Efeu - Die Kulturrundschau

Die Gürtellinie des Dirigenten

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23.03.2018. Das Van Magazin hat die Münchner Akten zur Diskussion um die Pädophilie-Vorwürfe gegen James Levine gelesen - und diese Diskussion fand im Jahr 1997 statt.  Die SZ sieht Hans Karl Breslauers 1924 entstandenen prophetischen Stummfilm "Stadt ohne Juden". Die FAZ kritisiert die Seminaritis der MaerzMusik. In der nachtkritik wünscht sich Andrea Heinz, die Linke möge es sich in ihrer habituellen Kritik am Staat nicht ganz so gemütlich machen. Und das Ensemble der Münchner Kammerspiele solidarisiert sich in einer Erklärung mit Matthias Lilienthal.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2018 finden Sie hier

Musik

Da hat das Van-Magazin eine Arbeit geleistet, die man eigentlich von Sendern oder größeren Zeitungen erwartet häte. Jeffrey Arlo Brown und Hartmut Welscher haben sich Zugang zu Akten verschafft, die zeigen, wie im Münchner Stadtrat 1997 über Vorwürfe der Pädophilie gegen James Levine diskutiert wurde. Schon damals waren die Gerüchte nämlich längst bekannt. Ausführlich zitieren die Autoren aus der damaligen Diskussion der Münchner Stadträte, die entscheiden sollten, ob Levine Nachfolger von Sergiu Celibadache bei den Münchner Philharmonikern wird: "Das Protokoll der Stadtratssitzung verdeutlicht die komplexe rechtliche und moralische Situation, in der sich die damaligen Münchner Politiker befanden, und die bis heute die Debatte strukturiert: Wie lässt sich das Dilemma auflösen, als politisches Gremium einerseits die Fürsorgepflicht gegenüber einem Orchester und denen wahrzunehmen, mit denen ein zukünftiger Chefdirigent arbeitet, und sich gleichzeitig nicht der Verletzung der Persönlichkeitsrechte schuldig zu machen? Wie können aus Gerüchten jemals konkrete Verdachtsfälle und Anklagen werden, ohne die rechtstaatliche Unschuldsvermutung zu unterwandern und sich der Diffamierung und des Rufmords schuldig zu machen?"

Jan Brachmann ärgert sich in der FAZ über die Berliner MaerzMusik: Leiter Berno Odo Polzer gebe sich in Wortbeiträgen "radikal schick", simuliere "Originalität und Dringlichkeit durch sexy wording", während zugleich immer weniger neue Werke in Auftrag gegeben werden. Glanzmomente erlebte Brachmann im Programm nur wenige, darunter eine Xenakis-Neuaufführung durch Flüchtlinge, die den Kritiker sehr berührte: "Nüchtern in der textlichen Beschreibung des Quälens und Tötens, schmerzhaft zerkratzt im Zuspiel des Tonbands, die Welt des Seienden transzendierend durch den Gesang, hinein in die Utopie des Sein-Sollenden. Würde die 'Maerzmusik', wie hier, statt die Seminaritis voranzutreiben, auf die Stärke der Musik setzen, hätte sie Dringlichkeit und Zukunft."

Mit seinem neuen Album "Boarding House Reach" macht sich Jack White kaum Freunde. Jayson Greene von Pitchfork quält sich durch das Werk, SZ-Kritikerin Juliane Liebert findet es "ein bisschen traurig, wie verzweifelt White nach dem Zeitgeist sucht." Pinky Rose ist auf ZeitOnline von Whites eklektizistischem Genre-Mix immerhin sehr angetan: White lasse "den Theaterfundus der gesamten Populärmusik explodieren" und schaffe damit "eine herrlich bizarre Klamotte, die vor Authentizität und Frische nur so sprüht." Dazu ein Video:



Im FAZ-Interview gesteht Christian Thielemann, der ab morgen seine Dresdner Staatskapelle bei den Salzburger Festspielen dirigieren wird, gegenüber Gerald Felber, dass seine Lust am Dirgieren sich langsam mindert: Er sehne sich "öfter nach freier Zeit" und werde "zunehmend allergisch gegenüber den scheinbar unabdingbaren äußeren Umständen des Musikbetriebes, den sinnlosen Wartezeiten auf Flughäfen, dem Funktionieren-Müssen im Orchestergraben, auch mal bei weit über dreißig Grad. ... Ich brauche das Dirigieren nicht unentwegt. Man möchte ja auch nicht jeden Tag Rotwein trinken."

Weitere Artikel: In der taz spricht Stephanie Grimm mit Jenny Wilson, die auf ihrem neuen Album "Exorcism" eine Vergewaltigung vor zwei Jahren auf- und verarbeitet. Für den Tagesspiegel hat sich Gregor Dotzauer zum großen Plausch mit Jazzpianist Michael Wollny getroffen. Für die Zeit plaudert Christoph Dallach mit der Musikerin Tracey Thorn. Manuel Müller schreibt in der NZZ zum Auftakt der Festspiele Zürich. Unter Trumps Präsidentschaft floriert die Soulmusik aufs Dialektischste, freut sich Martin Schäfer in der NZZ, der einige "Musterbeispiele dieser hohen Kunst" präsentieren kann, darunter das Album "No Mercy In This Land" von Ben Harper und Charlie Musselwhite. Hier das Titelstück in einer schönen Live-Version:



Besprochen werden die Wiederveröffentlichung eines 1985 enstandenen, kollaborativen Albums zwischen der Autorin Ursula K. LeGuin und dem Komponisten Todd Barton (Pitchfork), ein Konzert von Krystian Zimerman und Dirigent David Zinman (NZZ), zwei Konzerte von Joe Bonamassa (FR), das Debütalbum der Elephants on Tape (taz), Gilberto Gils, Gal Costas und Nando Reis' Auftritt in der Elbphilharmonie (SZ), die in Form einer Mini-Serie gehaltene Netflix-Doku "The Defiant Ones" über den Aufstieg der Rap-Band N.W.A. (FAZ) und das Debüt "Still Trippin'" von DJ Taye, das taz-ler Christian Werthschulte frenetisch feiert: "ein Meilensetin" des Footwork-Styles. Wir hören interessiert rein:

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Film

Im Filmarchiv Austria wurde die durch Crowdfundig ermöglichte Rekonstruktion und Restaurierung von Hans Karl Breslauers 1924 entstandenem Stummfilm "Stadt ohne Juden" gezeigt. Für die SZ saß Peter Münch im Publikum, der von frenetischem Applaus berichtet. Lange Zeit galt der Film als verloren - auch weil die Rechte ihren Antisemitismus und dessen politisches Programm zu offensichtlich entlarvt sah: "Mit ungeheurer Prophetie" nahm diese "satirische Dystopie ... den Nazi-Terror gegen die Juden schon in den Zwanzigerjahren vorweg und wurde damit zu einem Zeitdokument, das von einer Zukunft erzählt, die es noch gar nicht kennen konnte." Begleitet wird die Rekonstruktion von einer Ausstellung, ein Online-Video des Filmarchivs bringt Hintergründe zur Filmrettung:



In seinem queeren Coming-of-Age-Thriller "Thelma" spielt Joachim Trier mit Facetten des Übernatürlichen, erklärt Sebastian Markt im Perlentaucher. Das Kunst-Wollen kommt dem norwegischen Regisseur dabei jedoch in die Quere: "In den zurückhaltenden Anleihen an die Formensprache des Horrorfilms und deren Einlassung in einen in sich ruhenden Entwurf eines wohltemperierten Autorenkinos bleiben die wilderen Teile des Denkens des Genrekinos und damit auch seine erzählerische Klugheit auf der Strecke. Der Wille zur geschlossenen Form ist am Ende zu groß, als dass die immer wieder eindringlichen Körperbilder die Welt ins große Zittern versetzten könnten." Auch FR-Kritiker Daniel Kothenschulte klingt missmutig, obwohl mit Dario Argento und Jacques Tourneur nicht eben schlechte Vorbilder gewählt wurden: Doch "die kühle Konstruktion der Handlung und die klinische Perfektion, mit der die Szenen eingerichtet sind, stellen sich allem Zauber in den Weg."

Besprochen werden die Monster- und Robotersause "Pacific Rim: Uprising" (Perlentaucher, Standard), Craig Gillespies Biopic "I, Tonya" (FR, mehr dazu hier), der Dokumentarfilm "Über Leben in Demmin" über einen Massensuizid in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs (Tagesspiegel) und Josef Bierbichlers "Zwei Herren im Anzug" (Tagesspiegel, mehr dazu hier und hier).
Archiv: Film

Literatur

Der Tagesspiegel bringt eine letzte Rezension des kürzlich verstorbenen Essayisten Michael Rutschky. Mario Löhndorf berichtet in der NZZ von der Lage der Gemeindebibliotheken in Großbritannien. In der NZZ macht sich Hans-Magnus Enzensberger auf die Jagd.

Besprochen werden unter anderem Vladimir Nabokovs "Briefe an Véra" (NZZ), die Neuübersetzung von James Baldwins Debütroman "Nicht von dieser Welt" (FR) und Mathieu Sapins Comic "Gérard - Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu" (SZ).

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Archiv: Literatur
Stichwörter: Rutschky, Michael

Kunst

Die Videos des Zentrums für Politische Schönheit von den Betonstelen im Nachbargarten von Björn Höcke dürfen weiterverbreitet werden, sie sind Kunst, urteilte laut Welt ein Kölner Gericht.

Chloé Piot, Blue Velvet (Detail), 2016
Besprochen werden eine Ausstellung der französischen Künstlerin Chloé Piot im Kunstverein Wolfenbüttel (taz nord), die Ausstellung "Auf der Suche nach dem Stil 1850 bis 1900" im Landesmuseum Zürich (NZZ), eine Ausstellung zum Werk von Rachel Whiteread im Wiener Belvedere 21 (Tagesspiegel), die Bruce-Nauman-Ausstellung im Schaulager Basel ("In verstörenden Zirkelbildern löst der Künstler die Dynamik utopischer Entwürfe auf", schreibt Hans-Joachim Müller in der Welt), die Keith-Haring-Ausstellung in der Wiener Albertina (taz), eine interdisziplinäre Schau in der Berliner daadgalerie zum Thema "Meer" (Tagesspiegel), eine kleine Ausstellung mit Plakaten des japanischen Designers Ikko Tanaka in der Münchner Pinakothek (SZ), die William-Kentridge-Ausstellung im Frankfurter Liebieghaus (FR, FAZ) und die Ausstellung "Schichtwechsel - FußballLebenRuhrgebiet" im Deutschen Fußballmuseum Dortmund (FAZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Kentridge, William

Bühne

Matthias Lilienthal wird seinen Vertrag bei den Münchner Kammerspielen nicht verlängern. Das Ensemble des Hauses ist nicht einverstanden und veröffentlicht auf der Website des Theaters eine Soldaritätserklärung mit dem Regisseur: "Jedes neue künstlerische Team brauchte Zeit, eine gemeinsame Sprache zu finden. Jeder Neuanfang brauchte auch Zeit, sich in dieser Sprache dem Publikum verständlich zu machen. Das Neue ist kein Fertigprodukt, das sich bestellen und umgehend konsumieren lässt. Es will gefunden werden. Die Entscheidung, die Intendanz Lilienthal nicht zu unterstützen, untergräbt für unser Empfinden den Geist dieses Hauses. Sie sabotiert unsere Suche und erwischt uns zur Halbzeit unserer Bemühungen."

Angesichts der neurechten Zustände in Österreich könnte Andrea Heinz in der nachtkritik heulen vor Wut über eine Linke, die es sich in ihrer "habituellen Kritik" - auch im Theater - gemütlich macht: "Eine Gesellschaft, die so viele Rechte und Sicherheiten hat, hat viel zu verlieren. Niemand braucht zu glauben, dass es eh 'nur' um ein paar Förderungskürzungen geht. ... Vielleicht ist die Lösung so simpel und unglamourös, dass es nicht einmal für einen neuen Diskurs reicht: Nicht so viel reden! Machen! Und zwar nicht in einer diskursüberlasteten Form von Links-Totalitarismus. Es sollte um die Sache gehen, um ein eigenes Programm, und wenn dabei jemand vergisst zu gendern, oder ein Schnitzel vom Hofer (dem österreichischen Aldi) isst, in Gottes Namen! Wichtiger ist doch, dass das Ganze mit Freude passiert, Begeisterung und gerne auch mit Stolz."

Weiteres: Im Standard unterhält sich Ljubiša Tošić mit Regisseur Josef Ernst Köpplinger über Gottfried von Einems Oper "Dantons Tod", die am Samstag an der Wiener Staatsoper Premiere hat. Petra Kohse und Arno Widmann unterhalten sich für die Berliner Zeitung mit Herbert Fritsch über Vorabendserien des ZDF. Und Michaela Schlagenwerth gratuliert Nele Hertling zum Deutschen Tanzpreis. Besprochen wird Aribert Reimanns Oper "Ein Traumspiel" am Theater Hof (nmz).
Archiv: Bühne