Efeu - Die Kulturrundschau

Man hatte Zeit, Geduld und Muße

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14.03.2019. Die Zeit feiert die Unergründlichkeit der Schauspielerin Barbara Auer, die in Christine Reponds Beziehungsdrama "Vakuum" eine HIV-infizierte Ehefrau spielt. Zu viel individuelle Befindlichkeit moniert die taz in Małgorzata Szumowskas Filmsatire "Die Maske". Die NZZ stellt den tschechischen Schriftsteller Jaroslav Rudiš vor. Die New York Review of Books staunt über den Zorn, die Wut und Sturheit im zurückgebliebenen Anatolien in den 50er Jahren, das die Fotografin Yildiz Moran festgehalten hat.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2019 finden Sie hier

Film

Physische Spannung im Moment der Verzagtheit: Barbara Auer in "Vakuum"

In Christine Reponds Beziehungsdrama "Vakuum" erfährt eine Frau per Zufall davon, dass ihr Ehemann sie nach heimlichen Bordellbesuchen mit HIV angesteckt hat. Alleine schon wegen Barbara Auer muss man diesen Film sehen, schreibt Katja Nicodemus in der Zeit in einer schwärmerischen Würdigung der ja nun tatsächlich großartigen Schauspielerin: "Die Körperlichkeit, mit der Auer spielt, erlebt man selten so selbstverständlich im deutschen Kino. Ob die Kamera Meredith beim Duschen nach dem Tennis zeigt, beim Abendessen mit Freunden, beim Sex mit ihrem Mann, beim Rauchen eines Joints im Garten - Auer erfüllt das Bild mit physischer Spannung, noch im Moment der Verzagtheit oder des Zusammenbruchs. Diese Schauspielerin verbirgt nichts, spielt aber auch nicht für den Blick der anderen. Sie bewahrt ihre Unergründlichkeit und teilt sich dennoch mit." Auch Kinozeit-Kritiker Simon Hauck geht vor diesem Film auf die Knie. Für Dlf Kultur hat Patrick Wellinski mit der Regisseurin gesprochen.

Ausgestellte Körperlichkeit: Małgorzata Szumowskas "Die Maske"

"Eine böse Satire auf Sensationslust und Bigotterie" hätte Małgorzata Szumowskas "Die Maske" über einen Metaller in der polnischen Provinz werden können, leider ist der Film über weite Strecken - trotz toller erster Szene - nicht nur inszenatorisch "in den Sand gesetzt", ärgert sich Barbara Wurm in der taz: Anders als Wojciech Smarzowskis wuchtiger "Kler" spießt ihr der Film die Verhältnisse in Polen nicht allgemein genug auf: Die Regisseurin "setzt auf individuelle Befindlichkeiten im Bereich Psychosomatik und auf ausgestellte Körperlichkeit im Extremen, die etwas über den Zustand der Gesellschaft aussagen sollen, was in der Überzeichnung aber nur bedingt gelingt." Auch FAZ-Kritiker Bert Rebhandl blieb nach dem Filmauftakt eher etwas enttäuscht: "Kritik an einem Polen, das sich von der Welt abkehrt, wenn sie nicht gerade in Form billiger Fernsehshows daherkommt, ist zweifellos legitim ... Aber über die erste Szene kommt 'Die Maske' im Grunde nie hinweg. Dass Menschen sich zum Narren machen lassen, von Konzernen und von der Kirche, das ist keine Sache, die das Kino in Zeitlupe als Entblößungsspektakel auswalzen sollte - auch und gerade wenn es solche 'runs' in Wirklichkeit tatsächlich gibt." Perlentaucher Thierry Chervel war sehr viel positiver in seiner Besprechung während der Berlinale 2018: Er lobte ihn als "mit starkem Humor gesalzenen, aber im Grunde ernsten und intelligenten Film".

Weitere Artikel: Urs Bühler hat sich für die NZZ mit Regisseur Dani Levy getroffen, dem zuletzt wieder die Lust an der Schauspielerei gekommen ist. Auf der Medienseite der FAZ seziert Dietmar Dath die neuen "Doctor Who"-Folgen, in denen mit Jodie Whittaker erstmals eine Frau in die gestaltwandlerische Titelrolle des britischen Science-Fiction-Klassikers schlüpft.

Besprochen werden Karyn Kusamas Bad-Cop-Thriller "Destroyer" (taz, Berliner Zeitung), bzw. Hauptdarstellerin Nicole Kidmans für diesen Film runtergerocktes Gesicht (SZ), Adam Shankmans Komödie "Was Männer Wollen" (Perlentaucher), Jean-Stéphane Sauvaires auf Heimmedien veröffentlichter Film "A Prayer Before Dawn" (Perlentaucher) und der neue Animationsfilm "Asterix und das Geheimnis des Zaubertranks", der - anders als taz-Kritikerin Katharina Granzin behauptet - keineswegs der erste Asterix-Film ohne Alben-Vorlage ist (das war bereits 1976 der beste und schönste Asterix-Film, "Asterix erobert Rom").
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Musik

Im Spex-Interview spricht Bernadette La Hengst unter anderem darüber, dass ihre Musik politischer wird und über ihre Erfahrungen, die sie bei einer Reise nach Beirut gemacht hat. In der NZZ empfiehlt Markus Ganz die Musik der Schweizer Gruppe Black Sea Dahu und deren Sängerin Janine Cathrein. Besprochen wird ein Konzert des Saxofonisten Branford Marsalis (Presse).
Archiv: Musik

Literatur

In der "Lahme Literaten"-Kolumne der Jungle World trifft in dieser Woche Bernhard Schlink der Zorn des Magnus Klaue, der in seinem Gegenüber einen "Friedrich Dürrenmatt für Deutschfühler" sieht, "der aus seinen müßigen moralischen Hin- und-Her-Erwägungen die immer gleichen, tumb-autoritären Konsequenzen zieht."

Weitere Artikel: Für die NZZ porträtiert Paul Jandl den in Berlin lebenden tschechischen Schriftsteller Jaroslav Rudiš. Der Schriftsteller Alain Claude Sulzer erinnert sich in der NZZ an verträumte Abendstunden mit Schweizer Radiohörspielen: "Man hatte Zeit, Geduld und Muße, im Radiostudio und am Radioapparat." Im SZ-Gespräch plaudert T.C. Boyle über Drogen (LSD ist gut, Ketamin hingegen schlecht, notieren wir). Die Welt bringt einen Auszug aus Herta Müllers neuem Collage-Band "Im Heimweh ist ein blauer Saal". Hans Magnus Enzensberger gratuliert in der NZZ dem Etymologen Wolfgang Pfeifer zum 66. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Jörg-Uwe Albigs "Zornfried" (Freitag), Isabelle Lehns "Frühlingserwachen" (Tagesspiegel), ein Band mit Gedichten von Elizabeth Bishop (SZ) und Rudolf Borchardts in den späten 30ern verfasster, jetzt erstmals veröffentlichter Roman "Weltpuff Berlin" (FAZ, mehr dazu hier).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau. Außerdem erscheint heute die Zeit mit ihrer Frühjahrs-Literaturbeilage.

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Archiv: Literatur

Bühne

Besprochen werden Markus Dietzs Inszenierung von Wagners "Walküre" am Staatstheater Kassel (nmz, FR), eine szenische Uraufführung der Berner Neufassung von Othmar Schoecks Eichendorff-Oper "Das Schloss Dürande" (NZZ) und die überarbeitete Fasssung von Jörg Widmanns Oper "Babylon" an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin ("genauso ausführlich wie lustlos verklemmt", moniert Gerald Felber in der FAZ, "ein Spektakel fürs Oberseminar", klagt Wolfgang Schreiber in der SZ).
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Kunst

Yıldız Moran: Van, 1956


Ayten Tartici stellt im Blog der New York Review of Books die 1932 geborene türkische Fotografin Yıldız Moran (1932-1995) vor, deren Arbeiten gerade in einer großen Retrospektive im Istanbul Modern zu sehen sind. Moran erhielt ihre Ausbildung am Robert College, der amerikanischen High school in Istanbul, dem Bloomsbury Technical College und später dem Ealing Technical College, beide in London. Anders als Semiha Es, Eleni Küreman oder Ara Güler interessierte sie sich eher indirekt für die riesigen sozialen Veränderungen in ihrer Zeit. Das zeigen auch ihre Fotografien im ländlichen Anatolien der fünfziger Jahre: "Viele auf dem Land empfanden 'einen Zorn, eine Wut, eine Sturheit', die aus der Not ihres Außenseiterstatus resultierte, eine Emotion, die noch nicht ihren vollen Ausdruck gefunden hatte. Morans gedämpfte Bilder übersetzen zumindest teilweise dieses Gefühl der Vergessenheit Anatoliens in starren Bildern von entvölkerten Landschaften, die von einsamen Gestalten bewohnt werden. Das erste Bild, das man beim Betreten der Ausstellung sieht, ist das eines barfüßigen Jungen in einer wüstenartigen Gegend in der Provinz Van. Er ist in eine lose Tunika gehüllt, sein Schatten auf einen schlanken Streifen reduziert, sein Haar ein wildes Durcheinander. Die offensichtliche Armut seiner Umgebung scheint nicht dazu bestimmt zu sein, Mitleid zu erwecken, sondern Neugierde. Wohin geht dieses Kind, allein in dieser riesigen, trockenen Landschaft?"

Weitere Artikel: Im Interview mit Monopol sprechen Wolfgang Müller und An Paenhuysen über ihre Ausstellung "Chromosom XY. Männerkunst - Herrenkunst" im Berliner Art Space Barbiche. Andreas Rossmann besucht für die FAZ das Hochofengebäude der Sayner Hütte, "heute das bedeutendste Technikdenkmal" in Rheinland-Pfalz.

Besprochen werden die Ausstellung "Fotografinnen an der Front" im Museum Kunstpalast in Düsseldorf (Standard) und die Mark-Rothko-Ausstellung im KHM Wien (Presse).
Archiv: Kunst