Efeu - Die Kulturrundschau

Wer weint, hat keinen klaren Blick

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24.02.2017. In Berlin haben sich Kultursenator Klaus Lederer und der neue Volksbühnen-Chef Chris Dercon darauf geeinigt, sich nicht zu einigen, meldet der Tagesspiegel: Der Dissens bleibt eklatant. In der Welt erklärt Documenta-Kurator Bonaventure Ndikung, was Griechenland von Kamerun lernen kann. Die FAZ erkennt in dem Wiener Maler Richard Gerstl einen unglückseligen Narzissten. In der Debattte um die Germanistik möchte die NZZ doch noch auf einige Schwächen des Fachs hinweisen, zum Beispiel das terminologische Geschwurbel.

Bühne

Berlins Kultursenator Klaus Lederer hat verlautbaren lassen, dass er nun doch Chris Dercon als Volksbühnen-Chef akzeptieren wird. In der taz zitiert Katrin Bettina Müller aus Lederers Pressemitteilung: "Am Ende blieb es aber bei unterschiedlichen Sichtweisen auf Theaterbetrieb und -funktion. Diese Differenz mag ungewöhnlich sein - ich halte sie jedoch für aushaltbar." Im Tagesspiegel bemerkt Rüdiger Schaper in gewohnter Schärfe: "Der Dissens ist eklatant. Da vermischen sich Ideologie und Atmosphärisches sowie eine Reihe von Missverständnissen. Denn schon seit Jahren gibt es an der Volksbühne unter Frank Castorf kein wirkliches Ensemble mehr, und diverse andere Kunstformen haben dort längst Einzug gehalten. Dercon-Gegener Lederer versucht, sein Gesicht zu wahren und sich alle Optionen zu erhalten, ganz gleich, wie das Experiment mit Dercon ausgeht."

Weiteres: Geradezu todesmutig scheint das Stück, mit dem Warschaus Allgemeines Theater derzeit die polnische Regierung provoziert. Wie Florian Hassel in der SZ berichtet,  wird in Oliver Frljićs Drama "Der Fluch" über Oralsex mit Papst Johannes Paul II und die Ermordung von Jaroslaw Kaczynski spekuliert. Jetzt hagelt es natürlich Ermittlungsverfahren. Daniele Muscionico spricht mit dem Schweizer Theaterregisseur Stefan Bachmann über seine Rückkehr in die Schweiz mit Schillers "Wilhelm Tell" am Theater Basel.

Besprochen werden Alban Bergs Oper "Lulu" in einer "grandiosen Neudeutung" von Barbara Hannigan und Christoph Marthaler in Hamburg (SZ) und Armin Petras' Stuttgarter Inszenierung von Eugene O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" (SZ).
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Musik

In der NZZ schreibt Michael Stallknecht über die Strategien, mit denen sich das Schweizer Festival "Montforter Zwischentöne" vom Trend zur Homogenisierung und Gleichförmigkeit der Musikfestivals abzuheben versucht. Thomas Clausen unterhält sich in der Spex mit Helge Schneider. Elias Kreuzmair stellt in der taz die Tuareg-Band Tinariwen und deren neues Album "Elwan" vor. Besprochen wird das Album "Soft Kill" von Der Ringer (taz).

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Film



In der NZZ verneigt sich Patrick Straumann vor Isabelle Huppert, die gute Chancen hat, an diesem Wochenende für ihre Leistung in Paul Verhoevens "Elle" (unsere Kritik) mit dem Oscar ausgezeichnet zu werden: "Der Hang zum seelischen wie körperlichen Exzess scheint ihre Rollen seit ihren Anfängen zu charakterisieren. ... Kaum eine andere Schauspielerin ihrer Generation hat die Schnittbereiche zwischen Sexualität, Leidenschaft und Macht ähnlich kontrastreich zu illustrieren gewusst." Dazu passend: Ein Q&A mit Huppert zu "Elle" sowie ein Filmgespräch mit ihr vom Toronto Filmfestival, wo ihre drei aktuellsten Filme gezeigt wurden:



Weiteres: Im Freitag-Gespräch mit Matthias Dell gibt der Dokumentarfilmemacher Cem Kaya Auskunft über die Figur Recep İvedik des türkischen Komikers Şahan Gökbakar, dessen neuer Film auch in der türkischen Community in Deutschland ein Hit ist. In der Welt spricht Marc Reichwein mit Gael García Bernal, der in Pablo Larraíns "Neruda" einen Polizisten spielt. Im Freitext-Blog auf ZeitOnline plädiert Norbert Niemann für mehr politische Statements bei der Oscarverleihung in der kommenden Nacht am Sonntag auf Montag, wohingegen Lucy Fricke nur müde abwinkt und sich die Filme im Mittelpunkt des Geschehens wünscht. Das Österreichische Filmmuseum lädt zur Wiederentdeckung des schwedischen Regisseurs Alf Sjöberg, berichtet Michael Pekler im Standard. Im Tagesspiegel empfiehlt Christian Schröder eine von Olaf Möller kuratierte Berliner Filmreihe, die das Kino der Adenauerzeit einer Revision unterzieht. Anlässlich der Premiere dieser Retrospektive beim Filmfestival in Locarno hatte sich Beatrice Behn von kino-zeit.de mit dem Kurator unterhalten:



Besprochen werden Rüdiger Suchslands Essayfilm "Hitlers Hollywood" über das Kino Nazi-Deutschlands (taz), die Dokumentarfilme "13th" und "Do Not Resist" über die US-Polizei und das US-Strafsystem (Tagesspiegel), die letzte Staffel von Lena Dunhams Serie "Girls" (Freitag), Christopher Papakaliatis "Worlds Apart" (Tagesspiegel), Pablo Larraíns "Neruda" (Tagesspiegel, ZeitOnline, mehr im gestrigen Efeu), Detlev Bucks neuer "Bibi & Tina"-Film (Welt) und Garth Davis' "Lion" (SZ).
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Kunst

In der FAZ feiert Rose-Maria Gropp die Frankfurter Schau des Malers Richard Gerstl, der im aufgeheizten Wien des Fin de siècle ein umwerfendes Werk schuf: "Immer wieder blickt Gerstl sich selbst an, der Spiegel ist sein intimer Freund und Feind. Die vielen Selbstbildnisse sind Erprobungen seiner zerbrechlichen Existenz, in immer anderen Posen. Dieses selbstquälerische Moment, das dem Wiederholungszwang sehr nah kommt bei ihm, dient Gerstls Selbstvergewisserung - und zugleich heißt das: Schaut doch endlich auf mich, den Künstler, der anders ist! Einen unglückseligen Narzissten ließe er sich nennen. Der seelische Preis ist hoch, was er künstlerisch erreicht, ist eminent." (Bild: Richard Gerstl: Selbstbildnis als Halbakt. 1902/1904. Leopold Museum, Wien.)

Im Welt-Interview entlockt Werner Block dem Kurator Bonaventure Ndikung einige Sätze zu den Plänen der Documenta, die im April in Athen eröffnet, bevor sie nach Kassel kommt: Es wird vor allem um Schulden und Wiedergutmachung gehen, verrät Ndikung: "Einige Dinge, die ich in Athen in den letzten Jahren gesehen habe, haben mich stark an Kamerun Anfang der Neunziger erinnert. Die Wirtschaftskrise, neue Prozesse, Prekariat. Athen könnte also auch vom Süden lernen, von Veränderungen, Visionen, die in Afrika umgesetzt wurden. Sie werden jetzt in Athen ausprobiert. Es gibt viele erfolgreiche Projekte. Zum Beispiel das von Thomas Sankara, dem ehemaligen Präsidenten von Burkina Faso. Er hat klar gesagt: Die armen Länder sollten ihre Schulden nicht zurückzahlen."

In der SZ bringt uns Bernd Graff auf den aktuellen Stand der Internet-Kunst, die, so hat es John Ippolito vor fünfzehn Jahren vorgegeben, das Internet nicht als Outlet benutzt, sondern darauf basiert, die Technik zu missbrauchen. Einige können das inzwischen ganz gut, meint Graff und verweist unter anderem auf die 'Tiny Subversions' des Content-Providers Darius Kazemi.

Besprochen wird die Ausstellung "Tutti in moto" im Museo Piaggio in Pontedera, die noch einmal dem Kult der Geschwindigkeit huldigt (SZ).
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Literatur

In der FAZ fragt sich Andreas Kilb, ob die  bei Suhrkamp und Piper angekündigte Bachmann-Gesamtausgabe (die so genannte "Salzburger Edition") mit der geplanten Veröffentlichung privater Briefe nicht zu weit geht. Wenn der Herausgeber bei einer Präsentation in Berlin beinahe Tränen vergoss angesichts der  herzzerreißenden Dokumente, schrillen bei Kilb jedenfalls die Alarmglocken: "Nun ist die Verehrung der Dichterin Ingeborg B. eine Sache, die Herausgabe ihres Werkes eine andere. Wer weint, hat keinen klaren Blick. Ebendiese Klarheit ließ Hans Höller bei der Vorstellung seines Editionsprojekts vermissen. Auf die Frage, nach welchen Kriterien er Bachmanns Briefe publizieren oder auch stellenweise der Neugier der Nachwelt entziehen werde, blieb er eine Antwort schuldig."

Joachim Güntner zieht nach der vom Spiegel angestoßenen Germanistik-Debatte in der NZZ Bilanz: Es haben ja alle recht, die diese Polemik von sich weisen, dennoch berühre die Kritik am Zustand des Fachs einen "wunden Punkt": Es schmerze "wenn so viele Vertreter des Fachs es nicht für nötig halten, mit der Interpretation von Literatur und der Vermittlung dieses Wissens zu glänzen. ... Entweder haben sie kein reizvolles Thema, spielen Glasperlenspiele, oder sie benutzen den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit als Ausrede für schlechtes Deutsch. Oder beides. Die Selbstbezogenheit akademischer Schriften, die gedankliche Schlichtheit mit terminologischem Schwurbel tarnen, bleibt ein Graus."

Weiteres: Christiane Pöhlmann stellt in der FAZ die drei iranischen Schriftsteller Shahriar Mandanipur, Amir Hassan Cheheltan und Mahmud Doulatabadi vor, die  vom Goethe-Institut gemeinsam mit dem Literarischen Colloquium Berlin nach Deutschland gebracht wurden. Für die SZ hat sich Bahareh Ebrahimi zudem mit Doulatabadi unterhalten. Im Freitag schreibt Michael Angele über Julian Barnes, dessen Romane insbesondere romanmüden Lesern entgegen kommen.

Besprochen werden Lukas Bärfuss' "Hagard" (NZZ), Andreas Stichmanns "Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk" (Welt) und Tim Parks' "Thomas & Mary" (SZ).
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