Efeu - Die Kulturrundschau

Wuchtige Cluster

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31.08.2021. Einen wahren Rausch aus Schrecken, Schuld und Tragik erleben FAZ und Tagespiegel in Berlin mit Mark Anthony Turnages "Greek" und George Enescus "Oedipe". Bei der SZ schmilzt die Hoffnung auf eine live stattfindende Frankfurter Buchmesse. "'Was liegt, das pickt", lernt der Standard vom Maler Hubert Scheibl. Die Musikkritiker feiert mit Kanye West eine Messe.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2021 finden Sie hier

Bühne


Szene aus "Greek" von Turnage an der Deutschen Oper Berlin (Foto: Eike Walkenhorst) und aus "Œdipe" von Enescu an der Komischen Oper (Foto: Monika Rittershaus)

Nach Ulrich Rasches "Ödipus"-Inszenierung am DT gibt es in Berliner Theatern gleich noch zwei mal den "Ödipus"-Stoff zu sehen: Pinar Karabulut inszeniert an der Deutschen Oper "Greek" von Mark-Anthony Turnage als Persiflage über die Selbstfindung eines jungen Mannes aus dem Londoner Kleinbürgertum. Im Tagesspiegel sieht Christiane Peitz im Oedipus-Drama den Stoff der Stunde: Die Pandemie tobt, und schuld ist der Mensch: "Gemeinsam ist den Werken eine ungemein beredte, sinnlich-expressive, von Schrecken, Wut, Gewalt und expliziter Erotik gezeichnete Musik. Man fragt sich, warum die Stücke nicht öfter aufgeführt werden, so unweigerlich ziehen sie einen in Bann. Bei Turnages Kammerensemble mit wenigen Streichern, viel Blech und Percussion bleckt die Musik ihre Zähne, bis zum Exzess mit martialischem Schlagwerk und wuchtigen Clustern. Aber sie kann auch stocken, streicheln, wehmütig werden, mit entrückter Celesta und Liebesbeschwörungen." Und mehr: "Aus der virtuosen Künstlichkeit erwächst eine Art höherer Wahrheit", versichert Julia Spinola in der SZ, angesichts der "knallbunten Comic-Inszenierung von Pinar Karabulut. Die antike Pest wütet im Londoner East End als Massenarbeitslosigkeit und Verelendung. Statt die beinharte Sozialkritik in einem brutalen Realismus aufzugreifen, zeigt Karabulut ein poppiges Antiken-Disneyland, in dem man für einen Flachwitz über Leichen geht."

George Enescus Oper "Oedipe" von 1936, an der Komischen Oper von Evgeny Titov inszeniert, ist dagegen "ganz den zeitlosen Fragen schicksalhaft-tragischen Ausgeliefertseins gewidmet", schreibt Gerald Felber in der FAZ. "Und während bei Turnage kein Tropfen Blut floss, gab es hier überreichlich davon plus Geburtswehen- und vielerlei anderem Wehgeschrei, düsteren Sexverknäuelungen und rotschwärzlich baumelndem Gekröse. In Evgeny Titovs Regie allerdings erlangen solche Standard-Beilagen heutiger Theaterregie tatsächlich eine übers Schockhafte hinausgehende Sinnhaftigkeit". Spinola durchlebte nur "ermüdend bleiernen Pathos ... mit grauen Steinmauern und einer großen Pfütze in der Mitte. Eva Dessecker packt die Darsteller in sackartige Jesusfilm-Kostüme, in denen sie zwei Stunden lang im Wasser kriechen, sich krümmen und einander augenrollend ansingen, als würde man sonst den Ernst der Tragödie nicht begreifen." Berührt ist Niklaus Hablützel in der taz: "Das Orchester spielt mit makelloser Konzentration eine Musik von kaum fassbarem Reichtum an Schönheit und Tiefe." In der Welt kann Manuel Brug mit Enescus "folkloristischer Bukolik" so wenig anfangen wie mit Karabuluts "quietschiger Kreischcomicstrip im Simpsons-Look".

Weitere Artikel: Helmut Mauro schreibt in der SZ zum Tod des Komponisten Siegfried Matthus.
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Literatur

Wird die Frankfurter Buchmesse im Oktober wie geplant stattfinden? So richtig mit Autoren, Verlagen, Netzwerkern, fragt bang Thomas Balbierer in der SZ. "Wer sich bei Verlagen, Behörden, Veranstaltern und Hotels umhört, spürt, dass die Hoffnung schmilzt. Die Fallzahlen steigen, nicht nur in Deutschland, und die Frage, ob die Großmesse tatsächlich wie geplant in Präsenz stattfinden kann, schwingt bei den Vorbereitungen immer stärker mit. ... Weniger als zwei Monate vor dem Start ist wieder vieles unklar. Zum Beispiel die nicht ganz unerhebliche Frage, wie viele Besucherinnen und Besucher das Messegelände im Oktober pro Tag betreten dürfen."

Weiteres: In der FR erinnert Eberhard Geisler an den Dichter Wolfgang Hilbig, der heute achtzig geworden wäre.

Besprochen werden Caleb Azumah Nelsons Roman "Freischwimmen" (NZZ), Sergej Lebedews Agententhriller "Das perfekte Gift" (Tsp) Imre Kertész' "Der Betrachter" (SZ), Essays und Briefe von Wolfgang Hilbig (SZ, FAZ), Annette Dufners "Welche Leben soll man retten?" (FAZ) und Tatiana Tibuleacs Roman "Der Sommer , als Mutter grüne Augen hatte" (FAZ).
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Kunst

Hubert Scheibl: My private B, 2020/21. Foto: pixelstorm / Albertina

Die Wiener Albertina zeigt neue Arbeiten des österreichischen Künstlers Hubert Scheibl. Im Standard beschreibt Katharina Rustler das rigorose Vorgehen des Malers: "Dabei steht er vor der senkrechten Leinwand auf einem Stockerl, jede Bewegung zählt. Denn die Crux dabei ist: Nur ein einziges Mal kann dieser Vorgang vollbracht werden, ein nachträgliches Korrigieren oder Verschönern gibt es für Scheibl nicht. Über sein Mantra 'Was liegt, das pickt' kann er sich dann durchaus ärgern, sagt er, zieht es aber stringent durch. Wenn ein Bild nicht gelingt, muss er es zerstören. Auch mit einer Übermalung wäre der Fehler für ihn nicht vergessen."

Besprochen werden eine Ausstellung über Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik im DHM Berlin (taz, FAZ) und die Schau "Nero, der Mann hinter dem Mythos" im British Museum (FAZ).
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Architektur

Bei der Architekturbiennale in Venedig wurde der Goldene Löwe für den besten Pavillon an die Vereinigten Arabischen Emirate verliehen, die einen neuen, klimaschonenden Beton in Aussicht stellen, berichtet Laura Weißmüller in der SZ.
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Film

Im Filmdienst porträtiert Lucas Barwenczik den britischen Regisseur Ridley Scott, der bei den morgen beginnenden Filmfestpielen von Venedig für sein Lebenswerk geeehrt wird und in dessen kalten, posthumanen Filmen Maschinen, Götter und Aliens herrschen, aber mitunter menschlich werden: "Diese Verwandlungen - vom Tier oder Objekt zum Mensch, vom Mensch zum Künstler zum Gott, vom Fiktiven zum Wahren - sind für Ridley Scott die Essenz des Kinos. Er schafft Filme, die einen das Menschliche im Unmenschlichen suchen lassen. Und finden."

Weiteres: In der taz instruiert Emeli Glaser über den neuen Job des "Intimitätskoordinators", der bei Filmdrehs dafür sorgen soll, dass das Wohlbefinden von SchaupielerInnen geachtet bleibt: "Zu viele Menschen am Set, schlechte Kommunikation, Machtgefälle und Druck können zu traumatischen Erfahrungen führen." In der SZ erinnert Jan Heidtmann an Richard Fleischers Film "Soylent Green", der schon 1973 Überbevölkerung und die Folgen der Umweltzerstörung zum Thema hatte. In der Welt trauert Matthias Heine um den als Lou Grant bekannt gewordenen Schauspieler Ed Asner.

Besprochen werden die ComedySerie "Resident Alien" auf Sky (NZZ) und Destin Daniel Crettons Fantasy-Action-Drama "Shang-Chi" (Standard).
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Stichwörter: Scott, Ridley

Design

Im NZZ-Interview erklärt die Vitra-Chefin Nora Fehlbaum ihr neues Bürokonzept: Die Inspiration "waren Klubs weltweit: Schachklubs, Debattierklubs, Fußballklubs. Im Zentrum der Idee stehen die Hingabe und die Begeisterung, mit denen die Menschen ihre Freizeitaktivitäten ehrenamtlich gestalten."
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Musik

Kanye West mag ein übergeschnappter Rockstar sein, aber sein neues Album "Donda" ist ein "gewaltiges Opus", meint in der FAZ Thore Rausch. Ob es gut ist oder schlecht, ist dabei gar nicht die Frage, verkündet Jakob Biazza in der SZ. Es geht vielmehr darum: "Stimmt es, dass die Welt ein spielfilmlanges (eine Stunde und 44 Minuten langes) Gesamtkunstwerk aus 27 Songs braucht, das, etwas böswillig verdichtet, drei Themen hat: Kanye West, Jesus - und den Weg des einen zum anderen? In der Hauptsache ist das Album dafür eine tatsächlich tolle Mischung aus religiöser Spiritualität und dunkel getöntem Highscore-Pop. Gottesehrfurcht und Rap-Urkraft. Im Zentrum der meisten Songs stehen Klavier-, Orgel- oder Synthieflächen, Gospelchöre, Autotune-Stimmen oder Lead-Gesänge so silbrig, ätherisch zerstäubt und körperlos, so erhebend, seelenstreichelnd und herzerleichternd, als würde für sie höchstens die Gravitation auf dem Mond gelten. Darunter kriechen, walzen und planieren aber immer wieder Bässe herum". Im Tagesspiegel feiert auch Gerrit Bartels freudig die Messe mit, im Standard erkennt Amira Ben Saoud im Album sogar Relevanz.

Wer's aushält: Hier gibt es einen Live-Mitschnitt



In seinem Nachruf auf Lee "Scratch" Perry huldigt Lars Fleischmann in der taz dem jamaikanischen Produzenten und Dub-Reggae-Pionier, der das Mischpult wie ein Instrument spielte: "Immer neue Schichten an Effekten trug er auf, bediente Filter und ließ das Echogerät Kapriolen schlagen. Melodien hallten über Sekunden nach … Aufnehmen, Mixen, die technischen Apparaturen bedienen und den Klang formen sowie gestalten - durch Lee 'Scratch' Perry wurde dies zum eigenen künstlerischen Akt. Ohne Perry wären die ProduzentInnen (elektronischer) Musik von heute nicht auf dem kosmischen Level, zu dem er früh gelangte." Im Tagesspiegel schreibt Nadine Lange, In der Welt Michael Pilz und in der FAZ Jan Wiele.

Weiteres: Marco Frei blickt in der NZZ erfreut auf die Umtriebe des Lucerne Festival Contemporary Orchestra, das vor allem auf die Musik der Gegenwart setzt. Besprochen wird das Konzert des Bundesjugendchors zum Auftakt des "Musikfest Berlin 2021" (Tsp).
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