Efeu - Die Kulturrundschau

Ach dieses Nödelsensibelchen!

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.02.2018. Erinnert an die schlechtesten Castorf-Jahre, stöhnen die Kritiker einstimmig über Albert Serras Rokoko-Stück "Liberté" an der Volksbühne. In der FAZ fordert der baskische Schriftsteller Fernando Aramburu die Aufklärung des ETA-Terrors. Die Zeit erkundet die verschiedenen Modernen der Sowjetarchitektur in Minsk. SZ und Freitag läuten mit Ryan Cooglers Film "Black Panther" eine mentalitätsgeschichtliche Zeitenwende ein. Und die FAZ entstaubt mit Dirigent Andris Nelsons beschwingt das Klangmobiliar des Leipziger Gewandhausorchesters.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.02.2018 finden Sie hier

Bühne

Bild: Szene aus Liberté. Foto: Roman Ynan.

Trotz des opulenten Rokoko-Bühnenbildes von Sebastian Vogler, der auch schon das Set des Films des katalanischen Filmregisseurs Albert Serra entwarf, fällt mit Serras Stück Liberté und Ingrid Carven und Helmut Berger in den Hauptrollen auch der neueste Streich in Chris Dercons Volksbühne bei den Kritikern mit Pauken und Trompeten durch: "Lieber Tee", seufzt etwa Nachtkritikerin Esther Slevogt nach knapp drei Stunden "Rokoko-Lüsternheit und Tugendterror": "Dauernd werden unbeholfen Sänften mit unbeholfenen Akteur*innen auf die Bühne getragen und wieder fort. Wackere Volksbühnentechniker müssen hier nun die Sänftenträger mimen. Es wird nie richtig hell, man sieht wenig und kann auch nur mit Mühen dem Gewisper der mikroportverstärkten Stimmen folgen. Deren Texte sind aber so banal, von so spießigen Erotismen durchsetzt, Choderlos de Laclos für Arme sozusagen, dass man bald eh aufhört, sich dafür zu interessieren. Über Einzelheiten möchten wir hier höflich den Mantel des Schweigens breiten. Auch über die Art, wie hier die Schauspieler*innen verbraten werden."

"Gespreizter Schwulst", klagt auch Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung: "Serra hat sich nicht nur an seinem Stoff heillos verhoben, sondern auch an der anarchischeren Realität des Theaters." Inzwischen ernsthaft besorgt um die Volksbühne zeigt sich Rüdiger im Tagesspiegel: "Manchmal hat man den Eindruck, hier werde eine Castorf-Inszenierung parodiert, wobei die Akteure Beruhigungsmittel genommen haben müssen. 'Liberté' erinnert an die schlechtesten Castorf-Jahre, die es ja auch an der Volksbühne gab. Damals regierte der Überdruss, heute ist es bloße Apathie." Und im DLF-Kultur möchte Andre Mumot am liebsten nicht mal mehr über den Abend sprechen: "Ihm gelingt keinerlei geistige, emotionale oder sonstige Verdichtung, treibt einem in seinem künstlerischen Unvermögen lediglich die Schamesröte ins Gesicht." "Ersäuft an seiner verstiegenen Ambition", findet auch Daniele Muscionico in der NZZ. Im Standard bespricht Dominik Kamalzadeh das Stück.

Weiteres: Ein brillantes Ensemble - etwa Ursina Lardi, Devid Striesow oder Sebastian Blomberg - und viel Vergnügen erleben die Kritiker mit Thorsten Lensings Inszenierung David Foster Wallace' "Unendlicher Spaß" in den Berliner Sophiensälen - und doch will der Funke nicht recht überspringen: "Statt von der Erschöpfung des Ichs erzählt dieser Abend ausschließlich von dessen Ausflüchten in Witz und Ironie. Für die dahinter schlummernde Traurigkeit hat er keinen Sinn.", meint Simon Strauss in der FAZ. Weitere Besprechungen in nachtkritik und Berliner Zeitung. Im Standard-Interview spricht der amerikanische Dirigent William Christie über Händels Oper "Ariodante", die heute an der Wiener Staatsoper aufgeführt wird. In der FAZ schreibt der Filmwissenschaftler Vinzenz Hediger über die Geschichte der Theater-Trailer.

Besprochen werden Ivica Buljans Inszenierung von Jean Genets "Der Balkon" am Münchner Residenztheater (nachtkritik) und die Münchner Ausstellung "Du bist Faust", die sich mit den Wirkungen und Verarbeitungen von Goethes Drama in Kunst, Musik, Bühne und Film auseinandersetzt (SZ).

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Literatur

Mit "Patria", seinem Roman über den ETA-Terror, ist dem baskischen Schriftsteller Fernando Aramburu in Spanien ein großer Bestseller geglückt. Das Buch treffe auf einen Nerv, sagt er im FAZ-Gespräch mit Paul Ingendaay. "Mehr als dreihundert Mordfälle sind noch nicht aufgeklärt. Aber später wird, genau wie in der deutschen Nachkriegsgeschichte, der Augenblick kommen, da baskische Jugendliche ihre Eltern fragen: Wer war denn das, der in dieser Straße umgebracht wurde? Und auf welcher Seite standet ihr? Natürlich macht die heutige Jugend, was sie eben macht, sie feiert, sie reist und so weiter, aber irgendwann wollen die Nachgeborenen etwas wissen und lassen sich ungern mit Halbheiten abspeisen. ... Das ist die Stunde der Zeugenschaft."

Schon seit längerem ist der Autor bekanntlich für tot erklärt. Stefan Kutzenberger und Clemens J. Setz suchen in ihren jeweils neuen Büchern Strategien im Umgang mit diesem Befund - was sich im Falle von Kutzenbergers Debüt "Friedinger" als ein "amüsantes Spiel" entpuppt, gestalte sich bei Setz' "Bot" allerdings "verkrampft bemüht", meint Björn Hayer auf ZeitOnline. "Was bleibt also vom Autor in der zeitgenössischen Literatur? Weder ist er tot noch ist er ein Heiliger. Vielmehr profiliert er sich als ein Spieler, der Freude an der Ironie hat."

Die FAZ bringt Auszüge aus Alice Schmidts Tagebüchern aus den späten 40ern, die bald bei Suhrkamp erscheinen. Darnin berichtet sie unter anderem von ihrer lieben Not, was die Wehleidigkeiten ihres berühmten Ehemanns Arno betrifft: "'Wär ich doch tot' gar so weit geht er", nach einem missratenem Auftritt im Radio. "Ach dieses Nödelsensibelchen! -" Am nächsten Morgen erwachte ihr Mann "mit vernieselter Laune. 'Wären doch diese Rundfunkmänner nie gewesen. Könnte ich sie doch umbringen!'"

Weitere Artikel: Der Ebook-Umsatz fällt, mutmaßlich weil alle Serien glotzen, glossiert Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Besprochen werden unter anderem Monika Marons "Munin oder Chaos im Kopf" (Welt, SZ), Linda Boström Knausgårds "Willkommen in Amerika" (NZZ), Garth Greenwells "Was zu dir gehört" (FAZ), Jesmyn Wards "Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt!" (SZ) und Burhan Sönmez' "Istanbul. Istanbul" (FAZ).
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Musik

Habemus Kapellmeister: Ganz Leipzig ist im Freudentaumel darüber, dass das Gewandhausorchester nach zwei Jahren des Darbens mit dem jungen Andris Nelsons nun endlich wieder einen Hausdirigenten vorweisen kann, berichtet Clemens Haustein in der FAZ, der im übrigen darüber bestaunt, mit welchem Feingespür der neue Chefdirigent mit Mendelssohn Bartholdys "Schottische Symphonie" aufgreift: "Er, der sonst in die Eingeweide eines Klangkörpers zu greifen versteht wie kaum ein anderer, der dabei Klangreserven aus tiefster Tiefe hervorwuchten kann, er macht sich hier mit rührender Behutsamkeit ans Werk. ... Nelsons, so scheint es, hört und staunt, kommt nicht mit der Kraft eines neuen Besens, sondern wischt vorsichtig und frisch verliebt über das Leipziger Klangmobiliar."

Zuvor gab es an dem Abend allerdings noch Alban Bergs Geigenkonzert. Insbesondere für Solisten birgt es einige Herausforderungen, wie Reinhard J. Brembeck in der SZ erklärt: Doch gemeinsam mit Baiba Skride kann Nelsons "seine von üblichen Lesarten abweichende Vision dieses Stücks vollkommen verwirklichen. Es ist die schwebende, ruhige Traumvision einer idealen Gesellschaft, in der der Einzelne mit all seinen Eigenheiten zwanglos als Teil des Ganzen existieren kann. ... Wenn sie so musiziert wird, kann selbst die alte Klassik ungeahnt politische Musik sein, die sich damit auch gegen antidemokratische und ausgrenzende Tendenzen richtet."

Vom klassischen zum Pop-Repertoire: Große Freude hat Aram Lintzel daran, dass die ersten fünf 80er-Alben der britischen Band Felt um Mastermind Lawrence Hayward wiederveröffentlicht werden. Hayward verfolgte mit der Band ein Projekt, das man als "Pop in Vollendung" bezeichnen könnte, erklärt Lintzel in der taz: "Perfektion hieß neben Könnerschaft: formale Strenge und Einfachheit der Mittel. ... Mit manierierter Coolness, manchmal schnippisch, dabei immer porös und verletzlich erzählt er von Selbstzweifeln, seelischen Schmerzen und der Sehnsucht nach Anerkennung durch die Welt da draußen. Lawrence war Bote einer transzendentalen Obdachlosigkeit." Wir schwelgen derweil in diesem Felt-Song:



Weitere Artikel: In der taz stellt Jan Feddersen Michael Schulte vor, der für Deutschland im Eurovision Song Contest antreten wird. Besprochen werden das neue Album von Answer Code Request (taz) und Adam Laloums neue Brahms-Einspielung (FAZ).
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Kunst

Mit Max Beckmann und Klaus Fußmann eröffnen zwei neue Ausstellungen im Potsdamer Museum Barberini. Während sich Bernhard Schulz im Tagesspiegel vor allem von der Leuchtkraft von Beckmanns "Welttheater" beeindruckt zeigt, erliegt Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung den dystopischen Landschaftsgemälden und Porträts Fußmanns: "Die abwägende, differenzierende Art dieses Malers, der sich, wie einst schon Beckmann, nicht um Moden, gar Dogmen - realistisch oder abstrakt - schert, geht mit den aggressiven, zumindest aufgeregten Hervorbringungen der Moderne, gerade in ihrer Spätzeit, mit dem unsinnigen - westlichen - Verdikt des Figürlichen gelassen und souverän eigensinnig um. Seinen Bildern wie den oft dazu gelieferten klugen, philosophischen Gedanken fehlt gänzlich diese gewisse postmoderne Arroganz, mit der die Malerei des 20. Jahrhunderts pauschal abqualifiziert, gar für 'tot' erklärt wurde."

Besprochen wird die große Emil-Cimiotti-Retrospektive im wiedereröffneten Edwin Scharff Museum in Neu-Ulm (Weltkunst), die Ausstellung "Bildhauerinnen der Berliner Moderne" im Georg Kolbe Museum (taz) und die Ausstellung "L'Art du Pastel de Degas à Redon" im Petit Palais Paris (FAZ).
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Film

Der bahnbrechende Erfolg, mit dem Ryan Cooglers (online nachgereicht im Freitag von Katrin Doerksen besprochener) "Black Panther" in die Kinos gekommen ist und der sich darum entspinnende Diskurs mache den Film zum "Moment einer - natürlich - noch nicht konkreten politischen, aber doch mentalitätsgeschichtlichen Zeitenwende", schreiben Andrian Kreye und Jens-Christian Rabe in der SZ: Gut möglich, dass man künftig von diesem Film so reden werde, "dass es eine Zeit vor und eine Zeit danach gibt", meinen sie. In Nairobi, Lagos, Bamako und Johannesburg treffe "der Film nicht nur auf den frenetischen Jubel eines Publikums, das sich zum ersten Mal in einem Hollywoodfilm wiedererkennt. Er trifft auf eine historische Situation, die sich über Jahre aufgebaut hat. Denn hin und wieder entlädt sich so eine Entwicklung eben in einem popkulturellen Augenblick. Der ist auch diesmal vor allem als Ausdruck und Bestätigung zu verstehen, nicht als Anstoß."

Bei der Berlinale wurden die letzten Wettbewerbsfilme gezeigt - jetzt wird mit Spannung erwartet, welcher Film den Goldenen Bären siegreich erlegt. Unser Überblick dazu - hier im Pressespiegel.

Weitere Artikel: Axel Weidemann schreibt in der FAZ zum Tod des Schauspielers Ulrich Pleitgen.

Besprochen werden Guillermo del Toros "The Shape of Water" (Freitag) und Spike Lees Serien-Remake seines Klassikers "She's Gotta Have It" (Freitag).
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Architektur

In der Zeit hat die Schriftstellerin Annett Gröschner sich auf den Weg nach Minsk zu einem Workshop des Goethe-Instituts mit dem Titel "Was war Sowjetkultur? Sowjetische Architektur und Stadt des Modernismus" gemacht und die Stadt als gepflegte, mitunter bis zur "Unkenntlichkeit" renovierte "Enzyklopädie der Sowjetmoderne" erlebt - allein für die Zeit nach 1960 unterscheide man schon drei Modernen: "Sie geht einher mit einer enormen Ausdehnung des städtischen Raums und der Errichtung von Mikrorayons als Städten in der Stadt, die bis heute jeder durchfährt, der von einem Flughafen ins Zentrum einer beliebigen postsowjetischen Stadt zu gelangen versucht. Ob Bauhaus in Engels an der Wolga oder in Magnitigorsk, Konstruktivismus in Jekaterienburg, der an Ulrich Müthers Werke erinnernde Betonschalenbau der Belekspo in Minsk, die an Corbusier orientierten Wohnmaschinen in Kiew oder die Zusammenarbeit internationaler Architekten beim Wiederaufbau der von einem Erdbeben zerstörten usbekischen Hauptstadt Taschkent auf der Suche nach der idealen und zugleich erdbebensicheren Stadt."

Archiv: Architektur
Stichwörter: Sowjetarchitektur, Minsk