Efeu - Die Kulturrundschau

Szenisch, lakonisch, milieugenau

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01.03.2018. Die NZZ geht auf einen Drogentrip mit den Nasca. In 10 nach 8 beschreibt die kroatische Dramatikerin Ivana Sajko die schwierige Situation von Kunst und Theater in Kroatien. Auf Zeit online erzählt Jan Böttcher von seiner Reise nach Rumänien und in die rumänische Literatur. Der Standard sucht eine catchy Melodie auf dem neuen Breeders-Album. Die taz feiert die Unentschiedenheit der Liebe in Luca Guadagninos Adaption von André Acimans Roman "Call me by your Name".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.03.2018 finden Sie hier

Film


Mise-en-Scène der Liebe: Luca Guadagninos "Call my by your Name"

Luca Guadagninos
Adaption von André Acimans Roman "Call me by your Name" hat taz-Kritiker Johannes Bluth völlig umgehauen: Erzählt wird in sommerlichen Bildern die Geschichte zweier junger Männer, die einander auf einem Landsitz umkreisen und zögerlich ihr Begehren füreinander entdecken. Und "diese Unentschiedenheit der Liebe, dieses Hin-und-Hergerissensein, dieses Verletzt- und Einanderausgeliefertsein wird mit Brillanz auf die Leinwand gebracht ... Bildsprache und Kameraführung stehen in erotischer Symbiose."

Für Perlentaucher Lukas Foersters Geschmack war der Film ein bisschen zu sehr aufs Ausstellen filmischer Qualitätsmerkmale konzentriert: Am besten gefielen ihm jene Momente, die "ganz in einer Mise-en-Scene der Liebe aufgehen. Die Choreografie zweier gleichzeitig begehrender und gehemmter Körper wird von Sayombhu Mukdeeproms Kamera derart filigran aufgelöst, dass immer wieder neue, überraschende Mischverhältnisse von Nähe und Distanz entstehen." Für die NZZ hat sich Andrea Köhler mit André Aciman getroffen.


Das schweigsame Klassenzimmer

Von sommerlicher Erotik zum Muff des Kalten Kriegs: 1956 hielten Schüler im in der DDR gelegenen Storkow eine Schweigeminute für die Toten des Ungarn-Aufstands ab. Dietrich Garstka hatte darüber das Buch "Das schweigende Klassenzimmer" geschrieben, dessen Verfilmung jetzt Lars Kraume ins Kino bringt. "Ein Gang ins Museum", seufzt Matthias Dell auf SpiegelOnline angesichts dieses "Zeitgeschichtsquarks", bei dem "man sich permanent fragt, welche andere deutsche Zeitgeschichtsadaption zuletzt in diesen Kulissen geschlafen hat." Ulrich Gutmair bescheinigt dem Film in der taz zwar handwerkliches Können, kriegt aber bei dieser "bieder" inszenierten "Hausmannskost" dennoch das große Gähnen: "Im deutschen Film und Fernsehen wundert man sich anscheinend weiterhin nur darüber, warum die Amerikaner mit ihren Serien auch bei uns so erfolgreich sein können. Traut euch halt mal was."

Ein bisschen mehr traute sich offenbar Christian Schwochow mit seiner vom ZDF online gestellten Serie "Bad Banks": Dieser "rauschhafte Trip in die Welt des Investmentbankings" sei ohne weiteres auch im internationalen Vergleich satisfaktionsfähig, freut sich Ursula Scheer in der FAZ. Auch Frank Junghänel von der Berliner Zeitung ist angetan, hat jedoch auch kleinere Kritikpunkte vorzubringen: Insbesondere in den "nur scheinbaren Nebenschauplätzen" bleibe "vieles unscharf, manches wird nur angerissen."

Weitere Artikel: Was #MeToo, die Berlinale und die anstehende Oscar-Verleihung betrifft, findet Heike-Melba Fendel von der NZZ die Situation inzwischen recht verfahren: Die Männer haben Angst, die Frauen suchen die Therapie. Tilman Baumgärtel (taz) und Bert Rebhandl (Tip) schreiben über die von Cecilia Valenti und den drei Perlentaucher-Filmkritikern Lukas Foerster, Fabian Tietke und Nikolaus Pernezcky kuratierte Filmschau "Splendid Isolation" über die Geschichte des Hongkong-Films im Berliner Kino Arsenal. Annett Scheffel hat sich für die SZ mit Duncan Jones getroffen, der für Netflix den im Berlin der Zukunft spielenden Science-Fiction-Film "Mute" gedreht hat, den der Regisseur als Hommage an die Berliner Zeit seines Vaters David Bowie verstanden wissen will. Nicht zuletzt in Afrika ist der Superheldenfilm "Black Panther" zum großen Kassenschlager geworden, berichtet Johannes Dieterich in der FR.

Besprochen werden Chris Mieras auf DVD veröffentlichter "Ein Weg" (taz), der Spionagethriller "Red Sparrow" mit Jennifer Lawrence, Charlotte Rampling und Jeremy Irons (taz, SZ) und Luc Schaedlers Dokumentarfilm "A Long Way Home" (NZZ).
Archiv: Film

Kunst


Figurengefäss eines mythischen Ahnenwesens. Ton, modelliert und bemalt, gebrannt, Frühe Nasca-Phase (Stilphase Nasca 3), 50-300 n. Chr. Museo Nacional de Arqueología, Antropología e Historia del Perú; Ministerio de Cultura del Perú © Yuvissa Mijulovich

Hin und weg ist Esther Widmann (NZZ) von der Kultur der peruanischen Nasca, der eine große Ausstellung im Zürcher Museum Rietberg gewidmet ist: "Ein Objekt vereint alle Rätsel in sich: Die Schau kulminiert nämlich in einem großen Ritualgefäß in Form eines Mumienbündels. Es trägt eine Maske und Kopfschmuck, ist bemalt mit abgetrennten Menschenköpfen, und aus seinen Schultern wachsen Pflanzen. Diese stellen San-Pedro-Kakteen dar - bekannt für ihren hohen Meskalingehalt. Meskalin, eine psychoaktive Substanz, löst synästhetische Erlebnisse aus, Farben, Rhythmen, Musik fließen ineinander. Um dem Ausstellungsbesucher auf legale Weise einen Eindruck davon zu vermitteln, haben die Kuratoren jenes große Ritualgefäß in einem Video animiert. So nah an einem Drogentrip war man in einer archäologischen Ausstellung selten."


Anna Witt, "Gleitzeit", 2010. Courtesy Anna Witt, Wien und Galerie Tanja Wagner, Berlin

Sehr zeitgemäß findet Anne Katrin Feßler (Standard) Anna Witts Ausstellung "Human Flag" im 21er-Haus des Wiener Belvedere, die sich mit den Veränderungen der Arbeitswelt auseinandersetzt. So hat sie für ihre Videoarbeit "Gleitzeit" Passanten vor Bürogebäuden gebeten, die hochgereckte Arbeiterfaust zu ballen. Wie lang, war jedem selbst überlassen: "Aber wie viel Zeit räumt der Einzelne einem Symbol ein, das zwar die Kraft des solidarischen Kollektivs beschwört, deren Qualität allerdings unter neoliberalen Maximen dem Begriff der 'Eigenverantwortung' geopfert wurde? Was ist adäquat für jemanden, der im Postfordismus selbstbestimmt über seine Arbeitszeit verfügt? Ist die Ausdauer von Witts Symbolträgern - im Wissen um die konkurrierende Präsentation ihrer Videoperformances - womöglich nur dem Wettbewerb geschuldet oder vielleicht doch dem Wunsch, der eigenen Überzeugung Nachdruck zu verleihen?"

Weitere Artikel: Die Documenta hat Kassel zwar ein Defizit von fünf Millionen Euro beschert, trotzdem hat die Stadt "für die Gesamtsumme von 290.000 Euro (..) bereits fünf Werke der Documenta 14 erworben", berichtet Christian Saehrendt in der NZZ. Ob der Obelisk des amerikanisch-nigerianischen Künstlers Olu Oguibe hinzukommt, ist noch ungewiss: Stolze 600.000 Euro möchte der Mann dafür, die durch Bürgerspenden aufgebracht werden sollen. Der Tagesspiegel spendiert Klaus Staeck zum Achtzigsten ein Interview. Im Interview mit dem Standard erläutert der neue Direktor des Wiener Weltmuseums Christian Schicklgruber seine Pläne für die Zukunft. Christiane Meixner berichtet im Tagesspiegel von zwei parallel stattfindenden Fotofestivals in Düsseldorf.

Besprochen werden die Ausstellung "Left Performance Histories" mit osteuropäischer Aktionskunst ab den 1970er Jahren in der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst in Berlin (Tagesspiegel), eine Ausstellung der Wiener Malerin Martha Jungwirth in der Albertina (Standard), eine große Paul-Klee-Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne (SZ) und die Ausstellung "Post Zang Tumb Tuuum" mit Kunst aus Mussolinis Zeiten in der Mailänder Fondazione Prada (Zeit).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Nasca, Witt, Anna, Oguibe, Olu

Bühne

Im Zeit-Blog 10 nach 8 beschreibt die kroatische Dramatikerin Ivana Sajko die schwierige Situation von Kunst und Theater in Kroatien, wo Kulturschaffende, die keinen Traditionalismus pflegen, immer mehr ausgegrenzt werden: "Die Eskalation des Antagonismus begann in jenem Jahr, als Zlatko Hasanbegović, ein Historiker mit ultrarechten revisionistischen Positionen, zum Minister für Kultur berufen wurde. Er war es, der Kulturschaffenden den Krieg erklärte und sie Jugonostalgiker, Pseudolinke und Parasiten nannte und die Kultur in das Schlachtfeld eines konstruierten Ideologie- und Klassenkonflikts verwandelte, der sich zwischen der vermeintlichen linken kulturellen Elite und der verarmten Volksmasse abspielte, die nur darauf wartete, dass irgendjemand den Verantwortlichen für ihren traurigen Zustand benennt. Damals wurden innerhalb eines knappen Jahres alle Plattformen zur Finanzierung unabhängiger Medien und der Vereine zur Entwicklung der Zivilgesellschaft zerschlagen."

Im Finanzskandal um das Wiener Burgtheater wurde noch kein einziger Prozess abgeschlossen. Peter Kümmel und Daniel Müller, die die Geschichte für die Zeit nachrecherchiert haben, wundert das nicht: Zuviele Personen sind darin verstrickt. Klar ist aber auch: "In den 15 Jahren mit Beginn der Ausgründung hat es am Burgtheater massive Malversationen gegeben. Es wurden Bilanzen gefälscht, Belege fingiert, Steuern hinterzogen, Mitarbeiter scheinselbstständig beschäftigt, Rückstellungen zu niedrig vorgenommen. Das passierte über viele Jahre hinweg."

Besprochen werden Georg Friedrich Händels "Ariodante" an der Wiener Staatsoper (Presse, nmz, NZZ - Daniel Ender bespricht die Aufführung zusammen mit "Saul" am Theater an der Wien) und Claus Peymanns Inszenierung des "König Lear" am Staatstheater Stuttgart ("So distanz- und einfallslos, so altbacken und selbstgefällig kann man Shakespeare heute nicht mehr spielen", schreibt Martin Halter in der FAZ).
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Archiv: Bühne

Literatur

Schriftsteller Jan Böttcher berichtet auf Zeit online von seiner Reise nach Rumänien, die vor allem auch eine Reise zur rumänischen Literatur geworden ist, die im März auch auf der Leipziger Buchmesse präsentiert wird - wenn auch nur sehr bruchstückhaft, wie Böttcher schmerzlich bemerken muss. In Rumänien sortiert man literarische Zusammenhänge nach Dekaden, erfahren wir: "Die 2010er schreiben szenisch, lakonisch, milieugenau. Und mit einem starken Interesse daran, dass ihre Hauptfiguren im rumänischen Alltag nicht verloren gehen."

Weitere Artikel: Eine noch von Hans Wollschläger selbst initiierte, nach zehn Jahren Arbeit abgeschlossene Überarbeitung seiner "Ulysses"-Übersetzung darf nicht erscheinen, weil Wollenschlägers Witwe Gabriele Gordon, bei der Suhrkamp nach dem Tod Wollschlägers keine Rechte eingeholt hat, sie verbietet, berichtet Susanne Mayer in der Zeit. Cornelia Geißler (Berliner Zeitung) und Dirk Knipphals (taz) berichten von einer Diskussionsveranstaltung mit unter anderem Nora Bossong und Simon Strauß, bei der es auch um die Erörterung der Frage ging, was es mit den Vorwürfen, letzterer könne der Neuen Rechten den Weg ins Feuilleton bereiten, auf sich habe. Denis Scheck ergänzt seinen Literaturkanon in der Welt um Heimito von Doderers "Die Merowinger". Rose-Maria Gropp gratuliert dem Schriftsteller Martin Suter in der FAZ zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Andreas Maiers "Die Universität" (FR), Jakob Heins "Die Orient-Mission des Leutnant Stern" (Tagesspiegel) und Miriam Mandelkows Neuübersetzung von James Baldwins Debüt "Von dieser Welt", das Schriftstellerin Sasha Marianna Salzmann in der FAZ bespricht.
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Musik

Zehn Jahre lang hat es kein Breeders-Album mehr gegeben: Im Zuge der Grunge-Welle hatte die Band um Ex-Pixies-Bassistin Kim Deal in den frühen Neunzigern mit "Cannonball" einen Ohrwurm-Hit, der seinerzeit die Tanzfläche sämtlicher Indie-Discos füllte. Mit "All Nerve" erscheint jetzt ein neues Lebenszeichen, das in den USA bereits mit großen Features (New York Times, Financial Times) begleitet wird. Für Standard-Kritiker Karl Fluch ist die Platte hingegen eine Spur zu slick ausgefallen: "Hin und wieder entkommt ihr eine catchy Melodie wie damals, doch alles unterliegt dem Gesetz der Ökonomie. Elf Songs sind es am Ende, ein Album wie aus einem Guss, mit einem Sound, der in ruhigen Momenten wie ein fünftes Bandmitglied wirkt. Es ist ein alterslässiges Werk, bei dem Lässigkeit kein Auftrag ist, sondern als Nebenprodukt abfällt. In der Mode sollen die 1990er gerade ein Revival erleben. 'All Nerve' schlägt dazu die akustische Brücke von damals ins Heute." Hier eine Hörprobe:



Weitere Artikel: Katja Schwemmers plauscht für die Berliner Zeitung mit Alex Kapranos von Franz Ferdinand. Electronic Beats führt durch die Diskografie des experimentellen Elektro-Duos Mouse on Mars. Besprochen wird ein Konzert von Manuela Keller mit Jazzvariationen von Boris Blachers Kompositionen (NZZ).
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