Efeu - Die Kulturrundschau

Denken, Schwitzen, Wahnsinn

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.10.2019. Kafka und Trakl hätten gemalt wie Richard Gerstl, staunt die FAZ im Wiener Leopoldmuseum. Hyperallergic bewundert in San Francisco afrikanische Kunst jenseits eurozentrischer Stereotype. Zeit Online rauft sich nach einer neuen Studie zu Frauen im Film die Haare. Der Standard lässt sich von Nick Caves "narbenreichem Optimismus" anstecken. Verhalten applaudieren die Kritiker David Böschs "Lustigen Weibern von Windsor" in der Staatsoper. Immerhin Daniel Barenboim war ungewohnt freundlich, wundert sich die Berliner Zeitung. Und die NZZ erkundet die Brandlöcher in Schriftsteller-Schreibtischen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2019 finden Sie hier

Kunst

Bild: Richard Gerstl. "Selbstbildnis, lachend". 1908. Belvedere Wien.

Nur sechs Jahre lang malte der Wiener Künstler Richard Gerstl bis er sich 1908 im Alter von 25 Jahren das Leben nahm. Und doch muss sein Werk in seiner Radikalität den Vergleich mit van Gogh oder Munch nicht scheuen, erfährt Stefan Trinks in der FAZ nach einem Besuch in der Gerstl-Ausstellung im Wiener Leopoldmuseum. Gerstl malte, wie Kafka und Trakl schrieben, meint er, etwa beim Anblick von "Selbstbildnis, lachend" von 1908, "das in seinem grotesken Irrsinn zwischen den schwarzgalligsten Goya-Porträts und Bacon changiert. Zwischen dem gellend aufwiehernden Haupt und dem nervös fleckigen Hintergrund existiert nahezu keine Grenze mehr, einige der breit in den Grund gedrückten Pinselhiebe gehen direkt ins Gesicht über. Allerdings hat Gerstl hier durch Spachteln die Gesichtshaut wesentlich stärker aufgerissen, die Konturen regelrecht zertrümmert und die Bartstoppeln in Grellgelb nur auf einer Seite herausstehen lassen, weshalb die Ausstellungsmacher mit van Goghs ähnlich zergliedertem Selbstbildnis von 1887 aus der Züricher Sammlung Bührle den denkbar stärksten Vergleich daneben stellen. Das unangenehme Auflachen von Gerstls verzerrt geöffnetem Mund ist ein einziger Hilferuf, die Augen wirken blutunterlaufen, weil bereits mit Hautfarbe zugelaufen."

Kiluanji Kia Henda. The Last Journey of the Dictator Mussunda N'zombo Before the Great Extinction Act I, 2017

Afrikanische Kunst jenseits rassistischer Stereotype lernt Zoe Samudzi (Hyperallergic) in der Ausstellung "Africa State of Mind" im Museum of the African Diaspora in San Francisco kennen, wo fünfzehn afrikanische Künstlern aus elf Ländern derzeit ihre Arbeiten zeigen: "Indem wir uns weigern, Afrikaner als bedeutende Macher von Zivilisationen zu sehen (für viele europäische Entdecker schien es realistischer, dass Außerirdische die Pyramiden von Gizeh in Ägypten oder die Architektur der Ruinenstadt Groß-Zimbabwe an Stelle der indigenen Afrikanern gebaut haben), schließen wir die Möglichkeit aus, dass sie sinnvolle Interpretationen ihrer eigenen Realität bieten können. Im MoAD zeigen die Künstler Raphaël Barontini und Neil Beloufa diese übersehenen Interpretationen von Vergangenheit und Zukunft an. Barontinis gigantischer Wandteppich repräsentiert das verwobene Gefüge von Geschichte, Ästhetik und Ideen, das die 'Afrikaner' umfasst, von römischen Skulpturen über ruandische Tutsi bis hin zu den Verschiedenheiten der indigenen Kosmologien."

Weiteres: Auf wenig Gegenliebe stößt Jeff Koons' am Freitag zur Erinnerung an die Pariser Anschlagopfer von 2015 enthüllter Tulpenstrauß-Skulptur, meldet der Tagesspiegel. Standard und Presse beantworten die wichtigsten Fragen zu Eike Schmidts Absage ans Wiener KHM: Das österreichische Kulturministerium prüft rechtliche Schritte, weiß der Standard. Banksys "Devolved Parliament" wurde für 9,9 Millionen Pfund versteigert, meldet die NZZ.

Besprochen wird die Dürer-Ausstellung in der Wiener Albertina (Tagesspiegel) und eine Bauhaus-Performance von Nico and the Navigators im Berliner Kolbe-Museum (Tagesspiegel).
Archiv: Kunst

Musik

Insbesondere in der zweiten Hälfte von Nick Caves neuem Album "Ghosteen" fallen Karl Fluch zwar zuweilen auch mal die Augen zu (es sei ihnen gegönnt, sie leiden nach Ansicht des mit den Vorlieben der Zeugen Jehovas kompatiblen, im Stil des "Augenkrebs begünstigenden Phantastischen Realismus" gehaltenen Plattencovers schon genug), doch auf dem Weg dorthin gab es für den Standard-Kritiker einiges an Schönheit zu bewundern: "Caves Balladen waren oft die am meisten berührenden Stücke auf seinen Platten. Heute singt er nur noch Balladen. Diese sind zerdehnt, aber nicht überspannt. In ihrer fragilen Balance sind sie wahrscheinlich so radikal wie Caves frühe Kunst, sind Resultat eines narbenreichen Optimismus: Das Leben ist schön, trotz allem." Premiere in voller Länge feierte das Album auf Youtube:



Weiteres: In der taz schreibt Jan Paersch über Art Blakey, der am 11. Oktober 100 Jahre alt geworden wäre. Dlf Kultur bringt eine "Lange Nacht" von Bert Noglik über den südafrikanischen Jazzmeister Abdullah Ibrahim. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Komponisten Giya Kancheli. Besprochen werden ein von Adam Fischer dirigiertes Konzert der Berliner Philharmoniker (Tagesspiegel) und das neue Album von Seeed (SZ, FAZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Cave, Nick

Film

Carolin Ströbele fasst für ZeitOnline die Ergebnisse einer neuen Studie zu Frauen im Film zusammen, die abermals zu einem bekümmerlichen Ergebnis führt: Trotz Ausreißern wie "Wonder Woman" herrscht demnach weder vor, noch hinter der Kamera ein einigermaßen ausgeglichen zu nennendes Verhältnis zwischen den Geschlechtern. "Was sich indes tatsächlich verändert, zeigt die Studie, ist die Einstellung der Zuschauerinnen und deren Reaktion auf die Klischees. Die von Plan International im Rahmen der Studie befragten 10.000 Frauen und Mädchen gaben relativ einhellig an, dass sie sich vielschichtigere weibliche Charaktere auf der Leinwand wünschten. Außerdem beklagten viele der Befragten, dass Frauen häufig als passiv dargestellt würden und die Rollen zu sehr auf den männlichen Helden bezogen seien."

Der Filmdienst verkündet den Startschuss von Matthias Dells Kracauer-Stipendiaten-Blog, das programmatisch mit "Schnipsel" überschrieben ist. Darin soll es um den so problematischen wie nützlichen Begriff "Filmerbe" gehen. Schwierig ist er, "weil er eine Konzentration aufs 'Nationalkinematografische' ungefragt souffliert. ... Andererseits macht es das Wort vom 'Filmerbe' überhaupt erst möglich, das, was Debatte sein könnte, zu rubrizieren, ihm einen Label zu geben. Nimmt man das, was etwa Pressedatenbanken an Texten archivieren, als Ausdruck einer öffentlichen Debatte, dann lässt sich sagen: Für diese Form einer breiten, nicht-fachlich informierten Form von Öffentlichkeit ist das Wort 'Filmerbe' relativ jung."

Weiteres: Für epdFilm porträtiert Anke Sterneborg den Schauspieler Tobias Moretti, mit dem außerdem der Filmdienst gesprochen hat. Hanns-Georg Rodek plaudert in der Welt mit Will Smith über seine Doppelrolle in Ang Lees "Gemini Man" (mehr dazu hier, im Filmbulletin bespricht Lukas Foerster den Film). Urs Bühler berichtet in der NZZ von Javier Bardems Besuch beim Zurich Film Festival. Mit einer Sonderseite würdigt die SZ außerdem Monty Python, die heute vor 50 Jahren mit ihrem "Flying Circus" auf Sendung gegangen sind: Deren "Wille zur Grenzüberschreitung" machte sie "zu einem Wendepunkt in der Fernsehgeschichte", schreibt Alexander Menden.

Besprochen werden Adele Tullis Gender-Dokumentarfilm "Normal" (Sissy, critic.de), Christian Schwochows gleichnamige Verfilmung von Siegfried Lenz' "Deutschstunde" (Freitag, mehr dazu bereits hier) und Guy Nattivs Nazi-Aussteiger-Drama "Skin" (Tagesspiegel).
Anzeige
Archiv: Film

Literatur

Die NZZ bringt heute eine Bücherbeilage, in deren Aufmacher über die Welt der literarischen Schreibtische meditiert: "Der Schreibtisch ist ein mobiles Möbel, und er sorgt für ein stabiles Verhältnis des Autors zur Welt. Hier ist der Nullmeridian, der allerdings nicht mehr durch Tintenfässer und Federn markiert werden muss. ... Die Arbeit imprägniert den Schreibtisch und macht ihn uns ähnlich. Arbeitsstimulanzien hinterlassen ihre Spuren. Brandlöcher, Ränder von Gläsern. Kringel von Notizen, die sich ins Holz gedrückt haben. Schreiben ist Denken, Schwitzen, Wahnsinn."

Weitere Artikel: Theodor Fontanes "Effi Briest" schlägt Gustave Flauberts "Madame Bovary", wenn es um Eheromane des 19. Jahrhunderts geht, meint Zeit-Kritiker Jens Nordalm. Im Literaturfeature für Dlf Kultur porträtiert Michael Hillebrecht die amerikanische Schriftstellerin Rachel Kushner. In der Literarischen Welt blickt Wieland Freund zurück auf vierzig Jahre "Die Unendliche Geschichte" von Michael Ende. Für die Literarische Welt spricht Mara Delius mit dem amerikanischen Schriftsteller Ocean Vuong, mit dem sich zuvor ZeitOnline unterhalten hatte (unser Resümee). Andreas Platthaus malt sich in der FAZ szenisch aus, wie wohl gerade die Diskussionen hinter den verschlossenen Türen der Schwedischen Akademie laufen, die in diesem Jahr nicht nur zwei Nobelpreisträger aus dem Hut zaubern muss, sondern dies nach Möglichkeit auch geschlechterparitätisch - womit aller Wahrscheinlich nach alles auf Margaret Atwood hinauslaufen wird.

Besprochen werden unter anderem Jackie Thomaes "Brüder" (taz, FAZ), Gary Dishers Krimi "Hitze" (CrimeMag), Gusel Jachinas "Wolgakinder" (taz), Norbert Scheuers "Winterbienen" (Standard), Wilm W. Elwenspoeks Neuübersetzung von Ross Thomas' Thriller "Der Fall in Singapur" (CrimeMag), Claire Beyers "Revanche" (NZZ), Abubakar Adam Ibrahims "Wo wir stolpern und wo wir fallen" (Dlf Kultur), William Melvin Kelleys wiederveröffentlichter Roman "Ein anderer Takt" (FR), Kevin Hardcastle Boxerroman "Im Käfig" (Tagesspiegel), eine Ausstellung über Handschriften im Literaturmuseum in Marbach (SZ), eine Neuausgabe von Restif de la Bretonnes "Die Nächte von Paris" (Literarische Welt) und Raphaela Edelbauers "Das flüssige Land" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Archiv: Literatur

Bühne

Bild: Monika Ritterhaus

Zuletzt wurde Otto Nicolais Lustspieloper "Die lustigen Weiber von Windsor" in den Achtzigern in Ost- und Westberlin aufgeführt, zum Tag der Deutschen Einheit feierte David Böschs Inszenierung ihre Uraufführung in der Berliner Staatsoper, Daniel Barenboim dirigierte, Anna Prohaska gab die Anna, René Pape den Falstaff. Und doch sind die Kritiker nur mäßig begeistert: Barenboim erscheint "übervorsichtig" (und "ungewohnt freundlich"), meint Peter Uehling in der Berliner Zeitung, der aber vor allem mit Böschs ambitionsloser Reihenhaus-Spießer-Inszenierung nicht glücklich wird: "Szenisch läuft hier nichts rund, wichtig sind stoßweise inszenierte Einfälle, die kein Gesamtbild ergeben. Wenn Bösch am Ende einen detaillierten Riesenmond samt Kratern und Meeren aufgehen lässt, rotes Licht sowie geflügelte Elfen aufbietet und mit dem bis dahin herrschenden szenischen Ambiente plötzlich vollkommen bricht, wirkt das nicht fantastisch, sondern hilflos: Als wäre der Ansatz mit der Spießeridylle doch nicht tragfähig - dann machen wir eben schnell was ganz anderes."

Frederik Hansen vermisst im Tagesspiegel bei Bösch eine "Haltung" zum Stück: "Das fängt schon beim Titel an. Kann man 2019 wirklich noch an der verfälschenden Übersetzung festhalten? 'Merry wives of Windsor' sind bei Shakespeare die Strippenzieherinnen, also Ehefrauen. Und nicht die 'lieben Weibchen', von denen auch im Sprechtext immer wieder die Rede ist. Gewaltbereite Gatten, Verhöhnung des Ausländers Monsieur Cajus, Komasaufen mit Sir John - diese Komödie ist unkommentiert eigentlich nicht mehr zumutbar." Und in der FAZ seufzt Gerald Felber: "Manchmal ist man amüsiert, erheitert nie". "Alles glaubt man schon gehört zu haben, nur noch nie so und noch nie so elegant und leicht", findet indes taz-Kritiker Niklaus Hablützel. In der NMZ ist auch Peter P. Pachl mit der Inszenierung zufrieden.

Besprochen wird Karin Henkels Inszenierung von Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" am Schauspielhaus Bochum (nachtkritik, FAZ), Dušan David Pařízeks Inszenierung von Heinrich von Kleists "Die Hermannschlacht" am Schauspielhaus Leipzig (nachtkritik) und und Tobias Wellemeyers Inszenierung des "Urfaust" am Nationaltheater Weimar (nachtkritik).
Archiv: Bühne