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17.09.2024. In der SZ erklärt die französische Schriftstellerin Neige Sinno, weshalb sie ihr Buch auch aus Sicht ihres Vergewaltigers geschrieben hat: Das Böse muss ausbuchstabiert werden. Der SZ fehlt außerdem Christoph Schlingensiefs "fröhliche Ideologiezerstörung", an die eine Ausstellung in Berlin erinnert. Der Tagesspiegel zieht den Hut vor Demi Moore, die in Coralie Fargeats Film "The Substance" waghalsige Jugendexperimente eingeht. Anastasia Trofimowas "Russians at War" zeigt der FAZ: Auch für russische Soldaten ist Putin der Feind. Aktualisierung: Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis ist da!
Aktualisierung: Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht fest! Das sind die Nominierten: Martina Hefter mit "Hey guten Morgen, wie geht es dir?", Maren Kames' "Hasenprosa", Clemens Meyer mit "Die Projektoren", Ronya Othmanns "Vierundsiebzig", Markus Thielemans "Von Norden rollt ein Donner" und Iris Wolff: "Lichtungen".
Bestellen Sie bei eichendorff21!Für die SZ spricht Johanna Adorján mit NeigeSinno über deren autobiografischen Bericht "Trauriger Tiger", der von den Vergewaltigungen ihres Stiefvaters erzählt, denen sie als kleines Mädchen ausgesetzt war. Dabei soll es weniger um sie selbst oder um Empathie mit ihr gehen, sagt und schreibt Sinno, sondern um eine Ergründung des Täters: "Sie, die französische, angelsächsische und lateinamerikanische Literatur studierte, hat die Weltliteratur nach Werken abgesucht, die aus Sicht eines Vergewaltigers erzählt sind, und nur ein einziges gefunden: Nabokovs 'Lolita'. Sie nennt es ein 'ungemütliches Buch' und ein 'Meisterwerk', das lange verkannt worden sei. ... Doch schütze Nabokov seinen Leser durch Ellipsen", während Sinno "findet, dass ausbuchstabiert werden muss, worum es geht. Damit der Leser sich nicht darum herummogeln könne. Sie schreibt: 'Solange man nicht den Penis des vierzigjährigen Mannes im kleinen Mund des Mädchens sieht, ihre tränenfeuchten Augen, da sie glaubt, gleich ersticken zu müssen, solange sieht man noch nichts, solange ist es noch möglich zu sagen, dass es sich um Liebe handelt.'"
Am 28. September, pünktlich zum hundertsten Geburtstag des Suhrkamp-Verlegers, geht die "Siegfried Unseld Chronik" online, mit Digitalisaten von Unselds Tagebuchnotizen. Alexander Cammann konnte für Zeit Online bereits einen Blick hineinwerfen und ist schlicht überwältigt: "Da überschwemmt ein gewaltiger Strom die Buchwelt: 2.650 digitalisierte Schreibmaschinen-Seiten plus 3.000 Seiten Notizen und Reiseberichte aus diesen Jahren für die Suhrkamp-Mitarbeiter." Zwar kennt man vereinzelte Passagen schon aus anderen Büchern, "jetzt aber auf einen Schlag Unseld komplett und unkommentiert: eine literarische Sensation. ... Man kann sich jetzt durch diesen herrlichen Dschungel an Schreibmaschinen-Typo klicken und scrollen, inklusive Suchfunktion, für lange, lustige Bingeabende vor dem Bildschirm" und "stößt auf Banales und Bizarres, Altbekanntes und Überraschendes - und auf verblüffend aktuell klingendes. ... Fassungslos macht bei dieser Lektüre die täglicheIntensität - wie dieser Mann das alles geschafft hat, was man hier liest, bleibt ein Rätsel. Unselds Pensum braucht eigentlich einen Doppelgänger, mindestens."
Beim Internationalen Literaturfestival Berlin boten sich Tagesspiegel-Kritikerin Ulrike Baureithel bei einer Veranstaltung mit der nigerianischen Buchlobbyistin LolaShoneyin und dem aus Tansania stammenden Verleger MkukiBgoya auch Einblicke ins Verlagsgeschäft afrikanischer Nationen - und sie berichtet Verblüffendes und Bedrückendes: Zwar "beherrschen 200 Millionen Menschen, insbesondere in Ost- und Westafrika, Kiswaheli", aber "noch immer schreiben Autoren lieber auf Englisch oder Französisch. Doch selbst wenn sie Kiswaheli nutzen, ist es für sie vorteilhafter, zuerst in Europa oder in den USA zu erscheinen, sodass einheimische Verlage die Rechte mühsam zurückkaufen müssen. Über dem afrikanischen Verlagswesen schwebt noch immer der Geist des Kolonialismus."
Weitere Artikel: Uli Aumüller schreibt in der taz zum Tod von VeraKundera, der Ehefrau des vor knapp über einem Jahr verstorbenenMilanKundera. Lena Bopp schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den libanesischen AutorElias Khoury. Der Schauspieler SylvesterGrothverrät der Literarischen Welt (online nachgereicht), welche Bücher ihn geprägt haben.
Besprochen werden unter anderem die Ingeborg-Bachmann-Ausstellung im Literaturhaus in München (NZZ), die Neuausgabe von IwanSchmeljows "Der Toten Sonne" aus dem Jahr 1923 (NZZ), ReinholdMessners Memoir "Gegenwind" (FR), MarionMessinas "Die Entblößten" (online nachgereicht von der FAZ) und ElkeSchmitters "Alles, was ich über die Liebe weiß, steht in diesem Buch" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
"Russians at War": Der Feind sitzt im Kreml Bert Rebhandl resümiert in der FAZ das Toronto International Film Festival, wo er mit "Konklave" (nach dem gleichnamigen Vatikanthriller von Robert Harris) auch den neuen Film von EdwardBerger sehen konnte. Der deutsche Oscarpreisträger erweist sich darin erneut "als kompetenter Handwerker, der die Traditionen des alten Hollywood in die Ära der Streaming-Plattformen überführt". Interessanter sind allerdings die Turbulenzen am Rande des Festivalgeschehens, wo ukrainischerProtest die Vorführung von AnastasiaTrofimowas (bereits in Venedig kontrovers diskutierter) Dokumentarfilm "Russians at War" erfolgreich verhindern konnte. Zwar stimme es, dass der Film alleine von russischen Soldaten im Frontgeschehen handelt, doch sei er "deutlich als ein Antikriegsfilm lesbar. Trofimowa zeigt, dass die Russen, die in der Ukraine verheizt werden, in erster Linie aus finanziellen Motiven dort sind, dass sie, nachdem sie ihre Verträge abgedient haben, unbesoldet weiterkämpfen müssen. Sie zeigt, wie sich die Propaganda niederschlägt, wie aber auch Zynismus und Alkohol alles prägt. ... Eines lässt sich über 'Russians at War' doch deutlich sagen: Wenn es für die russischen Kämpfer einen Feind gibt, dann ist es der Mann im Kreml."
Der Preis der Jugendlichkeit: "The Substance" mit Demi Moore Coralie Fargeats zweiter Film "The Substance" hat Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche durchaus beeindruckt: DemiMoore spielt hier eine Schauspielerin, die mit über 50 aussortiert wird - und zu waghalsigen Jugendexperimenten greift. "Moore hat ihren Körper stets als ihr größtes Kapital eingesetzt" und nun, mit 61, "stellt sie ihren Körper ... noch einmal in seiner ganzenVerletzlichkeit aus." Zwar denkt Busche mitunter an Cronenberg erinnernde Film "ein Kino der Oberflächenreize in der Tradition des Cinéma du look um die machistischen Kultregisseure Luc Besson und Jean-Jacques Beineix. Auch Fargeat reproduziert in grell und konturlos ausgeleuchteten Bildern schamlos die Schaulust des Publikums auf die entblößten Körper ihrer Hauptdarstellerinnen. ... Umso berührender wirkt dagegen Moores fragile Nacktheit."
Weiteres: In der tazempfiehlt Silvia Hallensleben das Festival "Archival Assembly #3" im Berliner Soilent Green, bei dem beim Ausmisten im KinoArsenel entdeckte Fundstücke präsentiert werden. Elisabeth von Thadden plaudert für ZeitOnline mit LarsJessen über dessen neuen Film "Micha denkt groß". Matthias Kalle resümiert auf ZeitOnline die Emmy-Verleihung. Besprochen wird die Netflix-Serie "The Perfect Couple" mit NicoleKidman (Presse).
Besprochen werden Frank Castorfs Inszenierung von Hans Falladas Roman "Kleiner Mann - was nun?" am Berliner Ensemble (SZ, FAZ), Rafael Sanchez Inszenierung von Mike Müllers Stück "GRMPF - eine musikalische Baustelle" am Schauspiel Köln (SZ), Rainer Ewerriens Adaption von Stephen Kings Psychothriller "Misery" am Frankfurter Stalburg-Theater (FR), Julia Röslers Inszenierung von "Hier spricht die Polizei" am Staatstheater Hannover (taz), das Puppenspiel "Mensch, Puppe!" im St.-Petri Dom in Bremen (taz), Jan Bosses Inszenierung von T.C. Boyles Roman "Blue Skies" (nachtkritik) und Michael Thalheimers Inszenierung von Wagners "Tristan und Isolde" an der Oper Genf (FAZ).
Karl Fluch hat im Standard viel Freude an "Rack", dem Albumcomeback nach 26 Jahren der Noise-Rocker von The Jesus Lizard: "Wenige können ihnen das Bier reichen. Bassist David Wm. Sim, Gitarrero Duane Denison und Drummer Mac McNeilly sind begnadete Techniker, und sie haben David Yow, ihre Geheimwaffe." Dieser "gilt als heiterer Irrer. Einer, der meist noch vor dem ersten gesungenen Ton mit Anlauf ins Publikum köpfelt - buchstäblich -, um die Stimmung zu testen. Ein Vollkontaktmann, der auf den Händen des Publikums jenes Wunder verdeutlicht, nach dem die Band benannt ist: eine Eidechse, die übers Wasser laufen kann." So zeigt sich auf der Platte: "Alles ist gut. The Jesus Lizard sind wieder da. Intensiv und verschwitzt, abgedreht und verschmitzt." Wie das aussieht, wenn ein 64-Jähriger "köpfelt", erfahren wir in diesem Musikvideo:
Weitere Artikel: Im Standardgratuliert Christoph Irrgeher der JazzwerkstattWien zum zwanzigjährigen Bestehen. Besprochen werden der Memoir "Earth to Moon" von FrankZappas Tochter Moon UnitZappas (NZZ), ein Konzert in Wien von MarthaArgerich und SophiePacini (Standard), ein von AlanGilbert dirigiertes Schönberg-Konzert des NDR-Elbphilharmonie-Orchesters beim Lucerne Festival (NZZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter ein neues Album von Jon Spencer ("Das ist sexyundscharf, bluesig, aber in seiner ewig auf Anschlag gespielten Art natürlich ein wenig anstrengend", findet Karl Fluch im Standard). In der Hamburger Elbphilharmonie fand ein von Igor Levit initiiertes Solidaritätskonzert mit Israel statt - auf Youtube kann man es hören und sehen.
Christoph Schlingensief | Deutschlandsuche (Searching for Germany), New York, 1999, Courtesy Estate Christoph Schlingensief, Berlin Was würde Christoph Schlingensief tun, wenn er noch hier wäre? SZ-Kritiker Philipp Bovermann versucht die Anwort in der Ausstellung "Deutschlandsuche" in der Galerie Crone zu finden, die vor allem Schlingensiefs politische Aktionskunst in den Blick nimmt. So kann sich Bovermann zum Beispiel Videoaufnahmen von Aktionen der Partei "Chance 2000" ansehen - gegründet von Schlingensief im grauen Rennfahreranzug mit Werbelogos (der dort auch zu sehen ist). Und Bovermann stellt fest, dass diese Art der "fröhlichen Ideologiezerstörung" heute schmerzlich fehlt: "Mit diesem Anzug stieg Schlingensief 1998 in den Wolfgangsee, an dessen Ufer der damals scheidende Bundeskanzler Helmut Kohl ein Ferienhaus hatte. Seine Leute hatten berechnet, dass der Wasserspiegel um zwei Meter steigen würde, wenn sechs Millionen Arbeitslose gleichzeitig im See baden gehen würden, es kamen dann aber nur Reporter und Kameraleute, die sich gegenseitig auf den Füßen herumstanden und filmten, während die Schlingensief-Truppe im Wasser planschte, lachte und den von Bertolt Brecht geborgten Parteislogan von 'Chance 2000' sang: 'Der Blick in das Gesicht eines Menschen, dem geholfen ist, ist der Blick in eine schöne Gegend. Freund! Freund! Freund!'"
Besprochen wird die Gruppenschau "Arcadia" im Museum der Bally Foundation in Lugano (NZZ), die Ausstellung "Lucia Moholy: Exposures" in der Kunsthalle Prag (taz) und die Ausstellung "Bernd Pfarr. KNOCHENZART." im Caricatura-Museum Frankfurt (tsp).
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