Efeu - Die Kulturrundschau

So eine altmodische, schmutzige Eleganz

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.10.2021. Moskau leuchtet, beteuert der Tagesspiegel nach einem Gang über die Moskauer Kunstmesse. Für die FAZ müssen die Arbeiten der Finalisten zum Preis der Nationalgalerie nicht mit kunsttheoretischem Jargon aufgebrezelt werden - sie gefallen auch so. Artechok lauscht den Erinnerungen des Schriftstellers Walter Kaufmann. Wunderbar aktuell findet die nmz in Wien Emilio de' Cavalieris 420 Jahre alte Oper "Rappresentatione di Anima et di Corpo". In der NZZ erklärt Regisseur Paul Schrader, warum er seine Filme lieber mit wenig Geld dreht.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.10.2021 finden Sie hier

Kunst

"Moskau leuchtet - gerade jetzt, im September, bei den geballten Eröffnungen der Herbstsaison. Ein Feuerwerk, das so dicht, so euphorisch in den russischen Himmel geschossen wird, wie vielleicht seit Sputnik-Zeiten nicht mehr", schwärmt Werner Bloch, den der Tagesspiegel zur Moskauer Kunstmesse "Cosmoscow" schickte, wo er auch einem Putin im Bademantel begegnete. "Der Künstler Stepan Myannik, gerade mal 27 Jahre, schwarze Locken und Sohn einer berühmten russischen Schauspielerin, betont jedoch, dass es sich in Wirklichkeit um den Erzengel Michael handle. ... Genau hier liegt das Geheimnis der russischen Gegenwartskunst: Sie ist kritisch, aufgeweckt, durchaus frech und aufmüpfig. Doch sie hat nichts Gallig-Verbissenes, und sie rennt auch nicht blind gegen die Staatsmacht an, und sie lässt sich nicht von Polizisten zusammenknüppeln, sondern versucht, sie zu ironisieren und zu unterminieren - mit Humor."

Sung Tieu, No Gods, No Masters, Filmstill © Sung Tieu / Emalin, London and Sfeir-Semler, Hamburg & Beirut


Auf den kunsttheoretischen Jargon der Pressemitteilungen hätte FAZ-Kritiker Andreas Kilb gut verzichten können, die Finalisten zum Preis der Berliner Nationalgalerie, die gerade im Hamburger Bahnhof ausstellen, findet er auch so interessant, zumal sie sich weniger mit Utopien beschäftigen als mit Berliner Realitäten. Als Beispiel nennt Kilb die Installation "Song for VEB Stern-Radio" von Sung Tieu: "Tieu hat Passagierlisten der Sonderflüge, mit denen Vertragsarbeiter aus Vietnam in die DDR gebracht wurden, um dort an den drei Standorten des Kombinats Stern-Radio Rundfunkgeräte zu montieren, mit einer Tonspur aus Fabrikgeräuschen unterlegt. Das Rauschen und Summen füllt den quadratischen, klinisch weiß gestrichenen Saal, in dessen Mitte eine Art Spiegelkabinett mit einem Schrein aus Transistorradios aufgebaut ist. Die Geschichte der Vietnamesen, von denen viele in Deutschland blieben und Familien gründeten, verdichtet sich zum Gedenkort."

Weitere Artikel: Annegret Erhard berichtet in der NZZ über die Art Basel im Besonderen und den Kunstmarkt im Allgemeinen. Sophie Vorgrimler unterhält sich für die FR mit der Kuratorin Tatjana Ahle über deren Suizid-Ausstellung im Museum für Sepulkralkultur in Kassel.

Besprochen werden eine Ausstellung der Fotos von Lee Friedlander im C/O Berlin (FR), eine Willi-Sitte-Ausstellung im Museum Moritzburg in Halle (FAZ) und eine Ausstellung der Finalisten zum Preis der Berliner Nationalgalerie im  (FAZ).
Archiv: Kunst

Architektur

In der NZZ macht sich Sabine von Fischer stark dafür, dass der diesjährige Pritzkerpreis an Denise Scott Brown geht: "Immer wieder brachte die Architektin und Stadtplanerin ihr besonderes Augenmerk für Platzgestaltungen und Wegführungen ein, immer darauf bedacht, soziales Leben zu ermöglichen und zu fördern. Die Idee der Stadt und ihrer Quartiere als Ort des Zusammentreffens und Zusammenlebens, der Aktivität und des Austausches beflügelte auch Planungen für die Campus von Universitäten weltweit."

Außerdem: Gina Thomas bewundert in der FAZ die wiedererstandene Kathedrale von Coventry, die im Zweiten Weltkrieg von deutschen Bombern zerstört worden war.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Scott Brown, Denise

Literatur

Walter Kaufmann erinnert sich und erzählt aus seinem Leben

Im April ist der Schriftsteller Walter Kaufmann im Alter von 97 Jahren verstorben, kurz nach Fertigstellung des Porträtfilms "Walter Kaufmann - Welch ein Leben", der jetzt in die Kinos kommt. Wenn Kaufmann darin als Holocaust-Überlebender und Zeitzeuge ausführlich aus seinem Leben erzählt, überantwortet sich Artechock-Kritikerin Dunja Bialas sehr gerne diesem ruhigen Fluss: Die Filmemacher "Kaper und Szuszies verschränken die Vergangenheit mit der Gegenwart, hier wird immer das eine auf das andere bezogen. Der alte Walter Kaufmann durchfährt auf diese Weise weißhaarig die Gegenwart und erinnert sich an sein Leben." Man bleibt "verschont vom einordnenden Häppchen-Journalismus, von dramaturgischen Eingriffen und künstlichen Dramatisierungen. Man lauscht der gleichmäßigen Stimme, gelangt vom Soldaten der 'pazifistischen' australischen Armee zum Hochzeitsfotografen Walter Kaufmann. Dann erzählt Kaufmann völlig beiläufig, wie er mit dem Schreiben begann und sein erstes Buch druckte. Um sich dann das Leben als Schriftsteller zu finanzieren, arbeitete er auf den Weltmeeren." Im Tagesspiegel bespricht Peter von Becker den Film.

Thomas Hummitzsch spricht für Intellectures mit Dilek Güngör, die mit "Vater und Ich" einen Roman über eine Tochter geschrieben hat, die allmählich mit ihrem türkischen Vater ins Gespräch kommt. Unter anderem geht es in dem Interview um den Kontext des Buches in der Migrationsliteratur. "Shida Bazyar, Mithu Sanyal, ich und viele andere schreiben schon lange solche Geschichten. Für das große Publikum mag es so aussehen, als wären unsere Bücher aktuell, aber das sind sie immer. Es gibt da einfach eine große Ungleichzeitigkeit in den Milieus. In den einen werden diese Themen schon ganz differenziert behandelt und besprochen, in den anderen muss ich Fragen wie 'Was sagt denn ihre Familie dazu, dass sie Schriftstellerin sind?' beantworten. Ich finde es gut, das es jetzt so eine große Bandbreite von Büchern gibt, die von unseren Erfahrungen erzählen. Darunter ganz laute Bücher, die Dinge einfordern, und stillere wie meines."

Außerdem gibt Dlf Kultur die besten Krimis des Monats bekannt - auf Platz Eins erneut Garry Disher, diesmal aber mit seinem Wyatt-Roman "Moder".

Besprochen werden unter anderem Jacqueline Woodsons "Alles glänzt" (taz), Garry Dishers "Moder" (Dlf Kultur), Sasha Marianna Salzmanns "Im Menschen muss alles herrlich sein" (Freitag), Herbert Kapfers "Utop" (Dlf Kultur), Tana Frenchs "Der Sucher" (FR), Manès Sperbers "Wie eine Träne im Ozean" (Standard), Svein Jarvolls "Die Melbourne-Vorlesungen" (SZ) und Lisa Mortons "Calling the Spirits .A History of Seances" (FAZ).
Anzeige
Archiv: Literatur

Bühne

"Rappresentatione di Anima et di Corpo" im Theater an der Wien. Foto © Werner Kmetitsch


420 Jahre Jahre alt ist Emilio de' Cavalieris Oper "Rappresentatione di Anima et di Corpo" - es ist eine der ersten Opern überhaupt. Robert Carsen hat sie jetzt im Theater an der Wien so inszeniert, dass das Publikum von heute voll mitgeht, freut sich Joachim Lange in der nmz. "Carsen nähert sich dieser religiösen Belehrung darüber, was Menschen sollen, um in den Himmel zu kommen, und was sie lassen müssen, um die Hölle zu vermeiden, radikal von heute aus. Auf leerer Bühne sind alle Mitwirkenden zu Beginn wie Reisende in Alltagszivil versammelt. Eine Probensituation bei der jeder seine Sprache spricht und seine Fragen an den Sinn des Unternehmens  und den des Lebens hat. Aus dieser Tabula-rasa-Situation heraus beginnt das Spiel, wenn die personifizierte Zeit wie ein Obdachloser dazwischenstolpert, die Vergänglichkeit des Lebens beschwört und dazu auffordert, so viel Gutes wie möglich zu tun. ... Die Allegorien Anima und Corpo erleben als junges Paar von heute in Jeans eine Reise zu sich selbst."

In der Welt schreibt Manuel Brug zum Tod der Sopranistin Karan Armstrong.

Besprochen werden außerdem Herbert Fritschs Inszenierung von Rossinis "Il Barbiere di Siviglia" an der Wiener Staatsoper (nmz), Kay Voges und Jan Friedrichs Inszenierung von Hauptmanns "Einsame Menschen" am Volkstheater Wien (Standard, nachtkritik) und Guy Cassiers' Inszenierung "Les Démons" nach Dostojewski an der Comédie-Française (FAZ).
Archiv: Bühne

Film

Robert de Niro in "Taxi Driver", Drehbuch von Paul Schrader


Das Zurich Film Festival ehrt Paul Schrader für sein Lebenswerk. Urs Bühler hat für die NZZ mit dem Drehbuchmeister, Regisseur und Facebook-Grantler gesprochen. Obwohl er der Filmgeschichte wichtige Klassiker geschenkt hat, ist er in der Branche ein Außenseiter, der zwar mit namhaften Schauspielern dreht, aber mit absoluten Tiefstpreisen kalkulieren muss. "Wenn ich das Budget tief halte, schaffe ich mir kreative Freiheit. ... Ich habe im Hollywood-System begonnen, meine ersten fünf Filme wurden von Studios produziert. Dann änderte sich vieles, und die Studios hörten auf, solche Filme zu machen. Die klassischen Studiobesitzer schauten sich die Filme noch an, sie liebten und lebten sie. Die heutigen Investoren aber sind ganz anders getrieben. Sie interessieren sich nicht für die Filme an sich, die sind für sie nur Zahlenspiele und eine Geldanlage. Man kann weder auf ihren Geschmack vertrauen noch auf ihre guten Absichten."

Außerdem: Fabian Tietke empfiehlt in der taz die Retrospektive Abbas Kiarostami im Berliner Kino Arsenal.

Besprochen werden der neue Bond-Film "Keine Zeit zu sterben" (Intellectures, Presse, unsere Kritik hier) sowie Dietrich und Anna Brüggemanns Beziehungskomödie "Nö" (Tagesspiegel, Welt).
Archiv: Film
Stichwörter: Schrader, Paul

Musik

Tazler Jan Paersch hat den Hamburger Indiemusiker Joachim Franz Büchner sehr gerne in dessen WG-Küche besucht. "Ich bin nicht Joachim Franz Büchner" heißt dabei der Titel des neuen Albums des Künstlers. "'Nicht ich selbst sein zu müssen - das entlastet ja auch', sagt er. 'Das schafft künstlerische Distanz. Ich könnte jede der fiktiven Figuren in den Songs sein. Und mein Name passt ganz gut zum Titel - der hat so eine altmodische, schmutzige Eleganz.' ... Auf dem Cover reckt er seine E-Gitarre aus emporwucherndem Gras über den Kopf - eigentlich eine abgestandene, narzisstische Rockstarpose. Aber Büchner steht allein auf weiter Flur, in einem Feld und nicht auf der Bühne, statt offenem Hemd trägt er beigen Wollpullover." Wir hören rein:



Weitere Artikel: Manuel Brug porträtiert in der Welt den Baritenor Michael Spyres. Vom Erfolg ihres vor 30 Jahren veröffentlichten schwarzen Albums, das als Re-Issue gerade wieder die Albumcharts anführt, haben sich Metallica nie wieder erholt, meint Peter Richter in der SZ. Ueli Bernays (NZZ) und Jan Wiele (FAZ) gratulieren Sting zum 70. Geburtstag. Jan Brachmann schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Komponisten Bronius Kutavičius. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Uwe Ebbinghaus über Käptn Pengs "Tango im Treibsand".

Besprochen werden das neue Album der Ärzte (Zeit) und Tirzahs Kunstpop-Album "Colourgrade" ("eine Art Fibel der Gefühle, ein Lesebuch für die Momente, in denen Sprechen schwerfällt", schreibt Christian Werthschulte in der taz).



Und der wunderbare Funk-Hammondorganist Dr. Lonnie Smith, der jüngst noch ein Album mit Iggy Pop gemacht hat, ist gestorben. Andrian Kreye widmet ihm in der SZ einen liebevollen kleinen Nachruf. Möge ihm im Paradies sein "Sweet Honey Wine" eingeschenkt werden:

Archiv: Musik