Efeu - Die Kulturrundschau

Trompete, Schaufel und Dolch

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26.02.2020. Es gibt keinen besseren Zeichner als David Hockney, jubelt der Guardian nach dem Besuch der großen Retrospektive in der Londoner National Portrait Gallery. Das AnOthermag lernt ebenfalls in London die Macht weißer Männerclubs kennen. Der Tagesspiegel blickt fassungslos auf den nackten Hintern von Dffb-Leiter Ben Gibson. Die SZ begibt sich ins Marvel-Universum von Beethovens "Fidelio". Und die NZZ fragt mit Blick auf die Festspiele Zürich: Wer will in Zürich denn das "Volk" sein?
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2020 finden Sie hier

Kunst

Es gibt keinen besseren Zeichner als David Hockney, jubelt ein überwältigter Jonathan Jones im Guardian nach dem Besuch der Retrospektive "Drawing from Life" in der Londoner National Portrait Gallery, die dessen Porträtzeichnungen zeigt. Hockney zeichnete vor allem seine Freunde immer wieder schonungslos offen. Etwa Gregory Evans: "Gregory ließ sich 1975 von Hockney nackt zeichnen. In 'Gregory Leaning Nude' sieht er aus wie ein von Botticelli gemalter Florentiner Jugendlicher. Er lehnt seinen schlanken Körper an die Wand und schaut unter langen gelbbraunen Locken in den Raum, während Hockney seinen rosa Penis zeichnet. Im folgenden Jahr schließt er die Augen auf einer Lithographie, in der er nur Turnsocken trägt. Aber während Hockney Evans schön zeigen kann, hat er ihn auch in einen Zustand beängstigender Verletzlichkeit gezeichnet. In zwei Studien von 1988 scheint er angeschlagen zu sein. In einem Porträt von 1999 sind seine Haare zerzaust und verschwitzt, sein Gesicht hoffnungslos abgemagert. Evans ist Hockneys Jedermann, der sich im Leben verändert und in diesen Kunstwerken extreme Höhen und Tiefen erlebt." In einem weiteren Artikel im Guardian erzählt Celia Birtwell von ihren Erfahrungen als Hockney-Modell.

Bild: Catherine Opie, Rusty, 2008. From the series High School Football, 2007-2009. © Catherine Opie, Courtesy Regen Projects, Los Angeles and Thomas Dane Gallery, London.

Wichtig findet Belle Hutton (AnOthermag) die Fotografie-Ausstellung "Masculinities: Liberation Through Photography" im Londoner Barbican Center, die Männlichkeits-Stereotype von toxisch bis fragil hinterfragt: "Die Serie Gentlemen der Künstlerin Karen Knorr dokumentiert die Männer des Patriarchats im London der 1980er Jahre. Die Serie umfasst Porträts und Interieurs, die in privaten Männerclubs in der ganzen Stadt aufgenommen wurden und mit Texten aus Reden und Nachrichtenmeldungen versehen sind - 'Männer interessieren sich für Macht. Frauen interessieren sich mehr für den Dienst', heißt es in einem. Knorr zeigt auf, wie eng hegemoniale Männlichkeit mit Weißsein, Reichtum und Privilegien verbunden ist und persifliert diese mächtige Nische der britischen Gesellschaft."

Jahrelang arbeitete das Kunstmuseum Liechtenstein mit vier amerikanischen Museen an einer großen Ausstellung über Kunstwerke, die Liechtenstein nach dem Zweiten Weltkrieg nach Nordamerika verkaufte - nun sagte die American Federation of Arts (AFA) die Ausstellung kurzerhand mit dem Hinweis auf die Rolle Liechtensteins während der NS-Zeit ab. Ein "Affront", ärgert sich Olga Kronsteiner im Standard und vermutet ganz andere Gründe: "In der amerikanischen Museumsszene erzählt man sich längst anderes. Dem Vernehmen nach soll es in Washington einen potenziellen MeToo-Fall geben, der 2018 zur plötzlichen Pensionierung eines Kurators führte (Name der Redaktion bekannt). Beim Katalog zur Liechtenstein-Ausstellung blieb er jedoch als Autor an Bord."

Besprochen werden die Monet-Ausstellung im Potsdamer Barberini-Museum (FR), eine Kunstaktion des Malers Klaus Killisch in der Paul-Gerhardt-Kirche im Prenzlauer Berg (Berliner Zeitung) und die Ausstellung "Sapphic Fragments" mit Werken von Imogen Taylor in den Hocken Collections in Dundedin (FAZ).
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Film

Die in Leitungsfragen ohnehin seit vielen Jahren gebeutelte Berliner Filmhochschule Dffb am Potsdamer Platz hat ihren Leiter Ben Gibson bis auf weiteres beurlaubt, berichtet der Tagesspiegel. Der Grund ist einigermaßen absurd: "Aus der Studierendenschaft hieß es, Gibson habe sich mit einer Studentin auf der Terrasse des Filmhauses gestritten. ... Die Studentin soll Gibson angeschrien haben, weil sie mit seiner Arbeit als Direktor unzufrieden gewesen sein soll. Daraufhin soll Gibson seine Hose heruntergelassen und der Studentin den nackten Hintern gezeigt haben. Es soll sich nicht um eine Absolventin der Dffb, sondern der Potsdamer Filmuniversität Babelsberg gehandelt haben."

Bei der Berlinale passen die ganz großen Kinothemen auf einen koreanischen Esszimmertisch - zumindest wenn Hong Sangsoo im Wettbewerb Einzug hält. Von solcher Konzentration in den Encounters keine Spur: Alexander Kluges und Khavn de la Cruz' exzessiver Kinorausch "Orphea" bringt die ganze Welt zum Bersten - und Lilith Stangenberg rettet die Toten. Im Forum wird derweil das Innenleben der Bilder freigelegt - und damit für Kontur zum neuen Wettbewerb "Encounters" gesorgt. All dies und mehr - in unserem Berlinale-Pressespiegel.
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Stichwörter: Dffb

Bühne

Warum scheitern so viele Opernregisseure an Beethovens "Fidelio", fragt Reinhard J. Brembeck in der SZ und findet die Antwort im mittelmäßigen, mitunter "ungelenken" Libretto: "Das Gefängnispersonal ist bürgerlich bieder. Der Direktor und sein Gehilfe sind lebensnah gezeichnete Mitläufer und Opportunisten, Leonore und Florestan dagegen irreal idealistische Übermenschen: eine als Amazone agierende Penelope und eine christusartige Duldergestalt. Dagegen ist ihr fieser Gegenspieler Pizarro ein plakativ platter Bösewicht. Diese Gestalten sind so klischeehaft wie die Comichelden des Marvel-Universums, sie würden wunderbar in einen Schurkenheldenblockbuster passen. Zudem spielen in Form von Trompete, Schaufel, Dolch und Pistole recht profane Geräte eine handlungsbestimmende Rolle, was in befremdlichem Gegensatz zu den gefeierten großen Gefühlen steht."

Tobias Kratzer hat es trotzdem gewagt, seine Inszenierung feiert am kommenden Sonntag am Royal Opera House in London Premiere. Im SZ-Interview mit Egbert Tholl verrät Kratzer, was er besser machen will: "Ich versuche nun in London, gerade weil diese Oper eine so unmittelbare und vermeintlich naive Message hat, diese erst einmal zu reaktivieren. Man hat dieses Stück schon durch so viele verschiedene Schichten des Zynismus hindurchgejagt, viele Schlusswendungen gefunden, weshalb die Utopie gerade nicht glaubwürdig ist, dass ich es selbst als Herausforderung empfinde, diesen Entwicklungsprozess hin zum Finale miterlebbar zu machen."

Als "Volksfest der Künste" wollte der vor vier Jahren angetretene Leiter Alexander Keil die Festspiele Zürich etablieren. Aber: "Wer in einer Stadt wie Zürich sollte sich als 'Volk' angesprochen fühlen und sich mit diesem gemeinmachen?", seufzt Daniele Muscionico in der NZZ mit Blick auf das Potenzial der Idee: "Kollaboration und Partizipation können ein Weg sein, bildungsbürgerliche Errungenschaften wie Museen, Theater und Konzertsäle neu zu legitimieren und in die Mitte der Gesellschaft zu rücken - einer Gesellschaft, die mehr und mehr in verschiedene, mit- und nebeneinander existierende Gesellschaften zerfällt. Zum anderen versteht sich kulturelle Teilhabe auch als Teilhabe an der Deutungshoheit von Kunst: Jede und jeder kann - und soll - die klassische Kunst- und Kulturinstitution mit neuem utopischen Wissen und Potenzial versorgen."

Besprochen werden Ludger Vollmers Oper zu Wolfgang Herrndorfs "Tschick" am Staatstheater Darmstadt ("Die Regie von Kirsten Uttendorf scheint nicht die Absicht gehabt zu haben, sich mit den Schwebungen und stimmungsvollen Momenten von Herrndorf und Akin zu messen: eine gestalterische Fehlanzeige", findet Bernhard Uske in der FR), der Ballettabend "3 Generations" mit Choreografien von Hans von Manen, Marco Goecke und Emrecan Tanis (FAZ), Martin Kusejs Inszenierung von Theo van Goghs "Das Interview" am Wiener Akademietheater (FAZ) und Tom Stoppards Stück "Josefstadt" im Londoner Wyndham's Theatre (SZ).
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Literatur

Auch der französische Buchmarkt kämpft, das Personalkarussel drehte sich in Paris so schnell wie lange nicht mehr, berichtet SZ-Korrespondent Joseph Hanimann. Der eine wechselte von Flammarion zu Alban Michel, die andere von Livre de Poche zu Lattès. Hanimann besucht die neue Verlegerin von Gallimard, Karine Hocine, im ehrwürdigen Pariser Verlagsgebäude. Und was sagt sie ihm? "Um Bücher zu machen, muss man in erster Linie Verleger sein und das Marketing in seine Grenzen verweisen."

Besprochen werden Hanns Zischlers "Der zerrissene Brief" (online nachgereicht von der FAS), Anna Burns' "Milchmann" (Standard), zwei Gedichtbände von Keith Waldrop (SZ) und Stefanie de Velascos "Kein Teil der Welt" (FAZ).

Mehr in unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau. Alle besprochenen Bücher und viele mehr zum Bestellen finden Sie natürlich in unserem neuen Online-Buchladen Eichendorff21.
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Stichwörter: Buchmarkt

Architektur

In der NZZ porträtiert Viviane Ehrensberger die Architektin Vera Gloor, die im Zentrum Architektur Zürich in der Ausstellung "Frau Architekt" vertreten ist.
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Stichwörter: Gloor, Vera

Musik

Dem "kranken Lounge-Music-Charakter", den King Krule als Ober-Schluffi der britischen Popmusik auf seinem neuen Album "Man Alive!" mitunter pflegt, übt auf Standard-Kritiker Karl Fluch mitunter einen angenehmen Reiz aus: "Mit einem verdrehten Bass sowie dem Saxofon-Gebläse des Argentiniers Ignacio Salvadores entwirft er eine Lounge-Musik, die an die gänzlich unentspannte New Yorker No Wave erinnert. Der hilflose Minimalismus des Frühwerks ist dabei einer faulen Routine gewichen. ... Bei allem fehlenden Ehrgeiz ist die Musik bestechend verwegen. Ihre Verweigerung, sich festzulegen, hat eine Handschrift begründet: King-Krule-Musik. Diese mäandert durch die Stile und die Zeit. Die Film-noir-Assoziationen passen dazu ebenso wie die After-Hour-Stimmung irgendwo an der Londoner Peripherie. Der Schrott dort ist aber nicht die Musik, er bildet bloß das Ambiente." Wir hören rein:



Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Caribou-Album "Suddenly" (SZ). Daraus eine Hörprobe:

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Stichwörter: King Krule, Caribou