Neige Sinno

Trauriger Tiger

Cover: Trauriger Tiger
dtv, München 2024
ISBN 9783423284226
Gebunden, 304 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Michaela Meßner. Als Kind immer wieder sexueller Gewalt ausgesetzt, erzählt Neige Sinno von einem Familienleben, das um Lügen und Täuschungen herum gebaut ist. Und von den vielen Facetten von Erinnerung, den vielen Gesichtern eines Menschen in Ungeheuerlichkeit und Banalität. Wie werden wir zu denen, die wir sind? Kommt vor Gericht zur Sprache, was in Familien ungesagt bleibt?

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 16.10.2024

Für Rezensentin Livia Sarai Lergenmüller steht dieser Roman buchstäblich für die Erfindung einer literarischen Form, die den Missbrauch in seiner ganzen Gewalt offenbart. Neige Sinno erzählt, wie sie als junges Mädchen von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht wurde. Um überhaupt Worte zu finden, greift die Autorin auf literarische Referenzen zurück, die dieses Thema behandeln, und Lergenmüller ist beeindruckt von der Kohärenz und Stärke des Textes. Dass Sinnos Prosa sich bis zum Schluss bewusst ist, die Wahrheit nicht ganz artikulieren zu können, diese Ohnmacht der Wörter angesichts der Gewalt, macht für die Rezensentin die Größe dieses "meisterhaften Stücks Literatur" aus, das dadurch zugleich zu einer "vielschichtigen Reflexion" über Gewalt und Macht werde. 
 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.10.2024

Rezensentin Annabelle Hirsch trifft sich mit der Autorin Neige Sinno, um über deren "aufsehenerregendes" Buch zu sprechen: Sinno ist mehrere Jahre lang von ihrem Stiefvater missbraucht worden und schreibt darüber in klarer, nichts verhüllender und immer wieder schmerzlich um die Vergewaltigungen kreisender Weise. Statt im Schweigen weiterhin "vieles wegzudrücken und zu ignorieren", hat sie dieses Buch geschrieben, was wiederum für ambivalente Gefühle sorgt, wie Hirsch zu berichten weiß: Sinno wolle sich einerseits nicht nur über dieses Thema begreifen, verständlich. Andererseits ist es ihr ein wichtiges, aufrüttelndes Buch gelungen, das "das Unsichtbare sichtbar" macht, lobt Hirsch.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.10.2024

Über ihren eigenen Text sagt Neige Sinno, er sei keine große Literatur, weiß Rezensentin Jolinde Hüchtker. Dem widerspricht die Kritikerin vehement: Wenn über sexuellen Missbrauch geschrieben oder gesprochen wird, wird das Schreckliche oft unter Phrasen versteckt - Sinno schaffe hingegen Bilder. Schreckliche Bilder, die kaum zu ertragen sind, die aber sichtbar machen, was so viele nicht sehen wollen, so die Rezensentin. Lange empfand Sinno Widerwillen vor dem Wort "Vergewaltigung" - doch nichts anderes wurde ihr durch ihren Stiefvater angetan und letztendlich, so Hüchtker, wird das Wort zur Befreiung. Ihre persönliche Geschichte bekommt für die Kritikerin auch eine breitere, gesellschaftliche Dimension, wenn Sinno beispielsweise das "Lolita"- Schema aufgreift, den Mythos des jungen Mädchens, dass den älteren Mann verführt: Die Autorin entlarve es als das, was es sei: die "pädophile Imagination" eines alten Mannes.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 05.10.2024

Tief beeindruckt ist Kritiker Christoph Vormweg von Neige Sinnos Buch über den jahrelangen sexuellen Missbrauch durch den Stiefvater: Es ist ihr ein Anliegen, auch das, was im Kopf des Täters vor sich geht, näher zu beleuchten, so Vormweg, die schwer erträglichen Fragen zu stellen: Wie kann ein Mensch dabei Lust empfinden, wenn er eine Siebenjährige missbraucht? Vormweg lobt die Dringlichkeit des Buches, das nicht schockieren, sondern nach der Wahrheit suchen will und ihm sowohl die Macht der Scham klarmacht als auch dazu anregt, Anzeichen für Missbrauch immer ernstzunehmen und zu erkennen, wie er schließt.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 04.10.2024

Literatur ist kein Mittel gegen Missbrauch, daran lässt auch die Autorin Neige Sinno keinen Zweifel. Aber vielleicht ist es ein Mittel, um mit Missbrauchserfahrungen umzugehen. Sinno hat hierfür eine außerwöhnliche literarische Form gefunden, so Rezensentin Nora Karches, ein Hybrid aus persönlichem Bericht und "philosophisch-sprachkritischer Reflexion", der sich von vielen anderen Büchern über Missbrauch - Sachbüchern, Diskursromanen und Bekenntnisliteratur - abhebt. Abgesehen von dieser ungewöhnlichen Verbindung ist es vor allem der schlichte, klare und dennoch feinsinnig tastende Erzählstil, der dieses Buch ausmacht, findet Karches. Sinno bleibt ganz bei den eigenen Erfahrungen, gibt ihrem Vergewaltiger kaum Raum, und beschreibt eher die Orte, des Missbrauchs als die Handlungen an sich, was ihrem Bericht etwas Einschneidendes, Treffendes gibt, eine besondere und angemessene "Drastik", wie die beeindruckte und berührte Rezensentin es ausdrückt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.09.2024

"Dieses Buch ist eine Zumutung", ruft und Rezensent Rainer Moritz zu - und das bedeutet nichts Schlechtes. Denn Sinno, inzwischen in Mexiko lebende Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin, erzählt von den jahrelangen Vergewaltigungen durch ihren Stiefvater. Und der Kritiker kann nur staunen: Gnadenlos und offen, ohne Mitleid zu fordern, schildert die Autorin nicht nur den brutalen Missbrauch, sondern denkt auch über die gesellschaftlichen Folgen von Vergewaltigungstaten nach: Etwa über den Umgang mit Opfern und Tätern oder die Diskussion der 1970er und 1980er zur Entkriminalisierung von Pädophilie. Darüber hinaus ist der Text, den Sinno ein "Memoir" nennt, ein stetes Ringen um Erinnerungen, angereichert mit literarischen Exkursen zu Annie Ernaux, Toni Morrison, Emmanuel Carrere und vielen anderen, ergänzt Moritz, der die Lektüre unbedingt empfiehlt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.09.2024

Rezensentin Johanna Adorjan stellt Neige Sinnos Nonfiction über den jahrelangen Missbrauch ihres Stiefvaters an ihr als "monumentales Buch" vor. Kühn ist für Adorjan der Ansatz, Missbrauch als literarisches Material zu verwenden, um über das Innere des Täters zu schreiben und mit literarischen und philosophischen Referenzen, die das Böse umkreisen, zu spielen. Dass der Leserin dabei die Gedanken des Opfers als erwachsener Frau dargelegt werden, hält die Rezensentin für einen zusätzlichen Gewinn. Heftige Szenen im Buch und eine "grausame Wahrheit" sind harte Brocken für die Leser. Doch schließlich ist es eine Heldengeschichte, versichert Adorjan, mit der Autorin als Heldin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.09.2024

Rezensentin Barbara von Machui schließt mit der Begründung der Schülerinnen, die diesem Buch der Französin Neige Sinno den Prix Goncourt des lycéens verliehen haben: Sinno verspreche "ganzen Generationen, aus dem Labyrinth der Schande und des Schweigens herauszufinden. Und sie bestätige "die unabweisbare Macht der Literatur". Es ist aber auch nicht einfach, dieses Buch im klassischen Sinne zu rezensieren, erzählt Sinno doch von den Vergewaltigungen, die sie von ihrem siebten bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr durch den Stiefvater erlitt. Erschüttert liest die Kritikerin hier nicht nur von dem Missbrauch, sondern auch von Ich-Dissoziation oder dem Gerichtsprozess, bei dem selbst eine Leiterin einer Opfervereinigung für den charismatischen Täter aussagt. Mit Bewunderung folgt Machui indes Sinnos Kampf ums Überleben, das auch der Literatur zu verdanken ist, in der sie immer wieder Orientierung sucht: So zitiert sie Virginia Woolf, Toni Morrison oder Annie Ernaux, spürt vergewaltigte Kinder in der Literatur von Zola über Faulkner bis Foster Wallace auf und kommt natürlich immer wieder auf Nabokovs Lolita zurück. Ein "vielstimmiger Text", ganz ohne Voyeurismus und zurecht preisgekrönt, schließt Machui.

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