Efeu - Die Kulturrundschau

Nasen auf der Straße brechen

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04.08.2020. Die ganze Verheerungswut der Liebe und tiefe Melancholie erleben die KritikerInnen in Salzburg mit Mozarts "Cosi fan tutte". Die SZ ist auch hingerissen von der Sopranistin Elsa Dreisig, die Strahlenhöhe und dunkle Tiefe gleichermaßen beherrscht.  Die Welt trauert um Sonia Darrin, die Sätze über Männer sagte, wie sonst keine Frau im Hollywood der Vierzigerjahre. Domus feiert die Wiederaufserstehung italienischer Ingenieurskunst in Genua. Und ZeitOnline vernimmt deutlich den Plüschhammer auf dem neuen Album von Apache 207.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2020 finden Sie hier

Film



In der Welt schreibt Hanns-Georg Rodek etwas verspätet, aber sehr liebevoll zum Tod der Schauspielerin Sonia Darrin, die in "Tote schlafen fest" Dinge über Männer sagte wie keine Frau zuvor im Hollywood der vierziger Jahre, die aber wegen Streitigkeiten mit dem Agenten von Howard Hawks aus dem Abspann gestrichen wurde: "Wir sehen sie vorwiegend in zwei Posen: entweder die Hände in die Hüfte gestemmt oder beide Arme vor der Brust verschränkt. Sie beobachtet die Hahnenkämpfe, die die Männer ausfechten, sie durchschaut sie, sie ist fassungslos und doch in dieser Männerwelt gefangen. 'Er geht mir auf die Nerven', sagt sie über Freund Brody, bevor der ihr übers Maul fährt - und als er dann tot am Boden liegt, fügt sie hinzu: 'Nie sind die Männer wirklich smart, nie auf der ganzen Strecke. Kein einziger.' Als Bogart auch ihr eine Pistole entwindet, fragt er galant, ob er ihr wehgetan habe, und sie antwortet bitter: 'Sie haben - und jeder andere Mann, den ich je getroffen habe.'"

Weiteres: Im NZZ-Interview bekommen Lory Roebuck und Urs Bühler die Locarno-Direktorin Lili Hinstin nicht dazu, ihre frühe Absage des Filmfestivals zu bereuen beziehungsweise die Verlegung ins Internet: "Selbst wenn wir die Piazza nächste Woche doch hätten bespielen können, bin ich nicht sicher, ob die Leute sich damit wohl gefühlt hätten."  Besprochen werden Lisa Rovners Film über die vergessenen Pionierinnen der elektronischen Musik "Sisters with Transistors" (Critic.de), eine Neuverfilmung von "Perry Mason" (Welt) und eine neue Pan-Tau-Verfilung (Tsp).
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Bühne

"Così fan tutte" mit Lea Desandre, Marianne Crebassa und Elsa Dreisig. Foto: Monika Rittershaus / Salzburger Festspiele

"Gibt es Schöneres als ideal gesungene, die Zeit stehen lassende Mozart-Terzette, -Quartette, -Quintette, -Sextette?" In der Welt zeigt sich Manuel Brugvöllig beseelt von der "schönsten Mozart-Inszenierung seit Jahrzehnten", die ihm Regisseur Christof Loy und Dirigentin Joana Mallwitz mit "Cosi fan tutte" beschert haben: "Das so oft Gesehene und Gehörte ist aufregend neu, dabei zwanglos klug und einfach." So beglückend hat auch SZ-Kritiker Reinhard Brembeck selten die Verheerungswut der Liebe erlebt, hingerissen hat ihn vor allem Elsa Dreisig als Fiordiligi, der Mozart zwei grandiose Arien mit seelischer Tiefenbohrung gönnte: "Die Sängerin Elsa Dreisig hat die Souveränität und die Ruhe, die Agilität, die Strahlenhöhe und das Dunkel der Tiefe, um diesen Horroregotrip als ein weit übers Theater ausgreifendes Menschenporträt zu singen. So wird ebenso erschreckend wie faszinierend klar, dass zur Liebe nicht nur Betörendes, sondern unabdingbar auch Entgrenzung und Leiden gehören. Dabei gibt es kein Maßhalten. Liebe überrennt jede Persönlichkeit und jede Gesellschaftskonvention."

In der NZZ weist Christian Wildhagen darauf hin, dass Joana Mallwitz die erste Frau ist, die in Salzburg mit der musikalischen Leitung einer Oper betraut wird: "Mallwitz nutzt ihre Chance eindrucksvoll, getragen von souveräner Werkkenntnis und klarem Gestaltungswillen... Sie legt ihr Augenmerk auf die tiefe Melancholie, mit der Mozart die nur vordergründig harmlose Beziehungskomödie seiner letzten Da-Ponte-Oper von 1790 veredelt hat." In der taz gibt Katrin Bettina Müller zu Protokoll: "Großes Mozartglück in der Mozartstadt entlud sich in unbändigem Jubel." Weitere Besprechungen in FAZ und Tsp.

Peter Handkes "Zdeněk Adamec". Foto: Ruth Walz / Salzburger Festspiele

Uraufgeführt wurde in Salzburg auch Peter Handkes Märtyrer-Szene "Zdeněk Adamec" über den jungen tschechischen Hacker, der sich 2003 aus Protest gegen den Zustand der Welt auf dem Prager Wenzelsplatz selbst verbrannte. In der FAZ kann Simon Srauß wenig mit der Inszenierung anfangen, in der eine kleine Gemeinschaft "später oder letzter Gäste"  das Schicksal des jungen Mannes zu imaginieren versuche: "Nicht zu erklären, wohlgemerkt! 'Recht haben gilt nicht', 'keine Interpretation', lautet die Abmachung, die gleichzeitig auch eine gattungspoetische ist: gegen den Aktualitätswahn, gegen das journalistische Primat in der Kunst. Aus der Stille heraus beginnen sie zu sprechen, ohne feste Rollen, ohne klare Zeitangabe. Alt neben Jung, Verächter neben Verteidigern seiner Tat. Ein einziges Befragen, Innehalten, Drehen und Wenden der Wörter, tastender Austausch von stummen Zeichen, ein freies Spiel aus Erinnerung und Vorstellung. In der stillen Lektüre ist das ein eindrucksvolles poetisches Ereignis. Auf der Bühne aber, aufgesagt von verschiedenen Stimmen, verliert der Text seine scheue Kraft, wirkt wie hervorgezogen aus seinem Versteck und ins grelle Scheinwerferlicht geworfen."

"Text-Ehrfurcht bis an die Kitschgrenze" stöhnt Christine Dössel in der SZ. Immerhin "kein monumentaler Unfug", atmet Martin Thomas Pesl in der Nachtkritik auf. Im Standard kann Margarete Affenzeller aber auch die Qualität des vielleicht etwas kraftlosen Stückes erkennen: "Es sucht - wie schon viele Handke-Dramen zuvor - nach einer neuen, glaubwürdigen Dialogform, die dem Theater schon seit geraumer Zeit weggerutscht ist. Und: Es tastet nicht zuletzt die Dialogfähigkeit ab in einer von Polarisierung und Populismus zurechtgestutzten Zeit."
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Kunst

Besprochen wird die Ausstellung "Bäume / Trees" mit Gemälden von Carroll Dunham und Albert Oehlen im Sprengel Museum in Hannover (SZ).
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Architektur

Renzo Pianos Ponte Polcevera. Foto: RPBW

So schön wie das Viadukt von Riccardo Morandi ist Renzo Pianos neue Brücke für Genua zwar nicht geworden, aber Domus feiert doch die Bauleistung, zu der sich Italien aufgeschwungen hat: "The construction site took place quickly: from demolition in February 2019 to the green light on 22 March, from the laying of the first foundation mast on 15 April to the completion of the last pylon in February 2020, without stopping construction even for the complications caused by the pandemic. Without germinating the construction during the coronavirus, the viaduct was built in times considered record-breaking, at least for Italy. Costing 202 million euros, the new bridge is 1,067 meters long, has 19 spans that are 40 meters high and are supported by 18 pylons."
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Literatur

In der Berliner Zeitung bereitet uns Cornelia Geißler auf das Erscheinen von Stephenie Meyers neuem Vampirroman "Bis(s) zur Mitternachtssonne" vor. Nachrufe auf den Journalisten, Autor und ewigen Sohn Tilman Jens schreiben Willi Winkler in der SZ und Harry Nutt in der Berliner Zeitung.

Besprochen werden u.a. Klaus Theweleits Technologiegeschichte der eurasisch-amerikanischen Kolonialismen "Warum Cortés wirklich siegte" (NZZ) und Roberto Bolaños Erzählband "Cowboygräber" (SZ).
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Musik

"Schlagerrap" nennt Daniel Gerhardt auf Zeit online die Musik des Ludwighafener Rappers Volkan Yaman alias Apache 207. Gerhardt ist zwiegespalten, was das neue Album "Treppenhaus" angeht, aber am Schlageranteil der Musik liegt es nicht, im Gegenteil: Das Stück "'28 Liter' ist nicht gerade 'Straight Outta Ludwigshafen', aber doch ein kleiner Durchbruch für Yamans Erzählungen. Kurz darauf rappt er in 'Fame' darüber, wie sein Vater Zigaretten holen ging und nicht mehr zurückkam, dass er fortan die kleine Schwester ins Bett bringen musste und danach noch einmal rausging, um Nasen auf der Straße zu brechen. Gerade weil das Produzenten-Duo Lucry & Suena dazu Plüschhämmer schwingt, mit denen The Human League und andere New Romantics schon vor 40 Jahren die britischen Charts zerschlugen, funktioniert dieses Halbstarkendrama." Eine weitere Kritik gibt's im Tagesspiegel.



Weitere Artikel: Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ zum Tod des Pianisten Leon Fleisher, der zum Meister der linken Hand wurde, als er mit seiner rechten nicht mehr spielen konnte.

Hier spielt er "Schafe können sicher weiden" aus der Jagdkantate von Bach:



Besprochen werden außerdem Igor Levits Beethoven-Zyklus in Salzburg (Standard), ein Album mit einem Konzert von Paul Kuhn und Eugen Cicero 1992 (FR), Demian Lichts Technoalbum "Die Kraft" (taz) und Beyoncés Video-Clip-Oper "Black Is King" (Standard)
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Stichwörter: Apache 207, Levit, Igor