Tagtigall

Chimärchen

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
14.10.2024. Endlich ist er da, der neue Gedichtband der Lyrikerin, Verlegerin und Übersetzerin Daniela Seel. "Nach Eden" ist ein Langpoem, das mit weitem Atem und existenziellem Drive Artenvielfalt, Mutterschaft, Verletzlichkeit, das Sterben, Ökologie, eigene Zweifel am Hiersein und die Sehnsucht nach Polarnächten bedichtet.
Nach Eden

Sing mir, Walgesicht, von beinahe lichtlos
dich nährenden Tiefseegärten, vom Atem
in deinen Adern, vom Mikroplastik, wieg mich
in deinem uralten Wachen, dass ich weinen kann,
verwachsen ins Sterben, dass ich wüte, rase
durch meine Unkrautflur, rau oder rotwangig,

...
zanke, verwachse im Argen, im Ach, mit dem Warn-
oder Klageruf eines Rotkehlchens, Amsel, die
auszog, von unter den ungeflügelten Blütenständen

Diese wenigen Zeilen lassen bereits ahnen, wie bildmächtig, konkret und weltumspannend zugleich es in Daniela Seels neuem Band "Nach Eden" zugeht. Die Erde, ein bedrohtes Ökosystem - und mittendrin das lyrische Ich, "verwachsen ins Sterben", wie es heißt. Schönheit und Gefährdung gehen Hand in Hand, unser ganzes vielfältig verstricktes Heute steht schließlich auf dem Spiel. Die Anrufung des Walgesichts (und es gibt mehrere Anrufungen im Band) verbindet im Klang, was der Kopf gerne scheidet. Die Sprache kündet vom Zusammenhalt - Vokale, Silben, Konsonanten: "sing / mir / gesicht / lichtlos / dich oder: Atem in Adern / -plastik / Wachen / kann / verwachsen /  rase."

Das Nebeneinander von Lebenswelt und Lebensbedrohung (Tiefseegärten, Mikroplastik) grundiert den Band. Im Ringen darum, alles gleichzeitig und gleichwertig gelten zu lassen, paart sich Zartheit (sing mir, wiege mich) mit einer Wut ob des menschlichen Möglichkeitssinns und Machbarkeitswahns: "Der Mensch, die invasivste Art."

Daniela Seel gründete 2003 gemeinsam mit dem Buchgestalter Andreas Töpfer den Verlag "kookbooks - Labor für Poesie als Lebensform", wo auch ihre eigenen Gedichtbände mehrheitlich erschienen. Bereits in "ich kann diese stelle nicht wiederfinden" (2011) ebenso wie in "was weißt du schon von prärie?"(2015) suchte sie nach einer Entkolonisierung und Enthierarchisierung des Denkens, der Bilder und der Sprache. Sie thematisierte Klimawandel und Landausbeutung und fragte nach den Wirklichkeiten der Anderen - der Dinge, der Lebewesen, der Naturelemente: "Träumen Vögel vom Ufer? Von ihrem Ozeanflug?" In ihrem Manifest "Das amortisiert sich nicht" (2011) findet sich ein Hinweis, was es mit der Idee von der "Poesie als Lebensform" auf sich hat: Gedichte lassen sich nicht aufrechnen, heißt es dort, nichts wird in ihnen gleich, nichts geht in ihnen auf, dafür entstehen immer neue Verbindungen. Bindungen lockern sich: "Gedichte sind so sehr Sprache, dass etwas, mit dem ich alltäglich Umgang habe, mich ganz unvertraut anschauen kann." Dieses "So sehr" kennzeichnet ihre Sprachkunst.

"Nach Eden" folgt einem im besten Sinne feministischen Ansatz. Das Ich im Band denkt "von Eva her", davon her, dass Eva "wusste, was sie tat, als sie aß". Seel sieht Evas "Vertreibung" tatsächlich als einen Auszug - "Der Ausgang des Menschen in die Zeit" - als eine Entscheidung für Neugier, Erkenntnishunger, Verantwortung, Urteilsvermögen, für Lust und Mut.

sich zu entscheiden
für Sterblichkeit, auszuziehen, in Weite,
unbehaust, auf sich zu vertrauen.

Jede Zeile, so scheint es, begehrt dagegen auf, dass Evas Auszug aus dem Paradies, ihr Einzug in das Leben, sprich: in Gebürtigkeit und Sterblichkeit, eine Strafe, gar eine Erbsünde sei.

"Mein Kind hat mir mein Sterben geschenkt", heißt es gleich eingangs im Band, und tatsächlich geht es immer wieder um die Frist des (eigenen) Lebens und des Lebens mit den (eigenen) Kindern, mit den Geborenen, den Totgeborenen und ... mit den Niegeborenen. Auch die Poesie weiß um diese Frist, ja, sie nutzt sie: "dichten heißt setzen von Zeit". Vielleicht, dass sich in der gesetzten Zeit Freiheit einstellt. Wenn alles, was der Fall ist, der Sprache überantwortet wird, werden ungeahnte Stimmen und Klänge hörbar, kann man alltägliche Zweifel und Selbstzweifel ebenso wie die großen Fragen, Freuden und Schmerzen bewegen. Der Ton ist mal nüchtern, mal barock, mal biblisch - nichts, was gewesen ist, wird als "überwunden" gedacht.

Der Atem, das Maß unserer Zeit, strukturiert den Band: Gedanken, Geschichten und Stimmen kommen und gehen; desgleichen Formen und Themenstränge. Fragmente aus Recherchen zur Kindereuthanasie der Nazis mischen sich mit eigenen Erfahrungen von Liebe, Mutterschaft und Ausschabung. Nicht nur die Zeilenbrüche verstören die Erzählbarkeit. Dazwischen Gedanken zu Humboldt und Christine Lavant. Hineingewoben außerdem die Geschichte des Vaters, der nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde, nachdem seine Brüder im Krieg gefallen waren. Tod sollte Leben werden. Fetzen aus Kindergesprächen - "Mama ich höre die Bäume singen." oder "Mama, hör auf zu schimpfen." - mischen sich mit kleinen Alltagsbeobachtungen.

Immer wieder verweilen Teile des Langgedichtes bei Gewalt und Grausamkeit. Trauer kommt auf:

Ein Kind verlieren. Wie unzureichend sich das sagt.
In wie vielen Staaten sitzen in diesem Moment Frauen
als Mörderinnen in Haft, weil sie ein Kind verloren haben?
In wie vielen Fällen durch medizinisches Unterlassen?

Doch wir bleiben nicht ungetrost.

Aber im Blut einer Mutter lebt die DNA ihrer Kinder fort,
bis in meinen Tod lebt dein Tod in mir fort, Chimärchen.

Kosenamen schaffen Verbindungen. Sprache ist DNA.

Der Band "Nach Eden" denkt nicht von den Katastrophen, sondern vom irdischen Durst her. 2016 edierte Daniela Seel zusammen mit Anja Bayer einen Band mit Lyrik im Anthropozän. "Nach Eden" entwirft eine Welt aus Neugier, Erkenntnishunger und Verantwortung; eine Sehnsucht nach einem postanthropozänen Zeitalter schwingt hinein.


2. Zum Jahrbuch der Lyrik 2024/25

Karfritag
Ich hab noch kin Ostrgdicht gschribn,
nix von Hasn, Hnnn oder i.
Und wils hut nislt bi vir Grad Kält,
blibts auch dabi.

Diesem Gedicht begegnet man in dem soeben erschienen "Jahrbuch der Lyrik 2024/25". Die Autorin oder der Autor wird auf der Seite des Gedichtes nicht genannt. Um was geht es? Ist das Gedicht in einem Dialekt verfasst? Bibbert da jemand vor Kälte? Oder ist das systematisch ausgesparte "e" in diesem Vierzeiler ein Sprachspiel, ein buchstäbliches Abbild des katholischen Karfreitagsrituals, bei dem das helle Geläut der Altarschellen durch den Klang von Ratschen ersetzt wird?

Seit drei Jahren bereits erscheint das "Jahrbuch der Lyrik" in neuer Form. Und noch immer wird darüber debattiert. Alle Gedichte, die eingereicht und ausgewählt werden, werden im Textteil ohne Nennung von Namen gedruckt. So könne man sich beim Lesen besser den einzelnen Texten widmen, sagen die Befürworter. Schließlich seien die Namen der Autorinnen oder Autoren im Inhaltsverzeichnis leicht zu finden. Anderen Lesern fehlt beim Lesen der einzelnen Gedichte die gewohnte Namensangabe auf der Seite.

Als ich vor kurzem das neue Jahrbuch zur Hand nahm und mich nicht nur am Karfreitagsgedicht festlas, dachte ich plötzlich an das Kolumba-Museum in Köln. Meiner Kenntnis nach war es 2007, bei seiner Eröffnung, das erste Museum, in dem die Kunstwerke an der Wand nicht betextet waren: kein Künstlername, kein Titel, keine Jahreszahl. Man lief durch die von Peter Zumthor gestalteten minimalistischen Räume und hatte mit dem Kurator Anteil daran, wie sich sakrale und zeitgenössische Kunstwerke visuell begegnen. Miteinander ins "Gespräch" kommen. Damals fragte ich mich, ob die Entscheidung zu solcher Hängungspraxis nun aus den Kirchen ins Museum gewandert war? Die Kirchen hatten schon immer Kunst zum Lobe und Ruhme Gottes oder der Heiligen Schriften in Auftrag gegeben. Die Namen der Künstler wurden selten genannt. Kenner erkannten sie an der jeweiligen "Handschrift". Doch die Parallele von Kolumba und Kirche geht nur bedingt auf, weil im Kolumba sich ja eine Sammlung präsentiert. Anders beim "Jahrbuch für Lyrik", bei dem die "ausgestellten" Werke schließlich explizit im Hinblick auf diesen - total säkularen - poetischen Erscheinungsraum hin eingereicht und ausgewählt werden.

Etwas an der Idee, mit der Autorin, dem Autor zunächst hinter dem Berg zu halten, fasziniert mich. Die Texte stehen so erst einmal ganz für sich. Mein Blick auf die einzelnen Werke ist durch kein "die kenn ich - den kenn ich nicht" beeinflusst. Mich stört aber, dass ich, wenn ich wissen will, wer den jeweiligen Text geschrieben hat, die Seite mit dem konkreten Gedicht verlassen muss. Ich muss nach hinten blättern und im Inhaltsverzeichnis suchen, was eine ganz andere Art der Konzentration erfordert, als das Gedicht sie gerade geschaffen hat. Und dann muss ich wieder zurück zum Text blättern, in der Hoffnung, dass ich ihn und seine Stimmung rasch wiederfinde.

"Tier Nr. 8" ist ein anderes Gedicht im aktuellen Band. Es erzählt von einem Fuchs, der hinter einer Tapete wohnt. Aufgrund der Leckgeräusche ist das lyrische Ich davon überzeugt, dass der Fuchs - zahnlos, wie er wahrscheinlich ist - sich irgendwann durch die Tapete durchgeleckt haben wird. Woher kommt diese leicht bedrohliche Fantasie? Und warum nur glaube ich felsenfest, dass dahinter eine Autorin steckt?

Wenn es nach mir ginge, würde das "Jahrbuch für Lyrik" das Namensdilemma so lösen wie das Kolumba-Museum. Kurz nach der Eröffnung begann man dort, gedruckte informative Begleitheftchen auszulegen -die man beim Gang durchs Museum je nach Bedürfnis zu Rate ziehen kann. Ob es das gibt: raustrennbare Begleitseiten?

NACHSATZ: Das Gedicht "Karfreitag" stammt, wie ich im Inhaltsverzeichnis inzwischen nachgelesen habe, von Gisbert Amm, das Gedicht "Tier Nr. 8" stammt von Clara Maj Dahlke.

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Zum Weiterlesen

Daniela Seel, Nach Eden, Gedicht, Suhrkamp Verlag, 2024 .
dies., was weisst du schon von prärie, kookbooks, Berlin 2015.
dies., ich kann diese stelle nicht wiederfinden, kookbooks, Idstein 2011

Jahrbuch der Lyrik 2024/25, Herausgegeben von Matthias Kniep und Karin Fellner, Wallstein Verlag 2024.
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