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Efeu - Die Kulturrundschau

Passgenau im Diskurskorridor

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26.02.2018. Der Goldene Bär für  Adina Pintilies tabulosen Entblößungsfilm "Touch Me Not" spaltet die Kritik: Die Entscheidung  steht der Berlinale gut zu Gesicht, finden taz und Tagesspiegel. Bitter, finden FAZ, FR und NZZ. Echtes altmodisches Analog-Theater  genießt  die SZ mit Claus Peymanns Stuttgarter "König Lear".  Die taz erlebt in der Frankfurter Basquiat-Schau das New York der Achtziger Jahre kurz vor dem Platzen .
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2018 finden Sie hier

Film


Szene aus Adina Pintilies "Touch Me Not"

"Wir wollten nicht nur würdigen, was das Kino kann, sondern auch, wo es hingehen kann", kommentiert Jurypräsident Tom Tykwer die Entscheidung, die Berlinale 2018 mit einem Goldenen Bären für Adina Pintilies "Touch Me Not" zu beschließen. Geehrt wird damit, zur Überraschung aller Kritiker, ein erst auf der Festival-Zielgeraden präsentierter Außenseiterfilm, dessen Pressevorführung von zahlreichen Journalisten murrend verlassen wurde. Die rumänische Regisseurin schildert darin in einer Zwischenform aus Spiel-, Dokumentar- und Essayfilm die therapeutische Auseinandersetzung mit sexuellen Nöten und Körpern jenseits gängiger Schönheitsideale. Interessant findet taz-Kritiker Tim Caspar Boehme diese Entscheidung - nicht zuletzt auch, weil viele der Preise an Frauen gingen: "Das Festival muss sich um seine Relevanz trotz zahlreicher Kritik am Wettbewerb und den vielen überflüssigen Filmen darin keine Gedanken machen. Dieser Jahrgang könnte sich am Ende als Auftakt zu einem verstärkten Verständnis der Berlinale als Versuchslabor des Films herausstellen."

Absolut verdient finden Tobias Kniebe und David Steinitz in der SZ den Preis für Pintilies Film. Auch Andreas Busche freut sich in der taz über den Bären für "Touch Me Not", ist dessen konfrontative Sperrigkeit doch gerade eine Gegenposition zum "gut geölten Erzählkino", für das Jurypräsident Tom Tykwer sonst steht: "Die Entscheidung steht der Berlinale gut zu Gesicht. Die Auszeichnung wird dem kleinen Außenseiterfilm die Aufmerksamkeit verschaffen, die er verdient", überhaupt wies der Wettbewerb eine "insgesamt gute Qualität" auf, auch wenn die ganz großen Meisterwerke fehlten.

Nicht wenige von Boehmes Kollegen sehen das deutlich anders: Sehr verärgert ist etwa FR-Kritiker Daniel Kothenschulte: Dieser Film "führt die Filmsprache keinen Zentimeter weiter. In seiner Didaktik aber auch seiner Ästhetik ist 'Touch Me Not' konventionell und den Werken des Sexualaufklärers Oswalt Kolle näher als beispielsweise der Body-Art der Performancekünsterin Marina Abramovic." Und sowieso: "Selten hatte ein Berlinale-Wettbewerb auf internationaler Ebene ein so schlechtes Niveau - und selten sah das deutsche Kino dabei besser aus." Was die Jury aber offenbar anders sah: Dass es keinen Bären für einen der - auch von der internationalen Kritik gefeierten - deutschen Beiträge gab, hält Dominik Kamalzadeh im Standard für "eigensinnig". Vermisst im Wettbewerb hat er allerdings Hu Bos chinesisches Drama "An Elephant Stitting Still": Der wäre "auch im Wettbewerb ein Signal gewesen. Dafür nämlich, wo es mit dem Kino wirklich hingehen könnte".

"Bitter" findet auch Andreas Kilb in der FAZ die Entscheidung für "Touch Me Not". Die Jury habe "die richtigen Filme, die wenigen Höhepunkte in einem von Abstürzen durchzogenen Wettbewerb, eklatant übersehen." Womit er Lav Diaz' "Season of the Devil", Erik Poppes "Utøya 22. Juli" und Christian Petzolds "Transit" meint. Susanne Ostwald schlachtet Jury samt Festival geradezu: Diese Auszeichnung sei im Zuge von #MeToo "herbeigezwungen" worden, meint sie in der NZZ im Namen der Kunst wider deren politische Indienstnahme. Diplomatischer formuliert es Frank Junghängel in der Berliner Zeitung: Er versteht die Auszeichnung "für den radikalsten Film des Wettbewerbs durchaus als Statement. Ein Statement indes, das auch viele Betrachter irritierte oder sogar ärgerte. Denn der beste Film war 'Touch Me Not' sicher nicht. ... In der Gender- und Emanzipationsfrage liegt der Goldene Bär für 'Touch Me Not' passgenau im Diskurskorridor."

Zur grundsätzlichen Kritik an Filmfestivals setzt Georg Seeßlen in einem Freitag-Essay an. Er beobachtet ein Unbehagen an Filmfestivals und der Festivalkultur: "Der ständische und kulturelle Narzissmus des Festivals verhindert seine gesellschaftliche Relevanz", schreibt er. "Das Unbehagen an Festivals macht sich nicht daran fest, ob sie ein paar Besucher weniger als die Konkurrenz oder als im Vorjahr verzeichnen, nicht an der Anzahl roter Teppiche oder prominenter Gäste, vielleicht nicht einmal allein an der Qualität der präsentierten Filme, sondern an der Distanz des Events zur lebendigen Kultur."

Weiteres zur Berlinale: Mit diesem Festivaljahrgang wurde das Spektrum der Frauenrollen erweitert, fällt Christiane Peitz vom Tagesspiegel auf. Silvia Hallensleben resümiert im Tagesspiegel das Festival aus Perspektive der dokumentarischen Formen. Andreas Conrad schreibt im Tagesspiegel über die Verleihungsgala, die vor allem dank Bill Murray brillieren konnte. Außerdem hat Sarah Kugler für den Tagesspiegel aufgeschrieben, auf welche Berlinale-Filme sich die Daheimgebliebenen demnächst im Kino freuen können.

Die Perlentaucher haben die Berlinale wie jedes Jahr mit einem umfangreichen Festivalblog begleitet - alle Kritiken und Pressespiegel zum Festival finden Sie hier. Nicht minder fleißig waren die Kolleginnen und Kollegen von Kinozeit, critic.de, Artechock, epdFilm und vom Filmdienst. Gut für den raschen Überblick sind auch der Kritikerspiegel von critic.de und das SMS-Archiv von Cargo.

Abseits der Berlinale: In der Berliner Zeitung bringt Michael Brettin historische Hintergründe zu Lars Kraumes "Das schweigende Klassenzimmer". Der Koalitionsvertrag ist in Sachen Rettung des Filmerbes viel zu lasch, meint die Initiative "Filmerbe in Gefahr" in einer entrüsteten Pressemitteilung. Besprochen werden das Buch "Zelluloid und Marmor" mit gesammelten Texten von Éric Rohmer (Eskalierende Träume) und Terrence Malicks auf BluRay veröffentlichter Dokumentarfilm "Voyage of Time" (SZ).
Archiv: Film

Bühne


"König Lear" am Schauspiel Stuttgart. Foto: Thomas Aurin

Etwas befremdlich findet Christine Dössel in der SZ, wie frenetisch die Stuttgarter Claus Peymanns Rückkehr in ihr Schauspiel bejubelt haben, doch auch sie hat bei seinem "König Lear" echten Theaterzauber erlebt: "Peymanns Inszenierung ist in der ästhetischen Anmutung zwar altmodisch, märchen- und theaterdonnerhaft. Aber dieses Analog-Theater hat auch seine Stärken und anrührenden Momente, vor allem ist es klar und nachvollziehbar erzählt, mit einem großen, nicht zu unterschätzenden Theaterwillen und einem ebenso großen Interesse am 'Menschen an sich', also dem, was den Menschen zum Menschen macht und was am Ende bleibt von einem Leben. Überhaupt will und weiß hier einer was."

Besprochen werden außerdem Mateja Koležniks Inszenierung von Ibsens "Volksfreind" am Münchner Residenztheater (Nachtkritik, SZ), Stefan Bachmanns Inszenierung von Ferdinand Schmalz' modernisierter "Jedermann"-Version am Wiener Burgtheater (NZZ), Maxim Gorkis "Sommergäste" am Deutschen Theater und Heiner Müllers "Hamletmaschine" am Maxim Gorki Theater (Berliner Zeitung), Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter" in Altenburg (Nachtkritik) und Brechts "Guter Mensch von Sezuan" in Dresden (Nachtkritik).
Archiv: Bühne

Kunst



Jean-Michel Basquiat und Andy Warhol, Arm and Hammer II, 1984, Acrylic on canvas. Courtesy Galerie Bruno Bischofberger, Männedorf-Zurich, Switzerland

taz-Kritikerin Johanne Schmeller lernt in der Frankfurter Schirn-Ausstellung "Boom for Real" sehr schön, wie Jean-Michel Basquiat in New York zum "atemlosen, knochencoolen" Künstler wurde: "Basquiats wild wuchernde Kreativität findet treffsicher immer neue Kommentare zu den Daseinsfragen seiner Zeit, in der New York wie das Berlin von heute ist: zu arm, um nicht an sich zu zweifeln, zu durchgeschüttelt, um klare Antworten zu artikulieren, zu dreist, um einfach mal eine Dekade lang die Klappe zu halten. Eine Stadt kurz vor dem Platzen. Eine Stadt, die SAMO© zu Basquiat macht."



Arthur Jafa, Videostill aus "Apex", 2013. Bild: Julia Stoschek Collection, Berlin

Deprimierend und euphorisierend zugleich findet FAZ-Kritiker Georg Imdahl die Ausstellung "A Series of Utterly Improbable, Yet Extraordinary Renditions" in der Julia Stoscheck Collection Berlin, die Arbeiten des amerikanischen Künstlers Arthur Jafa zeigt. In seinen Videos geht Jafa einer großen Frage nach, erklärt Imdahl: Was wäre Amerika, wenn es schwarze Menschen genauso lieben würde wie die schwarze Kultur? Dafür montiert er ikonische Aufnahmen von Polizeigewalt und Martin Luther King, James Brown und Barack Obama: "Oder den als Helden gefeierten Charles Ramsey, der in Ohio ein gekidnapptes Mädchen in Sicherheit gebracht hat: Wie er die Gefahr gerochen habe, will der Reporter von dem Retter aus der Nachbarschaft wissen. Ein 'verräterisches Zeichen' sei für ihn gewesen, so die Antwort, dass ein weißes Mädchen ihm, einem schwarzen Mann, in die Arme gelaufen sei."
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Archiv: Kunst

Literatur

In der FAZ umkreist Schriftstellerin Marica Bodrožić den biografischen Umstand, dass sie bereits im Mutterbauch ihre erste Begegnung mit der deutschen Sprache hatte, da die Mutter damals in Hessen Deutsch lernte, während sie selbst ihre ersten zehn Lebensjahre in Herzegowina verbrachte. Es folgt eine Liebeserklärung an jene Sprache, die sie heute nicht mehr selbstverständlich als ihre zweite Sprache bezeichnet: "Das Deutsche war meinem ganzen inneren Gefühl nach für mich nie eine wirklich fremde und auch keine ansatzweise harte Sprache. Im Gegenteil, ich erkannte in ihr alles Vertraute, alles Weiche, das vom Schutz des Wassers rührte."

Endlich mal seine Geschichte von der Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma erzählen - das wollte Johann Scheerer, der damals 13 Jahre alt war und jetzt, wie er im Interview mit der SZ erzählt, ein Buch geschrieben. Darüber, was geblieben ist: "Weniger Gefühle als die Gewissheit, dass uns dieses Ereignis als Familie auf perverse Weise geprägt hat. Einerseits wurden wir zusammengeschweißt in dem Sinne, dass wir zu dritt das Schlimmste überstanden haben. Andererseits hat mein Vater ein völlig anderes Trauma als meine Mutter und ich, und es gibt dafür eigentlich keine gemeinsame Kommunikationsebene." Auch das Buch seines Vaters, "Im Keller", hat ihm nicht weitergeholfen: "Ich finde, er schreibt sehr distanziert, und dieser literarische Kniff, von sich in der dritten Person zu reden, wenn es um die Zeit im Keller geht, erschwert es mir als Sohn, an ihn heranzukommen."

Besprochen werden unter anderem Nicole Krauss' "Waldes Dunkel" (Standard, Welt), Elena Ferrantes "Die Geschichte des verlorenen Kindes" (Standard), Navid Kermanis "Entlang den Gräben" (Standard), Felicitas Hoppes "Prawda. Eine amerikanische Reise" (NZZ), Lydia Davis' Erzählband "Samuel Johnson ist ungehalten" (Standard), Tanja Paars Debüt "Die Unversehrten" (Standard), Szczepan Twardochs "Der Boxer" (SZ) und Kinder- und Jugendbücher, darunter Susanne Fischers "Die Wolkenkönigin" (FAZ).
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Musik

Für das Musikblog Van unterhält sich Ian Giocondo mit der Musikwissenschaftlerin Susan McClary, einer der Miterfinderinnen der "New Musicology", die die Musikwissenschaft für kulturwissenschaftliche- und Genderansätze öffnete. Aufgewachsen ist sie mit der "Autonomieästhetik", die sie nun zur Hälfte verabschiedet:  "Autonomie können wir alle feiern, glaube ich. Ganz sicher wollen wir keine Leute in Machtpositionen, die ihren untergebenen Künstler_innen einflüstern, was sie zu tun haben. Das Ganze wird jedoch problematisch, wenn der Begriff Autonomie gebraucht wird, um so zu tun, als ob Musik einfach bloß Musik wäre, weil die Musik, die dann gemeint ist, natürlich nur die westliche, klassische Musik ist - die Musik zwischen Bach und, sagen wir, Brahms. Die Leute benutzen dann diese Musik, um die Überlegenheit der Europäer und der von ihnen abstammenden Völker zu beweisen, was den Rest der Welt und auch Minderheiten innerhalb der USA natürlich marginalisiert."

Eine tolle Sache ist das neue Album von Isolation Berlin, versichert Sven Sakowitz in der taz: "Wunderbarster Underdog-Aggro-Style. Die Musik: Eine schwungvolle Fusion aus Wienerlied, Brecht-Theater und Indie-Pop." Hier das aktuelle Video:



Weitere Artikel: Vor 150 Jahren wurden die Tonhalle-Gesellschaft und im Zuge bald auch das Tonhalle-Orchester Zürich gegründet: Für Peter Hagmann ein Anlass, in aller Ausführlichkeit durch die Geschichte des Orchesters zu führen, was die NZZ nun aus ihrer Wochenendausgabe online nachgereicht hat. Dazu passend hat sich Marco Frei mit dem künftigen Leiter des Orchesters, Paavo Järvi, zum großen Gespräch getroffen. Daniel Schieferdecker plaudert in der Berliner Zeitung mit Fritz Kalkbrenner. Thomas Stillbauer erinnert in der FR an George Harrison, der gestern 75 Jahre alt geworden wäre.

Besprochen werden ein Berliner Konzert von Daniil Trifonov und Sergei Babayan (Tagesspiegel), Daniel Barenboims Bartók-Klavierkonzert mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle (Tagesspiegel) und ein Auftritt von Crimer (NZZ).
Archiv: Musik