Im Kino
Spinneneier unter der Haut
Die Filmkolumne. Von Benjamin Moldenhauer
20.11.2024. Spinnen in der Banlieu: Auf diese simple und effektive Formel lässt sich Sébastien Vaničeks Tierhorrorfilm "Spiders" bringen. Wobei sich die Bewohner eines von einer Spinnenplage heimgesuchten Hochhauses zum Teil mit - manchmal tatsächlich organischen, nicht computeranimierten - Insekten herumzuschlagen haben, sondern auch noch mit der Polizei.
Spinnen, die sich in rasender Geschwindigkeit vermehren, infizieren ein Hochhaus in einer französischen Banlieue. Die Einwohner sterben, eine Gruppe junger Menschen versucht zu entkommen. Mehr Plot ist nicht und braucht es auch nicht für einen effektiven Spinnenhorrorfilm. Mehr noch als der Animal Horror im Allgemeinen kann sich das Subgenre auf die Viecher selbst verlassen. Mit einem Krokodil oder einem Wolf muss man filmisch irgendwas machen, bei einem Close-up auf eine zu allem Unglück vielleicht noch etwas überdimensionierte Spinne genügt zumindest dem spinnenphobischen Rezensenten das Bild selbst schon voll und ganz.
Effektiv inszeniert werden sollte das ganze natürlich trotzdem. Die Actionsequenzen funktionieren in Sébastien Vaničeks "Spiders" schon einmal wunderbar, von der Flucht durch komplett durchinfizierte Räume bis hin zum finalen Kampf eines mit Maschinengewehren bewaffneten Sondereinsatzkommandos gegen das immer undurchdringlichere Spinnengewusel.
Auch sehr schön: Die Titelheld:innen sind zumindest in Teilen nicht das Ergebnis von Malereien am Bildschirm, sondern echt, also nicht CGI. 200 Laotische Riesenkrabbenspinnen, die zu den Spinnen mit den größten Beinspannweiten gehören, waren am Set. Man kann an "Spiders" sehr schön den Unterschied zwischen dem Bild von etwas Organischem und einem programmierten Bild studieren: Auch wenn zum Beispiel ein mit hunderten Riesenspinnen tapezierter Flur spektakulärer wirkt als die Natur allein, wird einem bei einem nennen wir es mal organischen Bild in "Spiders" noch einmal anders schlecht. Vaničeks Film bespielt die verschiedenen Ekelregister sehr souverän: Spinneneier unter der Haut, Spinnen in Mündern, Springspinnen.

In dieser Hinsicht schließt "Spiders" an den unvergessenen "Arachnophobia" an. Im Gegensatz zu dem großen Klassiker des Subgenres aus dem Jahr 1990 ist der Neue nicht sonderlich heiter, sondern grimmig und fatalistisch gestimmt. Das Geschehen wird gerahmt von einem tatsächlich plausiblen Subtext. Plausibel wird er durch die quasi selbsterklärende Wut, mit der postuliert wird, dass ein Hochhaus in einer namen- und ortlos bleibenden und damit als exemplarisch aufgefassten Banlieue im Falle eines Seuchenbefalls ohne Weiteres durch die Polizei und Gesundheitsbehörden von außen abgeriegelt wird.
Mehr und mehr verschiebt sich der Fokus im Plotverlauf auf die Staatsgewalt als eigentliche Bedrohung. Die unmittelbar körperlichen Konfrontationen zwischen ihr und den Abgehängten, die nicht mehr als das eigene Überleben einfordern, sind mit einer spürbaren aggressiven Energie inszeniert. Der Film wirkt, als sei er ganz verliebt in die Bilder von Cops, die mit gerechtem Zorn die Fresse poliert bekommen.
Keine der Figuren ist überrascht, dass sie im Falle einer Krise zum Sterben freigegeben wird, und dementsprechend sind auch Zuschauerin und Zuschauer nicht sonderlich schockiert. Wenn man an den Rändern leben muss, geografisch und sozial, ist das Wissen um die sehr begrenzten Hoffnungen, die man sich in Bezug auf die Staatsgewalt machen darf, von Kindesbeinen an vermitteltes soziales Wissen. Dieses Wissen um soziale Wirklichkeiten jenseits von Kleinbürgertum und Mittelstand und um die Normalität der strukturellen Gewalt, die in Extremsituationen zu einer unmittelbaren wird, hat "Spiders" den Phantasmen der meisten seiner US-Genrekollegen voraus.
Benjamin Moldenhauer
Spiders - Frankreich 2023 - OT: Vermines - Regie: Sébastien Vaniček - Darsteller: Théo Christine, Sofia Lesaffre, Jérôme Niel, Lisa Nyarko, Finnegan Oldfield u.a., Laufzeit: 106 Minuten.
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