Efeu - Die Kulturrundschau

Ewiges Scheitern an der Dingwelt

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20.10.2020. Die SZ beleuchtet noch einmal eingehend das "Trauerspiel" um Monika Maron und den Fischer Verlag. Die NZZ fürchtet die Entgrenzung von Feindbildern in der Kunstwelt. FAZ und ZeitOnline feiern die neue HBO-Serie "I May Destroy You", in der Michaela Coels auch ihre eigene Vergewaltung thematisiert. Außerdem trauert die SZ um den italienischen Designer Enzo Mari, der gegen Portoentschädigung die Anleitungen für seine Möbel verschickte. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.10.2020 finden Sie hier

Literatur

Keinen Skandal, aber "ein Trauerspiel" sieht Marie Schmidt von der SZ darin, dass der S.Fischer Verlag sich von der Schriftstellerin Monika Maron getrennt hat (unser Resümee). Dass Maron sich per se in die Widerständigkeit wirft, deutet Schmidt vor dem Hintergrund der biografischen DDR-Erfahrungen der Schriftstellerin, die sich in ihren politischen Wortmeldungen "immer zwischen alle Fronten geworfen" habe: "Gegen Eingriffe in ihre Literatur hart zu bleiben, war der Anfang von Monika Marons Schriftstellerkarriere. 'Flugasche' erschien dann ja 1981 doch, im Westen bei S. Fischer, und das war der Beginn der Beziehung von Verlag und Autorin. Dass die kurz vor ihrem 80. Geburtstag jetzt kalt endet, hätte man allein um dieser gemeinsamen Vergangenheit willen unbedingt verhindern müssen. Ein heftiges Bemühen darum ist aus den Erklärungen der Verlegerin Siv Bublitz nicht herauszuhören."

Nachlesen kann man diese Erklärungen bei Hilmar Klute, der bei Bublitz nachgefragt hat, ob hier eine politisch unbequeme Autorin vor die Tür gesetzt werden soll. Nicht Marons Positionen an sich seien der Grund für das Ende des Geschäftsverhältnisses gewesen, sondern ihr Essayband in einem Dresdner Verlag, der dem rechten Milieu Schnellrodas nahesteht, lautet die Antwort: "Mit völkischen und rassistischen Diskursen will der S. Fischer Verlag nicht assoziiert werden, auch nicht mittelbar. Die Diktatur des Nationalsozialismus hat die Geschichte und Tradition unseres Hauses geprägt. Dieses Geschichtsbewusstsein leitet uns in unserer verlegerischen Arbeit bis heute. ... Leider scheiterte das Gespräch mit Frau Maron über dieses Thema auf ganzer Linie: Sie empfand unsere Fragen als Zumutung und verbat sich jede Einmischung in ihre Publikationspläne. Wir entschieden dann, keinen Vertrag für ein neues Buch anzubieten."

Weitere Artikel: Der Standard plauscht mit Stefanie Sargnagel. In der Queerness-Kolumne auf 54books.de befasst sich Eva Tepest mit dem Bild der "coolen Lesbe" in der Literatur.

Besprochen werden unter anderem Don DeLillos "Die Stille" (NZZ), Deniz Ohdes "Streulicht" (Standard), Diane Obomsawins Comic "Ich begehre Frauen" (taz), der Erzählband "Leichter Atem" mit Texten von Iwan Bunin, dem ersten russischen Literaturnobelpreisträger (Tagesspiegel), Jan Kuhlbrodts "Die Rückkehr der Tiere" (SZ), Nikolaus Heidelbachs "Alles gut?" (Zeit) und Verena Stauffers Gedichtband "Ousia" (FAZ).
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Bühne

Ernst Tollers "Eine Jugend in Deutschland". Foto: Münchner Kammerspiele

Einen großartigen Abend über Ernst Toller hat SZ-Kritikerin Christiane Lutz in den Münchner Kammerspielen erlebt, wofür sie die anderen etwas belanglosen Produktionen in Kauf nimmt. Jan-Christoph Gockel zeichne ein zartes, melancholisches Porträt des Sozialisten und Revolutionärs, lobt Lutz, unterstützt von Puppenspieler Michael Pietsch und Musiker Anton Bermann: "Der Ideenreichtum ist enorm: Napoleon grüßt, Hitler taucht auf in einem Schwank über das "Hotel "Vier Jahreszeiten" als Treffpunkt für Bald-Nazis. Den Marionetten kommt in der Inszenierung eine ganz neue Qualität zu, nämlich die als Wangenstreichler und Kampfgegner, wo Corona sonst Abstand erzwingt. Während der Folge über den Ersten Weltkrieg, in den Toller freiwillig zieht und aus dem er als Pazifist zurückkehrt, verlieren die Puppen die Gliedmaßen, einsam rotiert ein Haarschopf auf der Bühne, Julia Gräfner reißt einer den Schaumschädel auf."

Wir ihre SZ-Kollegin zeigt sich auch Nachtkritikerin Anna Landefeld ein bisschen enerviert von Sivan Ben Yishais Stück "Liebe" an den Münchner Kammerspielen, aber auf die hypnotisierende Körperlichkeit der Schauspielerin Johanna Eiworth lässt sie nicht kommen: "Man wünscht sich, es würde nicht weiter gesprochen, und Johanna Eiworth hätte überhaupt nie aufgehört zu tanzen."

Besprochen werden Pınar Karabuluts Horrorshow nach Eugene O'Neill "Trauer soll Elektra tragen" in Berlin (SZ) sowie das Pergolesi-Doppel "La serva padrona" und "Stabat mater" an der Oper Frankfurt ("ein großer Abend", meint Jan Brachmann in der FAZ, FR).
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Design

Enzo Maris Sedia Uno aus der Serie Autoprogettazione. Foto: Refugees Company for Crafts and Design

In der SZ schreibt Gehard Martzig zum Tod des italienischen Möbeldesigners Enzo Mari, dem Buster Keatons "ewiges Scheitern an der Dingwelt" zum Leitgedanken wurde, indem er es "in einen Akt der Selbstermächtigung" umdeutete. "Sein Projekt: Gegen die Portoerstattung konnte man von ihm eine Anleitung zum Eigenbau einfacher Möbel erhalten. Das sind Möbel, die nur mit Hilfe von Hammer und Nägeln aus rohen Holzbrettern zu fertigen sind. Auf diese Weise wollte der Gestalter das Bewusstsein für die Dinge schärfen. Einmal sagte er sinngemäß: Was nicht wenigstens einhundert Jahre hält, taugt nichts. Und was man im Zweifel nicht selbst machen kann, ist nichts. Dieses Denken, dingfreundlich, menschenfreundlich, surreal, passt nicht in eine Zeit, da immer schneller immer mehr Güter hergestellt werden, die immer modischer geraten, um immer schneller aus der Mode zu geraten - um immer schneller ersetzt zu werden."
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Stichwörter: Mari, Enzo, Möbeldesign

Film

Szene aus "I May Destroy You" (Sky/HBO)

Carolin Ströbele ist auf ZeitOnline sehr beeindruckt von Michaela Coels HBO-Serie "I May Destroy You", die von eigenen Vergewaltigungserfahrungen handelt. Coel thematisiert darin nicht nur ihre eigene Vergewaltigung, sondern beleuchtet ihren gesamten Bekanntenkreis sexuell aktiver Thirtysomethings und beschreibt anhand zahlreicher Beispiele, wie schwierig Übergriffe zu ahnden sind, die in Folge von Onlinedates geschehen, nach zufälligen Partybekanntschaften oder unter Drogeneinfluss. ... Es stellt sich heraus, dass selbst innerhalb einer aufgeklärten und promisken Londoner Künstler-Community über problematische sexuelle Erfahrungen vor allem geschwiegen wird." Auch FAZ-Kritiker Axel Weidemann sieht hier einen Meilenstein der Serienkunst vorliegen: "Groß wird die Serie, die viel Geduld, Offenheit und Konzentration erfordert, weil sie vermeintlich immer zu viel zeigt und wenig filmische Tabus akzeptiert, indem sie es schafft, die gesamte Bandbreite des körperlichen und geistigen Miteinanders zwischen Menschen aufzuspannen. "

Weitere Artikel: Kenneth Gyangs nigerianischer Film "Òlòtūré" über einen Menschenhandelring hat sich zum internationalen Netflix-Erfolg gemausert, schreibt Peter Böhm in der taz. Die FAS hat ihr Gespräch mit Sigourney Weaver über ihre Rolle in der Serie "Call my Agent" online nachgereicht.

Besprochen werden die HBO-Serie "Lovecraft Country" (Freitag), Thomas Medicus' Biografie über Heinrich und Götz George (SZ), die Netflix-Dokuserie "Rohwedder" (Freitag) und der Porträtfilm "I Am Greta" über Greta Thunberg (FAZ).
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Stichwörter: Coel, Michaela, Netflix

Kunst

NZZ-Kritiker Christian Saehrendt opponiert gegen einen von ihm ausgemachten Trend, überall nach alten oder neuen Nazis zu fahnden, nach Rechten oder Antisemiten. Ratlos lässt ihn auch die "Anti-Antisemitismus"-Ausgabe der Zeitschrift Texte zur Kunst zurück: "Insgesamt entsteht so der Eindruck einer Entgrenzung des Antisemitismusvorwurfs. Jegliche Kritik an politischen und gesellschaftlichen Eliten, jegliche Kritik an real existierenden Machtgremien, mächtigen Personen, Seilschaften, Monopolen und Kartellen kann nach diesem Muster als antisemitisch denunziert werden. Der gegenwärtige Umgang mit Kritikern der staatlichen Corona-Massnahmen zeigt es bereits. 'Antisemitismus' und 'Verschwörungstheorie' sind Standardvorwürfe geworden, wenn es darum geht, soziale Initiativen und Bürgerbewegungen mundtot zu machen."

Weiteres: Monopol meldet den Tod der Künstlerin Künstlerin Marianne Wex im Alter von 83 Jahren.

Besprochen werden die Ausstellung "Paris zu Fuß" mit Arbeiten des Fotografen Roger Melis in der Galerie argus fotokunst in Berlin (FR) und die Schau "Masculinities" im Berliner Gropiusbau (FAZ).
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Architektur

Dezeen stellt die Gewinner der öffentlichen Abstimmung für die Dezeen Awards 2020 vor, die aber nicht zu verwechseln sind mit den eigentlichen Dezeen Awards.
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Musik

Sehr dankbar ist NZZ-Kritiker Christian Wildhagen der portugiesischen Pianistin Maria João Pires dafür, nach drei Jahren Pause nun doch noch einmal aus dem Ruhestand auf die Bühne zurückgekehrt zu sein. Gespielt hat sie in Zürich Debussy und Beethoven: "Den atmosphärischen Zauber, den sie etwa im berühmten 'Clair de lune' mit differenziertesten Pedal- und Anschlagsnuancen entfaltet, überträgt Pires anschließend bruchlos auf Beethoven - in der richtigen Erkenntnis, dass der kühnste Visionär der Musikgeschichte ohnehin den gesamten Impressionismus (und noch einiges mehr) in seinen späten Werken vorweggenommen hat. Und diese innig leuchtende Sinnlichkeit, die Pires der magischen Arietta aus Opus 111 verleiht - die muss der Bühnenheimkehrerin erst einmal jemand nachmachen."

Außerdem: In der Zeit porträtiert Wolfram Goertz Patrick Hahn, der mit 25 Jahren in Wuppertal der jüngste Generalmusikdirektor Deutschlands ist.

Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, darunter die Compilation "Make More Noise - Women in Independent Music, UK 1977-87" (SZ), sowie neue Veröffentlichungen des Sun Ra Arkestras: eine Deluxe-Box eines 1971 in Ägypten gegebenen Konzerts und mit "Swirling" das tatsächlich erste neue Studioalbum seit 20 Jahren (NZZ). Wir hören rein:

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