Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Spiel der Verzerrung

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.03.2020. Update: Der Preis der Leipziger Buchmesse geht in diesem Jahr an Lutz Seiler für seinen Wenderoman "Stern 111".  - Die SZ lernt aus Haifaa Al Mansours Komödie "Die perfekte Kandidatin", dass saudische Frauen unter ihren Schleiern äußerst individuelle Wesen sind. Hyperallergic erzählt von einer Aktion des Kunstkollektivs Colectiva SJF, das in Mexiko Stadt an die Namen ermordeter Frauen erinnerte. Van schildert die katastrophale finanzielle Lage vieler Musiker. Dezeen bewundert die aufblasbaren Latexhosen von Harikrishnan.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2020 finden Sie hier

Film

Lebendige Menschen, unverschleiert: Haifaa Al Mansours Komödie "Die perfekte Kandidatin"

Haifaa Al Mansours saudi-arabische Komödie "Die perfekte Kandidatin" dreht sich um eine Frau, die als Stadträtin kandidiert. Immerhin dürfen in Saudi-Arabien seit 2018 Frauen auch Auto fahren und in diesem Film "ist Maryams schnittiger blauer Wagen so oft im Bild, dass er damit unmissverständlich zum Symbol weiblicher Selbstbehauptung schlechthin wird", schreibt Katharina Granzin in der taz. Dabei zeige der "charmante" Film auch, "wie sehr trotz gewisser Verbesserungen in manchen Menschenrechtsdingen die alten Normen in den Köpfen präsent sind." SZ-Kritikerin Martina Knoben findet es gut, wie der Film von "Zumutungen ohne Empörungsgestus erzählt, kritisch, aber eben auch im Wissen um die Gebräuche in ihrem Land. ... Das Besondere, ja Spektakuläre an diesem Film ist der Blick in die Privaträume arabischen Lebens. ... Es sind vor allem die Frauen, die so gar nicht den Schwarz-Weiß-Vorstellungen des Westens entsprechen. Auf der Straße mögen sie verhüllt fast unsichtbar erscheinen. Sobald sie aber zu Hause sind oder auch nur einfach unter sich, legen sie ihre Abayas, die schwarzen Umhänge, und Kopftücher ab, zum Vorschein kommen lebhafte, lebendige und sehr unterschiedliche Menschen." (Vielleicht ist aber auch die Empörung bei uns genau deshalb so groß, weil wir das wissen!)

Für den Tagesspiegel hat Andreas Busche mit der Filmemacherin gesprochen, die "zum ersten Mal in den Straßen drehen konnte. Ich fühle die Ermächtigung, die Geschichte einer jungen Frau zu erzählen, die ihre eigene Stimme findet. ... Progressive Werte gewinnen an Bedeutung. Junge Menschen sind ständig online, sie möchten die Welt verstehen, Musik hören, sich ihre Partner aussuchen können. Dieser fundamentale Wandel folgt auf eine lange Phase, in der der Islam sehr konservativ ausgelegt wurde."

Die Nominierungen für den Deutschen Filmpreis stehen fest. Die interessantesten Filme finden sich in diesem Jahr allerdings in der Kategorie "Schnitt", meint Andreas Busche im Tagesspiegel: Hier ist "mit 'Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien' von Bettina Böhler auch ein Dokumentarfilm nominiert. Zusammen mit 'Systemsprenger' sowie Mariko Minoguchis relativitätstheoretischem Liebesdrama 'Mein Ende. Dein Anfang' (eines der besten Drehbücher des Jahres) und Katrin Gebbes opakem Mysterydrama 'Pelikanblut' zeigt sich hier die Bandbreite des deutschen Kinos 2020 am klarsten."

Außerdem: Thomas Abeltshauser schreibt in der taz über den spanischen Filmproduzenten Elías Querejeta, dem das Berliner Zeughauskino - das gestern verkündet hat, coronavirusbedingt alle Vorführungen bis auf weiteres abzusagen - eine Retrospektive widmen wollte. Besprochen werden Hirokazu Kore-Edas "La Vérité" mit Catherine Deneuve (Perlentaucher), Stefan Ruzowitzkys Adaption von Hermann Hesses Erzählung "Narziss und Goldmund" (FR, taz, Standard), Sandra Kaudelkas Kino-Dokumentarfilm "Wagenknecht" (FR), Jeremy Workmans Dokumentarfilm "New York - Die Welt vor deinen Füßen" (taz), der Schweizer Film "Mare" von Andrea Štaka (NZZ) und die King-Vidor-Retrospektive im Münchner Filmmuseum (SZ).
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Design

Foto: London College of Fashion
Das Gehen muss etwas schwierig sein in diesen Hosen. Andererseits bringen erst Widerstände echte Anmut zur Geltung. Jennifer Hahn von Dezeen bewundert jedenfalls die aufblasbaren Latexhosen des Designers Harikrishnan, die er bei seiner Abschlussschau am London College of Fashion zeigte. "'Die Idee kam mir, als ich mit meinem Hund spielte und ich darüber nachzudenken begann, wie überdimensionierte Objekte aus einem so niedrigen Winkel aussehen müssen', erklärt mir der Designer. 'Der Gedanke, dass er mich als riesige Figur sehen musste oder meinen Kopf nicht sehen konnte, war faszinierend, und so beschloss ich, die Menschen um mich herum durch ein Spiel der Verzerrung neu zu imaginieren - losgelöst von den stereotypen, vorgegebenen Vorstellungen der menschlichen Perspektive."
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Architektur

Die Ausstellung "da! Architektur in und aus Berlin" der Berliner Architektenkammer im Stilwerk Berlin reißt Nikolaus Bernau (Berliner Zeitung) nicht gerade vom Hocker. Immer alles so zwangsidyllisch in Berlin: "Heftige Debatten aber wird diese Ausstellung nicht auslösen. Dabei konstatierte [Senatsbaudirektorin] Regula Lüscher zur Eröffnung, dass 'Architektur auch Angst macht, weil sie verdrängt, liebgewordene Dinge und Milieus verändert.' Doch in dieser Auswahl macht wenig Angst - und manches wie die Kita in der Ruheplatzstraße ist geradezu idyllisch: Holz, Sand, wilde Gräser und wehende Birken - Berlins ewige Sehnsucht nach dem Kleinen im Großen."
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Kunst

Anfang der Woche waren gut 80.000 Frauen in Mexiko City auf der Straße, um gegen die unfassbare Zahl der Morde an Frauen zu protestieren. "Allein im vergangenen Jahr wurden nach offiziellen Angaben 3.825 Frauen in Mexiko getötet, sieben Prozent mehr als 2018. Im Durchschnitt werden damit pro Tag zehn Frauen getötet, was Mexiko zu einem der gefährlichsten Länder für Frauen weltweit macht. Tausende weitere sind in den vergangenen Jahren spurlos verschwunden", berichtete die Zeit. Am Sonntag davor setzten eine Handvoll Künstler auf den Straßen Mexikos ein Zeichen, erzählt Zoe Mendelson in Hyperallergic. "Zehn Mitglieder des aktivistischen Kunstkollektivs Colectiva SJF trafen sich um 8 Uhr morgens auf dem zentralen Platz von Mexiko-Stadt, dem Zócalo, und begannen mit dem Streichen des Bodens. In riesigen weißen Buchstaben nannten sie die Namen der Opfer von Femiziden der letzten vier Jahre in Mexiko. Im Laufe der nächsten sechs Stunden malten über 200 weitere Frauen gemeinsam mit ihnen etwa 250 Namen, 'so viele, wie wir vor dem Marsch Zeit hatten zu malen', sagte Martha Muñoz Aristizabal, ein Mitglied des Kollektivs, gegenüber Hyperallergic. 'Wir waren es leid, das Femizidproblem durch Statistiken zu sehen. Wir wollten diese Frauen vermenschlichen. Wenn sie sterben, hinterlassen sie bei uns allen einen Abdruck, und wir wollten diesen Abdruck für alle sichtbar machen, um ein kollektives Gedächtnis zu schaffen', erklärte Muñoz."

Detail aus der Ausstellung "Le milieu est bleu" im Palais de Tokyo


In der SZ ist Joseph Hanimann immer noch ganz weg von Ulla von Brandenburgs Ausstellung "Le milieu est bleu" im Palais de Tokyo in Paris: "Statt vorgegebene Museumsräume zu füllen, kleidet Ulla von Brandenburg sie ein und bringt so deren leere Kastenform durcheinander. Im Rundflügel des Palais de Tokyo mit Oberlicht durchs Glasdach führt das zu erstaunlichen Effekten. Die von der Künstlerin evozierte Welt ist voll seltsamer Erscheinungen, übergroße Schreibkreidestücke, überdimensionierte Reusen, wie für Menschenfische gemacht, gerollte Stoffbänder und farbige Bambusstöcke." Dazwischen Schauspieler, die irgendwelchen Geschäften nachgehen. Mystisch raunend wird das aber nie, versichert Hanimann. Statt dessen "spricht das Werkensemble zwischen Kunstinstallation, Theater und Oper botschaftslos für sich selbst, wie bei Ritualen fremder Kulturen, deren Deutungsschlüssel wir nicht haben".

Weiteres: Eine Liste zum Stand der wegen der Corona-Krise abgesagten Kunstmessen und geschlossenen Museen findet man bei monopol. Auch die österreichischen Museen haben vielfach geschlossen, meldet die Presse.

Besprochen werden eine Ausstellung der Polaroids von Linda McCartney im c/o Berlin (FR) und die Joan-Jonas-Performance "Moving Off the Land II" im Museo Nacional Thyssen-Bornemisza in Madrid (FAZ).
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Literatur

Holger Kreitling flaniert auf Dashiell Hammetts Spuren durch San Francisco. Gustav Seibt (SZ) und Patrick Bahners (FAZ) gratulieren Kurt Flasch zum Neunzigsten. Außerdem erscheint die Zeit heute mit ihrer Literaturbeilage. Für den Aufmacher besucht Ronald Düker den wegen seiner gefälschten Interviews berüchtigten Tom Kummer in Bern.

Besprochen werden unter anderem Leif Randts "Allegro Pastell" (Standard), Ocean Vuongs "Nachthimmel mit Austrittswunden" (NZZ), Jonathan Coes "Middle England" (FR) und Ingo Schulzes "Die rechtschaffenen Mörder" (FAZ).

Und ein kleines Update: Der Preis der Leipziger Buchmesse - coronavirus-bedingt nicht bei der Buchmesse, sondern live on air beim Dlf Kultur verliehen - geht in diesem Jahr an Lutz Seiler für seinen Wenderoman "Stern 111". In unserem Online-Bücherladen Eichendorff21 haben wir für Sie einen Büchertisch mit allen Shortlist-Romanen zusammengestellt.

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Bühne

Tja, viel zu berichten ist hier nicht, in Zeiten der Coronakrise. Viele Theater haben ihre Aufführungen abgesagt. Listen findet man bei der neuen musikzeitschrift und (nur für Berlin) im Tagesspiegel.

Was bleibt: Volker Hagedorn porträtiert für die Zeit die amerikanische Sopranistin Nicole Chevalier. Besprochen werden Philip Glass' Kammeroper "In der Strafkolonie" in Gera (nmz), Tom Stoppards "Leopoldstadt" in London (NZZ) und Sonja Trebes' Inszenierung von Hans Gáls Oper "Die heilige Ente" am Theater Heidelberg (FAZ).
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Musik

Für VAN hat sich Volker Hagedorn unter Musikern im Klassikbetrieb umgehört, was deren katastrophale finanzielle Lage betrifft: Etwa ein Drittel der rund 15.000 Profi-Musiker befinde sich "auf dem steilen Weg in die Altersarmut." Auch in der Ausbildung sieht es trist aus: "Während etwa an der Zürcher Hochschule ein Lehrauftrag nach sechs Jahren in eine Stelle überführt und zuvor quasi auf Professor*innenniveau bezahlt wird, kam eine Sängerin, die seit 20 Jahren Lehrbeauftragte für Stimmbildung in Bayern ist, zuletzt auf 798 Euro im Monat. An der Uni Würzburg gibt es 25 Euro für 45 Minuten Unterricht. ... Mit einer Höchststundengrenze wird allenthalben verhindert, dass Lehrbeauftragte eine Stelle einklagen können. Dann nämlich kämen sie in den Genuss des Arbeitsrechts, das vorerst ausgehebelt ist: Honorare werden verfügt wie Halteverbote."

Ins Berghain kommt man eh kaum rein, jetzt kommt endgültig keiner mehr rein: Der Berliner Club schließt als Vorsichtsmaßnahme wegen des Coronavirus vorerst seine Pforten. Viele weitere Clubs erwägen dasselbe, schon jetzt ist ein Besucherrückgang von 30 Prozent zu verzeichnen, erfahren wir von Plutonia Plarre und Ulrich Gutmair in der taz. Finanzielle Puffer haben die Clubs kaum: "Die Berliner Clubcommission, in der 200 Berliner Clubs organisiert sind, hat sich Mittwoch mit dem offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister gewandt. Sie fordert, kurzfristig einen Rettungsfonds für die von Umsatzeinbußen betroffenen Clubs und Musikspielstätten einzurichten. Für den Fall, dass es zu Zwangsschließungen von Clubs 'von nur vier Wochen' komme, solle ein Rettungspaket in Höhe von mindestens 10 Millionen Euro die Existenz der Clubs sichern."

Außerdem: Matthias Pasdzierny spricht in VAN mit dem Komponisten Marcus Schmickler über dessen Beethoven-Projekt, das sich an Mauricio Kagels Film "Ludwig van" aus dem Jahr 1970 abarbeitet. Dass RTL sich nun von Wirrkopf Xavier Naidoo getrennt hat, nachdem dieser sich vor kurzem mit rechtsaußen-kompatiblen Singsang an die Öffentlichkeit gewandt hatte, kommt schon reichlich spät, meint Carolina Schwarz in der taz: Schließlich verbreite der Mannheimer Sänger seit Jahren "antisemitische, rassistische, homofeindliche und verschwörungstheoretische Ansichten." Hartmut Welscher spricht für VAN mit dem Pianisten Herbert Schuch darüber, Beethoven zu spielen. Arno Raffeiner staunt in der NZZ darüber, dass ein ausgeprägter Normalo wie Caribou im Pop so große Erfolge feiert. Arno Lücker schreibt in der Komponistinnenreihe des VAN-Magazins über Elisabeth von Herzogenberg. Jan Paersch porträtiert in der SZ den Londoner Jazzschlagzeuger Moses Boyd. Eine Hörprobe aus dessen neuen Album "Dark Matter", das von Byte.FM zum Album der Woche gekürt wurde:



Besprochen wird ein Auftritt von Fred Wesley (Presse). Außerdem erscheint die Zeit heute mit einer kleinen Musikbeilage.
Archiv: Musik