Efeu - Die Kulturrundschau

Blue Notes eines Weltschmerzes

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02.07.2024. Die geballte Krisenhaftigkeit schlägt den Kritikern bei Marc-André Dalbavies Oper "Melancholie des Widerstandes" an der Berliner Staatsoper entgegen: zum Glück erleuchten die Sänger das Dunkel ein wenig, seufzt erleichtert die FAZ. Der Tagesspiegel sucht bei der großen Cartier-Bresson-Retrospektive in Hamburg Truman Capote im Blätterwald. Die Literaturkritiker verabschieden sich von Ismail Kadare. Die SZ erinnert an die albtraumhafte Atmosphäre totalitärer Herrschaft, die er in seinen Romanen schuf.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2024 finden Sie hier

Literatur

Ismail Kadare (Albanisches Staatsarchiv, gemeinfrei)
Ismail Kadare ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Karl-Markus Gauss würdigt in der NZZ den albanischen Schriftsteller als "einen der großen europäischen Erzähler unserer Zeit". Dass er den Literaturnobelpreis für sein Werk - das prall ist an "Legenden, Mythen, dem Wirken des Wunderbaren im Alltag und düsteren Vorkommnissen, skurrilen Gestalten, hartem Realismus, präzisen Beobachtungen" - nie erhalten hat, liegt vielleicht auch daran, mutmaßt Gauss, dass Kadare in Albanien unter Enver Hoxha als "Staatsdichter" galt, in dem "das öffentliche wie das private Leben von einem aberwitzigen Totalitarismus reglementiert wurde. Den einen galt und gilt Kadare daher als Günstling. ... Andere würdigten hingegen die künstlerische Kraft des Erzählers und seinen Mut, die Herrschaft der Osmanen in packenden historischen Romanen zu verwerfen, um vor dieser geschichtlichen Kulisse auch dem stalinistischen Regime den literarischen Prozess zu machen. Und was wäre, wenn beides zuträfe?"

SZ-Kritiker Martin Ebel zählt zur zweiten Sorte: "Ein Meisterwerk wie 'Der Nachfolger' - entstanden allerdings nach dem Ende des Regimes - bildet das kongeniale Pendant zu den Diktatorenromanen Südamerikas. Kaum je ist die albtraumhafte Atmosphäre totalitärer Herrschaft beklemmender, überzeugender eingefangen worden. ... Kadare ist kein Realist, schon gar kein sozialistischer. In seinem Roman 'Spiritus' lässt das Regime etwa überall Wanzen platzieren, die die Untertanen noch im Grab abhören. Den ästhetischen Direktiven des Kommunismus, die er in Moskau am Maxim-Gorki-Institut gelernt hatte, hat er sich nie gebeugt. Es gibt keine optimistischen Finales; die Schlüsse sind offen oder tragisch. Es gibt kein siegesgewisses Kollektiv, sondern zweifelnde Individuen."

"Niemand sonst im sozialistischen Zeitalter hat so konsequent die Tradition des bürgerlichen Romans fortgeführt", schreibt Andreas Platthaus in der FAZ. Kadares Romane "machen mit einem archaisch, aber nicht direkt gestrig wirkenden Albanien vertraut, einer ungefiltert, ungeschönt, ungelobt, unbezweifelt patriarchalischen, strengen, anstrengenden Gesellschaft", schreibt Judith von Sternburg in der FR.

Bernd Rheinberg bespricht für die Salonkolumnisten Salman Rushdies Buch "Knife" (das in der deutschen Ausgabe merkwürdigerweise nicht "Messer" heißt). Rheinberg kommt auf die "Solidarität" zurück, die Rushdie zuteil wurde und die bestenfalls eine halbe war. irgendwie klingt es seltsam vertraut: "Er habe sich das alles selbst zuzuschreiben, hieß es oft, ja, er habe die Reaktion der Islamisten provoziert. Ein Oxford-Professor konstatierte, dass alle, die Rushdie verteidigten, eine 'neoliberale Auffassung von freier Meinungsäußerung' besäßen. Fluggesellschaften wollten ihn nicht transportieren, Leute nicht im selben Restaurant mit ihm essen. Rushdie erlebte neben der Solidarität eine 'dauernde Unterströmung von Missbilligung': Das Opfer war der Schuldige."

Weiteres: Klaus Kastberger porträtiert für den Standard den in Graz lebenden Schriftsteller Fiston Mwanza Mujila. Andreas Platthaus ärgert sich im FAZ-Kommentar, dass der Verlag Aibo mit einer KI Fontanes "Effi Briest" in einfache Sprache eingedampft und damit jegliches Formbewusstsein (und manche sprachliche Pointe) aus dem Text getilgt hat: KI und Lektoren verstehen "einfache Sprache" als "ein Werkzeug, um ihr Publikum so dumm zu machen wie sie selbst". Paul Jandl (NZZ), Wolfgang Krischke (Welt) und Hilmar Klute (SZ) erinnern an Friedrich Gottlieb Klopstock, der vor 300 Jahren geboren wurde. Petra Ahne reist für die FAZ nach Tetschen-Bodenbach, wo Kafka und Felice Bauer ihre Beziehung zu retten versuchten.

Besprochen werden unter anderem Vincent O. Carters "Amerigo Jones" (FR) und Kai Kauffmanns Klopstock-Biografie (FAZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Film

Marius Nobach resümiert im Filmdienst die ersten Tage des Filmfests München: "Viele Filme der Blick auf (überwiegend) junge Figuren, die nach einem authentischen Leben und belastbaren Idealen suchen und sich vor der Austauschbarkeit und Beliebigkeit des Daseins fürchten." Philipp Bovermann porträtiert in der SZ die Schauspielerin Jessica Lange, die beim Filmfest München für ihr Lebenswerk geehrt wird. Dietrich Leder schreibt im Filmdiest über 20 Jahre Arte-Magazin "Karambolage".

Besprochen werden David Hintons und Martin Scorseses Essayfilm "Made in England" über die Filme von Powell & Pressburger (Standard), die Netflix-Miniserie "Ashley Madison. Sex, Lügen und ein Skandal" über die teils dramatischen Folgen einer gehackten Seitensprung-Onlineportals (NZZ) und die Netflix-Serie "Supacell" (taz).
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Architektur

Andrian Kreye hat für die SZ den Architekten Markus Stenger am Bergson-Kunstkraftwerk bei München getroffen und unterhält sich mit ihm darüber, warum man das Konzept der Großstadt neu denken muss und natürlich auch über den neuen Konzertsaal: "Und schon ist man mit Markus Stenger mitten in einem Diskurs, in dem die Architektur nur der Ausgangspunkt für ein Nachdenken über die Stadt ist, das ins 21. Jahrhundert gehört und nicht ins 13. Jahrhundert...Stenger und sein Büro von 15 Leuten haben darüber mal eine Studie angefertigt. 'Wir sind drauf gekommen, dass dieses historische Erbe der Residenzstadt eine riesige Bürde ist, sagt er. 'Die Residenzstadt war zentriert. Alles war um diesen Sitz des Königs konzentrisch angeordnet. Und dann kamen die Nazis und haben einen - von vielen - gigantischen Fehlern begangen, als sie alle eigenständigen, gut funktionierenden Stadtviertel zwangseingemeindet und deren Identitäten abgebaut haben, um das Stadtzentrum aufzubauen."
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Musik

Das neue Album des israelischen, in New York arbeitenden Jazz-Saxofonisten Oded Tzur entstand im letzten Herbst unter den Eindrücken des 7. Oktober entstanden, schreibt Andrian Kreye in der SZ. "Die Mikrotöne, die er zwischen den zwölf Noten der westlichen Hörgewohnheiten findet, sind so etwas wie die Blue Notes eines Weltschmerzes, der bei den Arbeiten zu diesem Album eine solche Qual war, dass die Aufnahmen fast gescheitert wären. ... Man spürt mit jeder Note die Pein, die den Musikern in den Knochen steckte. Da ist eine Dringlichkeit, die gerade aus den freien Momenten strahlt, die über die musikalische Ekstase des Jazz hinausgeht."



Weitere Artikel: Daniel Bax porträtiert im Tagesspiegel Karol G, den "zweifellos größten Latin-Star der Saison". Ljubiša Tošić stellt im Standard sechs Nachwuchshoffnungen der Klassik vor, mit denen man rechnen sollte. Besprochen wird Omid Mirnours auf Youtube gestellter Dokumentarfilm über Rap und Revolution in Iran (taz).
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Stichwörter: Tzur, Oded, Jazz, 7. Oktober, Rap-Musik

Design

Christine Meffert erzählt im Zeit Magazin von ihrer Begegnung mit der Designerin Inga Sempé in Paris. Dass Handtaschen namhafter Marken heute schon im Einstiegsbereich vierstellige Beträge kosten, hat auch mit dem Siegeszug der Billigtaschen-Anbieter zu tun, schreibt Tillmann Prüfer im Zeit Magazin: Wo Stil als Distinktionsmerkmal verloren geht, muss es eben der Preis richten.
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Bühne

Szene aus "Melancholie des Widerstands" an der Staatsoper Berlin. Foto: William Minke.

"Schreiend aktuell" ist  David Martons Inszenierung der Oper "Melancholie des Widerstandes" an der Staatsoper Berlin, findet Clemens Haustein in der FAZ. Marc-André Dalbavie hat das Stück, in dem eine Kleinstadt nach und nach im Chaos versinkt, nach dem gleichnamigen Roman von László Krasznahorkai als "filmische Oper" konzipiert - und Haustein findet hier alle Symptome der gegenwärtigen Krisenhaftigkeit: Machtbesessenheit, Umweltzerstörung, Faschismus. Das macht nun nicht gerade froh, allerdings leuchtet dem Kritiker aus dem Dunkel der Countertenor Philippe Jaroussky entgegen, "ein Glücksfall für die Inszenierung. Seine satt leuchtende Stimme, die kein Falsch und Böse kennt, verleiht dem Valouchka eine Strahlkraft von himmlischer Naivität." Ein "Opernrätsel" entfaltet sich indes für SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber: "Die Figuren mäandern auf verschlungenen Pfaden durch geisterhafte Filmschnitte oder durch die Bühnenrealität. Sie verschwinden und tauchen wieder auf als apokalyptische Träumer. Im Roman ist das bezwingend erzählt, die Oper jedoch ist narrativ überfrachtet davon, dass Musiktheater hier Filmtheater werden soll." In der nachtkritik schreibt Georg Kasch zum Stück. Im Tagesspiegel Georg Dotzauer.

Besprochen wird Andriy Zholdaks Inszenierung von Beethovens Oper "Fidelio" an der Oper Amsterdam (Welt), John Neumeiers Choreografie "Epilog" an der Staatsoper Hamburg (FR, SZ).
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Kunst

Henri-Cartier-Bresson. Livorno, Italien, 1933. © Fondation Henri-Cartier Bresson. Magnum Photos 2024.

Henri Cartier-Bresson hätte diese Retrospektive gefallen, glaubt Ulla Fölsing im Tagesspiegel, wenn sie durch das Bucerius Kunst-Forum in Hamburg schlendert. Sie betont sowohl das Spontane und Lebensfrohe in seinen Fotos als auch den politischen Aspekt. Vor allem freut sich Fölsing über Bressons ikonische Porträts: "An den perfekt komponierten Fotos verblüfft, dass die Personen im Vergleich zum erzählenden Hintergrund oft nur einen kleinen Teil des Bildraums einnehmen. So zeigt sich der junge Truman Capote versteckt in einem Blätterwald. Der betagte Henri Matisse lagert im Schlafrock mit Skizzenblock in einem Lehnstuhl zwischen ausladenden Vogelkäfigen, eine Taube auf seiner linken Hand. Und Alberto Giacometti läuft auf seinem ins kollektive Gedächtnis eingegangenen Porträt nahezu unkenntlich über eine regennasse Straße, den Mantel über den Kopf gezogen."

Weitere Artikel: Die Ausstellung "New Ecologies" in Chemnitz sorgt für Streit, berichtet Paul Linke in der Berliner Zeitung. Eine Installation des Künstlerinnenduos Haubitz + Zoche, das auf den Klimawandel aufmerksam machen will und einen mit Wasser gefüllten BMW zeigt, wurde beschädigt: "Mit Autos macht man keine Scherze in Chemnitz, auch keine Kunst. ... Im Chemnitzer Stadtrat beschwerte sich die AfD über die Verschwendung von Steuergeldern."

Besprochen wird die Ausstellung "Aus der Krankheit eine Waffe machen" im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien in Berlin (taz), die Ausstellung "Prinzip Held*" im Flughafen Gatow Berlin (Welt), die Ausstellung "Fotografieren, was ist. Dirk Reinartz" im Landesmuseum (LVR) in Bonn (FAZ), die Ausstellung "Jean Daret - Peintre du roi en Provence" im Musée Granet in Aix-en-Provence (FAZ), die Ausstellung "Wish You Were Gay" von Anne Imhof im Kunsthaus Bregenz (tsp).
Archiv: Kunst