Efeu - Die Kulturrundschau
Schattenspiel des Geistes
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11.11.2024. Die taz öffnet mit den Textilarbeiten der aus Rumänien stammenden Künstlerin Marion Baruch, die sie in Aachen und Krefeld bewundert, eine Tür ins Nichts. Die SZ erfährt von Nicholas Potter und Stefan Lauer, die zum Thema Antisemitismus forschen: In der linken Clubkultur ist Antisemitismus angesagt. Die Kritiker trauern um den Schriftsteller Jürgen Becker. Die SZ begibt sich mit Stefan Bachmanns Wiener Inszenierung von Stefano Massinis "Manhattan Project" auf einen rasanten Ritt durch die Geschichte der Atombombe.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
11.11.2024
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Kunst

Neugierig nähert sich taz-Kritiker Ulf Erdmann Ziegler den filigranen Textilarbeiten der aus Rumänien stammenden Künstlerin Marion Baruch, die in gleich zwei Ausstellungen zu sehen sind. Der Neue Aachener Kunstverein und das Haus Lange Krefeld zeigen Kreationen Baruchs, in denen "Kunst und Design ineinanderfließen": "Es heißt, sie ließe sich 'Schnittabfälle der Mailänder Modeproduktion' anliefern. Diese fragilen Gebilde werden - mit Hilfe eines Assistenten - zu raumgreifenden Kunstwerken elaboriert. Dabei reicht ein halbes Dutzend Nadeln, um aus einem Tuch, dem etwas mehr als nur die Mitte fehlt, eine Tür ins Nichts aufzumachen: 'Il passaggio'." Erst spät wurden Baruchs Arbeiten entdeckt - da fragt sich der Kritiker: "Ist ihre kalte Kunst eher Affirmation oder Rache oder von beidem etwas? Vielleicht ist ihre Werkphase mit Stoffresten darauf nicht die Antwort, aber dennoch die Lösung - die Loslösung von der Form in die Unform zurück in die Form. Klar auch, dass dies ihre Zeit ist, oder ihre Zeit soeben erst begonnen hat: eine leichte, recycelte, nomadische Kunst, deren stoffliches Zentrum leer bleibt, während die Zufallsreste ausgreifen in die Welt, als Schemen des Fleißes, als Schattenspiel des Geistes, als Skizzen des Nichts."
Literatur

Becker war einer der "herausragenden Autoren der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit", hält Martin Oehlen in der FR fest. "Legendär sind die frühen Prosaexperimente 'Felder' (1964) und 'Ränder' (1968), mit denen sich Jürgen Becker gegen den etablierten Roman und seinen auktorialen Erzähler wandte. Zeitlebens verwies er darauf, sich keinen Plot ausdenken können. Seine Sache war das Erleben, das Erfahren und das Erinnern. Zunehmend wurde sein Werk geprägt von der Form des Journals. ... Dabei handelt es sich oft um Beobachtungen des Tages, die verwoben werden mit Erinnerungen an zum Teil weit zurückliegende Begebenheiten. Variationen gehören zu seiner Poetik. Denn auch die Erinnerung wandelt sich."
"Spätestens seit dem Fall der Mauer", schreibt Inse Wilke in der SZ, "arbeitete Jürgen Becker zunehmend beharrlich an einer Poetik, die Kriegskindheit und Gegenwart ineinander blendet. Eine Poetik der Gleichzeitigkeit, die im einzelnen Leben das kollektive wahrnimmt und innere und äußere Räume verbindet. ... Nicht umsonst nannte Jürgen Becker seine Dankesrede zum Georg-Büchner-Preis 2014 'Vom Mitschreiben der Wirklichkeit' und bezeichnete sein Werk als eine 'Chronik der Augenblicke'." In der Welt schreibt Thomas Schmid.

Weitere Artikel: Ekkehard Knörer berichtet in der taz vom Open Mike in Berlin. Der Schriftsteller Michail Schischkin erinnert in einer von der Welt dokumentierten, in Marbach gehaltenen Rede an den russischen Literaturprofessor Franz Schiller, dem seine Liebe zu seinem deutschen Namensvetter unter Sowjetbedingungen zum tödlichen Verhängnis wurde. Beatrice Segal erzählt im Standard von ihren Besuchen in Wien, wo sie sich auf die Spuren ihrer Mutter, der im Februar in New York verstorbenen Exil-Schriftstellerin Lore Segal, begab. Manfred Rebhandl spricht für den Standard mit dem österreichischen Schriftsteller Reinhold Bilgeri. Johanna Awad-Geissler erinnert im Standard an die vor 110 Jahren in Wien geborene Schriftstellerin Annemarie Selinko.
Besprochen werden unter anderem Tobi Dahmens Comic "Columbusstraße" (taz), Elizabeth Gravers "Kantinka" (Standard), Ulrike Edschmids "Die letzte Patientin" (Standard), Oskar Kroons Kinderbuch "Gurke und die Unendlichkeit" (online nachgereicht von der FAZ) und Jonathan Guggenbergers "Opferkunst" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Frieder von Ammon über Andreas Tschernings "Ein Baum redet den Menschen an":
"Was mir hat der Herbst genommen,
Kann ich wieder neu bekommen,
Wann des Frühlings Vater bläst ..."
Musik
Peter Laudenbach spricht für die SZ mit Nicholas Potter und Stefan Lauer, die zu Antisemitismus in der Clubkultur forschen. "Gerade durch ihren Antisemitismus stilisieren sich Teile der Clubkultur als Linke", hält Lauer fest - und attestiert der Szene eine "moralische Selbstüberhöhung" und erheblichen Gratismut. Für Potter ist klar, dass "das Leid der Palästinenser schlicht instrumentalisiert wird" und der BDS wie eine "Einstiegsdroge in ein radikales Weltbild" ist. Aber "es bleibt nicht bei Boykottaktionen. Ein sehr autoritäres Weltbild, die Verharmlosung und Verherrlichung von islamistischen Terrororganisationen, Pressefeindlichkeit gehören in relativ großen Teilen der Szene immer stärker zum Konsens. Antisemitische Verschwörungserzählungen sind auch als Versprechen attraktiv, hinter die Kulissen zu schauen. Subkulturen, die cool und dissident sein wollen, sind dafür anfällig: Wenn ich das jetzt erkenne, bin ich nicht mehr einer aus der breiten Masse der Angepassten. Antisemitismus wird zum kulturellen Code."
Harry Nutt beobachtet in der FR, wie akribisch Bob-Dylan-Konzerte gedeutet werden: Selbst "kleinste Regungen werden registriert" und "im Gestus religiöser Inbrunst bekennender Atheisten beobachtet. Im Verlauf der Jahrzehnte ist aus der Anerkennung einer Art höheren Meisterschaft - nicht selten auch deren Ablehnung - ein Gemeinschaftserlebnis geworden. Wer hingeht, vergewissert sich seiner eigenen Lebensgeschichte. Ein Generationenprojekt, in dem man zur Kenntnis zu nehmen bereit ist, dass sich zu den Gebärden Gebrechen gesellt haben. Lässt sich an Bob Dylan lernen, wie man es trotzdem macht? Also immer noch 'Forever Young'? Oder gerade nicht mehr?"
Außerdem: Michel Gaissmayer erzählt in der Berliner Zeitung davon, wie es ihm gelang, Udo Lindenberg für ein Konzert in den Palast der Republik der DDR zu bringen. Jan Wiele spricht für die FAZ mit dem Trompeter Bill Petry. Bettina Balàka umkreist in einem Standard-Essay das Verhältnis zwischen der Schriftstellerin Eugenie Schwarzwald und des Komponisten Arnold Schönberg.
Besprochen werden das neue Album von The Cure (FAZ), ein von Paavo Järvi dirgiertes Mahler-Konzert des Tonhalle-Orchesters Zürich (NZZ), eine CD der Pianistin Anna Gourari mit Musik von Alfred Schnittke (FAZ) und eine postume CD des Pianisten Lars Vogt mit Brahms-Aufnahmen, die Welt-Kritiker Elmar Krekeler sich ins Gepäck für die einsame Insel legt. Wir hören rein:
Harry Nutt beobachtet in der FR, wie akribisch Bob-Dylan-Konzerte gedeutet werden: Selbst "kleinste Regungen werden registriert" und "im Gestus religiöser Inbrunst bekennender Atheisten beobachtet. Im Verlauf der Jahrzehnte ist aus der Anerkennung einer Art höheren Meisterschaft - nicht selten auch deren Ablehnung - ein Gemeinschaftserlebnis geworden. Wer hingeht, vergewissert sich seiner eigenen Lebensgeschichte. Ein Generationenprojekt, in dem man zur Kenntnis zu nehmen bereit ist, dass sich zu den Gebärden Gebrechen gesellt haben. Lässt sich an Bob Dylan lernen, wie man es trotzdem macht? Also immer noch 'Forever Young'? Oder gerade nicht mehr?"
Außerdem: Michel Gaissmayer erzählt in der Berliner Zeitung davon, wie es ihm gelang, Udo Lindenberg für ein Konzert in den Palast der Republik der DDR zu bringen. Jan Wiele spricht für die FAZ mit dem Trompeter Bill Petry. Bettina Balàka umkreist in einem Standard-Essay das Verhältnis zwischen der Schriftstellerin Eugenie Schwarzwald und des Komponisten Arnold Schönberg.
Besprochen werden das neue Album von The Cure (FAZ), ein von Paavo Järvi dirgiertes Mahler-Konzert des Tonhalle-Orchesters Zürich (NZZ), eine CD der Pianistin Anna Gourari mit Musik von Alfred Schnittke (FAZ) und eine postume CD des Pianisten Lars Vogt mit Brahms-Aufnahmen, die Welt-Kritiker Elmar Krekeler sich ins Gepäck für die einsame Insel legt. Wir hören rein:
Film
In der FAZ widerruft Andreas Kilb sein Urteil über Louis Malles Holocaustfilm "Auf Wiedersehen, Kinder", den er bei seiner Premiere auf dem Filmfestival Venedig 1987 als naive Annäherung ans Thema in Grund und Boden gestampft hatte. Beim Wiedersehen (der Film steht gerade bei Arte online) zeigt sich: "Von Naivität kann bei Louis Malle keine Rede sein - die konventionelle Erzählweise, die seinerzeit altmodisch und verharmlosend wirkte, ist nur die Maske einer unfassbaren emotionalen Klugheit." Wie die Erzählung schwingt, "ist nicht nur in einem formalen und technischen, sondern auch in einem historischen und menschlichen Sinn meisterlich."
Weiteres: Fabian Tietke wirft in der taz Schlaglichter aufs Programm des Afrikamera-Festivals in Berlin. Wilfried Hippen sichtet für die taz Filme aus dem samischen Kino, die das Filmfest Braunschweig zeigt. Daniel Haas gratuliert in der NZZ Leonardo DiCaprio zum 50. Geburtstag. Besprochen wird Steve McQueens auf AppleTV gezeigter Kriegsfilm "Blitz" mit Saoirse Ronan (FAZ, Welt).
Weiteres: Fabian Tietke wirft in der taz Schlaglichter aufs Programm des Afrikamera-Festivals in Berlin. Wilfried Hippen sichtet für die taz Filme aus dem samischen Kino, die das Filmfest Braunschweig zeigt. Daniel Haas gratuliert in der NZZ Leonardo DiCaprio zum 50. Geburtstag. Besprochen wird Steve McQueens auf AppleTV gezeigter Kriegsfilm "Blitz" mit Saoirse Ronan (FAZ, Welt).
Bühne

Auf eine "rasante Tour durch die Physik, durch die Politik, das Welt- und Zeitgeschehen" wird SZ-Kritiker Egbert Tholl von Stefano Massini mitgenommen, dessen Stück "Manhattan Project" von Stefan Bachmann am Wiener Burgtheater inszeniert wurde. Es geht aber auch um ethische Fragen, denn Massini widmet sich der Entwicklung der Atombombe durch das Forscherteam um Robert Oppenheimer. Schon die Bühne Olaf Altmanns ist eine "kleine Sensation", jubelt Tholl, "ein kreisrunder Käfig, ein Hamsterrad, das sich auch dreht. Darin die Forscher, die Physiker, die Bomberbauer, gefangen im Habitat ihres Denkens. Wenig wird davor gespielt, der Rest der Bühne ist schwarze Wand. Im ersten Teil, der bald einen fabelhaften Sog entwickelt und in dem Massini ungehemmt fabulieren kann und darf, turnen die Forscher in eleganten Dreiteilern der späten Dreißigerjahre in der Trommel herum. Sie erzählen, sie spielen selten, aber schon das Reden ihrer Figuren über sich selbst im epischen Duktus hat eine faszinierende Plastizität, ist ungeheuer gut gearbeitet."
Martin Lhotzky fand den Abend imposant, aber auch etwas "sperrig" wie er in der FAZ festhält. Die Schauspieler sind aber über jeden Zweifel erhaben: "Max Simonischek gibt Oppenheimer mit Inbrunst und darf jetzt als 'Prophet' meistens vor dem Riesenrad stehen, sich an die Drähte klammern und eine Art Countdown anregen. 'Wie viele Tage bleiben uns noch?'"
Weitere Artikel: In der FAZ lobt Wiebke Hüster die Arbeit der Choreografin Sabrina Sadowska, die seit 2017 Ballettdirektorin in Chemnitz ist.
Besprochen werden Pia Richters Inszenierung von Heinrich von Kleists Stück "Der zerbrochene Krug" am Staatstheater Saarland (nachtkritik), Selen Karas Adaption von Kurt Helds Roman "Die rote Zora" am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik), Mona Sabaschus' Inszenierung von Sabine Michels Stück "Die Vogtland-Revue" am Theater Plauen-Zwickau (nachtkritik), Sidi Larbi Cherkaouis Choreografie "An Accident/A Life" beim Tanzfestivals Rhein-Main 2024 (FR), Luise Kautz' Inszenierung von Verdis "La traviata" im Nationaltheater Mannheim (FR), Axel Ranischs Inszenierung der Strauss-Oper "Intermezzo" an der Semperoper Dresden (FAZ), Ulrich Wallers Inszenierung von Daniel Kehlmanns Stück "Nebenan" am Renaissance-Theater in Berlin (tsp), Rafael Sanchez' Shakespeare-Inszenierung "König Lear" am Burgtheater Wien (nachtkritik) und Kay Links Inszenierung von Zdeněk Fibichs Oper "Šárka" an der Staatsoper Prag (Welt).
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