eigentlich die biblische Urfrage nach dem Guten und Bösen im Menschen verhandelt, der ist bei Bruno Dumonts "Das Imperium" genau richtig. Wobei man sagen muss, dass der französische Filmemacher in den letzten Jahrzehnten so ziemlich jede Frage an diese rurale Landschaft Frankreichs und deren Bewohner gerichtet hat - irgendwann musste der gelernte Philosoph einfach am Anfang aller Dinge ankommen. Nach existenzialistischen Dramen, Horrorspiralen, absurden Grotesken, Historienfilmen, Musicals, Krimikomödien und politischen Analysen folgt nun also eine zugleich parodistische und bitterernste Weltraumsaga, ein sich an den eigenen Bildern ergötzender Sci-Fi-Walzer, in dem hinter jedem nordfranzösischen Gesicht ein potenziell extraterrestrisches Wesen lauert. Die Körper sind nur Hüllen, wobei der Filmemacher im Lauf der ziemlich abstrusen Handlung genau das in Frage stellt: Vielleicht sind die Körper alles, was uns eint.
Aber erstmal zum sogenannten Plot, ein Konzept, das Dumont durchaus strapaziert: Ein beschauliches Fischerdorf an der Opalküste ist Schauplatz des ultimativen Kampfes zweier intergalaktischer Mächte, der Einsen und der Nullen, die man vereinfacht als die Hoffenden und die Zynischen, die Guten und die Bösen oder die Gutmenschen und die Rechten bezeichnen kann. Diese Mächte fliegen mit an gotische Kathedralen gemahnenden Raumschiffen durch die Galaxie, landen zwischendurch auf der Erde und interessieren sich dort vor allem für die menschlichen Körper, die sie mit ihrem seelen- und gestaltlosen Sein besetzen.
Einer der Nullen beziehungsweise von den Nullen besetzt ist Jony, ein Fischer aus der Gegend, dessen recht gewöhnlich aussehender Sohn das ultimative Böse verkörpern soll, die Zukunft der Hegemonie des Schlechten. Er trifft unter anderem auf Jane, die als hehres Licht der Werte und der Hoffnung eine der Einsen repräsentiert. Die Einsen wollen den Sohn Jonys entführen, die Nullen wiederum wollen die Herrschaft über die Erde lieber heute als morgen realisieren, was vor allem an ihrem herrlich hippeligen, von Fabrice Luchini verkörperten Anführer Belzébuth liegt, der in seiner irrationalen, kindlichen Art an manchen zeitgenössischen Diktator erinnert, wobei "Das Imperium" trotz diverser Anspielungen auf Tagespolitik und Popkultur nie zur Metapher verkommt. Viel eher visualisiert der Film eine philosophische Parabel.

Ziemlich träge schweben die mal lächerlichen, mal atmosphärischen Bilder bedeutungsschwer übereinander, man vermisst den punkigen Witz früherer Filme Dumonts, was auch daran liegt, dass man im ausgestellten Nichts des ländlichen Daseins viel Kalkül wahrnimmt und die Selbstwichtigkeit des Auteurs einfach nur anstrengt. Das Auftreten von Van der Weyden und Carpentier - zwei Kultpolizisten aus Dumonts Ausflug ins Serienfach - und die Tatsache, dass der ganze Film auch ein Prequel von Dumonts Erstling "Das Leben Jesu" sein könnte, dient letztlich nur der Eitelkeit des dumontschen Meta-Verses. Das Experimentelle an diesem Film, seine ungewöhnliche Mischung aus einer realistischen Annäherung ans ländliche Frankreich und einer Space-Saga, trifft auf eine formale Sicherheit, die erstickend wirkt. Denn Dumont hat sich zu oft auf diesem Terrain bewegt, seinen Bildern fehlt es an Neugier. Das macht die von Spezialeffekten und tonalen Dissonanzen oder basslastigem Jazz begleiteten Sequenzen wahrlich zu keinem durchgehenden Sehgenuss; aber womöglich versteckt sich doch mehr hinter der recht einfallslosen Umsetzung einer aufregenden Grundidee, als sich auf den ersten Blick zeigt.
Theologische oder philosophische Diskurse sind dem Sci-Fi-Genre nicht fremd, Dumont aber reizt das vom Weltraum inspirierte Gedankenspektrum voll aus. Zwischen tristen Dünen und pastoralem Atlantiklicht zeigt er, wie sich die Dichotomie von Gut und Böse im menschlichen Körper auflöst beziehungsweise vereint. Das ist es auch, was die Aliens so schätzen an den Menschen. Im Sexualtrieb verflüchtigen sich die Ideale. Mit dieser Feststellung streift Dumont das Misogyne und Sexistische. Er behauptet, dass die Menschen nicht aus ihren Körpern können, statt im Menschen das Potenzial zu Veränderung zu betonen. Das Irdische bekommt den Vorrang vor dem Geistigen. In einer Szene verführt Jony Jane, indem er ihre Hand zwischen seine Beine führt. Sie kann sich nicht helfen, wird von all der fleischigen Männlichkeit überwältigt. Sieht man diese Szene, wundert man sich nicht, dass Adèle Haenel, deren Schauspielcomeback mit diesem Film geplant war, die Rolle der Jane unter anderem aufgrund des ihrer Ansicht nach im Drehbuch angelegten Sexismus abgelehnt hat.
Dumont ist sich solcher Provokationen sicherlich bewusst, es geht ihm letztlich um das Zusammenfallen und Auseinanderfallen von sich widersprechenden Ideologien in Körpern. Mit Simone Weil könnte man sagen, dass er das Dasein als Treffpunkt der Gegensätze versteht. Man kann darin auch einen Vorschlag an die sich in Extreme radikalisierende europäische Gesellschaft sehen: Macht Liebe nicht Krieg! Oder aber: Wir sind doch alle Menschen! Beides nicht besonders originell. So apodiktisch und pädagogisch ist Dumont freilich nicht, sein Film ist mehr an den Ambiguitäten körperlicher Regungen interessiert, den Zuckungen, dem Zögern, den Drohgebärden, dem Lächeln, all jenen Aspekten des Lebens, die sich der einen oder der anderen Seite zuwenden könnten, die noch unkontrolliert sind und damit schwer mit Bedeutung aufgeladen werden können. In den Gesichtsmuskeln der Figuren fehlt nur wenig zum kompletten Irrsinn, fast werden die Protagonisten flüssig, ihre innere Zerrissenheit wird greifbar: Wie richtig handeln? Wer sein? Wie entkommen aus der eigenen Haut? Konsequent filmt Dumont die Sexszenen großteils in Totalen, die Körper im gleichförmigen Gelände verschwinden lassen. So wird alles als terrestrisches Zusammenwirken sichtbar, die Körper, der Sand, die Hitze, das Meer, der Himmel, mit dem der Film beginnt und in dem dann eben auch Raumschiffe fliegen können.
Warum sich Dumont das Irdische vor allem in Bauernfiguren vorstellen kann, bleibt sein Geheimnis. Wie immer in seinen Arbeiten sind die sogenannten einfachen Leute derart simpel gestrickt, an der Grenze der geistigen Unzurechnungsfähigkeit in etwas schiefen Posen gefilmt, dass man sich fragt, ob der Filmemacher, der seit Jahren in diesem Milieu und auch diesmal teilweise mit Laien dreht, jemals ein Wort mit ihnen gewechselt hat. Die jungen Frauen filmen sich die ganze Zeit selbst mit ihren Handys, die Männer finden das mit den Laserschwertern ziemlich geil, alle stellen sich ostentativ blöd an, was ihnen selbst egal ist. Es geht nicht darum, dass Dumont den Stumpfsinn nicht auch in den post-aristokratischen, bürgerlichen Wesen, die seine Welten bevölkern, entdeckt, es geht darum, dass all diese hingerotzte Wortknappheit, die erdigen Burschen auf dem Land mit ihren Traktoren und Mopeds, letztlich Klischees bedienen, die der angeblichen Komplexität von Körpern und Ideen widersprechen. Anders formuliert, Dumont entspricht einem Bild, dem er vorderhand widersprechen will. Seine Bilder bestätigen eine Idee von Körpern, um zu zeigen, dass Körper sich Ideen entziehen.
Das alles aber nur unter der Annahme, dass der Filmemacher es ernst meint. Wer mit Sicherheit sagen kann, ob dem so ist oder ob nicht alles ein riesiger, ironischer Witz ist, schwinge das erste Laserschwert im Vorgarten. Vielleicht macht gerade diese Unsicherheit über die Bedeutung und die moralische Aufladung der Bilder Dumont zu einem Filmemacher, der viel über die Gegenwart erzählt. "Das Imperium" kommentiert eine visuelle Wirklichkeit, die längst aus den Fugen der Glaubwürdigkeit gefallen ist. Tatsächlich weiß man in diesem Film nicht, wie man sich zu den Bildern verhalten soll oder wie sich der Filmemacher zu ihnen verhält. Daraus entsteht eine Art Kippbild im Kopf der Zuschauer: Entweder Dumont verortet hier intergalaktische Narrationen im Realismus und zeigt so, dass sich der Kampf von Gut gegen Böse im scheinbar Banalen abspielt, die Metaphysik also ganz wirklich wäre. Oder aber er zeigt, dass die Ideologien, die großen Fragen unserer Zeit nur Eskapismen sind, um die machtlosen Menschen von der Leere ihres Daseins zu erretten.
Patrick Holzapfel
Das Imperium - Frankreich 2024 - OT: L'Empire - Regie: Bruno Dumont - Darsteller: Lyna Khoudri, Anamaria Vartolomei, Camille Cottin, Fabrice Luchini, Brandon Vlieghe - Laufzeit: 110 Minuten.
Kommentieren