Efeu - Die Kulturrundschau

Schwingen des rechten Arms mit Faust

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30.09.2021. Hyperallergic besucht im Metropolitan Museum eine Ausstellung über "Die neue Frau hinter der Kamera". Bei Dlf Kultur fragen Weberinnen aus Südmexiko, warum ihre Muster von Firmen wie Zara einfach kopiert werden können. In Van überlegt der Komponist Fabien Lévy, wie Konzerte umweltschonender veranstaltet werden können. Die FAZ taucht ein in gelebte Postkolonialität mit Lisa Bierwirths Spielfilm "Le Prince".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2021 finden Sie hier

Kunst

Dietrich Orth, "Geborgenheitsgefühl"
Stefan Trinks empfiehlt in der FAZ die Ausstellung "Crip Time" im MMK Frankfurt mit Werken von behinderten Künstlern. Einige bekannte Namen sind dabei, zu sehen sind aber vor allem unbekannte Künstler, so Trinks, der einige Entdeckungen macht, darunter Dietrich Orth. "Für ihn war Kunst Lebensbewältigung ... Sein schier endlos nach hinten ziehender kafkaesker Korridor auf dem Bild 'Geborgenheitsgefühl', angefüllt mit zwei gigantischen Röhren, in deren einer in Pink das grotesk verlängerte Tischbein eines Behördentischs eingewachsen ist, vermittelt optisch zwar wenig Sicherheit oder gar Geborgenheit. Die Aufschrift im Bildvordergrund aber, auf die Tischbein und Röhren wie Pfeile hinweisen, verheißt dem Betrachter bei achtsamem Ansehen Gutes: 'Beim Beschauen dieses Bildes im Geiste vorn rechts und Schwingen des rechten Arms mit Faust verschwindet nach dem Aufstehen Restmüdigkeit'."

Niu Weiyu, "The Handcrafts Group Organized by Families of Shanghai Business Owners Making Chinese Dolls", 1956. Courtesy Gao Fan & Niu Weiyu Foundation


Julia Curl hat für Hyperallergic die Ausstellung "The New Woman Behind the Camera" im Metropolitan Museum besucht und ist zwiegespalten: Großartig findet sie, dass die Ausstellung oft wenig gewürdigte Fotografinnen zeigt und dass sie dabei den Blick auch über Amerika und Europa hinaus richtet. Aber wenn man schon eine Fotografin wie Leni Riefenstahl aufnimmt, sollte man etwas mehr zu sagen haben, als sie einfach in die Riege der Künstlerinnen zu stellen, nur weil sie eine Frau ist, denkt sich Curl. Immerhin: "'The New Woman' hebt auch so manchen vergrabenen Schatz. ... Niu Weiyu ist eine weitere herausragende Künstlerin. Auf einer ihrer Fotografien sitzen drei Frauen fast in einem Chiaroscuro um einen Tisch herum, malen und setzen Puppen zusammen. Das Bild ist teils Fotojournalismus, teils Metapher für den Akt der Schöpfung und stellt eine Art Mikrokosmos für die Ausstellung 'The New Woman' selbst dar - Frauen bei der Arbeit, die sich auf das Wesentliche konzentrieren."

Philip Guston, "The Studio" (1969), © The Estate of Philip Guston, courtesy the Estate and Hauser & Wirth. Foto: Genevieve Hanson
Philip Guston wird vielleicht immer noch nicht richtig erkannt, überlegt in Hyperallergic John Yau nach dem Besuch der Ausstellung "Philip Guston: 1969-1979" in der New Yorker Galerie Hauser & Wirth. Vor allem die Kapuzenmänner, die auch in der Ausstellung als Kritik am Ku Klux Klan verbucht werden, scheinen Yau noch nicht wirklich verstanden. "Mehr als 35 Jahre später, als Guston auf das Motiv der Kapuzenfiguren zurückkam, identifizierte er sie als Maler, die nicht sprechen können, weil sie beschlossen haben, einem Club beizutreten, in dem das eigene Denken und Sehen verboten ist. Stattdessen rauchen sie Zigarren, bleiben stumm und sitzen in Fahrzeugen ohne Räder, die nirgendwo hinfahren."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung über Ferdinand Hodler in der Berlinischen Galerie (taz).
Archiv: Kunst

Design

Für eine große Reportage im Dlf Kultur hat Wolf-Dieter Vogel indigene Weberinnen in Südmexiko besucht. Deren folkloristisch gemusterte Huipils wurden auch von einem spanischen Modeunternehmen adaptiert, aber offenbar ohne das abzuklären: "Der Schnitt und die Motive eines Kleides der spanischen Firma sind fast identisch mit denen eines Huipils aus San Juan Colorado. Niemand in der Gemeinde wusste vorab davon." Der Weberin Flora Reyes geht es in ihrer Empörung darüber nicht "nur darum, dass sie nichts vom Gewinn der Zara-Produkte abbekommt. Sie hat auch nichts dagegen, dass die Motive ihrer Vorfahren weltweit von anderen verbreitet werden. 'Grundsätzlich würde uns das gar nicht stören. Letztlich könnte man sagen, dass das unseren Ruf stärkt und wir dadurch unsere Produkte besser verkaufen könnten", sagt sie. 'Es ärgert uns aber, dass Firmen wie Zara die Muster identisch kopieren, aber nicht sagen, dass sie aus dem Design eines Huipil aus San Juan Colorado stammen. Sie tun so, als hätten sie das selbst entworfen."
Archiv: Design

Literatur

Bei der nachtkritik fordert Anna Opel eine "Dekolonisierung" des Übersetzens und definiert neue Aufgabenfelder für ihre Zunft: "Uns Übersetzer:innen fällt, neben vielem anderen, auch die Aufgabe zu, diskriminierungssensible Fragen in die weite Welt der literarischen und nichtliterarischen Texte zu transportieren. Und auf die Theaterbühnen. Nicht mit der Gießkanne, sondern in vielen einzelnen Entscheidungen, in denen wir Formulierungen von einem Kulturraum in den anderen transferieren, in denen wir zwischen Referenzräumen vermitteln. Das Feld der Kunst und der Literatur entgrenzt das eigene Wissen und Empfinden prinzipiell. Zu fordern, dass es künftig in Sachen Identität eine größtmögliche Übereinstimmung zwischen Autor:in und Übersetzer:in geben muss, finde ich daher falsch. Das Feld, das jede:r dann noch bestellen dürfte, wäre allzu überschaubar und allzu vertraut."

Weiteres: In der Zeit gratuliert Alexander Cammann dem Verleger Wolfgang Beck zum 80. Geburtstag. Besprochen werden ein von Agathe Novak-Lechevalier herausgegebener Band über Michel Houellebecq (FR), Botho Strauß' "Nicht mehr. Mehr nicht" (Dlf Kultur), Ross Thomas' wiederveröffentlichter Krimi "Keine weiteren Fragen" aus den Siebzigern (Tages-Anzeiger), Franck Biancarellis und Lewis Trondheims Comic "Karmela Krimm" (Tagesspiegel), neue Krimis, darunter David Peace' "Tokio Neue Stadt" (SZ), Ulrich Kochs Gedichtband "Dies ist nur ein Auszug aus einem viel kürzeren Text" (SZ) und die Wiederveröffentlichung von Leopold Tyrmands "Filip" (FAZ).
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Archiv: Literatur

Film

Ökonomien der Liebe: Lisa Bierwirths "Le Prince"

Lisa Bierwirths Langfilmdebüt "Le Prince" überzeugt die Filmkritik: Sie erzählt von der Begegnung einer weißen Kuratorin in Frankfurt (Ursula Strauss) mit einem schwarzen Diamantenhändler aus Afrika (der französische Rapper Passi Balende) - die Filmemacherin erzählt damit "eine Geschichte, die man als gelebte Postkolonialität bezeichnen könnte", schreibt Bert Rebhandl in seiner von der FAZ online nachgereichten Kritik. "Der Film hat ein systemisches Interesse, packt aber alle Überlegungen in präzise gesetzte Details", etwa wenn der Videokünstler Douglas Gordon ein Element von Punk in den Film einführt. "Ein Moment von Punk ist dann auch die großartige (hier nicht zu verratende) Pointe, mit der Lisa Bierwirth die Ökonomien der Liebe und der Arbeit in 'Le Prince' in ein unweigerlich offenes Ende übergehen lässt."

Bierwirth, die zuvor bei Valeska Griesebach als Assistentin gearbeitet hat, deckt mit ihrem Film "rassistische Vorurteile auf, wo man sie eher nicht erwartet: bei vermeintlich liberalen, weltläufigen Bildungsbürgern", schreibt Martina Knoben in der SZ. "Bemerkenswert ist ihr Gespür für Milieus. Bissig skizziert sie die Kunstszene mit ihren Sprechblasen, den subtilen, dabei betonharten Hierarchien." Und tazlerin Barbara Schweizerhof beobachtet: "Trotz der Berliner-Schule-Assoziationen könnte 'Le Prince' auch gut einen 'Frankfurt-Trend' einläuten. Denn so prägnant und zugleich ökonomisch hat noch kaum ein deutscher Film die Mainmetropole als aussagekräftige Location genutzt." Der Tip sprach mit der Regisseurin.

Weitere Artikel: Franco Arnold wirft für die NZZ einen Blick darauf, wie sich die Bond-Girls im Laufe des Franchise gewandelt haben. Ben Whishaw, der im neuen Bond-Film den Waffenmeister Q spielt, gibt dem Standard ein Interview. Für das ZeitMagazin wirft Franziska Herrmann einen Blick in die Drehbücher Münchner Filmstudenten. Im Freitag spricht Thomas Abeltshauser mit dem Filmemacher Anders Thomas Jensen über dessen Film "Helden der Wahrscheinlichkeit" (unsere Kritik). Netflix wird seine Invesititionen in deutschsprachige Produktionen in den nächsten drei Jahren auf 500 Millionen Euro verdoppeln, staunt Wilfried Urbe in der taz. Für die taz wirft Wilfried Hippen einen Blick ins Programm des Filmfests Hamburg, wo unter anderem ein Film über Jonas Mekas läuft. Claudius Seidl gratuliert der Schauspielerin Angie Dickinson in der FAZ zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden Cary Fukunagas neuer Bond-Film "Keine Zeit zu sterben" (Perlentaucher, FR, Standard, Presse, taz, FAZ, ZeitOnline, mehr dazu bereits hier), Anne Fontaines "Police" (Perlentaucher), Dietrich Brüggemanns experimentelle Komödie "Nö" (taz, FR) Hannes Starz' "Another Coin for the Merry-Go-Round" über die Wiener Alternativszene (Standard) und neue Bücher über Marlene Dietrich (Kinozeit).
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Architektur

Sabine von Fischer unterhält sich für die NZZ mit dem Architekten Francis Kéré über Architektur in Burkina Faso. Einige Dörfer dort sind Kandidaten für den Status als Weltkulturerbe, doch werden die traditionellen Häuser immer wieder mit modernen Materialien verändert, mit Wellblech auf den Dächern zu Beispiel. "Für die Unesco gehört das Wellblech nicht dazu. Aber sehen Sie: Es ist längst Teil dieser Dörfer geworden. In jedem Gehöft gibt es wohlhabendere Leute, die ihre Häuser nun mit Wellblech bedecken. Daran können Sie erkennen, dass die Bewohner einflussreiche Leute im Dorf sind. Die Unesco meint nun aber, dass dies das Bild störe."
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Stichwörter: Burkina Faso

Bühne

Besprochen werden Andrej Koroliovs "Die Vorüberlaufenden" von an der Deutschen Oper Berlin (nmz), Rossinis "Barbiere" an der Staatsoper Wien (Standard), Verdis "Il trovatore" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Judith Herzbergs Trilogie "Die Träume der Abwesenden" am Münchner Residenztheater (FAZ) und Twyla Tharps Choreografie "Commentaries on the Floating World" mit dem Ballett am Rhein in Düsseldorf (FAZ).
Archiv: Bühne

Musik

Schön, dass es mit Orchesterkonzerten wieder los geht, freut sich der Komponist Fabien Lévy im VAN-Magazin. Mulmig wird ihm aber trotzdem, wenn er einen Blick auf den Tournee-Plan der Klangkörper wirft und deren CO2-Bilanz durchrechnet. "Wäre es nicht möglich, dass Orchester weniger ins Flugzeug steigen und trotzdem weiter musizieren? Nehmen wir als Beispiel Simon Rattle und das London Symphony Orchestra: Was wäre, wenn Rattle nochmal das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gebeten hätte, Adámeks Stück in Deutschland und der Schweiz zu spielen, anstelle des LSO? Was wäre, wenn die Europatourneen des LSO als Blöcke geplant würden mit kürzeren Etappen anstelle von vielen einzelnen Reisen (immer von London aus und wieder zurück)? Könnten renommierte Festivals und Konzerthäuser die außergewöhnlichen Ensembles und Orchester nicht über längere Zeiträume einladen, dafür aber nicht ganz so viele, so dass diese mehr Zeit in ausgefeiltere und originellere Programme stecken könnten - statt nur ein Konzert zu geben mit Werken, die viele andere auch immer wieder spielen?"

Außerdem: Im Van Magazin spricht Sebastian Solte mit Harry Vogt, der beim WDR seit 30 Jahren als Redakteur für Neue Musik arbeitet und nun seine letzte Saison vor der Rente angeht. Und Hartmut Welscher blickt gemeinsam mit Tobias Rempe auf die Geschichte des Ensemble Resonanz und die Entwicklung der freien Szene. Ata Macias spricht in der FR über die Lage der Frankfurter Clubszene. Die FR plaudert mit der Berliner Musikerin Joy Denalane. Für knapp 50.000 Euro wurde eine Kassette mit John Lennnons bislang unveröffentlichten Song "Radio Peace" von 1970 ersteigert, meldet Linda Gerner in der taz. In der SZ hat Michael Neudecker keine Meinung zur Kündigung weißer Musiker der English Touring Opera im Namen von Diversität, aber dass der Begriff wokeness so runtergemacht wird, findet er gemein. Oliver Hochkeppel schreibt im Tages-Anzeiger zum Tod des Jazzsaxofonisten Pee Wee Ellis, dem Jazz-Organisten Lonnie Smith ruft Andrian Kreye in der SZ nach.

Besprochen werden die Autobiografie des Oasis-Entdeckers und Produzenten Alan McGee (NZZ) und Brandi Carliles Country-Album "In These Silent Days" (Tagesspiegel).
Archiv: Musik