Efeu - Die Kulturrundschau

Genuss und Welt

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23.10.2018. Das Konfetti-Blog erkennt im japanischen Maler Nagasawa Rosetsu auch einen großen Meister der Montage. So unwohl wie in der Wohnung reicher Leute fühlt sich die SZ in Schwedens restauriertem Nationalmuseum in Stockholm. Endlich traut sich mal wieder jemand was, freut sich der Tagesspiegel über Sebastian Hartmanns Collage "Hunger. Peer Gynt". Die NZZ liest sich durch neues Robert-Walser-Material. Und die Jungle World erkennt im Brecht-Biografen Stephen Parker einen jener Familienväter, die ihre Töchter am liebsten vor dem aufmüpfigen Dichter in Sicherheit bringen würden.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2018 finden Sie hier

Kunst

Nagasawa Rosetsu: Shōki der Dämonenbezwinger und Kröte, 1787. Bild: Rietberg Museum


Noch bis Anfang November zeigt das Zürcher Rietberg Museum - einmalig außerhalb Japans - die Werke des Malers Nagasawa Rosetsu. Filmkritiker Lukas Foerster rät in seinem Konfetti-Blog noch einmal unbedingt zum Besuch, und er entdeckt in den Zeichnungen von Landschaften, Tieren und Fabelwesen etwas ganz Außergewöhnliches für das 18. Jahrhundert: "Die Arbeiten bestehen oft aus mehreren Elementen, die weder organisch in eine sie umschließende Welt eingefasst, noch einfach nur additorisch nebeneinander angeordnet sind. Vielmehr ist das Kompositionsprinzip ein protofilmisches. Rosetsu ist ein Meister der Montage. Ein riesenhafter Frosch neben dem legendären Dämonenbezwinger Shōki. Eine Konfrontation könnte man meinen, aber beim genaueren Hinsehen bemerkt man, dass der Frosch sich von Shōki kein bisschen aus der Ruhe bringen lässt. Man kann das Bild zehnmal ansehen und zehn unterschiedliche Kräfteverhältnisse zwischen den Kreaturen (und sogar unterschiedliche Realitätsebenen) wahrnehmen."


Nach sechsjähriger Restaurierung wurde Stockholmer Nationalmuseum wiedereröffnet, SZ-Kritiker Thomas Steinfeld findet geradezu hochmütig, wie dem alten, finsteren Kasten jede Melancholie ausgetrieben wurde: "Das Imperiale und mit ihm das Dunkle, Schäbige und Geheimnisvolle, ist nun verschwunden... Manche Säle wirken, als hätte sich ein teurer Innenarchitekt der Wohnung reicher Leute angenommen. Alles, was hier zu sehen ist - die Kunst, die schönsten Materialien, die spektakulärsten Räume - erscheint als verfügbar, anstrengungslos. Auch deswegen entsteht der Eindruck, das restaurierte Gebäude sei wichtiger als die in ihm präsentierten Werke." In der FAZ schreibt Alexandra Wach über die Ausstellung, die das Nationalmuseum dem amerikanischen Gesellschaftsmaler John Singer Sargent widmet.

Weiteres: taz-Kritiker Ingo Arend besucht die Villa Romana in Florenz, die unter Angelika Stepken zum Hotspot kritischer Gegenwartskunst wurde, aber nach dem Absprung der Deutschen Bank einen neuen Förderer braucht. Nur Schönheit, aber kein Leben bekommt Guardian-Kritiker in der Ausstellung des Präraffaeliten Edward Burne-Jones in der Tate Britain zu sehen.

Besprochen werden die Ausstellung "Back to the Future" im C/O Berlin, die fotografische Techniken des 19. mit denen des 21. Jahrhunderts kurzschließt (taz), eine Ausstellung zum Jahr 1913 im Berliner Brücke-Museum (Tagesspiegel), die Ausstellung "Cités millénaires" im Pariser Institut du Monde Arabe, die die zerstörten Stätten des Weltkulturerbes von Palmyra bis Mossul in 3D erlebbar macht (SZ) und die große Klimt-Schau in der Moritzburg in Halle (FAZ).
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Bühne

Sebastian Hartmanns "Hunger. Peer Gynt". Foto: Arno Declair / Deutsches Theater

Großartig findet Kritikerin Christine Wahl im Tagesspiegel Sebastian Hartmanns Inszenierung "Hunger. Peer Gynt" im Deutschen Theater Berlin, die Knut Hamsun und Henrik Ibsen in einem großen Bildertheater aufeinanderkrachen lässt: "Wie wohltuend schon die Tatsache, dass mal wieder jemand etwas wagt im Theater! Dass jemand eine andere (begründete) Idee hat als die Handlungslinien abklappernde Textbebilderung. Oder die zwar häufig wirksame, am besten aber immer noch bei ihm selbst funktionierende Intellectual-Methode der (Fremd-)Textwucherung à la Frank Castorf. Und umso erfreulicher, dass Hartmanns Zusammenprall tatsächlich außergewöhnliche Funken schlägt."

Weiteres: NZZ-Kritiker Daniel Haas mokiert sich über die neueste Revue im Berliner Friedrichstadtpalast. Besprochen werden auch Cherubinis "Medée" an der Berliner Staatsoper (NMZ) und Robert Lehnigers Inszenierung der Komödie "Abiball" am Düsseldorfer Schauspielhaus (SZ).
Archiv: Bühne

Literatur

In der Jungle World rammt Jakob Hayner Stephen Parkers gemeinhin positiv aufgenommene Brecht-Biografie ziemlich ungespitzt in den Boden: Insbesondere die Perspektive, Brechts Werk und politisches Engagement biografistisch an Brechts körperliches Leiden und sexuelle Eskapaden zurückzubinden, hält Hayner für blanken Hohn: "Auch Brechts Lebens- und Welthunger tut Parker einfach als 'Macho-Attitüde' ab. Wer mehr will, als ihm zugeteilt wurde oder nach Meinung der gesellschaftlichen Autoritäten eben zusteht, wer also gegen die Konventionen verstößt, scheint ihm verdächtig. So schlägt sich der Biograf letztlich auf die Seite der konservativen Augsburger Familienväter, die ihre Töchter vor dem jungen aufmüpfigen Dichter und dessen verderblichem Einfluss beschützen wollten. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Parker Brechts aufsässiges Verhalten insgeheim missbilligt. Wer bei aller damals herrschenden Repression der Sexualität Brecht seine lockere Sexualmoral vorwirft, schlägt sich letztlich auf die Seite der herrschenden Ordnung seiner Zeitgenossen."

Im Vergleich zu einer früheren Ausgabe aus den Siebzigern hat sich die Zahl der Briefe aus Robert Walsers Korrespondenz in einer neuen Edition mehr als verdoppelt, schreibt Roman Bucheli in der NZZ, der sich mit großem Lesehunger in das Material stürzt, schließlich ist bei Walser grundsätzlich "an kein Ende zu kommen." Das Fazit fällt allerdings etwas nüchtern aus: "Es sind keine sensationellen neuen Funde, die diese erweiterte Briefausgabe zu vermelden hat. Die Neuzugänge gegenüber der ersten Briefsammlung betreffen zur Hauptsache die Geschäftskorrespondenz mit Verlagen und Zeitschriften. ... Indessen verliert sich eine gewisse Unbeschwertheit mit den Jahren, und stattdessen tritt sowohl im Geschäftsverkehr wie auch in den intimeren Briefen an Frieda Mermet oder an die jugendliche Verehrerin Therese Breitbach Derbes und Schrulliges in den Vordergrund. Auch daran lassen sich die zunehmende Isolation, Einsamkeit und schließlich der allmähliche Rückzug Walsers aus dem literarischen Leben ablesen."

Weiteres: Das BR Nachtstudio bietet drei Essays der vor einem Jahr verstorbenen Autorin Silvia Bovenschen zum Nachhören an.

Besprochen werden unter anderem der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger (SZ), neue japanische Lyrikbände von Wakayama Bokusui und Ishikawa Takuboku sowie eine von Masami Ono-Feller herausgegebene Haiku-Sammlung (NZZ), Matt Ruffs "Lovecraft Country" (NZZ), Stephen Parkers Brecht-Biografie (Jungle World), Adolf Muschgs "Heimkehr" (Standard), Péter Nádas' Essayband "Leni weint" (Tagesspiegel), Burghart Klaußners "Vor dem Anfang" (online nachgereicht von der Zeit), Wolf Wondratscheks "Selbstbild mit russischem Klavier" (taz), eine Hans-Christian-Andersen-Ausstellung in Bremen (Tagesspiegel) und Michel Fabers "Buch der seltsamen neuen Dinge" (FAZ).
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Film

Die Soziologin Hella Dietz umkreist in der "10 nach 8"-Reihe von ZeitOnline die aufgregte Debatte um Jörg Adolphs und Ralf Büchelers Dokumentarfilm "Elternschule", dessen Absetzung bereits gefordert wurde. Dietz ist zwar auch nicht einverstanden mit allen Methoden, die in der Gelsenkirchener Kinderklinik angewandt werden, betont aber, dass es hier um Notfall-Therapien geht. Hermann Weiß (Welt) und Bernhard Blöchl (SZ) porträtieren die Regisseurin Anca Miruna Lazarescu, deren neuer Film "Glück ist was für Weicheier" die Hofer Filmtage eröffnet haben. Christiane Peitz (Tagesspiegel) und Anke Sterneborg (SZ) gratulieren Filmproduzent Günter Rohrbach zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden Frederick Wisemans Dokumentarfilm "Ex Libris" (Zeit), Lukas Dhonts "Girl" (SZ), die Netflix-Gruselserie "Spuk in Hill House (Welt) und eine Ausstellung zu Ehren der Filmkostüm-Gestalterin Barbara Baum im Filmmuseum in Frankfurt (FR).
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Musik

Äußerst betrübt zeigt sich Markus Schneider in der Berliner Zeitung davon, dass Spex-relevante Musik heute zwar viele Hörer hat, diese sich aber kaum in Spex-Leser verwandeln: "Dass scheinbar nicht mal mehr die früheren Hipster Lust und Sitzfleisch haben, dem Hörgenuss lesend auf den Grund zu gehen, ihn in der Welt zu verorten, um am Ende beides, Genuss und Welt, vielleicht besser zu verstehen, das finde ich arm."

Weitere Artikel: Die Punkband Feine Sahne Fischfilet kann nun doch in Dessau auftreten, meldet Gerrit Bartels im Tagesspiegel: Und zwar im Anhaltinischen Theater, das eine entsprechende Anfrage zunächst mit der Begründung, kein politisches Statement abgeben zu wollen, abgelehnt hatte.

Besprochen werden eine Leonard-Bernstein-Ausstellung im Jüdischen Museum in Wien (Standard), ein von Philippe Herreweghe dirigiertes Konzert des Orchestre des Champs-Elysées (Standard), ein Konzert von Jesper Munk (SZ) und neue Jazzveröffentlichungen, darunter Maria Grands "Magdalena" (SZ), in das wir auf Bandcamp reinhören können:

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Stichwörter: Spex