Im Kino
Im Auge einer hölzernen Statue
Die Filmkolumne. Von Katrin Doerksen
23.10.2024. Mati Diops Dokumentarfilm "Dahomey" folgt 26 Kunstwerken, die aus einem Pariser Museum an Benin restituiert werden. Diop hält sich mit eindeutigen Statements zurück und setzt stattdessen auf Beobachtung. Bis irgendwann das Licht ausgeht und eine Statue zu sprechen beginnt.
Im November 2021 sollen 26 Artefakte aus dem Pariser Musée du Quai Branly - Jacques Chirac an Benin zurückgegeben werden. Der Diskurs um die Restitution von zu Kolonialzeiten entwendeter und nach Europa gebrachter Kunstwerke füllt ganze Feuilletonseiten und Kommentarspalten, aber Mati Diops Film beginnt mit simplen Beobachtungen am Abend der Abreise an der Seine. Ungerührt pflügen die mit Touristen beladenen Ausflugsschiffe durchs Wasser, blinken faustgroße Souvenir-Eiffeltürme auf ausgebreiteten Laken potentielle Käufer an. Später folgen vergleichbare Aufnahmen aus Benin: Feierabendverkehr in Abomey, der Hauptstadt des ehemaligen Königreichs Dahomey; fade leuchten die Neonschilder der Garküchen und Bars. Es ist das vielleicht deutlichste Statement in einem Film, der sonst im Umgang mit Statements außerordentliche Vorsicht walten lässt: das Bewusstsein darüber, dass dieser Diskurs in einer Blase stattfindet, über die hinaus er für kaum jemanden eine handfeste Bedeutung hat.
Mati Diops auf der Berlinale 2024 mit dem Goldenen Bären ausgezeichneter Dokumentarfilm "Dahomey" folgt dem Weg der 26 Artefakte aus Paris nach Abomey. Die meisten sind überlebensgroße Skulpturen aus Holz und Metall, Darstellungen bedeutender Könige und Krieger. Des Weiteren umfasst die Sammlung einen geschnitzten Thron, dessen Ornamente Dahomeys von Territorialkriegen, Menschenopfern und der Versklavung besiegter Völker geprägte Geschichte erzählen. Und einen Asen, einen kompliziert aus vielen baumelnden Eisenplättchen gefertigten und entfernt an ein Mobile erinnernden Altar, ein Portal zwischen den Welten der Lebenden und Toten.
Stünden diese Artefakte hier in ihrer alten sakralen Funktion vor ihr, hätte sie Angst vor ihnen, gibt eine Studentin zu. Vielleicht behält Mati Diop deswegen ihre interessierte, aber offenkundig distanzierte Haltung zu den Werken bei, entledigt sie behutsam ihrer heiligen Aura und der Sedimentschichten über Jahrzehnte abgelagerter historischer, religiöser und identitätspolitischer Projektionen. Wie von Überwachungskameras aus einer Zimmerecke heraus beobachtet sie die Skulpturen in ihren Kisten liegend, wie sie vermessen, verpackt, je nach Ort von Kränen oder Männern transportiert und wieder herausgeholt, begutachtet, von behandschuhten Händen vorsichtig in Glasvitrinen eingeschlossen und schließlich von Honoratioren in prunkvollen Gewändern besichtigt werden.

Zwischendurch geht das Licht aus, weil jemand am Abend die Museumsbeleuchtung ausschaltet oder eine Transportkiste zunagelt. Die plötzlich einbrechende, vollumfängliche Dunkelheit wird nur noch von einer schrecklichen Stimme durchbrochen, tief dröhnend und verzerrt wie aus einem kindlichen Alptraum. Sie gehört König Ghézo, der Dahomey von 1818 bis 1858 regierte und dem der haitianische Schriftsteller Makenzy Orcel hier seine Worte leiht. Ghézo ist repräsentiert durch die Statue eines Mannes mit großen Augen und erhobener Faust, die im Verzeichnis des Museumsinventars die Nummer 26 trägt. Als wüssten sie seinen wahren Namen nicht, zürnt Ghézo. Er ist verunsichert nach all den Jahren in der Fremde, aber ebenso bei der Aussicht auf die Rückkehr in die Heimat, die in der ihm bekannten Form nicht mehr existiert.
Ghézos Introspektionen sind ein Bruch, nicht nur mit dem Erzählfluss in "Dahomey", sondern auch mit den übrigen Stimmen, die Mati Diop aufzeichnet. Im letzten Drittel ihres Films folgt sie einer Podiumsdiskussion unter Studierenden der Université d'Abomey-Calavi zu den Restitutionen. Inhaltlich könnten sie uneiniger kaum sein, aber die Leidenschaft, die Überzeugung, mit der sie ihre Meinungen glasklar vertreten, ist ihnen gemein.
Diop findet immer wieder kleine Resonanzmomente inmitten dieses hitzigen Geschehens, die ein Bewusstsein für die Komplexität der Debatte zeigen, die den Film weiter verdichten ohne ihn dabei mit Diskurs zu überfrachten: Eine zerlesene Ausgabe der "L'aventure ambiguë" von Cheikh Hamidou Kane auf einem Büchermarkt des Campus. Ein Wissenschaftler aus dem beninischen Museumsteam, der selbstversunken die Statue König Ghézos aus nächster Nähe betrachtet und dabei ein kleines Lied summt. Die eigentliche Faszination in "Dahomey" gilt der Fähigkeit der Menschen, im Auge einer hölzernen Statue alles zu erkennen, was sie erkennen wollen.
Katrin Doerksen
Dahomey - Frankreich, Senegal, Benin 2004 - Regie: Mati Diop - Laufzeit: 68 Minuten.
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