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03.08.2024. Als Künstler in Russland hat man nur drei Möglichkeiten, sagt der Schriftsteller Michail Schischkin in der NZZ: patriotische Lieder singen, schweigen oder emigrieren. SZ und nachtkritik applaudieren Anna Bergmanns rasanter und starbesetzter Inszenierung des "Zerbrochnen Krugs" in Telf, bei der das Bühnenbild von Tobias Moretti im LKW hereingefahren wird. Der Dramaturg Stephan Knies rät in Backstage-Classical dazu, sich bei der Debatte um François-Xavier Roth ein bisschen zu beruhigen. Die FAZ denkt mit dem Werk von Michael Bielicky über die Anfänge der Gaming-Kunst nach.
In der NZZspricht der seit 1995 in der Schweiz lebende, russische SchriftstellerMichailSchischkin über seine Erfahrungen in der Schweiz - und blickt dabei auch auf die Lage in seinem Heimatland: "Wäre ich damals nicht gegangen, hätte ich es später gemacht. Man kann in Russland nicht bleiben, wenn man schöpferisch ist. Man hat als Russe drei Möglichkeiten: Man kann patriotischeLieder singen, man kann schweigen oder emigrieren. Für mich war damals klar: Im 21. Jahrhundert gibt es keine Grenzen mehr, als Schriftsteller muss man reisen und überall leben. ... Ich verließ Russland freiwillig, das war 1995 kein Exil. Aber heute bin ich ein russischer Emigrant. Denn nachdem ich weggegangen war, wanderte Russland zurück ins Mittelalter. ... Wenn ich nach Russland reisen würde und mich so benehmen würde wie in der Sowjetunion, hätte ich keine Probleme: ruhig auf der Datscha sitzen, verbotene Bücher lesen, mit anderen leise über Politik reden. Das wäre auch jetzt möglich. Aber ich bin anders geworden. ... Ich würde da alles sagen, was ich denke - über Putin und den Krieg. Und dies hätte schlimme Folgen für mich und meine Familie."
Außerdem: Niklas Maak erzählt in "Bilder und Zeiten" der FAZ von seinem Besuch bei der SchriftstellerinDaciaMaraini. Die Zeithat Kai Sinas Würdigung von James Baldwin zu dessen 100. Geburtstag online nachgereicht (unser Resümee zum 100. Geburtstag hier). Die Publizistin Marta Kijowska verneigt sich in "Bilder und Zeiten" der FAZ vor JosephConrad, der heute vor 100 Jahren gestorben ist. Der Schriftsteller RalphDutli verneigt sich seinerseits im "Literarischen Leben" der FAZ vor der vor 500 Jahren geborenen Lyrikerin LouiseLabé, der Rilke voll erlegen war. In der FAZ erinnert Fridtjof Küchemann an Kafkas Reise nach Weimar, wo er mit Max Brod die Goethe-Gedenkstätten besuchen wollte, nur um sich dann in eine junge Frau zu verlieben. Fritz Göttler schreibt in der SZ einen Nachruf auf den französischen Comiczeichner AndréJuillard.
Besprochen werden unter anderem der Debütroman "Hermelin auf Bänken" unseres FilmkritikersPatrickHolzapfel (taz), JensBalzers Essay "After Woke" (taz), René Aguigahs "JamesBaldwin. Der Zeuge" (Standard), Jackie Thomaes "Glück" (online nachgereicht von der Zeit), PhilippGrafs "Zweierlei Zugehörigkeit. Der jüdische Kommunist Leo Zuckermann und der Holocaust" (taz), Lana Lux' "Geordnete Verhältnisse" (NZZ), LesEdgertons Kriminalroman "Primat des Überlebens" (taz), OliviaViewegs Comic "Fangirl Fantasy" (taz), Amélie Nothombs "Das Buch der Schwestern" (FR), Laura Naumanns "Haus aus Wind" (Tsp), Ernst Osterkamps Biografie des Dichters MichaelBeer (FAZ), PauloCoelhos Kolumnensammlung "Maktub" (SZ) und Mario Vargas Llosas "Die große Versuchung" (LitWelt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Außerdem: Das CrimeMaggratuliert Krimikritiker-Legende ThomasWörtche mit einem riesigen Buffett an Glückwünschen, Erinnerungen und Interviews und Rückblicken zum 70. Geburtstag. Wir reihen uns bei den Gratulanten gerne ein!
Auch SZ-Kritiker Egberth Tholl ist rundum zufrieden mit dieser Inszenierung und dem fantastischen Ensemble: "Die listigste, klügste und böseste Nuance hat sich Anna Bergmann mit Corinna Harfouch als Gerichtsrätin Walter ausgedacht. Sie durchschaut Adam sofort und tut alles, um das System zu bewahren. Rastet aus, ist aber letztlich überlegen. Und kümmert sich darum, dass Adam noch einen Posten kriegt. Wenn seine Kassen stimmen. Auch Frauen können, in Machtpositionen, toxisch sein."
FAZ-Kritiker Clemens Haustein hat in Bayreuth Spaß mit gleich zwei Inszenierungen des "Fliegenden Holländers": Kerem Hillel inszeniert die Wagner-Oper für Kinder und Dmitri Tcherniakov für "die Großen": "Kaum entziehen kann man sich der Präzision und Schlüssigkeit, mit der Tcherniakov die Geschichte von zwei Außenseitern in einem klinkerbewehrten Kaff ins Bild setzt, von Senta und dem Holländer. Michael Volle als Holländer, völlig Herr über seine grandiosen stimmlichen Mittel, ist dabei eine durch und durch unheimliche Figur, unberechenbar in sich ruhend, urplötzlich ausbrechend, als er für traumatisierende Erlebnisse in seiner Kindheit Rache nimmt und zur Pistole greift."
Weiteres: Im Tagesspiegel-Gespräch mit Maxi Broecking unterhält sich der Künstler William Kentridge über seine Kammeroper "The Great Yes, the Great No", sein Aufwachsen während der Apartheid in Südafrika und die aktuelle Lage dort.
Bestellen Sie bei eichendorff21!FAZ-Kritiker Niklas Maak hat sich verschiedene Ausstellungen zum Thema "interaktive Game-Kunst" angesehen und nimmt das zum Anlass, sich aufs Neue mit dem Werk eines ihrer Pioniere zu beschäftigen: Michael Bielicky (dessen Werk man auch in einem jüngst erschienen Buch neu entdeckten kann), revolutionierte in den Achtzigern die Video-Kunst, erinnert Maak. Besonders toll findet Maak die Filmprojektion "Garden of Error and Decay" von 2010, "in der man gezeichnete, piktogrammhafte Figuren sieht, die wie in einem langsamen Fluss über die Wand treiben. Mit dem Joystick zielte man auf "vorbeiziehende Figuren, und dann gab es einen unterhaltsamen Knall; die Spieler schauten erfreut, dass ihre Befehle solche Effekte hatten, und die Figuren an der Wand schwollen auf das Doppelte ihrer Größe an." Zwar dachten die Besucher, ihre Aktionen hätten Einfluss auf das, was auf dem Bildschirm ablief, dabei waren "es vor allem Twitter-Feeds und Daten der New Yorker Börse, die in Echtzeit in das Werk eingespeist werden und mithilfe ausgeklügelter Algorithmen das vorbeiziehende Weltpanorama der animierten Piktogramme veränderten. So wurde im Spiel offensichtlich, was sonst unsichtbar bleibt: die globalen, übers Internet gesteuerten Bewegungen der Märkte und ihre politischen und ökologischen Folgen."
Weitere Artikel: Für alle, die nicht mehr wissen, was sie sich noch tätowieren können, hat Peter Richter in der SZ einen Tipp: Holm Friebe von der "Zentralen Intelligenz-Agentur" (ZIA) hat bildende Künstler und Künstlerinnen um Tattoo-Motive gebeten, darunter Olga Hohmann, Charlie Stein und "sozusagen als Doyen der Ganzkörper-Totalkunst, sogar Timm Ulrichs, der sich Anfang der Siebziger schon das Wort 'The' aufs eine Augenlid tätowieren ließ und aufs andere das Wort 'End'."
Besprochen werden die Ausstellung "Bonnard-Matisse, eine Freundschaft" in der Fondation Maeght in Saint-Paul-de-Vence (FAZ) und die Ausstellung "When We See Us - Hundert Jahre panafrikanische figurative Malerei" im Kunstmuseum Basel (NZZ).
Die Retrospektive des Filmfestivals Locarnogratuliert in diesem Jahr den altehrwürdigen ColumbiaPictures zum 100-jährigen Bestehen. Zu erleben ist in 44 Filmen, wie sich das Studio aus der "Poverty Row" Hollywoods zu den großen Playern im Business hocharbeitete, schreibt Michael Ranze in der FAZ. Columbia war "nicht so tough wie Warner, nicht so glamourös wie Paramount, nicht so stargespickt wie MGM, nicht so horroraffin wie Universal, nicht so ausstattungsverliebt wie Fox. Kein Luxus, keine Extravaganzen, dafür Kreativität, Flair und Qualität." Tycoon HarryCohn "hatte bereits 1926 entschieden, dass - anders als Paramount, Warner und MGM - Columbia keine eigenen Filmtheater besitzen sollte. Das sparte Geld für Grundstücke und Bauten. Das bedeutete allerdings auch, dass die Filme gut sein mussten. Sonst hätten die Filmverleiher sie nicht gebucht." Als "schönsten Film der Retrospektive" legt Ranze uns JoshuaLogans "Picnic" von 1955 ans Herz - hier daraus die Tanzszene mit WilliamHolden und KimNovak, "eine der sinnlichsten und aufregendsten Szenen, die das Hollywood-Kino der Fünfzigerjahre erlaubte".
Außerdem: Jörg Taszman unternimmt für den Filmdienst einen Streifzug durch die Welt der auf Liebhaber-Editionen spezialisierten Labels für Heimkino-Medien, die sich trotz des allgemeinen Sinkflugs von DVD und BluRay gut am Markt halten. Besprochen werden M. NightShyamalans Thriller "Trap" (Standard), die auf Sky gezeigte Doku "The Truth vs Alex Jones" (FAZ) und die von der ARD online gestellte, schwedische Serie "Limbo" (taz).
Der Dramaturg Stephan Knies, der vorausschickt, selbst schon einschlägig an Theatern sexuell belästigt worden zu sein, hält die Kontroverse um François-XavierRoth für einige Töne zu schrill, kommentiert er in Backstage Classical. "Ein Dickpic ist nicht tolerierbar", unterstreicht er. "Was moralisch verwerflich ist (und darum drehen sich die meisten Kommentare), muss, besonders wenn es von einer Führungsperson kommt, benannt und die Führungsperson damit konfrontiert werden. Ist das - wie in diesem Fall - passiert, und gibt es glaubhafteAnzeichen, dass diese Konfrontation zu Reue und einer Änderung des Verhaltens geführt hat, ist es wirklich Zeit, die Phase der erregten und mit falschen Begriffen und Behauptungen geführten Debatte zu verlassen. Noch dazu, wenn jedem klar ist, dass vermutlich schon ein unerwünschtes Kuss-Emoji (!), sicher aber ein einziges weiteres Dickpic das sofortige Ende der Karriere von Roth bedeuten würde. ... Alleine das widerlegt die vielen wütenden Wortmeldungen, dass die Anzeige der Vorfälle durch die Betroffenen nun überhaupt keine Wirkung gezeigt haben soll."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Stephanie Grimm spricht in der taz mit dem PophistorikerJonSavage, der in seinem neuen Buch "The Secret Public" nachzeichnet, wie queereSubkulturen von den Fünfzigern bis zu den späten Siebzigern die Popkultur geprägt haben. "Der queere Subtext trug sicher zum Reiz von Popmusik bei - gerade für die heterosexuelle Jugend, die nicht den gängigen Vorstellungen folgen wollte, wie ein Mann oder eine Frau jeweils zu sein hat. Wer sich mit Popkultur beschäftigte, stieß unweigerlich auf LGBTQ-Themen." Nach den Fünfzigern "interessierten sich Leute für Pop, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprachen. In der repressiven britischen Gesellschaft jener Zeit fanden diejenigen ihren Platz im Pop, die etwas Kreatives machen wollten oder einfach rebellisch waren. Ein anderer Umgang mit Sexualität und Geschlechterfragen war Teil davon. Voran kam die queere Emanzipation wohl durch ein Zusammenspiel aus Hard Power, also politischem Aktivismus, und kulturellerSoftPower." Insbesondere den Discomusiker Sylvester hat er bei der Beschäftigung mit dem Thema neu zu schätzen gelernt, sagt Savage:
Weitere Artikel: Leonie Gubela porträtiert in der taz den Rapper Flaiz, der in Görlitz gegen Rechtsextremismus rappt. Gerrit Bartels fragt sich im Tagesspiegel, was PeterMaffay eigentlich beim Metalfestival in Wacken zu suchen hat. Besprochen werden Adeles erster von zehn Auftritten in München (Welt) und das Berliner Konzert von ArrestedDevelopment (taz).
Außerdem haben CharliXCX und BillieEilish einen gemeinsam Song samt Video veröffentlicht: "Es ist sexy, es ist aufregend, es ist irgendwie skandalös und selbstironisch", freut sich Helene Slancar im Standard.
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