Efeu - Die Kulturrundschau
Meeresfriedliche Mondnacht
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.10.2024. Die SZ schaut im Festspielhaus von Dresden-Hellerau dabei zu, wie ein Roboter die Dresdner Sinfoniker dirigiert. Die Welt versucht das Geheimnis diffuser Gewalt in den Bildern der portugiesischen Malerin Paula Rego zu ergründen. Die FAZ lässt Bertrand Bonellos Monsterfilm "The Beast" mit Léa Seydoux hochleben. Bei der Uraufführung von Anna Gmeyners vergessenem Stück "Ende einer Verhandlung" klärt sie einen Mord auf. Die NZZ bewundert Kengo Kumas Neubau für das Museum Gulbenkian in Lissabon.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
14.10.2024
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Musik
Im Festspielhaus von Dresden-Hellerau wurde SZ-Kritiker Helmut Mauró Zeuge "einer kleinen Revolution, die sich zu Größerem auswachsen könnte": Ein Roboter namens MAiRA Pro S hat dort anstelle eines Menschen die Dresdner Sinfoniker dirigiert. Die Bewegungsabläufe wurden vom Intendanten Markus Rindt vordirigiert, erfahren wir, aber die Maschine werde künftig wohl auch ohne solche Vorarbeit auskommen. "Genau dies erzählt die Dirigiermaschine MAiRA an diesem denkwürdigen Abend: Ich dirigiere, du spielst. Und dann winden sich ihre kalten Kunststoffarme um die Musik und zerschneiden den Klang von Wieland Reissmanns '#kreuznoten'." Die "Musikersklaven ... spielen perfekt, soweit man das bei dieser hochkomplexen Neukomposition sagen kann. Dabei überkreuzen sich zwei Abteilungen des Orchesters im Tempo ihres Spiels, der eine Teil beginnt langsam und wird schneller, der andere stürzt sich rasant ins Geschehen und bremst dann immer mehr ab. Ein Mensch könnte solch komplexe Kompositionen, zumal wenn gleichzeitig mehrere unterschiedliche Rhythmen ins Spiel kommen, kaum noch präzise dirigieren. Damit ist die Bruchstelle einer langen Tradition auch gleich definiert. Es sind nun Kompositionen möglich, die bisher unaufführbar waren"
Die Deutsche Welle hat das (zunächst noch klassisch dirigierte) Konzert dokumentiert:
Axel Brüggemann ärgert sich in Backstage Classical darüber, dass Paul Müller, Intendant der Münchner Philharmoniker, in einem BR-Interview sein Verhältnis zu dem russischen Dirigenten Valery Gergiev etwas arg schönredet: "Tatsächlich hat der Intendant seinen Chefdirigenten Valery Gergiev mehrfach aus der Schusslinie genommen und seine undemokratischen und zum Teil menschenverachtenden Einlassungen immer wieder als Privatmeinungen verteidigt. ... Müllers bedingungslose Deckung Gergievs war wohl auch der Beweis einer tiefen Männer-Freundschaft. Stand Valery Gergiev dem Intendanten Müller näher als die Werte unserer freiheitlichen Gesellschaft? Offensichtlich will Müller bis heute nicht einsehen, dass sein damaliger Umgang mit Gergievs menschenverachtenden Äußerungen falsch war und sein Vertrauen in den 'Freund' von eben diesem immer wieder bitter enttäuscht wurde. Gergiev war seinem Intendanten gegenüber nie loyal. Seine Treue galt stets - und schon sehr früh - seinem politischen Führer, Vladimir Putin."
Weitere Artikel: Andreas Michalke und Max Pohl streifen für die Jungle World durch die Platten- und Konzertläden von Marseille. Für die Seite Drei der SZ hat Alex Rühle die Karaoke-WM in Finnland besucht. Jan Feddersen (taz) und Udo Badelt (Tsp), gratulierten Nana Mouskouri zum 90. Geburtstag. Johanna Adorján spricht für die SZ mit der Popsängerin Zaho de Sagazan, die im vergangenen Jahr in Frankreich einen kometenhaften Aufstieg hinlegte. Hier singt sie (auf Deutsch - "Ich liebe den Klang") Nenas "99 Luftballons":
Besprochen werden Charli XCXs Neubearbeitung ihres aktuellen Albums "Brat" mit anderen Musikern (Standard), ein Abend für Gabriel Fauré im Piano Salon Christophori in Berlin-Wedding (VAN), Caspar Battegays Buch "Leonard Cohens Stimme" (online nachgereicht von der FAZ), ein Auftritt von José James in Berlin (taz), ein Oud-Konzert von Simon Shaheen mit Ensemble in Berlin (Tsp), das neue Album der Fantastischen Vier (Presse), Jake Shimabukuros neues Ukulele-Album "Blues Experience" ("das ganze Album ist von provozierender Lässigkeit", schreibt Peter Kemper in der FAZ), neue Klavierzyklen von Christopher Brown, David Johnson und Matt Dibble (FAZ), das Album "In Waves" von Jamie XX (FAZ) und Tucker Zimmermans Album "Dance of Love" (Standard).
Die Deutsche Welle hat das (zunächst noch klassisch dirigierte) Konzert dokumentiert:
Axel Brüggemann ärgert sich in Backstage Classical darüber, dass Paul Müller, Intendant der Münchner Philharmoniker, in einem BR-Interview sein Verhältnis zu dem russischen Dirigenten Valery Gergiev etwas arg schönredet: "Tatsächlich hat der Intendant seinen Chefdirigenten Valery Gergiev mehrfach aus der Schusslinie genommen und seine undemokratischen und zum Teil menschenverachtenden Einlassungen immer wieder als Privatmeinungen verteidigt. ... Müllers bedingungslose Deckung Gergievs war wohl auch der Beweis einer tiefen Männer-Freundschaft. Stand Valery Gergiev dem Intendanten Müller näher als die Werte unserer freiheitlichen Gesellschaft? Offensichtlich will Müller bis heute nicht einsehen, dass sein damaliger Umgang mit Gergievs menschenverachtenden Äußerungen falsch war und sein Vertrauen in den 'Freund' von eben diesem immer wieder bitter enttäuscht wurde. Gergiev war seinem Intendanten gegenüber nie loyal. Seine Treue galt stets - und schon sehr früh - seinem politischen Führer, Vladimir Putin."
Weitere Artikel: Andreas Michalke und Max Pohl streifen für die Jungle World durch die Platten- und Konzertläden von Marseille. Für die Seite Drei der SZ hat Alex Rühle die Karaoke-WM in Finnland besucht. Jan Feddersen (taz) und Udo Badelt (Tsp), gratulierten Nana Mouskouri zum 90. Geburtstag. Johanna Adorján spricht für die SZ mit der Popsängerin Zaho de Sagazan, die im vergangenen Jahr in Frankreich einen kometenhaften Aufstieg hinlegte. Hier singt sie (auf Deutsch - "Ich liebe den Klang") Nenas "99 Luftballons":
Besprochen werden Charli XCXs Neubearbeitung ihres aktuellen Albums "Brat" mit anderen Musikern (Standard), ein Abend für Gabriel Fauré im Piano Salon Christophori in Berlin-Wedding (VAN), Caspar Battegays Buch "Leonard Cohens Stimme" (online nachgereicht von der FAZ), ein Auftritt von José James in Berlin (taz), ein Oud-Konzert von Simon Shaheen mit Ensemble in Berlin (Tsp), das neue Album der Fantastischen Vier (Presse), Jake Shimabukuros neues Ukulele-Album "Blues Experience" ("das ganze Album ist von provozierender Lässigkeit", schreibt Peter Kemper in der FAZ), neue Klavierzyklen von Christopher Brown, David Johnson und Matt Dibble (FAZ), das Album "In Waves" von Jamie XX (FAZ) und Tucker Zimmermans Album "Dance of Love" (Standard).
Literatur

sich zu entscheiden
für Sterblichkeit, auszuziehen, in Weite,
unbehaust, auf sich zu vertrauen.
Jede Zeile, so scheint es, begehrt dagegen auf, dass Evas Auszug aus dem Paradies, ihr Einzug in das Leben, sprich: in Gebürtigkeit und Sterblichkeit, eine Strafe, gar eine Erbsünde sei."

Besprochen werden unter anderem Mithu Sanyals "Antichristie" (Freitag), Clemens Meyers "Die Projektoren" (Standard), Maren Kames' "Hasenprosa" (Standard), Markus Thielemanns "Von Norden rollt ein Donner" (FR), Angelika Mechtels "Das gläserne Paradies" (Nacht und Tag), eine Neuübersetzung von Curzio Malapartes ursprünglich 1949 erschienenem Roman "Die Haut" (Standard), Edoardo De Angelis' und Sandro Veronesis "Comandante" (Standard), Philipp Schönthalers "Seiten des Himmels" (Freitag), neue Bücher zum nordischen Mittelalter (NZZ) und Gian Marco Griffis "Die Eisenbahnen Mexikos" (SZ).
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Marleen Stoessel über Jorge Luis Borges' "Das Labyrinth":
"Das Netz aus Stein zu lösen das mich hält,
Zeus könnt' es nicht. Die Menschen die ich war,
hab ich vergessen. Ich folge Jahr um Jahr ..."
Architektur

Ulf Meyer bewundert in der NZZ den Neubau des japanischen Stararchitekten Kengo Kuma für das Museum Gulbenkian in Lissabon, eine "poetische Verbindung zwischen Gebäude, Garten und Stadt". Wie schon bei früheren Projekten schuf Kuma eine "Engawa" - "so werden die von den auskragenden Dächern geschützten umlaufenden Veranden japanischer Häuser genannt, die nahtlos vom Innen- in den Aussenraum überleiten", erklärt Meyer. Das "Dachtragwerk elegant gestaltet, die Essstäbchen-ähnlichen schwarzen, schlanken Stahlstützen in V-Form tragen das geschwungene Dach mit großer Leichtigkeit. Der überdachte Übergang ist 100 Meter lang und wirkt wie ein Filter zwischen dem Centro de Arte Moderna und dem Grünraum. Um den bestehenden Garten mit dem neuen Teil zu verbinden, haben die Architekten ein lichtes Foyer mit fein gerahmten Glaswänden und Glastüren geschaffen. Ein schönes Detail ist der Dachrand zur Rua Marquês da Fronteira hin."
Klaus Englert berichtet in der FAZ von der dramatischen Wohnungskrise auf den balearischen Inseln, aber auch von Lösungsversuchen. Das "Instituto Balear de la Vivienda" (IBAVI) versucht dort, Klimaschutz und sozialen Wohnungsbau zu vereinen: "Sein Programm zielt auf eine Ausweitung des Wohnungsbestandes bei überdurchschnittlichem Qualitätsstandard, es bietet Mieten unterhalb des Marktpreises an, es verzichtet wo möglich auf Konstruktionsweisen, die den Import von Baustoffen voraussetzen, und fördert die Verwendung regionaler Materialien, etwa des Kalksandsteins Marès. Ein breit diskutiertes Beispiel für die IBAVI-Testphasen ist die 2021 fertiggestellte kleine Siedlungseinheit an der Carrer Salvador Espriu, am Nordrand von Palma. In den Jahren zuvor waren die konstruktiven Eigenschaften des Marès erstmals umfassend erprobt worden. Marès erwies sich als ein Stein, der die Luftfeuchtigkeit und Temperatur reguliert und eine an das lokale Klima angepasste thermische Dämmungswirkung erzielt." (Mehr zu den Häusern bei Baunetz Wissen und HIC)
Kunst

Gar nicht losreißen kann sich Welt-Kritiker Hans-Joachim Müller von den Bildern der portugiesischen Malerin Paula Rego, die in einer Ausstellung im Kunstmuseum Basel zu sehen sind. Doch so oft und lange er auch versucht, die Beziehungen zwischen den Figuren zu ergründen oder die diffusen Gewaltdynamiken zwischen ihnen zu verstehen - den Bildern wohnt ein Geheimnis inne, das sich ihm nicht offenbart, ihn aber um so mehr fasziniert: "Immer erscheinen diese Gemälde und Pastellzeichnungen wie Skizzen zu einer Geschichte, die erst noch erzählt werden muss. Wie Spots auf ein Drama, bei dem man nie so genau wissen kann, in welchem Akt man sich befindet. Was ist da los, wenn sich Mutter und halbwüchsige Tochter vergnügt über den offensichtlich wehrlosen Vater hermachen und ihm den Anzug vom Leibe zerren? Während das kleine Mädchen am Fenster steht und sich frohgemut zur gewalttätigen 'Family' rechnet? Und was ist von der meeresfriedlichen Mondnacht zu halten, in der sich die Leute zum Tanz am hell beschienenen Ufer versammeln?"
Besprochen werden außerdem die Ausstellungen die "Neuen Wilden im Berlin der Achtziger Jahre" in der Galerie Deschler in Berlin (FR), "Samuel Fosso: 'Black Pope'" im Kindl - Zentrum für zeitgenössische Kunst in Berlin (taz), "Impuls Rembrandt. Lehrer, Stratege, Bestseller" im Museum der Bildenden Künste Leipzig (FAZ) und "Der andere Impressionismus. Internationale Druckgrafik von Manet bis Whistler" im Kulturforum Berlin (tsp).
Film

Bertrand Bonellos Science-Fiction-Film "The Beast" mit Léa Seydoux (unsere Kritik) ist Yorgos Lanthimos' "Poor Things", mit dem er letztes Jahr im Wettbewerb von Vendig lief, gar nicht mal so unähnlich, findet Dietmar Dath in der (online nachgereichten) FAZ-Kritik: "Beide handeln von Frauen und Männern, Technik und Traum, Emanzipation und Gewalt. Lanthimos aber geht seine Sache mit einer reich verzierten Damaszenerklinge an, während Bonello einfach den Schraubenzieher nimmt. ... Die lockere Schraube, die Bonello bei seinem Publikum mit größter Konsequenz festzieht, ist unser Hang zu pathetischen Debatten darüber, ob die Computersysteme, die wir derzeit einrichten, irgendwann (vielleicht bald) etwas wie 'Bewusstsein' haben und zeigen werden. Bonello weiß: Selbst wenn sie das täten, wäre niemandem geholfen, denn Bewusstsein ist ein Begriff des Denkens von sich selbst, und der kann jederzeit falsch sein. Gefühlsarme Idioten halten sich für rational; andere glauben, sie hätten ein gutes Herz, nur weil sie dumm sind wie dickflüssige Tinte. Bonellos merkwürdiger Monsterfilm faucht beide Fehler an. Er lebe hoch."
Georg Seeßlen führt in der Jungle World anlässlich von Javier Espadas aktuell in Deutschland im Kino gezeigter Buñuel-Doku durch Leben und Werk des so geehrten spanischen Surrealisten und insbesondere durch dessen mexikanische Werkphase: Hier scheint Luis Buñuel "zu gelingen, was er in Europa nicht verwirklichen konnte: die Verbindung der Filmfabel mit den magischen und symbolischen Bildwelten. ... In seinen mexikanischen Filmen hat Buñuel gelernt, die surrealistischen Provokationen in mehr oder weniger normalen Handlungsläufen zu verbergen, oder umgekehrt, mehr oder weniger normale Emotionen und Beziehungen in surrealistischen Szenen fortzuschreiben. Und immer wieder geht es um die Augen, das Sehen, den (geheimen) Blick. Und das Lachen, das eher Schrecken als Lust verheißt."
Weiteres: Valerie Dirk gibt im Standard Viennale-Tipps. Philipp Bovermann (SZ) und Maria Wiesner (FAZ) gratulieren Udo Kier zum 80. Geburtstag. Besprochen werden Matthias Glasners ARD-Thrillerserie "Informant - Angst über der Stadt" mit Jürgen Vogel (taz) und die ZDF-Serie "Love Sucks" (FAZ).
Bühne

Als "intelligent bedrückendes Psychogramm" hat Frank Behnke das Stück "Ende einer Verhandlung" von Anna Gmeyner auf die Bühne gebracht, lobt Robert Passon in der FAZ. Mit dieser Premiere markiert das Staatstheater Meiningen "eine weitere Wegmarke der Gmeyner-Renaissance", freut sich der Kritiker: Lange waren die Stücke der britisch-österreichischen Exildramatikerin in der Versenkung verschwunden, seit 2020 werden sie nun wieder vermehrt gespielt. Zum Glück, findet Passon, der dieses Gerichtsdrama über zwölf Geschworene gespannt verfolgt: "Im Gewand der Kriminalgeschichte rührt Anna Gmeyner an strukturelle Missständen wie Misogynie oder Armut, stellt Fragen nach Schuld und Sühne. Dafür findet sie eine Sprache, die auch in der Übersetzung von Amanda Lasker-Berlin den Sog behält, der sich aus dem Nebeneinander von charmant-komischen Dialogen und intimen Innenansichten der Figuren ergibt."
Weiteres: In der FAZ denkt Wiebke Hüster nach dem Besuch von Ioannis Mandafounis Tanzstück "Join" darüber nach, was eigentlich heutzutage einen erfolgreichen Choreografen ausmacht. Besprochen werden Oliver Reeses Inszenierung von Michael Frayns Komödie "Der nackte Wahnsinn" am Berliner Ensemble (taz, nachtkritik, BlZ), das Stück "Die Erziehung des Rudolf Steiner" inszeniert vom Regiekollektiv Dead Centre (taz, nachtkritik), die von Aliki Schäfer, Andreas Vogel und Max Braun arrangierte Performance "Old Man (Look at My Life)" am Theater Rampe ebenfalls in Stuttgart (taz), Armin Petras' und Nina Rühmeiers Adaption von Lea Ypis Buch "Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte" am Theater Bremen (taz), Christian Schlüters Inszenierung von Günter Grass' Roman "Die Blechtrommel" am Theater Osnabrück (nachtkritik), Stefan Puchers Inszenierung und Bearbeitung von Georg Büchners "Woyzeck" am Staatstheater Wiesbaden (nachtkritik), Charlotte Sprengers Inszenierung von Kafkas Fragment "Amerika" (SZ), Andreas Merz Inszenierung von Joe Ortons Farce "Was der Butler sah" am Staatstheater Darmstadt (FR) und Burkhard C. Kosminskis Inszenierung von Dea Lohers "Frau Yamamoto ist noch da" am Schauspiel Stuttgart (FR).
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