Efeu - Die Kulturrundschau

Zwischen Schönheit und Desaster

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.09.2021. Die FAZ feiert das Berliner Architekturkollektiv Raumlabor, das in Venedig für seine visionären Entwürfe mit dem Goldene Löwen ausgezeichnet wurde. Die FR blickt ebenfalls nach Venedig, wo heute die Filmfestspiele mit dem Hang zum Schwelgerischen beginnen. SZ und taz lauschen gebannt Heiner Goebbels' beim Musikfest in Berlin uraufgeführter Megasinfonie "A House of Call".  Und die NZZ seufzt: Im Londoner Globe Theatre gibt es jetzt selbst "Romeo und Julia" nur noch mit Trigger-Warnung.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2021 finden Sie hier

Architektur

Utopie hinter der Stadtautobahn: Die Floating University. Foto: Raumlabor

Bei der Architekturbiennale von Venedig wurde ein Goldener Löwe an das Berliner Architekturkollektiv Raumlabor vergeben. In der FAZ stellt Niklas Maak den visionären Ansatz des Kollektivs vor, das unter anderem mit dem Haus der Statistik Furore gemacht hat: "Das 'Stadtwaldwohnen', bei dem die Häuser in den Bäumen hängen, der Grund darunter aber Gemeinschaftseigentum bleibt, ist nach wie vor einer der schönsten Kommentare zur Bodenfrage. Raumlabors vom Situationismus beeinflusste, meist aus Holz und Baugerüsten errichtete Architekturen sind auch ästhetisch beeindruckend. Die 'floating university' etwa wirkt wie ein Bild für das Leben im Klimawandel: Manchmal liegt das Wasserbecken trocken, dann stehen die Bauten wie gestrandete Schiffe auf dem rissigen Lehmboden. Manchmal, wenn sich das Bassin mit Regenwasser füllt, muss man wie in Venedig bei Acqua alta über Stege in die Häuser balancieren, die sich dann im Wasser spiegeln, ein Bild, das zwischen Schönheit und Desaster hin- und herflackert."
Archiv: Architektur

Kunst

Pablo Picasso: "Massaker in Korea", 1951. Foto: Museum Ludwig /Musée Picasso Paris.

Im SZ-Gespräch mit Catrin Lorch spricht die Kuratorin Julia Friedrich über die Ende September startende Picasso-Schau im Kölner Museum Ludwig und die unterschiedliche Rezeption des Künstlers in Ost und West: Während der politische Picasso in Westdeutschland unterschlagen worden sei, wurde ihm in der DDR Formalismus vorgeworfen: "Die Fünfzigerjahre waren dort geprägt von der Debatte um die Funktion der Kunst in der neuen Gesellschaft. Eine Forderung war, dass sich das Volk in der Kunst wiedererkennen muss, Realität sollte gegenständlich dargestellt werden. Bertolt Brecht forderte dagegen modernistische Darstellungsformen regelrecht ein: Die Welt sei kompliziert geworden, also müsse es auch die Kunst sein. Die Intensität dieser Debatte ist sehr spannend. Sie findet vor allem in Zeitschriften statt. Erst 1966 wird Daniel-Henry Kahnweiler den Kunstsammlungen Dresden zwanzig Grafiken schenken. Man kann also die Bilder nicht zeigen, weist aber in jedem Text auf 'Guernica' hin und das politische Engagement des Künstlers Picasso."

Weiteres: Stefan Brändle resümiert in der FR die geteilten Reaktionen auf das von der Pharmaerbin Maja Hoffmann gestiftete und von Frank Gehry entworfene Museum Luma in Arles. Im Observer sieht Rowan Moore nach seinem Besuch in Arles vor allem Wohlwollen am Werk: "Hier sind auch Egos im Spiel, keine Frage, aber Luma macht nicht den Eindruck von Powerplay im Kunstbetrieb."

Besprochen wir eine Ausstellung mit Zeichnungen des Architekten Roger Boltshauser in der Werner Bommer in Zürich (NZZ).
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Film

Szene aus Detlef Bucks "Felix Krull"


Detlev Buck hat Thomas Manns "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" verfilmt - nach einem Drehbuch des Schriftstellers Daniel Kehlmann. Das klingt nach auf den Deutschunterricht abzielendes Kino und das ist es wohl auch geworden. Immerhin: Für SZ-Kritiker Nicolas Freund (der uns unter anderem auch erklärt, dass solche Kanonliteratur-Verfilmungen auch deshalb in schöner Regelmäßigkeit erfolgen, weil die teuren Lizenzen für die Produzenten ungenutztenfalls auszulaufen drohen) handelt es sich dabei um den "Gin Tonic unter den Thomas-Mann-Verfilmungen": Kehlmann betone zwar "das Melancholische dieser Existenz zwischen Schein und Sein", doch "die schillernden Hochglanzbilder Bucks versprechen anderes". Ist das nun der Film, der zumindest Gymnasiasten wieder ins Kino lockt? Andreas Kilb winkt in der FAZ ab: Der Film sei zwar "bunt und kompakt" geraten, werde aber wohl "keinen Teenager aus der digitalen Höhle herauslocken".
  
Weitere Artikel: Das von Cannes eher verschmähte Hollywood-Kino ist bei den heute beginnenden Filmfestspielen in Venedig wieder stark vertreten, schreibt Daniel Kothenschule in der FR: "Man ist immer wieder erstaunt, wie es Venedigs Leiter Alberto Barbera schafft, Genre- und Kunstkino in einem Atemzug zu zeigen. Der verbindende Kniff ist ein Hang zum Schwelgerischen." Und in der taz ergänzt Tim Caspar Boehme: "Netflix ist weiter Teil des Wettbewerbs, in Venedig hat man sich dieser Realität des Filmgeschäfts schon früh gestellt."

Besprochen werden Carl-Ludwig Rettingers Dokumentarfilm "Die Rote Kapelle" (taz), Nicolás Peredas vorerst nur in Österreich startender "Fauna" (ein "seltsam beglückendes, unangenehm absurdes Faszinosum" verspricht uns Patrick Holzapfel in der Presse), Tim Fehlbaums Science-Fiction-Film "Tides" (Artechock), Kida Khodr Ramadans ARD-Film "In Berlin wächst kein Orangebaum" (FAZ) und der neue Marvel-Superheldenfilm "Shang-Chi" (Standard).
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Archiv: Film

Bühne

In der NZZ berichtet Marion Löhndorf, dass jetzt auch am Londoner Globe Theatre Shakespeares "Romeo und Julia" nur nach Trigger-Warnungen gezeigt wird: "Klar, es ist naheliegend, sie als Exzess der Political Correctness zu werten, deren Auswüchse im Mainstream angekommen sind und vielerorts als selbstverständlich gelten. Andererseits erzählen die Warnhinweise auch etwas darüber, wie wichtig das Theater Shakespeare - oder sich selbst - nimmt."

Besprochen werden Thilo Voggenreiters "sensible" Adaption von Judith Schalanskys Roman "Der Hals der Giraffe" am Theater Magdeburg (FAZ) und Carl Hegemanns "Dramaturgie des Daseins " (ZeitOnline).
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Stichwörter: Political Correctness

Literatur

Besprochen werden unter anderem Hervé Le Telliers "Die Anomalie" (NZZ), Rüdiger Safranskis "Einzeln sein" (NZZ), die wiederentdeckte Erzählung "Florian, der Karpfen" von Siegfried Lenz (SZ), Jenny Erpenbecks "Kairos" (SZ) und Stefanie vor Schultes "Junge mit schwarzem Hahn" (FAZ).
Archiv: Literatur
Stichwörter: Le Tellier, Herve

Musik

Mit der Uraufführung von Heiner Goebbels' "A House of Call" wurde das Musikfest Berlin eröffnet. Dargeboten haben das hundertminütige Werk das Ensemble Modern Orchestra unter dem Taktstock von Vimbayi Kaziboni. Diese "Megasinfonie" bilde eine Zusammenfassung des Gesamtwerks dieses "wundervollen Antikomponisten", schwärmt Reinhard J. Brembeck in der SZ nach einem offenbar fordernden, aber sehr beglückenden Abend: "Avantgarde wird mit Free Jazz gekoppelt, Poprhythmik mit Mikrotonalität, Religion mit Politik, Literatur mit Traditioneller Musik, und Hardcore-Ästhetik mit einer die Stile schamlos schön mixenden Musica impura." Dazu laufen vom Band Fundstücke aus Sprach- und Liedarchiven: "Goebbels greift in seinen Überschreibungen Tonfärbung, Melismatik, Rhythmik, Intensität der Vorlagen auf, er denkt, träumt und komponiert sie weiter, kontaminiert sie mit jedem nur erdenklichen Klassikraffinement, mit Minimalmusikpatterns, Schlagwergkaskaden und Rätseln."

Katharina Granzin ergänzt in der taz: "Der 'Call' besteht in diesem Haus des Rufens in Tonaufnahmen menschlicher Stimmen, die jeweils die Basis eines Stückes bilden und mit denen das Orchester interagiert: nicht lediglich auf sie antwortet, sondern sie verstärkt, ergänzt, kommentiert, interpretiert, überhöht." Zahlreiche der Aufnahmen stammen "von alten Wachswalzen, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts von Ethnologen angefertigt wurden: manche in Afrika, andere in Kriegsgefangenenlagern des Ersten Weltkriegs. Georgische Bauern besingen subversiv ihre Freiheit, afrikanische Schulkinder singen ein deutsches Kirchenlied. Gleichsam tastend nähert sich Goebbels' Musik diesen oft unter kolonialistischen Herrschaftsbedingungenen erzwungenen Aufnahmen, nimmt vorsichtig ihre Motivik auf, beginnt eine zurückhaltende Begleitung."

Dass Lana Del Rey und Anderson Paak untersagen, dass nach ihrem Ableben (anders als etwa im Fall von Prince oder David Bowie) haufenweise unveröffentlichtes Material auf den Markt gebracht wird, ist zwar öffentlichkeitswirksam, aber der Sache nach einigermaßen sinnlos, hat Marlene Knobloch für die SZ beim Urheberrechtsexperten Peter Raue in Erfahrung gebracht: Denn "'der Künstler ist nicht davor gefeit, dass die Erben diese Verfügung nach seinem Tod wieder aufheben. Denn sie werden Inhaber der Rechte.'"

Weitere Artikel: Die 35-jährige Joana Mallwitz wird ab der Saison 2023 Chefdirigentin des Konzerthausorchesters Berlin, meldet Catrin Lorch in der SZ. Wolfgang Fuhrmann berichtet in der FAZ vom Festival "Laus polyphoniae", das sich in diesem Jahr insbesondere dem Renaissance-Komponisten Josquin Desprez widmet. In der Welt schreibt Manuel Brug einen Nachruf auf den Komponisten Siegfried Matthus. Jürgen Kesting gratuliert in der FAZ der Sängerin Julia Varady zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden die Berliner Ausstellung "Bone Music" über Musik, die gepresst auf Röntgenaufnahmen in den Ostblock geschmuggelt wurde (Freitag, mehr dazu hier), Enrique Sánchez Lanschs Porträtfilm "A Symphony of Noise" über den Klangkünstler und -forscher Matthew Herbert (Jungle World) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von David Hasselhoff, aus dessen Name die Covergestaltung die Worte "Ass Off" hervorhebt - "und die Schönheit hier ist, dass das Album auch ganz, ganz, ganz genau so klingt", ulkt SZ-Kolumnist Jakob Biazza.
Archiv: Musik