Efeu - Die Kulturrundschau

Grünlich erbleichte Zuschauer-Kohorten

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.06.2018. Die SZ blickt auf die Arbeit der Gruppe Forensic Oceanography, die für die Biennale Manifesta in Palermo den Fall um das Rettungssschiff Juventa rekonstruiert. Die NZZ wagt sich bei der Art Basel auf ein subversives Champagnerfrühstück. Die New York Times wirft einen ziemlich kritischen Blick auf die Berlin Biennale. Die taz verneigt sich vor dem italienischen Theatermacher Roberto Ciulli und seinen roten Clowns. Die FAZ bekommt beim Bachfest in Leipzig etwas zu viel tröstliche Wärme.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2018 finden Sie hier

Kunst

Gerette Migranten an Bord der Juventa im März 2017. Foto: Giulia Bertoluzzi/ Forensic Oceanography


Das Kollektiv Forensic Oceanography, ein Ableger der Forensic Architecture hat den Fall des Rettungsschiffes Juventa rekonstruiert. Den Helfern wird von der italienischen Justiz vorgeworfen, dass sie  nicht nur Migranten aus Seenot gerettet, sondern Schleppern geholfen hätten. Catrin Lorch hat sich das Ergebnis der Untersuchungen bei der Biennale Manifesta in Palermo angesehen: "Dass die Installation 'Juventa Case' nun in Palermo gezeigt wird, nur wenige Kilometer von Trapani entfernt, ist sicher eine besondere Pointe. Doch wenn man Lorenzo Pezzani fragt, ob sein Projekt nun ein Kunstwerk ist, bleibt er vieldeutig. Dass man sein Werk als eine Art zeitgenössisches Pendant zum Historienbild versteht, kann er sich nur vorstellen, wenn sich daraus Folgen ergeben, die über die Sphäre der Kunst hinausreichen. Wenn '77sqm_9:26min' oder 'Blaming The Rescuers' von der Kunstgeschichte anerkannt und als zeitgenössische Versionen von Schlachtengemälden gesammelt werden, sind dann die Museen dafür verantwortlich, die begonnenen Projekte fortzusetzen?"

Biennalen werden mehr und mehr zum Stadt-Marketing für die Generation Easy Jet, stellt Jason Farago in der New York Times fest. Bei aller Sympathie für die gute Sache findet er denn auch die Berlin Biennale bei allem postkolonialen Anspruch nicht überzeugend und auch nicht so verschieden von ihrer katastrophalen Vorgängerin aus dem Jahr 2016: "There is a curious congruence between the smiling nihilism of the 2016 Berlin Biennale and the aloof refusal of this year's: Neither offers enough of a positive vision of what an art exhibition, and what art itself, might actually be for. There's no shortage of outrages to which an artist or curator should say 'No' - but 'No' has to be the beginning of an exhibition like this one, rather than an end in itself."

Philipp Meier berichtet in der NZZ von der Art Basel, dass sich in diesem Jahr die Extravaganz beim Champagnerfrühstück der alternativen "Liste" tummelte: "Es ist auch der Geist des Subversiven, der hier durch die Gänge weht. Und die Elite elektrisiert. Denn wie einst der Adel sind es heute die Führenden der Gesellschaft, die sich auf Kunst verstehen, sich mit ihr verstehen und umgeben. Und die Kunst, mag sie auch schon lange nicht mehr die Werte ihrer Sammler repräsentieren, sondern diese - wir bitten doch darum - schön provokativ konterkarieren, erfüllt den einstigen Repräsentationszweck immer noch sehr zuverlässig."

Besprochen wird die Ausstellung der Künstlerin Su-Mei Tse im Aargauer Kunsthaus (NZZ).

Bühne

Roberto Ciullis "Clowns unter Tage". Foto: Joachim Schmitz / Ruhrfestspiele


Benjamin Trilling verbeugt sich in der taz tief vor dem 84-jährigen Regisseur Roberto Ciulli, der mit seinem Ensemble seit 1980 die Welt bereist und gerade mit "Clowns unter Tage" bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen gastiert: "Theater bedeutet für den Kosmopoliten Einmischung - für Unterdrückte, für Minderheiten, für die, die auch im eigenen Land fremd sind. ... In den letzten Jahren hat der Philosoph auf der Bühne Clowns wie Herr und Knecht aufeinanderprallen lassen: Der Weißclown verkörpert die Rationalität, die Macht, das Geld. Sein roter Gegenspieler lebt aus dem Bauch heraus, anarchisch und rebellisch. Der Clown ist bei Ciulli ein zeitloser Widerstandskämpfer." Überaus liebenswert fand den Abend auch nachtkritikerin Friederike Felbeck.

Weiteres: In der NZZ wirft Henning Klüver einen Blick auf die italienische Theaterszene, die sich wacker gegen das staatliche Verdikt behauptet, Italien sei das Land der Oper. In der Nachtkritik beobachtet Sophie Diesselhorst, wie die Berliner Anti-Gentrifizierungsszene, aus der heraus auch schon die Volksbühne besetzt wurde, nun den Protest gegen den geplanten Google-Campus in Kreuzberg inszeniert. Christine Wahl berichtet im Tagesspiegel von den Autorentagen in Berlin. In der Berliner Zeitung meldet Petra Kohse, dass sieben Tänzern aus der Elfenbeinküste, alle Mitglieder des Ensembles Les pieds dans la mare, die Einreise nach Deutschland verweigert wurde, obwohl sie hier an einem Projekt teilnehmen sollten, das von Goethe-Institut und Hauptstadtkulturfonds unterstützt wurde: "Wie die Projektleiterin Julia Schreiner am Dienstag sagte, scheiterte die Einreise offenbar daran, dass die Tänzer unverheiratet und ohne Anstellung in ihrer Heimat seien. 'So wie viele Künstler eben leben.'"

Besprochen werden John Cleese auf Abschiedstournee in der Alten Oper in Frankfurt (FR, FAZ) und Christian Räths Inszenierung von Webers "Freischütz" an der Wiener Staatsoper (Standard).

Stichwörter: Ciulli, Roberto

Literatur

In der SZ erinnert Willi Winkler daran, wie sich die in zahlreichen Städten mit Straßennamen gewürdigte Schriftstellerin Ina Seidel im "Dritten Reich" den Nazis als Nationalschriftstellerin anpries: "Ihr Sohn Georg, der unter dem Pseudonym Christian Ferber schrieb, zitiert in seiner Familiengeschichte 'Die Seidels' die Hymne 'Lichtdom', die sie Adolf Hitler 1939 zum fünfzigsten Geburtstag schenkte: 'Der Lichtdom baut sich bläulich zu den Sternen / und seine Pfeiler stehn rings um das Reich (...) Hier stehn wir alle einig um den Einen, / und dieser Eine ist des Volkes Herz' - worauf sich 'Winterschmerz' reimt und 'berufen warst' auf 'neu gebarst'. Es ist einfach furchtbar, aber es stammt unzweifelhaft von einer deutschen Dichterin, die sich mit derlei für Höheres empfahl."

Weitere Artikel: Die NZZ meldet, dass Jean Claude Arnault, der die Krise der Schwedischen Akademie ausgelöst hat, wegen Vergewaltigung angeklagt wird.

Besprochen werden Michael Angeles Schirrmacher-Biografie (Standard), Alberto Breccias Comic-Adaotion von H.P. Lovecrafts Horrorerzählungen (Tagesspiegel), Christina Viraghs "Eine dieser Nächte" (SZ), Cees Nootebooms Gedichtband "Mönchsauge" (NZZ), T.C. Boyles Erzählband "Good Home" (NZZ), Mercedes Lauensteins "Blanca" (Tagesspiegel), Emmanuelle Pirottes "Heute leben wir" (FAZ) und die Ausstellung "Die Erfindung von Paris" im Literaturmuseum in Marbach (FAZ).
Anzeige

Film



Nach "San Clemente" (1982) und "Urgences" (1988) wendet sich Raymond Depardon mit seinem neuen Dokumentarfilm "12 Tage" erneut der Psychiatrie zu - diesmal allerdings nicht im rohen Stil des Direct Cinema, erklärt Patrick Holzapfel im Perlentaucher, sondern in der klaren Bildsprache von zehn Gesprächsdokumentationen zwischen Patienten und Richtern. Gelungen ist Depardon "ein erstaunlicher Film über rhetorische Logik", schreibt Holzapfel: "Die Patienten besitzen, wenn es um ihre Freiheit geht, selbst bei schwerwiegenden Erkrankungen und wenn sie sonst eher Unzusammenhängendes von sich geben, große Klarheit. ... Man folgt ihren gedanklichen und intuitiven Wendungen, man hört zu, sieht zu, versucht zu verstehen und tatsächlich offenbart sich durch mögliche Vorurteile und widersprüchliche Passagen hindurch eine Argumentation, der man in ihrer Verletzlichkeit mehr folgen kann, als den Regeln des Staates. Depardon zeigt, dass Logik auch aus Notwendigkeit und Empathie entstehen kann."

Freitag-Kritikerin Esther Buss erfährt in diesem Film viel darüber, "wie porös die Grenzen zwischen Verrücktsein und Normalität mitunter sind." Und Tim Caspar Boehme hat sich für die taz ausführlich mit dem Filmemacher unterhalten, der sich über die porträtierten Patienten sehr hingerissen, aber auch sehr werbeträchtig äußert: "Es ist erstaunlich, sie alle sagen großartige Sachen. Sie sind wie Poeten in ihrem Bemühen, sich auszudrücken und mit dem, was sie zu sagen haben, ernst genommen zu werden. Was sie sagen, sind echte Wahrheiten."

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel plaudert Christiane Peitz mit Wim Wenders über den Papst, über den der Regisseur ein enthusiastisches Porträt gedreht hat (hier Bert Rebhandls Besprechung im Standard).

Besprochen werden James Bennings auf DVD veröffentlichter Film "11x14" (critic.de), ein Bildband mit Stanley Kubricks Fotografien (Welt), Ron Sheltons "Das ist erst der Anfang" (Perlentaucher), Ritesh Batras Verfilmung von Julian Barnes' Roman "Vom Ende einer Geschichte" (SZ) und die zweite Staffel der Serie "The Good Fight" (ZeitOnline).

Architektur

Als einen sensationellen Ort feiert Bernhard Schulz im Tagesspiegel den Neubau für das Kunstmuseum im portugiesischen Coimbra durch den Architekten Gonçalo Byrne.

Musik

33 Kantaten in 48 Stunden: Das Bachfest Leipzig zeigt sich in diesem Jahr von seiner athletischen Seite - und verlangt dabei auch dem in Scharen eingetroffenen Publikum einiges an Kraft ab, erklärt in der FAZ Gerald Felber, der bei hochsommerlichen Temperaturen Zeuge mancher Marter wurde, so etwa im Falle von Masaaki Suzukis Collegium aus Japan, der überdies auch musikalisch einen "Hitetraum" anrichtete: "Und dennoch: Die zwei pausenlose Stunden lang in enge Sitzreihen gezwängten, verschwitzt hochgeröteten oder schon grünlich erbleichten Zuschauer-Kohorten standen am Ende unter der Orgelempore mit den Musikern, applaudierten atemlos und ließen sich ihren Bach von nichts und niemandem nehmen. Das muss dann wohl Liebe sein."

Auch SZ-Kritiker Helmut Mauró war hin und weg: "Suzuki gibt Impulse, setzt rhythmische Akzente, verschleiert aber oft die Zeilenanfänge der Choräle. Man hört den Chor dann erst ein paar Sekunden später, als habe er sich vorsichtig an das munter aufspielende Begleitorchesters herangeschlichen. Dann aber singt er wie aus einem Mund den Schluss 'Bleib bei uns'; ein großartiger, anrührender Effekt. Da zeigt sich tatsächlich einmal der Vorteil perfekter Abstimmung und eines genauen Dirigenten."

Weiteres: Kristen Gallerneaux berichtet für The Quietus vom Moogfest. Für Dangerous Minds hat Oliver Hall ein großes Gespräch mit dem früheren Can-Sänger Damo Suzuki geführt. Außerdem empfiehlt uns Pitchfork die besten Musikbücher für den Strand.

Besprochen werden Philip Bradatschs neues Album "Ghost on a String" (taz), das Debütalbum der Rapperinnen von Klitclique (Standard), das Berliner Konzert von Courtney Barnett (Berliner Zeitung), Matthew Herberts Buch "The Music: A Novel Through Sound" (ZeitOnline), der Shellac-Auftritt beim Primavera-Festival (Spex), Lykke Lis "So Sad So Sexy" (Pitchfork), ein Strauss-Konzert der Wiener Symphoniker unter Philippe Jordan in Zürich (NZZ), ein Konzert des Venice Baroque Orchestras (FR), neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Jimi Tenor (SZ), ein Abend mit dem Babylon Orchestra (Tagesspiegel) und Tierra Whacks Album "Whack World", ein Rap-Album, das eine "verspielte Welt surrealer Szenen und lebhafter Klangflächen" zeichnet, schreibt Briana Younger auf Pitchfork. Daraus einen viertelstündigen Kurzfilm: