Efeu - Die Kulturrundschau
Es tropft Lamentosekunden
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.10.2024. Weniger Rebellion als hellwache Reflexion bestaunt die Welt in der großen Carol-Rama-Retrospektive in der Frankfurter Schirn. Die taz lernt auf einer Kölner Veranstaltung, welche systemischen Hürden Literatur aus der Arbeiterklasse nehmen muss. Die Zeit erliegt dem Charme der Heiterkeit, den der französische Superstar Zaho de Sagazan ausstrahlt. Van resümiert die Donauerschinger Musiktage. Die SZ versinkt mit Mati Diops "Dahomey" in der Dunkelheit der Depots von Raubkunst.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
24.10.2024
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Musik
Eleonore Büning resümiert für VAN die Donauerschinger Musiktage, bei deren Diversifikationstrategie unter der neuen Leiterin Lydia Rillng zwar durchaus "erste Gewinne zu verzeichnen sind". Andererseits wurde bei dem bewusst politisch gesetzten Anspruch auch "kein Tagesschauthema der Gegenwart ausgelassen". Ein "Unikat" gelang jedoch dem Pianisten Pierre-Laurent Aimard mit der Aufführung von Mark Andres Requiem "... selig ist...": "Man muss die Geschichte, die sich in diesem elektronisch generierten und live-elektronisch performten Klavierwerk verbirgt, nicht kennen, um von der Ausdruckskraft dieses multipel zusammengesetzten Machwerks erfasst zu werden. Was der Pianist aus dem offenen Korpus des Flügels an elektronisch erzeugten, aus O-Tönen extrahierten Klängen aufgreift und umsetzt, tönt im Ergebnis entzückend altmodisch, ergreifend brutal. Die Musik umkreist d-moll, Tonart der Finsternis. Es tropft Lamentosekunden, wie Spuren im Schnee. Es dröhnt verzweifelt, wie von Posaunen. Eine Tour de Force und ein Triumph." In der Zeit resümiert Hannah Schmidt das Festival.
Josephine Bastian unterhält sich für VAN mit der Geigerin Maiko Kawabata, die zu Rassismus in westeuropäischen Orchestern gegenüber Menschen aus asiatischen Ländern forscht: "Wir sehen das immer wieder: Wenn man die Lebensläufe bestimmter ostasiatischer Musiker mit denen weißer Kollegen aus einer ähnlichen Klasse oder mit ähnlichem universitären Hintergrund vergleicht und dann schaut, wer zum Probespiel eingeladen wird, dann sieht man, dass Ostasiaten viel, viel seltener eingeladen werden. Besonders auffällig ist, dass ostasiatische Frauen, die heirateten und einen europäischen Nachnamen annehmen, plötzlich öfter eingeladen werden." Auch "ist es in Deutschland nicht Standard, hinter einem Vorhang zu spielen. In der ersten Runde schon, aber in der zweiten und dritten dann nicht mehr. Und es ist bezeichnend, dass diejenigen, die in der ersten Runde die höchste Punktzahl haben, ausscheiden, sobald sie hinter den Vorhang treten - die Asiaten."
Jens Balzer porträtiert für die Zeit den französischen Superstar Zaho de Sagazan. In ihrer Heimat wird sie gefeiert, "weil sie die Tradition des Chansons so entschlossen modernisiert" und zugleich "das nach der Pandemie wieder so dringend gewordene Bedürfnis nach Enthemmung, Rausch und wenigstens temporärem Sich-selbst-Vergessen befriedigt." Aber auch, "weil sie sich allen Konventionen der körperlichen Zurichtung und Standardisierung entzieht, denen selbst die feministisch gelesenen Superstar-Sängerinnen unserer Gegenwart sich sonst so selbstverständlich unterwerfen." Sie könnte "das beste Role-Model werden für eine Generation, die des Zwangs zur Optimierung und zur stetigen Selbstneuerfindung überdrüssig geworden ist." In ihrer Kunst "siegt die Heiterkeit noch in den finstersten Augenblicken. Es ist eine Musik, die Widersprüche zum Tanzen bringt und die alles, was sich dem zu widersetzen versucht, im Gelächter vergehen lässt und in der Schönheit des Rausches und der Ambivalenz."
Weitere Artikel: Dorothea Walchshäusl spricht in der NZZ mit Daniil Trifonov über dessen neues Album. Jacob Greenberg widmet sich im VAN-Essay Raritäten von Charles Ives. Christoph Amend und Jochen Wegner sprechen für die Zeit mit Bryan Ferry.
Besprochen werden die Wiener Ausstellung zu 150 Jahre Arnold Schönberg (VAN), ein Berliner Konzert des Countertenors Carlo Vistoli mit der Akademie für Alte Musik (VAN), Nick Caves Auftritt in Zürich (NZZ, TA), Charli XCX' Neuauflage ihres aktuellen Albums "Brat" mit zahlreichen Gastauftritten (TA) und ein Auftritt von Lindsey Stirling (FR).
Josephine Bastian unterhält sich für VAN mit der Geigerin Maiko Kawabata, die zu Rassismus in westeuropäischen Orchestern gegenüber Menschen aus asiatischen Ländern forscht: "Wir sehen das immer wieder: Wenn man die Lebensläufe bestimmter ostasiatischer Musiker mit denen weißer Kollegen aus einer ähnlichen Klasse oder mit ähnlichem universitären Hintergrund vergleicht und dann schaut, wer zum Probespiel eingeladen wird, dann sieht man, dass Ostasiaten viel, viel seltener eingeladen werden. Besonders auffällig ist, dass ostasiatische Frauen, die heirateten und einen europäischen Nachnamen annehmen, plötzlich öfter eingeladen werden." Auch "ist es in Deutschland nicht Standard, hinter einem Vorhang zu spielen. In der ersten Runde schon, aber in der zweiten und dritten dann nicht mehr. Und es ist bezeichnend, dass diejenigen, die in der ersten Runde die höchste Punktzahl haben, ausscheiden, sobald sie hinter den Vorhang treten - die Asiaten."
Jens Balzer porträtiert für die Zeit den französischen Superstar Zaho de Sagazan. In ihrer Heimat wird sie gefeiert, "weil sie die Tradition des Chansons so entschlossen modernisiert" und zugleich "das nach der Pandemie wieder so dringend gewordene Bedürfnis nach Enthemmung, Rausch und wenigstens temporärem Sich-selbst-Vergessen befriedigt." Aber auch, "weil sie sich allen Konventionen der körperlichen Zurichtung und Standardisierung entzieht, denen selbst die feministisch gelesenen Superstar-Sängerinnen unserer Gegenwart sich sonst so selbstverständlich unterwerfen." Sie könnte "das beste Role-Model werden für eine Generation, die des Zwangs zur Optimierung und zur stetigen Selbstneuerfindung überdrüssig geworden ist." In ihrer Kunst "siegt die Heiterkeit noch in den finstersten Augenblicken. Es ist eine Musik, die Widersprüche zum Tanzen bringt und die alles, was sich dem zu widersetzen versucht, im Gelächter vergehen lässt und in der Schönheit des Rausches und der Ambivalenz."
Weitere Artikel: Dorothea Walchshäusl spricht in der NZZ mit Daniil Trifonov über dessen neues Album. Jacob Greenberg widmet sich im VAN-Essay Raritäten von Charles Ives. Christoph Amend und Jochen Wegner sprechen für die Zeit mit Bryan Ferry.
Besprochen werden die Wiener Ausstellung zu 150 Jahre Arnold Schönberg (VAN), ein Berliner Konzert des Countertenors Carlo Vistoli mit der Akademie für Alte Musik (VAN), Nick Caves Auftritt in Zürich (NZZ, TA), Charli XCX' Neuauflage ihres aktuellen Albums "Brat" mit zahlreichen Gastauftritten (TA) und ein Auftritt von Lindsey Stirling (FR).
Film

Auf der Berlinale gewann Mati Diops "Dahomey" den Goldenen Bären (unser Resümee), nun kommt der dokumentarische Essayfilm über die Restitution von Bronzen aus Paris nach Benin auch regulär ins Kino. Der Clou : Über ansehnliche Strecken erzählt die französische Filmemacherin mit senegalesischen Wurzeln den Film aus Perspektive der Bronze #26, die über sich, die eigene Lage und den Zeitenlauf der Geschichte mit drönender Stimme nachdenkt. Diese "Introspektionen sind ein Bruch, nicht nur mit dem Erzählfluss in 'Dahomey', sondern auch mit den übrigen Stimmen, die Mati Diop aufzeichnet", schreibt Katrin Doerksen im Perlentaucher. Am Ende "folgt sie einer Podiumsdiskussion unter Studierenden der Université d'Abomey-Calavi zu den Restitutionen. Inhaltlich könnten sie uneiniger kaum sein, aber die Leidenschaft, die Überzeugung, mit der sie ihre Meinungen glasklar vertreten, ist ihnen gemein. Diop findet immer wieder kleine Resonanzmomente inmitten dieses hitzigen Geschehens, die ein Bewusstsein für die Komplexität der Debatte zeigen, die den Film weiter verdichten ohne ihn dabei mit Diskurs zu überfrachten: Eine zerlesene Ausgabe der 'L'aventure ambiguë' von Cheikh Hamidou Kane auf einem Büchermarkt des Campus. Ein Wissenschaftler aus dem beninischen Museumsteam, der selbstversunken die Statue König Ghézos aus nächster Nähe betrachtet und dabei ein kleines Lied summt. Die eigentliche Faszination in 'Dahomey' gilt der Fähigkeit der Menschen, im Auge einer hölzernen Statue alles zu erkennen, was sie erkennen wollen."
SZ-Kritiker Philipp Stadelmaier sieht diesen "poetischen Essay in der Tradition" von Alain Resnais und auch Chris Marker. Doch während diesen "Kulturgegenstände aus dem subsaharischen Afrika auf der Leinwand ausstellten und aus dem Off kommentierten, lässt Diop die Gegenstände selbst sprechen" - und zwar in Form von Texten des haitianischen Schriftstellers Makenzy Orcel. "Doch Diops Film erteilt keinen Nachhilfeunterricht in kolonialer und postkolonialer Geschichte. Orcels Texte und Diops Kamera erforschen vielmehr die Dunkelheit. Etwa den Moment, an dem die Statuen in Paris zum Transport verpackt werden. Die Kamera nimmt den Blickwinkel der Statue ein, steckt also mit in der Holzkiste, auf die der Deckel geschraubt wird - das Bild wird schwarz." In der Zeit ist Ijoma Mangold eher ambivalent: "Die Regisseurin soufliert den Statuen jene Worte, mit denen diese ihre Verwurzelung in der einstigen Heimat bekunden. Sie werden nicht als Kunstwerke, sondern als mystische Offenbarungen der Volksseele behandelt. Und auch der ergriffene Empfang, den die Studenten den Skulpturen bereiten, ist ein Spiel für Mati Diops Kamera. Die Wirklichkeit, die sie zeigt, hat sie vorher selbst inszeniert. Deshalb sind die Bilder, die ihr dann gelingen, auch so überirdisch auratisch." Für die taz bespricht Jens Balkenborg den Film.
Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte spricht für die FR mit Kida Khodr Ramadan über dessen, auf critic.de besprochenen Film "Haltlos". Daniele Muscionico porträtiert für die NZZ den Schauspieler Sylvester Groth. Jakob Thaller macht sich im Standard Gedanken dazu, warum Todd Philipps' "Joker: Folie à Deux" (unsere Kritik) floppt.
Besprochen werden Pedro Almodóvars "The Room Next Door" (Perlentaucher, Standard, FAZ, FR, Welt, mehr dazu bereits hier), Beatrice Mingers und Christoph Schaubs Dokumentarfilm "E.1027 - Eileen Gray und das Haus am Meer" (Freitag), die ARD-Doku "Der Autokraten-Code", für die eine KI experimentell einen Populisten entwirft und an der FAZ-Kritiker Dietmar Dath einige "Einseitigkeiten und Oberflächlichkeiten" bemäkelt, und Al Pacinos Autobiografie "Sonny Boy" (SZ). Außerdem informieren SZ und Filmdienst über die Kinostarts der Woche.
Literatur
Du Pham resümiert für die taz eine von Kevin Kader organisierte Veranstaltung in Köln mit Olivier David, Dinçer Güçyeter und Lea Braun über Literatur aus der Arbeiterklasse. "Güçyeter sieht wie David den Literaturbetrieb problematisch: Er baue Mauern auf. Das untermauert Kader im Vorabgespräch: Die Literatur sei ein Betrieb, der sich am aufgeklärtesten und progressivsten begreifen würde, doch berge er systemische Hürden und reproduziere eine bestimmte Klientel immer wieder. ... Güçyeter möchte sich als 45-Jähriger nicht mehr ständig mit der Vergangenheit beschäftigen und zitiert 'aus Frankreich': Die Scham müsse die Seite wechseln, die, die sich über die Gewalt auf den Straßen mokieren, die Straßen aber nicht kennen, das sind Menschen, die ihr eigenes Unvermögen hinter ihren Krawatten verstecken. Braun stimmt sehr angeregt zu und findet, auch Geld solle die Seiten wechseln."
Besprochen werden unter anderem Noëlle Krögers Werwolf-Comic "Meute" (FAZ.net), Zygmunt Baumans Memoir "Fragmente meines Lebens" (Jungle World), Jakob Wassermanns Autobiografie "Mein Weg als Deutscher und Jude" (FR), Monika Zeiners "Villa Sternbald" (FAZ) und Clemens J. Setz' "Das All im eignen Fell. Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Besprochen werden unter anderem Noëlle Krögers Werwolf-Comic "Meute" (FAZ.net), Zygmunt Baumans Memoir "Fragmente meines Lebens" (Jungle World), Jakob Wassermanns Autobiografie "Mein Weg als Deutscher und Jude" (FR), Monika Zeiners "Villa Sternbald" (FAZ) und Clemens J. Setz' "Das All im eignen Fell. Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Architektur

Pünktlich zum 250. Bauhaus-Jubiläum beschimpft die Afd das Bauhaus als "Irrweg der Moderne", berichtet Marcus Woeller in der Welt und fordert eine Neubewertung: "Den Ton hatte im Sommer bereits der kulturpolitische Sprecher der AfD Hans-Thomas Tillschneider gesetzt, der auf der Sitzung mit der Einschätzung zitiert wurde, das Bauhaus sei 'von einer abgrundtiefen Hässlichkeit und hat Bausünden verbrochen; es ist unerträglich anzuschauen'. Der Landtag möge jetzt beschließen, die 'einseitige Glorifizierung des Bauhaus-Erbes" abzulehnen und stattdessen 'ein seriöses und kulturgeschichtliches Gesamtbild aufzustellen'. Zur Begründung kritisiert die AfD die 'Nüchternheit', die zu 'unpersönlicher Architektur' geführt habe, zu einem Wohnungsbau, der 'menschenfeindlich' sei." Seltsamer Zeitpunkt für rechte Kritik am Bauhaus, "das Bauhaus-Museum in Weimar hat gerade die Nähe mancher Lehrer und Schüler zum Nationalsozialismus aufgezeigt", informiert Woeller die Herrschaften von der AfD. Und auch sonst werde "über die vermeintlich 'einseitige Verklärung' längst debattiert, mittlerweile auch in den Institutionen, die es verwalten".
Bühne
Stefan Grund stellt in der Welt die Regisseurin Lola Arias vor, die in diesem Jahr mit dem Ibsen Award ausgezeichnet wurde. Besprochen werden Paulus Hochgatterers Anti-Bruckner-Stück "Der schlafende Wal" im Schubert-Theater Wien (Standard), ein Auftritt der Schweizer Kabarettistin Hazel Brugger mit ihrer neuen Show "Immer noch wach" in München (NZZ), eine Ausstellung über das Vermächtnis des Choreografen Alvin Ailey im Whitney Museum in New York (FAZ) und eine Ausstellung im Münchner Theatermuseum über Spielorte des Jugendstils (FAZ).
Kunst

Drama funktioniert in Schwarz-Weiß immer noch am besten, lernt Alexandra Wach (FAZ) in der Wiener Albertina vor den übergroßen fotorealistischen Kohlezeichnungen des amerikanischen Künstlers Robert Longo, die oft Schreckensmomente der jüngeren Geschichte festhalten: "Die dichte Präsentation wirkt, als hätte sie gerade erst das Atelier verlassen, was an einer um Autorität, Widerstand, Macht und Freiheit kreisenden Kunst liegen mag, deren Ausdehnung den ganzen Globus einschließt, von dem von Demonstranten getragenen Fotoporträt der ermordeten Iranerin Masha Amini bis zu vom Schnee bedeckten Tannen im Schwarzwald, über denen das Unheil des Klimawandels zu spüren ist. ... Bis auf eine rot blühende Rose vor schwarzem Hintergrund sind alle anderen Großformate im kontrastreichen Schwarz-Weiß gehalten, das für genug Distanz sorgt, um die Essenz der Situation ins Auge springen zu lassen. Longo hat als Legastheniker seine Kindheit vor dem Schwarz-Weiß-Fernsehen verbracht. Schwarz-Weiß ist für ihn 'eine Möglichkeit, die Wahrheit auszudrücken', sagt er in einem Interview im Katalog, während seine Kunst 'eine Form der Sühne' sei mit dem Ziel, die flüchtigen Bilder zu verlangsamen."
Besprochen werden außerdem zwei Berliner Ausstellungen der französisch-österreichischen Künstlerin Gisèlle Vienne im Haus am Waldsee als auch im Kolbe Museum (taz), die Ausstellungen "Form Matters, Matter Forms. Vom Readymade zum Warenfetisch" im Kunstmuseum Winterthur (NZZ), "Vom Teilen. Kunst an der (polnisch-deutschen) Grenze" im ZAK Zentrum für aktuelle Kunst in der Zitadelle Spandau (Tsp), "Aber hier leben? Nein danke" im Lenbachhaus in München über die Kunst des Surrealismus als politische Bewegung (taz) und die große Surrealismus-Ausstellung im Centre Pompidou (Tsp).
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