Efeu - Die Kulturrundschau

Die Kindsköpfe unter den Kunstschaffenden

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23.06.2017. In der lang erwarteten Rolle des Otello erlebt die Welt in London mit Jonas Kaufmann einen Tenor am Anschlag. NZZ und Tages-Anzeiger werden im Kunsthaus Zürich in Sachen Aktions- und Performancekunst aktiv. Die SZ berichtet von Hermann Pölkings siebenstündigem Monumental-Dokumentarfilm "Wer war Hitler", der auf dem Filmfest München Premiere hatte. Und die taz erliegt dem Wohlklang von Camilles neuem Album "OUÏ".

Film


Szene aus Hermann Pölkings Doku "Wer war Hitler"

Beim Filmfest München hatte Hermann Pölkings siebenstündiger Monumental-Dokumentarfilm "Wer war Hitler" Premiere. Dabei handelt es sich um eine Collage von historischem Filmmaterial - vieles davon bislang unveröffentlicht, einiges aus Amateurhand. Für die SZ hat sich Gustav Seibt den Film angesehen, der von einem Zitatecollagen-Band flankiert und im Fernsehen auf zehn Stunden ausgedehnt werden wird. Wie nahe  Nazi-Deutschland über die zahlreichen Farbaufnahmen wieder an einen heranrückt, wie wenig der Film dem hysterischen Getue und der Krawall-Rhetorik des "Dritten Reichs" erliegt, findet er zunächst einmal interessant - und mit Kempowskis "Echolot"-Projekt durchaus vergleichbar. Jedoch: "Informativ und neu ist der Film nicht auf der Ebene von Biografie und Politik Hitlers. Doch er zeigt seine Welt, die Welt derer, die ihm folgten, die er verfolgte. Darum ist Pölkings Unternehmen, das in vielen Zügen rühmenswert ist, in einem fundamentalen Selbstmissverständnis gefangen. 'Wer war Hitler' - diese Frage wird nicht beantwortet, sie kann so womöglich gar nicht beantwortet werden. Da helfen die Kapitelüberschriften ("Ein Kriegsverbrecher") auch wenig. Der Film bietet überwiegend geläufige Psychologie - gewalttätiger Vater, starke Mutterbindung, später Unnahbarkeit und Berührungsscheu -, während doch die dahinterstehende Kulturgeschichte das Interessante ist. Nicht die Unperson, sondern ihre Epoche."

Anlässlich des Heimmedien-Starts von Paul W.S. Andersons "Resident Evil: Final Chapter" verabschiedet sich Lukas Foerster im Tagesspiegel von dieser Filmreihe, die eng mit dem Namen ihres Regisseurs verbunden ist - zu entdecken sei hier eine Art Auteur-Science-Fiction-Reihe, die insbesondere 3D-ästhetisch aus den Vollen schöpfe: Anderson entwerfe "komplexe Bewegungschoreografien im dreidimensionalen Raum, die gelegentlich an museumsreife Kunstinstallationen erinnern" und habe sich somit "über die Jahre als eigenwilliger Autorenfilmer um das Genrekino verdient gemacht - weitgehend unbemerkt von der Kritik und sozusagen im Schatten der Blockbuster-Industrie. Anderson hat sich so konsequent wie kaum ein zweiter Filmemacher seiner Generation dem robusten Genrekino der mittleren Budgetklasse verschrieben." 2012 schrieb Foerster beim Perlentaucher über den vorangegangenen Teil der Reihe.

Weiteres: Eine in den arabischen Ländern als Ramadan-TV-Event lancierte, inhaltlich aber offenbar so schlicht wie grell aufgefallene Serie über den IS sorgt in der Region für allerlei Aufgeregtheiten zwischen den islamischen Strömungen, berichtet Mona Sarkis in der NZZ.

Besprochen werden die restaurierte Fassung von Sun Ras Science-Fiction-Freejazz-Psychedelic-Film "Space is the Place" (Perlentaucher), Philippe Van Leeuws "Innen Leben" (Tagesspiegel), die zweite Staffel von "The Code" (FR), Fernando Muracas Mafiadrama "Das Land der Heiligen" (Tagesspiegel), Roger Ross Williams' Dokumentarfilm "Life, Animated" (FR, unsere Kritik hier) und die Komödie "Monsieur Pierre geht online" mit Pierre Richard (Welt).
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Literatur

Besprochen werden die Verschriftlichung von Marcel Beyers Frankfurter Poetikvorlesung (FR), Hanne Ørstaviks "Liebe" (NZZ) und Yoko Tawadas "Ein Balkonplatz für flüchtige Abende" (SZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Musik

Dem Wohlklang von Camilles neuem Album "OUÏ" ist taz-Kritikerin Diviam Hoffmann sichtlich erlegen: Die französische Sängerin, die mit der Band Nouvelle Vague bekannt geworden ist, "dehnt mit Vorliebe Wörter, zieht sie beim Singen auseinander, zerlegt sie in einzelne Silben und setzt sie wieder zusammen. Die Künstlerin betont Wörter so, dass sie kaum wieder zu erkennen sind, sie spielt mit der französischen Sprachmelodie. 'languellestlinguellestlonguellest' singt Camille in 'Langue', was übersetzt Sprache und Zunge bedeutet. Camille besingt ihr Arbeitswerkzeug. Damit bemächtigt sich nicht nur des Organs, sie dreht und wendet auch die Sprache." So hört sich das an:



Weiteres: In Garmisch-Partenkirchen will man sich besser ums Andenken an Richard Strauss bemühen (und ein Stück vom Kulturtourismus-Boom abhaben), schreibt Stephanie Geiger in der Welt. Josef Oehrlein berichtet in der FAZ vom Kammermusikfestival in Heimbach in der Eifel, bei dem sich in diesem Jahr ein Schwerpunkt zu Antonín Dvořák herausgebildet hat. Torsten Hampel (Tagesspiegel) und Torsten Wahl (Berliner Zeitung) schreiben zum Tod von Gunter Gabriel.

Besprochen werden ein Konzert des Tonhalle-Orchesters Zürich unter Jakub Hrůša mit Isabelle Faust (NZZ), ein Konzert der Gorillaz (taz), das Berliner Konzert von Depeche Mode (Berliner Zeitung), das neue Album von Die Regierung (taz), ein Liederabend mit Anja Harteros und Wolfram Rieger (Standard), Siegbert Rampes Biografie über den Komponisten Georg Philipp Telemann (FAZ), das postum veröffentlichte Abschiedsalbum von Chuck Berry, mit dem SZ-Kritiker Jan Kedves sehr zufrieden ist, und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Algiers (ZeitOnline). Daraus ein aktuelles Video:


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Kunst

Performancekunst liegt im Trend, weil sie politisch und partizipativ ist, meint Philipp Meier in der NZZ. Bis Ende Juli ist im Kunsthaus Zürich Aktions- und Performancekunst zu sehen, darunter die Unterschriftensammlung der kubanischen Künstlerin Tania Bruguera, in der sie den Papst auffordert, allen Flüchtlingen der Welt die Staatsbürgerschaft des Vatikans zu verleihen: "Naiv? Etwas kindisch gar, dem mächtigen Heuchler-Klub solcherweise ans Bein zu pinkeln? Performancekünstler sind die Kindsköpfe unter den Kunstschaffenden. Damit erweitern und bereichern sie den Kunstbegriff aber ungemein. Und ihr Rebellentum ist heute wieder gefragt. In Zeiten des Umbruchs, in denen sich viele zu wappnen glauben müssen gegen für sie unliebsame Veränderungen, gilt der Protest der Künstlerschaft vor allem dem Rückbau freiheitlicher Errungenschaften." Im Tages-Anzeiger rät Paulina Szczesniak den Besuchern der Performance-Ausstellung: "Ziehen Sie bequeme Kleidung an. Und nichts Weißes."

Besprochen werden eine Ausstellung mit deutscher Malerei im Museum Oskar Reinhart in Winterthur (NZZ), die Ausstellung "Jaguars and electric eels" der Julia Stoschek Collection in Berlin (taz)
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Bühne


Tenor am Anschlag: Jonas Kaufmann als Otello (Foto: Catherine Ashmore)

Einer "Art Mount-Everest-Besteigung" meint Manuel Brug (Welt) im Londoner Opernhaus Covent Garden beigewohnt zu haben, so riskant am Abgrund balanciert Startenor Jonas Kaufmann bei seinem langerwarteten Auftritt als Otello: "Wenn Kaufmann in den hystrionischen Momenten dieser Partie des labilen Außersichseins (und Verdi hält davon einige bereit) die Stimme aufreißt und hell, ja gellend werden lässt, dann tut er das zwar möglichst kontrolliert, aber eben ohne jede Reserve. Er singt mit dem Kapital seiner Stimme, nicht mit den Zinsen. Ein Tenor am Anschlag, an den Grenzen seines Materials; fast ein wenig unangenehm für den Wissenden, weil es so gefährlich, ja ungesund klingt. Eine persönliche Gipfelbesteigung. Das schon. Aber ist die auch gut?"

Weiteres: In der Berliner Zeitung nimmt Ulrich Seidler Abschied von der Volksbühne, die "ohne Parlamentsbeschluss" nach dieser Spielzeit "als Theater geschlossen" wird. Im Tagesspiegel wirft Frederik Hanssen einen Blick aufs kommende Programm der in ihr saniertes Stammhaus zurückgekehrten Berliner Staatsoper. In der taz berichtet Gisela Stamer von den 19. Schillertagen in Mannheim. Im Standard unterhält sich Ljubisa Tosic mit dem Intendanten der Bühne Baden Michael Lakner. In der FAZ erzählt der Soziologe Tilman Allert, warum er am Schauspiel Frankfurt gerne die Proben von Oliver Reese beobachtet hat. Der MDR bringt ein Feature über Frank Castorfs Inszenierung von Dostojewskis "Der Spieler" an der Berliner Volksbühne.

Besprochen werden Armin Petras' Adaption von Lutz Seilers Roman "Kruso" bei den Autorentheatertagen im Deutschen Theater ("mitreißend und mitreißend komisch", schwärmt Katrin Bettina Müller in der taz, auch Ulrich Seidler zeigt sich in der Berliner Zeitung sehr angetan) Evgeny Titovs Inszenierung von Arthur Millers "Hexenjagd" am Düsseldorfer Schauspielhaus (SZ), Marco Arturo Marellis Inszenierung von Debussys "Pelléas et Mélisande" an der Wiener Staatsoper (NZZ) und Sarah Groß' Inszenierung von Ralph Benatzkys Operette "Im Weißen Rössl" in der Oper Frankfurt (FR).
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