Efeu - Die Kulturrundschau

Die Maske der Unscheinbarkeit

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22.10.2019. In der SZ erinnert Art Spiegelman daran, dass es oft jüdische Comic-Künstler waren, die in Superhelden-Reihen amerikanische Übermenschen schufen. Die Welt fragt, welche Bauwerke die Digitale Stadt hervorbringen soll. Die Berliner Zeitung meldet einen neuen Kunstfälscherskandal. Die NZZ stöbert im Vintageladen "The Way We Were". Außerdem trauern die Feuilletons um die Fischer-Verlegerin Monika Schöller.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.10.2019 finden Sie hier

Kunst

Marianne von Werefkin: In die Nacht hinein, 1910, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München


In der SZ feiert Gottfried Knapp die Aussstellung "Lebensmenschen" im Münchner Lenbachhaus, die neben Alexej von Jawlensky vor allem seine Lebensgefährtin, die russische Malerin Marianne von Werefkin, in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt: "Die Entdeckungsreise in den Kontinent Werefkin beginnt mit Gemälden, die noch unter den Augen des großen russischen Realisten Ilja Repin in Sankt Petersburg entstanden sind. Marianne von Werefkin (1860 - 1938) war gerade mal 21 Jahre alt, als sie Repins Ehefrau Vera quasi routiniert mit den Stilmitteln ihres Lehrers porträtierte. Welche technischen Fertigkeiten sie sich als Privatschülerin des Meisters erworben hat, zeigt der mit spielerischer Leichtigkeit auf die Leinwand gezauberte 'Mann im Pelz' von 1890, der begreiflich macht, warum Werefkin damals als 'russischer Rembrandt' gefeiert wurde."

In der Berliner Zeitung berichtet Irmgard Berner, dass der Galerist Michael Schultz im Verdacht steht, im großen Stil Bilder und Urkunden gefälscht zu haben: "Die Staatsanwaltschaft wirft Michael Schultz vor, in mehreren Fällen von Kunstbetrug dringend tatverdächtig zu sein. Wertlose Kunstwerke soll er mit gefälschten Zertifikaten für hohe Summen verkauft haben. Dabei habe es sich laut Ermittlern um klassische Gemälde, Zeichnungen, Radierungen und Skulpturen gehandelt. Heraus sticht eine Fälschung Gerhard Richters, 87, des höchstdotierten lebenden Künstlers."

Weiteres:In der taz berichtet Beate Scheder von der Screen City Biennale im norwegischen Stavanger. Brigitte Werneburg bewundert ebenfalls in der taz die "stupende Idee" des türkischen Künstlers Cevdet Erek, für sein  "Bergama Stereo" den Pergamonaltar im Hamburger Bahnhof zu rekonstruieren und die Gigantomachie in ein gigantisches Musiksystem zu verwandeln.

Besprochen werden die große Ausstellung "Making van Gogh" im Frankfurter Städel (die FAZ-Kritiker Stefan Trinks zufolge "fulminant" das van-Gogh-Fieber Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland rekonstruiert), die formidable Hans-Hartung-Ausstellung im Pariser Musée d'art moderne (Figaro), die große Bridget-Riley-Retrospektive in der Londoner Hayward Gallery (Guardian) und eine Virtual-Reality-Reihe in der Julia Stoschek Collection in Berlin (Tsp).
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Literatur

Die Verlegerin Monika Schoeller ist gestorben. Peter Sillem, einst ihr Mitarbeiter beim S. Fischer Verlag, widmet ihr in der FAZ einen Nachruf: "Mit ungeheurer Ausdauer pflegte sie das reiche Erbe des Verlags und seiner Autorinnen und Autoren, zum Teil mit Werkausgaben, die über Jahrzehnte hinweg entstanden - hier seien nur die zweiundvierzigbändige kritische Hofmannsthal-Ausgabe, die von Klaus Reichert herausgegebene Virginia-Woolf-Ausgabe, die Große Kommentierte Frankfurter Ausgabe der Werke von Thomas Mann und die Werkausgaben von Anne Frank genannt." Im Tagesspiegel schreibt Gregor Dotzauer, in der SZ würdigt Christoph Schröder die Verstorbene.

Auch Superhelden-Comics sind politisch, daran erinnert der Comickünstler Art Spiegelman in einem Text, den die SZ übersetzt hat. "An dieser Stelle könnte man darauf hinweisen (nicht aus ethnischem Stolz, sondern weil es etwas Licht auf die Rohheit und die spezifischen Themen der frühen Comics wirft), dass die Pioniere hinter diesem in New York beheimateten embryonalen Medium überwiegend Juden waren und aus ethnischen Minderheiten kamen. Es waren nicht nur Siegel und Shuster, sondern eine ganze Generation von Einwanderern und ihren Kindern, die, am stärksten betroffen von der Großen Depression, besonders auf den Aufstieg des Antisemitismus in Deutschland eingestellt waren. Sie erschufen den amerikanischen Übermenschen, der für eine Nation kämpfte, die zumindest nominell 'eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren' willkommen hieß."

Weitere Artikel: In der taz fordern Hannah El-Hitami und Hannah Brinkmann einen festen Platz für Comic-Journalismus in den Medien. In der SZ berichtet Roswitha Buddeus-Budde über die Verleihung der Jugendliteraturpreise in Frankfurt. Im Tagesspiegel schreibt Christian Schröder zum Tod des Schriftstellers und Gonzo-Journalisten Nick Tosches.

Besprochen werden eine Ausstellung früher Computerpoesie (1959!) von Theo Lutz im Literaturarchiv Marbach (SZ), Mircea Cartarescus Roman "Solenoid" (NZZ) und Erzählungen von Doris Lessing (taz).
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Architektur

Kein Mensch interessiert sich in Heidelberg für die Internationale Bauaustellung IBA, und auch Danwart Guratzsch kann ihr in der Welt nicht viel abgewinnen. Die Smarte Stadt als rettende Idee? Da kann Guratzsch nur abwinken: "Die digitalen Netze, Clouds und Algorithmen bringen von sich aus keinen Buckel, keine Rundung, kein Rechteck und kein spezielles Dach am Gebäude hervor. Auch dem 'smartesten' Bauwerk ist nicht anzusehen, welches geheime Leben in ihm waltet. Ganz im Gegenteil: Datenzentralen sind äußerst konventionelle Gebäude. Sie ähneln Lagerhallen und verstecken sich - böse Zungen behaupten, aus gutem Grund - hinter der Maske der Unscheinbarkeit. Eine signifikant geformte 'Digitale Stadt' ist eine Kakotopie."

Weiteres: In der NZZ gratuliert Antje Stahl dem Schweizerischen Architekturmuseum zum 35-jährigen Bestehen.
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Stichwörter: IBA, Heidelberg

Bühne

Patrick Wildermann porträtiert im Tagesspiegel den Regisseur Falk Richter. Die Nachtkritik bringt die Hamburger Poetikvorlesung des Dramatikers Thomas Köck.

Besprochen werden Robert Wilsons Bühnenfassung von Rudyard Kiplings "Dschungelbuch" in Düsseldorf (die Martin Krumbholz in der SZ als texanisch empfiehlt: "wach, effizient, lässig"), Katie Mitchells "Anatomie eines Suizids"  am Hamburger Schauspielhaus (taz), Samuel Becketts "Warten auf Godot" in Mannheim (FR), Ewald Palmetshofers "Die Verlorenen" am Münchner Residenztheater (Standard, FAZ), Tatjana Gürbacas Inszenierung von Mozarts "Don Giovanni" in Bremen (FAZ) und Molières Komödienklassiker "Der Menschenfeind" im Tiroler Landestheater (Standard).
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Film

Im Interview mit dem Standard plaudert William Defoe über seine Rolle in Robert Eggers Film "The Lighthouse". Besprochen werden die Streamingserie "Check Check" mit Klaas Heufer-Umflauf (Zeit online) und Gabrielle Bradys halbdokumentarischer Film "Die Insel der hungrigen Geister" über die australische Abschiebepolitik (taz).
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Design

Sarah Pines besucht für die NZZ den Vintageladen "The Way We Were" in Los Angeles vor. Hier findet man Kleider aus hundert Jahren, die aus privaten Sammlungen und von Filmsets stammen: "Das Licht ist senfgelb, von Lampenschirmen aus dünnem Stoff gedämpft. Den Wänden entlang hängen die Kollektionen, die mit der Stummfilmzeit beginnen, den zwanziger Jahren, Flappersilhouetten, Präriekleider. Es folgt Jahrzehnt um Jahrzehnt bis in die späten neunziger Jahre: edle Hüte in Melonenform, irre Schulterpolsterkreationen der achtziger Jahre, Seidenkimonos aus den vierziger Jahren, in Seidenpapier eingeschlagene Kleider mit aufgenähten Kristallblumen. Vieles war in Privatbesitz oder entstammt Garderoben von Filmsets."

Außerdem: In der taz notiert Daniel Kretschmar ein Comeback der Lava-Lampe, die offenbar hilfreich für Verschlüsselungen ist.
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Stichwörter: Vintagekleider

Musik

Joachim Hentschel weiß in der SZ zwar, dass der Singer und Songwriter Bill Callahan als knarziger Melancholiker geradezu den "Posterboy der linientreuen Independent-Musik" abgibt, trotzdem ist er hin und weg vom neuen Album: "Schön geschliffen ist auf 'Shepherd in a Sheepskin Vest' gar nichts. Die Musik klingt, als würde ein vierschrötiges Jazzquartett mit aller Beherrschung versuchen, eine sanfte Countryplatte einzuspielen, und darüber schwebt die Stimme, die berühmte Stimme. Wie der Off-Kommentar in einer Dokumentation übers Familienleben im dunklen, unerschlossenen Gebirge: 'We turn darkness into morning / We turn belief into evening.' Verstörend idyllischer könnte es nicht mal Werner Herzog sagen."

Weiteres: Im FR-Gespräch Arne Löffel erklärt der Musiker und Ökologe Dominik Eulberg, dass elektronische Musik in Wahrheit die instinktivste Form der Musik ist: "Die elektronische Musik basiert auf monotonen 4/4-Rhythmen, die sich schon in der Stammesmusik finden, zu denen sich Schamanen in Trance tanzen. Es gibt also kaum eine Musik, die näher an der Natur ist als die elektronische Musik." Harald Eggebrecht versichert in der SZ, dass der Kammermusiksaal der Kronberg Academy, die internationale Musiker zu Meisterklassen in den Taunus locken soll, schon im Rohbau ziemlich gut klinge. Besprochen wird Nick Caves neues Album "Ghosteen" (taz).
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