Efeu - Die Kulturrundschau

Kein Argument für mangelnde Transparenz

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15.11.2024. Die FAZ besucht in Wien ein Symposium für inhaftierte russische Künstler. Die Filmkritiker streiten über die Frage, ob man dem Dokumentarfilm "No Other Land" über das Westjordanland nun Antisemitismus vorwerfen kann oder nicht. Auch über die Berufung von Cagla Ilk als neuer Intendantin des Maxim Gorki-Theaters herrscht Uneinigkeit: Die Berliner Zeitung freut sich auf ihren Theater und Kunst mischenden Ansatz, der Tagesspiegel ist skeptisch, weil Joe Chialo im Alleingang entschieden hat.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2024 finden Sie hier

Film

"No Other Land" - ein Streitfall der Filmkritik

Die Filmkritiker diskutieren über Basel Adras, Hamdan Ballals, Yuval Abrahams und Rachel Szors kollektiv inszenierten Dokumentar-Essayfilm "No Other Land" über die Auseinandersetzungen im Westjordanland. Wir erinnern uns: Die Ansprachen der Filmemacher auf der Berlinale, wo der Film mehrfach ausgezeichnet wurde, führten im Februar zu einer Antisemitismus-Kontroverse (unsere Resümees hier und hier).

In der Welt ist Hanns-Georg Rodek sehr beeindruckt von diesem "Aktivistenfilm". Dass die Filmemacher mit ihrer "Genozid"-Ansprache, die den Diskurs über den Film seitdem spürbar überlagert, einen Bärendienst erwiesen haben, findet er schade, könne man doch anhand des Films eigentlich "gut die Unterschiede zwischen 'antisemitisch', 'antizionistisch' und 'anti-Regierung Netanyahu' aufzeigen. Es gibt darin nichts von dem plump-rassistischen antisemitischen Hass, wie er auf deutschen Straßen inzwischen allzu alltäglich geworden ist. Es gibt keine antizionistischen Rufe." Über diesen Film "kann man politisch streiten, ohne den Begriff 'Antisemitismus' zu benutzen." Für Bert Rebhandl (online nachgereicht von der FAZ) ist dies "ein engagierter Dokumentarfilm", der "nicht propagandistisch ist. Glaubwürdig wird das dokumentarische Vorhaben nicht zuletzt durch die Freundschaft von Basel und Yuval. Sie deutet eine Möglichkeit an, wie Menschen in Israel/Palästina auch zusammenleben könnten."

Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland sah derweil einen "bewusst unscharfen, ungenauen, diffuse antiisraelischen und antijüdische Ressentiments aufkochenden, spekulativen Film", der sich für historische Kontexte nicht die Bohne interessiert. Die Filmemacher "wissen schon alles und sie kennen die Schuldigen. Die Bösen sind die Israelis, die immer nur Böses tun, drangsalieren, massakrieren, Häuser räumen, vertreiben. Die Guten sind die Araber, denn sie führen immer nur das Beste im Schilde und sie leiden unter den Bösen." Der Film "bedient Vorurteile, verfälscht Fakten und ist kriegstreiberisch. Er will nicht ausgewogen oder gerecht sein, sondern einseitig und ungerecht. Ein Machwerk."

Weitere Artikel: Marc Hairapetian spricht für die FR mit Iris Berben und Robert Hofferer über deren Holocaust-Dokumentarfilm "Kreis der Wahrheit". Für Artechock führt Elke Eckert hier durch das Programm der Griechischen Filmwoche in München und Dunja Bialas dort durch das des Filmschoolfest Munich. Valerie Dirk sorgt sich im Standard um den Herbstfilm, dem vom Weihnachtsfilm allmählich das Wasser abgegraben wird. Außerdem melden die Agenturen, dass ein Kino in Mailand Ruggero Gabbais Dokumentarfilm über die Holocaustüberlebende Liliana Segre aus Furcht vor propalästinensischen Protesten nicht zeigen will.

Besprochen werden Severin Fialas und Veronika Franz' österreichischer Horrorfilm "Des Teufels Bad" (Tsp, unsere Kritik), Ali Ahmadzadehs iranischer Thriller "Critical Zone" (Artechock, mehr dazu hier), Karim Aïnouz' Erotikthriller "Motel Destino" (Artechock, mehr dazu hier), Ridley Scotts Monumentalschinken "Gladiator 2" (Artechock, FD, unsere Kritik), die auf Sky gezeigte Serie "The Day of the Jackal" nach dem Roman "Der Schakal" von Frederick Forsyth (FAZ, Zeit Online) und die zweite Staffel der Apple-Serie "Silo" (taz).
Archiv: Film

Kunst

Der Kunsthistoriker Simon Mraz hat im Wiener Belvedere ein Symposium mit Angehörigen inhaftierter russischer Künstler organisiert, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Kerstin Holm, die den langen Atem von Mraz bewundert, war für die FAZ dabei: "Die exilrussische Aktivistin Maria Bowenko berichtet von der 58 Jahre alten Künstlerin Ljudmila Rasumowa aus einem Dorf im Gebiet Twer, die wegen 'Fakes über die russische Armee' im Herbst 2022 zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde, weil sie an Geschäfte und Bushaltestellen Graffiti gegen den Krieg gemalt hatte, etwa einen Hitlerkopf mit Putin-Zügen oder die Aufschrift 'Ukraine, vergib uns!'. (...) Auf Fragen aus dem dicht besetzten Zuschauersaal, was man tun könne, erklären die Russen, Geldspenden - etwa an die Menschenrechtsorganisation Memorial, die politische Gefangene mit Essens- oder Medikamentensendungen unterstützt - seien hochwillkommen, aber auch Briefe an die Häftlinge, die man etwa über die Website letters-now.org abschicken kann. Man könne dort auch auf Deutsch oder Englisch schreiben, die Freiwilligen des Portals würden den Brief ins Russische übersetzen und gegebenenfalls auch die Antwort aus dem Russischen, erklärte die Aktivistin Lidia Oserskaja. "

Weitere Artikel: Die Künstlerin Cäcilia Brown erhält den Otto-Mauer-Preis für ihre Skulpturen, meldet der Standard. Im Amsterdamer Van Gogh Museum kann man nun die Geschichte von Camille Pissaros Bild "Im Gras liegendes Mädchen" nachvollziehen - die jüdische Familie van den Bergh musste das Gemälde 1943 gezwungenermaßen verkaufen, meldet Monopol mit der dpa.

Besprochen wird: Die Hans-Haacke-Retrospektive in der Frankfurter Schirn (Welt).
Archiv: Kunst

Bühne

Çağla Ilk übernimmt ab 2026 die Intendanz des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin und löst damit die bisherige Intendantin Shermin Langhoff ab, meldet der Standard - das hatte die FR bereits skeptisch vermutet (unser Resümee). Ulrich Seidler analysiert für die Berliner Zeitung, was das Publikum von Ilk zu erwarten hat, die zuvor bereits als Dramaturgin am Haus war und noch bis Mitte 2025 die Kunsthalle Baden-Baden leitet: "Ilks Ansatz hat nun aber weniger einen sozialen und politischen, sondern mehr einen ästhetischen Ausgangspunkt und lässt sich aus ihrer genreübergreifenden Tätigkeit ableiten, bei der sie munter die Zäunchen zwischen darstellender, performativer, installativer und bildender Kunst überschreitet oder flachlegt." In Baden-Baden löste sie "erst einmal einen kleinen Eklat mit der Idee der israelischen Künstlerin Yael Bartana aus: Sie wollte von einem Hubschrauber mit einem Schofarhorn - einem traditionellen jüdischen Blasinstrument - um 6 Uhr morgens die Einwohner der Kurstadt aus den Betten pusten. Çağla Ilks Konzept, kurz zusammengefasst: Im Theater Ausstellungen machen und im Museum Theater - und dann mischen."

Im Tagesspiegel hatte Patrick Wildermann Ilk bislang nicht auf dem Schirm und runzelt erst einmal noch die Stirn ob des Chialo-Alleingangs: "Den Dialog mit dem Gorki über mögliche Kandidatinnen oder Kandidaten hat er offensichtlich nicht gesucht, als es um die Nachfolge ging. Es gab auch keine Findungskommission, keine Ausschreibung, das bestätigt der Senator. Über die 'Setzung' habe er allein entschieden. Klar, Chialo hat qua Amt das Recht auf solche Alleingänge. Aber das ist kein Argument für mangelnde Transparenz."

Weitere Artikel: Die Welt sucht und findet Theaterstücke über die DDR, aber ohne Ostalgie: "Gittersee" von Charlotte Gneuß und Leonie Rebentisch am Berliner Ensemble und "Dumme Jahre" von Thomas Freyer und Tilmann Köhler am Deutschen Nationaltheater Weimar. Mit Ethel Smyth wird in der NZZ eine Opernkomponistin vorgestellt, die sich auch als Suffragette einen Namen gemacht hat und nun wiederentdeckt wird. Der Tagesspiegel berichtet von der Eröffnung des inklusiven "No Limits"-Theater- und Tanzfestivals am HAU.

Besprochen werden Hasko Webers Inszenierung der Humperdinck-Oper "Hänsel und Gretel" am Deutschen Nationaltheater Weimar (FAZ), Kleists "Der zerbrochne Krug" in der Katakombe im Kulturhaus Frankfurt inszeniert von Carola Moritz (FR), "WTF?!", Inszenierung und Konzeption von Malte Lachmann, am Theater Lübeck (Taz) und "Funklerwald", geschrieben von Jorinde Dröse und Regula Schröter und inszeniert von ersterer am Theater Bremen (Taz).
Archiv: Bühne

Literatur

Stefan Fischer ist in der SZ begeistert von den "opulenten" Hörspiel-Adaptionen von John Steinbecks "Die Früchte des Zorns" (NDR, Regie: Christiane Ohaus) und Bernardine Evaristos "Mädchen, Frau, etc." (HR, Regie: Laura Laabs). Beiden Mehrteilern "gelingt es, die Multiperspektivität der Geschichten noch zu verstärken durch die Übertragung ins Akustische. Beide Regisseurinnen erschaffen eine Vielzahl von Klang- und Resonanzräumen, die sie in der Montage, sei es durch harte Schnitte oder durch Überblendungen, geschickt neben-, teilweise auch ineinander stellen." Auch Musik und Sound sind "keine Untermalung, keine Verstärkung des Erzählten, sondern eine Kommentierung, eine Ergänzung, manchmal auch eine Aufforderung, das Gesagte infrage zu stellen." Die Hörspiele sind hier, bzw. dort in der ARD Audiothek zu finden.

Weitere Artikel: Josef Wirnshofer und Friedrich Bungert erzählen auf Seite Drei der SZ die Geschichte des 83-jährigen Antiquars Klaus Willbrand, der sein Geschäft vor einem Jahr um ein Haar hätte schließen müssen - wenn er mit seinen Erklärvideos nicht zum Social-Media-Star geworden wäre, weshalb er nun mit den Bestellungen kaum nachkommt. Petra Ahne berichtet in der FAZ von einer Veranstaltung im Berliner Brecht-Haus, bei der die Schriftstellerin Judith Schalansky als Expertin über Ephemeres über die Materialität und Kulturgeschichte von Nebel referierte. Bei einem im antiken Teos gefundenen Fragment könnte es sich um ein Gedicht von Anakreon handeln, schreibt Thomas Ribi in der NZZ. Nora Zukker und Martin Ebel stellen im Tagesanzeiger die Shortlist für den Schweizer Buchpreis vor.

Besprochen werden unter anderem Sebastian Domschs "Brooklyn: Ort der Literatur" (online nachgereicht von der FAS), Marc-Uwes Klings "Der Spurenfinder" (54books) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Torben Kuhlmanns "Earhart. Der abenteuerliche Flug einer Wühlmaus um die Welt" (SZ).
Archiv: Literatur

Architektur

Die Welt schaut sich die Rekonstruktionen der Notre Dame und der Alten Börse in Kopenhagen einmal näher an und ist froh, dass man sich in beiden Fällen für einen traditionellen Wiederaufbau entschieden hat.

Besprochen wird: Die Ausstellung: "Visual Investigations. Zwischen Aktivismus, Medien und Gesetz" im Architekturmuseum der TU München (Taz).
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Musik

Lars Fleischmann plaudert für die taz mit Chily Gonzales, der auf seinem neuen Album auch Richard Wagner disst, obwohl er mit Wagner - dank seines Vaters, eines ungarischen Juden und überzeugten Wagnerianers - quasi aufgewachsen ist. "Seit ich 2012 nach Köln gezogen bin, wohne ich in unmittelbarer Nähe zur Richard-Wagner-Straße. Und an diesem Straßennamen finde ich einfach nicht richtig, dass man dadurch auch einen Antisemiten würdigt. ... Warum würdigt man nicht eine ganz große Künstlerin, die (...) hier gelebt hat und ohnehin eine Ikone ist. So entstand die Idee zur Umbenennung in 'Tina-Turner-Straße'." Hier Gonzales' Auftritt beim ZDF Magazin Royale:



Weitere Artikel: VAN sammelt teils panische Reaktionen aus dem US-Musikbetrieb auf Trumps Wahlerfolg. Für VAN vergleicht Arno Lücker Interpretationen von Alexander Glasunows Violinkonzert. Besprochen werden Francesco Piemontesis Dokumentarfilm "Die Alchemie des Klaviers" über Ausnahmetalente in der Musik (taz), ein Konzert des Organisten Olivier Latry in Frankfurt (FR) und Frank Schäfers Buch über AC/DC (FAZ).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jörg Seewald über "I Love You" von Fontaines DC.

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