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Efeu - Die Kulturrundschau

Schreiben und dann bis sieben Uhr schlafen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.11.2017. Die FAZ erlebt mit dem Fotografen Alec Soth in den Hamburger Deichtorhallen die erschütternde Einsamkeit der Menschen am Mississippi. Reinen Genuss beschert Sebastian Baumgarten der NZZ mit seiner "Mahagonny"-Inszenierung in Zürich. Bei Milo Raus Generalversammlung imponiert der taz die durchtrainierte Professionalität von BerufspolitikerInnen. Außerdem ahnt sie, warum Smartphones zu protzigem Branding in der Streetwear führen. Die SZ blickt noch einmal auf das literarische Frankreich, das seine großen Preise vergeben hat.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2017 finden Sie hier

Kunst


Alec Soth: Charles, Vasa, Minnesota, USA, 2002. © Alec Soth / MAGNUM Photos, Deichtorhallen Hamburg

Erschütternd findet Freddy Langer in der FAZ die Einsamkeit der Menschen, denen der amerikanische Fotograf Alec Soth auf seiner viertausend Kilometer langen Reise den Mississppi entlang begegnet ist: Die Hamburger Deichtorhallen zeigen sie in der Ausstellung "Gathered Leaves". Der Fluss sei kein Symbol des Aufbruchs mehr: "Soth widmete sich den Menschen, die am Ufer lebten wie Gefangene. Gefangene ihrer sozialen Situation, ihrer mangelhaften Bildung, vielleicht auch ihres Zugehörigkeitsgefühls, ohne dass recht klargeworden wäre, wohin sie sich gezogen fühlten."

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Old Food" des britischen Medienkünstlers Ed Atkins im Martin-Gropius-Bau (Tagesspiegel), die Schau "Nichtwissen" des Künstlertherapeuten Clemens Krauss in der Galerie Crone in Wien (Standard) und die Ausstellung des Künstlerduos Awst & Walther im Georg-Kolbe Museum in Berlin (Welt).
Archiv: Kunst

Bühne


Sebastian Baumgartens "Mahagonny". Foto: Tanja Dorendorf / Opernhaus Zürich.

Bert Brecht kann das nicht gewollt haben, doch Jürg Huber muss Sebastian Baumgarten in der NZZ bescheinigen, mit seiner Zürcher Inszenierung vom "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" reinen Genuss produziert zu haben: "Das Zürcher Opernhaus punktet, wo es um sein Kerngeschäft geht: im Spiel mit den Gefühlen und Illusionen. Dass hier auch politische Fragen verhandelt werden, gerät dadurch in den Hintergrund: dass es eben nicht nur die Glücks- und Genuss-Suche des Einzelnen ist, die ins Verderben führt, sondern auch die ungleiche Verteilung der (finanziellen) Ressourcen."


Sitzung der General Assembly am 5. November 2017, Foto: Daniel Seiffer, Schaubühne Berlin

Nüchtern, erschütternd und kaum auszuhalten fand in der SZ Anna Fastabend Milo Raus "General Assembly" in der Berliner Schaubühne, die die Misstände der Welt auf die Tagesordnung brachte: "So eindrücklich dieses Weltparlament ist, so schnell werden seine Schwächen deutlich. Im Fünf-Minuten-Takt hört man vom Massaker an streikenden Minenarbeiten in Südafrika, von Kindesmissbrauch in einer deutschen Sekte in Chile, von unzähligen Toten bei einem Brand in einer pakistanischen Textilfabrik. Zeit, mehr zu erfahren oder das Gehörte zu verarbeiten, bleibt nicht. Diskussionen im Anschluss werden nach vier Minuten beendet."

In der taz ist Cord Riechelmann dagegen total beeindruckt von dieser Generalversammlung der dritten Stände. Am Auftritt eines AKP-Politikers entzündete sich ein Streit, "in dem es auch darum ging, ob es demokratisch sei, eine unbeliebte Position auszuschließen oder eben nicht, war einer der Abgeordneten aufgestanden und hatte in die Versammlung und ins Publikum gerufen: 'Wir machen doch hier Theater.' Worauf ein anderer sehr ernst und klar feststellte, dass das hier für viele Teilnehmer kein Thea­ter sei. Und das war einer der vielen schönen Momente dieser drei Tage in der Schaubühne. Denn entscheiden ließ sich die Frage, ob das hier Theater war oder nicht, tatsächlich nicht."

Weiteres: Die Nachtkritik bringt die Rede der Schriftstellerin Annett Gröschner auf das zehnjährige Bestehen des Theatermagazins: "Es soll Autor*innen geben, die gleich nach der Vorstellung schreiben und dann bis sieben Uhr schlafen können." Im Tagesspiegel sinniert der Amerikaner Michael P. Steinberg über Populismus, Identität, Chris Dercon und die Frage, welche höhere macht eigentlich den Berliner Reichstag "dem deutschen Volke" überantwortet haben soll. Wiebke Hüster berichtet in der FAZ vom Festival d'automne in Paris.

Besprochen werden Thomas Jollys Inszenierung von Jacques Offenbachs komischer Oper "Fantasio" in Genf (FAZ) und Elfriede Jelineks neues Stück "Am Königsweg" am Hamburger Schauspielhaus (Standard).
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Design

Streetwear mit protzigen Logos erobert wieder die Mode, beobachtet Donna Schons in der taz. Dass auch die großen Modehäuser nach einer Phase der Dezenz wieder vermehrt auf gut sichtbares Branding setzen, liegt für Schons auch daran, dass junge Fashionistas heute vor allem auf den kleinen Displays ihrer Smartphones und auf Instagram mit Mode in Berührung kommen: "Raffinierte Details und komplizierte Schnitte verloren sich in der Bildwelt des mobilen Internets. Mode wurde plötzlich zweidimensional wahrgenommen, plakative und ironische Setzungen wie die Vetements-Hoodies mit ihren überlangen Ärmeln prägten die Instagram-Feeds. ... Das meistverkaufte Luxusprodukt des bisherigen Jahres ist ein Paar Badeschlappen mit Gucci-Print, dicht gefolgt von Pumps mit Absatz in Form des Yves-Saint-Laurent-Logos, einem Gucci-Gürtel mit Logo-Schnalle und einem Paar Givenchy-bedruckten Badeschlappen."
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Literatur

Das literarische Frankreich hat wohl "nach der Frankfurter Buchmesse von Deutschland noch nicht genug", denkt sich Joseph Hanimann in der SZ nachdem gestern der Prix Goncourt an "L'ordre du jour" von Éric Vuillard und der Prix Renaudot an "La disparition de Josef Mengele" vergeben wurde: "Das Interesse der Literatur für historische Themen hart an der Grenze zum Dokumentarischen bestätigt sich." Den Goncourt-Juroren bescheinigt Hanimann, sich "wohl nicht für das beste, gewiss aber für das originellste der vier Bücher in der Endauswahl" entschieden zu haben.

Weiteres: Im ZeitMagazin unterhält sich Louis Lewitan mit dem israelischen Schriftsteller Etgar Keret. René Martens berichtet in der taz vom anstehenden Umzug des Rowohlt-Verlags von Reinbek nach Hamburg. Der WDR bringt ein Feature von Antje Leetz über Literatur in der Russischen Revolution.

Besprochen werden Artjom Wesjolys "Blut und Feuer" (Berliner Zeitung), Leïla Slimanis "Dann schlaf auch du" (NZZ) und Michael Wildenhains "Das Singen der Sirenen" (FAZ).
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Film

Detlef Kuhlbrodt (taz) und Hans-Jörg Rother (FAZ) berichten vom DOK Leipzig.

Besprochen werden "The Secret Man" mit Liam Neeson als Watergate-Informant Mark Felt (SZ) und und der Dokumentarfilm "Ghostland", der namibische Touristen bei einer Reise durch Europa begleitet (Tagesspiegel)
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Stichwörter: Felt, Watergate, Dok Leipzig

Musik

Ulrich Gutmair wappnet sich mit Andreas Spechtls neuem Album "Thinking About Tomorrow and How to Build It" und den darauf zu findenden "außerirdischen Krautrock-Visionen" für die Herbstdepression, wie er in der Spex verrät: Neben Sun-Ra-Reminiszenen "drängen sich Erinnerungen an dystopische Industrial-Sounds und neohippieske Ambient-Trips - irgendwie fühlt man sich auch den Swing von To Rococo Rot erinnert. Spechtl (...) loopt und singt, wobei seine Stimme aus der Ferne kommt, einem Raum, der hinter einem Vorhang aus Filtern halb versteckt, halb offenbart wird. So schwingt diese Musik auf eher teutonische Weise vor sich hin, über gerade Beats, mit denen Neu! einst ganz England verrückt machten." Hier das aktuelle Video:



Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) und Josef Engels (Welt) resümieren das Jazzfest Berlin, dem die vom scheidenden Leiter Richard Williams verordnete Verjüngung ganz gut getan hat, wie Engels unter Verweis auf die Konzerte von Tyshawn Sorey unterstreicht. Der "vertritt einen modernen Künstlertypus aus dem Geist der Streamingkultur, der sich um stilistische Kategorisierungen nicht schert, sondern aus einem riesigen Fundus an Ausdrucksmöglichkeiten schöpft. Das geht sogar so weit, dass man sich fragen muss: Ist das überhaupt noch Schlagzeug, was der da spielt? ... Mit einiger Grazie und gnadenloser Akkuratesse brachte er Pauken zum Singen, kitzelte Obertöne aus diversen Gongs und Becken, bearbeitete ein E-Piano und ein Vibrafon großflächig und feuerte gelegentlich Gewehrschüsse mit Klangstäben ab."

In der Retrokolumne der SZ begeistert sich Max Fellmann über das vor 40 Jahren erschienene Queen-Album "News of the World": "Was ist das für ein herrliches Durcheinander! ... So eine heterogene Vermengung von Musikstilen, so ein Rundumschlag - die Mischung würde heute jeden Playlist-Algorithmus überfordern."

Weiteres: Im Standard porträtiert Daniel Ender den Komponisten Péter Eötvös. Für die Zeit plaudert Christoph Dallach mit Benny Andersson von ABBA.

Besprochen werden Robert Forsters Buch "Grant & I" über seine Band The Go-Betweens (Tagesspiegel), die Autobiografie "Der Klang der Maschine" des ehemaligen Kraftwerk-Musikers Karl Bartos (NZZ), Moses Sumneys Debüt "Aromanticism" (taz), ein Konzert der Queens of the Stone Age (Standard) und die Prince-Ausstellung in London, von der SZ-Kritiker Alexander Menden allerdings schwer enttäuscht nach Hause kommt.
Archiv: Musik