Im Kino
Rot ist die Zimmertür
Die Filmkolumne. Von Nicolai Bühnemann
23.10.2024. Ein Sterbehilfedrama erzählt Pedro Almodóvar in seinem ersten englischsprachigen Film. In "The Room Next Door" bleiben Tilda Swinton und Julianne Moore auch angesichts des nahenden Todes gelassen und gucken Buster-Keaton-Filme. Eine etwas weniger eindeutige Botschaft hätte dem Film indes gut getan.
Ingrid (Juliane Moore) hat gerade einen Bestseller über ihr schwieriges Verhältnis zum Tod geschrieben. Unverhofft bekommt sie einen Anruf von Martha (Tilda Swinton), mit der sie einst eng befreundet war, aber die sie vor vielen Jahren aus den Augen verloren hat, und die ihr nun berichtet, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt ist. Die sich schnell wieder entwickelnde Freundschaft zwischen den beiden Frauen kulminiert in der Bitte, ihre Freundin auf ihrer letzten Reise zu begleiten; Zeit mit ihr in einem eigens zu diesem Zweck angemieteten Landhaus zu verbringen, in dem sie sich schließlich das Leben nehmen wird.
Almodóvars erster englischsprachiger Film basiert auf Sigrid Nunez' Roman "What Are You Going Through" (2018). Während er einerseits das saturierte, bildungsbürgerliche Milieu, das wir aus anderen Filmen des Spätwerks des Spaniers bereits kennen, von Madrid nach New York verlegt, entleiht er der Vorlage andererseits auch deren metafiktionalen Grundtenor: Es geht um die Verbindung von Kunst und Leben; darum, dass das Leben immer auch die Summe der Geschichten ist, die jemand davon zu erzählen weiß.
In der ersten Hälfte des Films entrollt Almodóvar bruchstückhaft in Rückblenden das Leben seiner beiden Protagonistinnen. Wir erfahren von Marthas schwieriger Beziehung zu ihrer Tochter, die sie im New York der Achtziger großzog, als, so sagt sie einmal, alles Wichtige nachts geschah. Wie ein Fremdkörper wirkt die Szene über den Vater der Tochter, der schwer traumatisiert aus dem Krieg zurückkehrte, und auf einer Überlandfahrt in ein brennendes Haus stürmt, weil er meint, er habe Schreie gehört: Der unnütze Heldentod bedient ein grundlegend anderes Register der Tragik, als die Geschichte der beiden Frauen.
In der zweiten Filmhälfte macht Almodóvar das Landhaus, einen eigenwilligen, verschachtelten Bau mit Holzverkleidung und wucherndem Garten, an einem grünen Hügel gelegen, zum Fluchtpunkt dieser beiden Biografien. So körperlich gebrechlich wie Martha ist, so entschlossen ist sie, einem selbstbestimmten Leben ein selbstbestimmtes Ende zu setzen. Ingrid hingegen erscheint zögerlich, zerrissen, ratlos, wie sie mit der Situation umgehen soll. Schwierig ist nicht der Tod, sondern im Angesicht des Todes (weiter) zu leben.
Die Szenen im Landhaus sind die stärksten des Films, weil Almodóvar hier die verschiedenen Register seiner Kunst ziehen kann: Close-Ups von den Gesichtern Moores und Swintons lassen ein Gefühl unheimlicher Nähe entstehen. Das Wissen, dass der Tod mit von der Partie ist, wird als Mittel zum konstanten Spannungsaufbau genutzt. In der geschickten Farbdramaturgie symbolisiert Rot den Tod: Rot ist Marthas Zimmertür, die sie, so vereinbart sie mit ihrer Freundin, so lange offen stehen lässt, bis die geschlossene Tür der Freundin ihr Ableben anzeigt, knallrot schminkt sich Swinton ihre Lippen zum gelben Kleid, als sie schließlich die Tabletten nimmt; so, als würde sie sich für den Tod herausputzen. Und bei all den großen Themen bleibt den beiden Frauen genug Zeit, um ausgelassen lachend gemeinsam Buster-Keaton-Filme zu gucken.
Leider wird das Gespentisch-Uneindeutige dieses Orts konterkariert von der Eindeutigkeit, mit der Almodóvar einen Film nicht über, sondern für Sterbehilfe gemacht hat. Von den genauen Ausführungen dazu, wie Martha sich strafbar macht, indem sie die Tabletten aus dem Darknet kauft, bis zur Figur eines evangelikalen Polizisten, der Ingrid für ihre Komplizenschaft bei dem, was für ihn ein schweres Verbrechen ist, zu gerne zur Rechenschaft ziehen würde. Das Problem dabei ist nicht, dass man dem Anliegen des Films nicht grundsätzlich zustimmen möchte, sondern eher, dass "The Room Next Door", ein Film, der am besten dort ist, wo er sich dem freien Formulieren und Assoziieren hingibt, sich schließlich doch etwas zu sehr seiner Botschaft beugt.
Nicolai Bühnemann
The Room Next Door - Spanien, USA 2024 - Regie: Pedro Almodóvar - Darsteller: Julianne Moore, Tilda Swinton, John Turturro, Victoria Luengo, Juan Diego Botto - Laufzeit: 107 Minuten.
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