Efeu - Die Kulturrundschau

Angemessene Ritualisierung

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.01.2022. Die FR badet mit Vivaldis "Juditha triumphans" in der Schönheit von Frauenstimmen. Die FAZ betrachtet die Pariser Welt Prousts. Die taz empfiehlt wärmstens die Compilationreihe "Songs of Gastarbeiter". Lens culture stellt die taiwanesische Künstlerin John Yuyi vor. Und: Die Filmkritiker trauern um Hardy Krüger, den ewigen Jungen mit einem gesunden Appetit auf Abenteuer und Welterfahrung, so Georg Seeßlen auf Zeit online.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2022 finden Sie hier

Bühne

"Juditha triumphans" an der Stuttgarter Oper. Foto © Martin Sigmund


Wunderbare zweieinhalb Stunden erlebte FR-Kritikerin Judith von Sternburg mit Vivaldis Oratorium "Juditha triumphans", das Silvia Costa an der Staatsoper Stuttgart inszeniert hat. "Die Geschichte von Judith und Holofernes dreht sich ja um einen klassischen weiblich-männlichen Antagonismus - und das ist jetzt eine sehr kurze Zusammenfassung -, wie also damit umgehen, dass auch Holofernes eine Frau ist? Costa hat sich für eine - auch der Form des Oratoriums extrem angemessene - Ritualisierung entschieden. Erzählt wird nicht die (bekannte) Geschichte selbst, sondern davon, wie eine Gemeinschaft von Frauen sie sich in offenbar eingeübten Szenen vergegenwärtigen. ... Der unaggressiven Ruhe der Bewegungen entspricht die Musik, die die Schönheit von Frauenstimmen feiert, damals wie heute ein großes Erlebnis."
Archiv: Bühne

Film

Hardy Krüger, 2013 (Raimond Spekking / Ausschnitt / CC BY-SA 4.0)

Die Feuilletons trauern um Hardy Krüger - er war nicht nur ein international gefragter Schauspieler, sondern auch ein engagierter Gegner alter wie neuer Nazis, erinnert Daniel Kothenschulte in der FR: "In seiner Unverwechselbarkeit verkörperte dieser blonde, ewig junge Mann auch etwas Universelles: eine selbstbestimmte Energie von großer physischer Präsenz. Einen unkorrumpierbaren Unternehmergeist und Überlebenswillen, ein Abenteurertum, das ihn für Heldenrollen prädestinierte, aber zugleich alltagstauglich war."

"Unter den Aus- und Aufbruchshelden war Hardy Krüger derjenige, dem man es wirklich zutraute, das Abenteuer", seufzt Georg Seeßlen auf ZeitOnline. Denn Krüger war beides: "ein lakonischer Melancholiker, der eine verborgene Last, ein geheimes Wissen mit sich herumschleppte, und ein ewiger Junge, mit einem gesunden Appetit auf Abenteuer und Welterfahrung. ... Mit Hardy Krüger entkamen wir für anderthalb Stunden dem Sog der neobiedermeierlichen Stickigkeit, aber auch der hysterisch gepflegten Infantilität des deutschen Pop-Mainstream."

Im Kino der Nachkriegszeit war er "eine singuläre und zugleich widersprüchliche Figur", schreibt Claudius Seidl in der FAZ und erinnert daran, dass Krüger wegen seiner Weigerung, auf Soldaten zu schießen, noch in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs zum Tode verurteilt wurde. "So stand dem Publikum in den Fünfzigerjahren dieser junge Mann vor Augen, ein Schauspieler, der ein stabiles Rückgrat mit in seine Rollen brachte und der sich deshalb eine andere Präsenz, eine lässigere Körperlichkeit, ein offeneres Lächeln leisten konnte als die steifen Figuren um ihn herum." Weitere Nachrufe schreiben Susan Vahabzadeh (SZ), Michael Wenk (NZZ) und Tilman Krause (Welt). Dlf Kultur hat ein großes Radiogespräch von 2018 wieder online gestellt.

Von seinen Filmen findet man im Netz leider kaum was. Hier immerhin erklärt er (leider in nicht sehr guter Qualität) James Stewart, wie man richtig fliegt:



Außerdem: Felix Heidenreich fragt sich in der NZZ, welcher der populären Lesarten von Tolkiens "Herr der Ringe" sich das für Herbst angekündigte Amazon-Prequel wohl anschließen wird oder ob die Serie eher an den Zeitgeist angepasst wird. Shakespeare erweist sich für Kino und Serien derzeit als erstaunlich aktuell, staunt Jean-Martin Büttner im Tagesanzeiger. Besprochen werden Paul Thomas Andersons "Licorice Pizza" (NZZ), Sabrina Sarabis "Niemand ist bei den Kälbern" (FR) und Guillermo del Toros "Nightmare Alley" (FR, Standard).
Archiv: Film

Kunst

Tinder match, 2016 © John Yuyi


In lens culture stellt Joanna L. Cresswell die taiwanesische Künstlerin John Yuyi vor, die in ihren Arbeiten den menschlichen Körper und seine Beziehung zur Außenwelterforscht: "Viele von Yuyis Bildern konzentrieren sich auf die Haut und den Körper, insbesondere auf Gesichtszüge wie Augen, Nasen und Lippen - die sensorischen Teile von uns, die, die sehen und schmecken und herausfinden, wie wir mit der Welt in Verbindung treten, denn Verbindung und die Art und Weise, wie wir einander kennenlernen können, stehen im Mittelpunkt ihrer Arbeit. 'Ich bin in Taiwan aufgewachsen, umgeben von Menschen einer einzigen Rasse, mit so wenigen Menschen verschiedener Ethnien. Darum hat es gedauert bis ich erwachsen war und Freunde hatte, um wirklich zu sehen, wie unterschiedlich Menschen sind. Haut, Poren, Augenbrauen, alles', sagt sie. 'Ich fand das so interessant. Selbst jetzt, wenn ich denke, dass ich über eine Beziehung hinweg bin, denke ich immer noch an die Haut dieser Person, ihre Muttermale, diese Teile von ihr. Ich glaube, deshalb haben Gesichter und Haut eine wirklich tiefe Bedeutung für mich.'"

Weitere Artikel: Im Interview mit dem Standard erklärt die neue Mak-Direktorin Lilli Hollein (Schwester von Max), wie sie das Mak woker machen will, Unisex-Toiletten und Abschaffung von Herr und Frau in der Anrede inklusive. Philipp Meier skizziert in der NZZ die schwierigen Aufgaben der künftigen Kunsthaus-Direktorin Ann Demeester, die das Haus mitten im Streit um die Kunstsammlung Bührle übernimmt. Die Briten geraten immer mehr unter Druck, endlich die Parthenon-Skulpturen an Griechenland zurückzugeben, seit das Archäologische Museum Palermo ein Fragment des Parthenon-Frieses zurückgegeben hat, berichtet Thomas Ribi in der NZZ.
Anzeige
Archiv: Kunst
Stichwörter: Woke, Taiwan, Parthenon

Literatur

In diesem Bett schlief und starb der Meister: La chambre de Marcel Proust. Foto: Pierre Antoine, Musée Carnavalet - Histoire de Paris


Gerade erst hatte Marcel Proust 150. Geburtstag, da naht schon der 100. Todestag! Aus diesem Anlass hat das Musée Carnavalet eine Schau über die Pariser Welt zu Prousts Zeiten eingerichtet, erzählt Andreas Platthaus in der FAZ. Zu sehen gibt's neben dem Schlaf- und Arbeitszimmer Prousts, seinem Wintermantel, seiner Chaiselongue, einer Haarlocke und den Notizbüchern viel Malerei: "Eine Ansicht des Bahnhofs Saint-Lazare von Monet, ein Stellschirm von Bonnard (beide Künstler hat Proust persönlich gekannt), Bühnenbild- und Kostümentwürfe von Léon Bakst für die Ballets russes oder Rodins von diesem selbst unter Verschluss gehaltene Gipskleinplastik 'Femmes damnées', die wie eine Bebilderung der Eifersuchtsvisionen des Erzählers der 'Recherche' gegenüber seiner Freundin Albertine (in der er eine Lesbierin vermutet) wirkt. Aber es sind auch unerwartete Entdeckungen zu machen, die das Paris der Belle Époque in seiner Doppelbödigkeit vor Augen führen: Fotos von Männerbordellen und den offenen Bedürfnisanstalten auf den Champs-Élysées, die bei Proust zu Schauplätzen homosexueller Leidenschaft werden."

"Noch nie wurde so viel übersetzt wie heute, noch nie war das Niveau der Übersetzungen so hoch wie heute, und noch nie waren die Reflexionen über übersetzerisches Tun so intensiv; so vielseitig und vielsprachig", schreibt Perlentaucherin und Übersetzerin Marie-Luise Knott auf der neuen Website Babelwerk, ein Projekt des Projekt des Deutschen Übersetzerfonds, das dieses Nachdenken übers Übersetzen vorantreiben will. Unter anderem findet sich hier ein Essay des Autors und Übersetzers Peter Waterhouse: "Další stanice - Hören wir auf zu übertreiben".

Außerdem: Hans Höller erinnert im Standard an Franz Gillparzer, der vor 150 Jahren gestorben ist. Besprochen werden Lola Lafons "Komplizinnen" (online nachgereicht von der FAZ), neue Essaybände von Odile Kennel und Lea Schneider (SZ) sowie Andreas Reckwitz' und Hartmut Rosas "Spätmoderne in der Krise" (FAZ).
Archiv: Literatur

Musik

Sehr verdienstvoll findet tazler Julian Weber den zweiten Teil der von Imran Ayata und Bülent Kullukcu kuratierten Compilationreihe "Songs of Gastarbeiter", auf dem sich zum Beispiel mit dem Anti-Rassismus-Stück "Liebe Gabi" der bislang nur Eingeweihten bekannte Disco-Folk des Duos Derdiyoklar aus dem Jahr 1981 bewundern lässt. "Dazu gibt es Coverversionen, klassische Folktraditionals, aber auch rührselige Schlager und Disco-Folk, nicht nur aus Westdeutschland, auch vietnamesischer Pop aus der DDR ist zu entdecken: 'Cherie' vom Projekt Bayon." Die "IG Metall hat ihr Logo schon mal solidarisch auf dem Cover von Teil 2 abgedruckt, wenn jetzt noch die Indie-Gewerkschaft, der Arbeitskreis Dancefloor-Community und die HipHop GmbH beim dritten Teil dazukommen, wäre schon viel erreicht."



Online nachgereicht berichtet Elena Witzeck in der FAS vom Triumph des Cantautorap in Italien, "eine Mischung aus Songwriting und Rap, die in Italien möglich ist, weil sich italienische Rapper, auch inspiriert durch K-Pop, wieder mehr zu singen trauen und Genres und Formationen wechseln wie Frisuren." Ein definierender Moment war der Song "Maledetto Tempo" von Franco126, bei dem Freunden schmachtenden Italo-Pops das Herz zerfließt:



Außerdem: SZ-Kritiker Joachim Hentschel wird "ein bisschen schlecht dabei", wenn auf Demos aus dem Querdenkermilieu Protestkulturklassiker von Bob Marley und den Ton Steine Scherben, aber auch "Freiheit" von Marcus Müller-Westernhagen laufen. In seiner VAN-Reihe über Komponistinnen erinnert Arno Lücker hier an Cecilia Seghizzi und dort an Vally Weigl.

Besprochen werden OG Keemos neues Rap-Album "Mann beißt Hund" ("so selbstkritisch in den Texten wie er klingt momentan kein anderer Rapper in Deutschland", schreibt Cem-Odos Güler in der taz), das neue Album von FKA twigs (Tsp), das Album "First Flight to Tokyo" von Art Blakey und den Jazz Messengers (Presse), Yannick Nézet-Séguins Aufnahme von Florence Price' erster und dritter Sinfonie (Presse), das neue Album von Elvis Costello (Standard), neue Metalveröffentlichungen (The Quietus) und Olly Alexanders Diskopop-Album "Night Call" ("Zeitgeistig ist was anderes", schreibt Aida Baghernejad im Tso, "aber wie in einer Wundertüte tauchen immer wieder Versatzstücke aus der Geschichte des Pop auf")

Archiv: Musik
Stichwörter: Gastarbeiter, Rassismus, Hiphop, Rap