Efeu - Die Kulturrundschau

Apollinische Architektur - dionysischer Exzess

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30.06.2016. Ben Wheatleys "High Rise" ist der Film der Stunde, versichern die Filmkritiker unisono. Die taz bewundert den mit grazilen Gesten dargebotenen Betroffenheitspop Anohnis. Warum bauen die Internetgiganten so uninspirierte Headquarters, fragt die SZ. Die Theaterkritiker streiten über die Aktion "Flüchtlinge fressen": War es wie eine Scheinerschießung oder doch ein gelungener Appell an Empathie?

Film


Appolinische Architektur: Tom Hiddleston in Ben Wheatleys "High Rise".

Der Brexit hat Ben Wheatleys Adaption von J.G. Ballards Kultroman "High Rise" aus den 70ern über eine in Anarchie und Exzess untergehende Hochhausgemeinschaft schlagartig mit Aktualität aufgeladen, schreibt Thomas Groh in der taz: "Eine radikal auf sich bezogene Gemeinschaft verliert den Kontakt zur Außenwelt und zerfleischt sich selbst. ... Apollinische Architektur - dionysischer Exzess. Für diese Dynamik interessiert sich Wheatley besonders. Es geht ihm nicht um psychologischen Realismus in einer angespannten Situation, vielmehr setzt er auf deren eskalative Entgrenzung."

Tobias Kniebe von der SZ verliert dabei gehörig den Überblick: Wer geht hier eigentlich gerade wem warum ans Leder? "Der Versuch, dem Hochhaus eine Art metaphysische Schuld aufzuladen, geht am Ende allerdings nach hinten los. Je abstoßender die Menschen sich zeigen, desto sympathischer wird einem das Gebäude - in der Klarheit seines schon von Le Corbusier gefeierten 'béton brut', in seiner Schlichtheit und affenfelsenartigen Unverwüstlichkeit." Daniela Sannwald vom Tagesspiegel hält den Film zwar für "eine altmodische Dystopie", aber auch für "inspirierend unangenehm und sogar - im Hinblick auf die viel diskutierte Identitätskrise der Mittelschicht - sehr aktuell." Welt-Kritiker Felix Zwinzscher geht irgendwann in den "stylish choreografierten Siebziger-Orgien" unter. Für Nerdcore hat sich René Walter mit dem Regisseur unterhalten.

Ansonsten liegen die Kritiker auch weiterhin Hou Hsiao-Hsiens "The Assasin" zu Füßen (mehr im gestrigen Efeu): Fabian Tietke spricht in seinem ausführlichen Hintergrundartikel zu der Produktion von "einem der beeindruckendsten und schönsten Filme, die in den letzten Jahren gedreht wurden." Gregor Dotzauer schwärmt im Tagesspiegel von "114 Minuten reiner visueller Poesie." Für die FAZ spricht Silke Weber mit dem Regisseur, ihre Kollegin Verena Lueken bespricht den Film. In der Welt bescheinigt Jan Küveler dem Film unendliche potenzielle Energie.

Weiteres: In der taz empfiehlt Carolin Weidner eine Ida Lupino gewidmete Filmschau im Berliner Kino Arsenal.

Besprochen werden Richard Ayoades auf DVD veröffentlichter Film "The Double" mit Jesse Eisenberg und Mia Wasikowska (taz), Raf Pitts "Soy Nero" (NZZ) sowie "Demolition" mit Jake Gyllenhall (Freitag).
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Bühne

Kein Flüchtlingsflug aus der Türkei, aber auch niemand, der einem Tiger zum Fraß vorgeworfen wurde: In Berlin ist die von viel Medienecho begleitete Aktion "Flüchtlinge fressen" des Zentrums für Politische Schönheit vor dem Maxim-Gorki-Theater zu Ende gegangen. Bei Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel herrscht statt Tiger-, nun Katerstimmung: Außer heißer Luft nicht viel gewesen, winkt er ab, und damit eigentlich business as usual beim ZPS. Wenn es da nicht diesen einen Unterschied gäbe: Das Zentrum spiele zwar stets "mit der Pietät, mit den Toten und ihrer Ruhe. Hier aber haben sie Menschen in Not möglicherweise Hoffnung gemacht, und das Geiern auf den Schauwert überlagerte die brennenden Fragen der Flüchtlingspolitik. Man darf sie nicht zusätzlich dramatisieren und aufladen mit angetäuschtem Menschenopfer. Wie weit ist es da noch bis zur Scheinerschießung, einer alten Foltermethode?"

Jens Bisky von der SZ sieht das anders: Wer die Aktion mit Begriffen wie "Zynismus" belege, der werfe "Planen (...) über Probleme, die man nicht so genau betrachten will. Die Aktion, ein Appell an Empathie und Imagination, war ein Erfolg. Sie organisierte Aufmerksamkeit, verbaute, so gut es geht, den Ausweg in die Gleichgültigkeit. Aktionskunst, die sich an die allgemeinen Geschäftsbedingungen und den Amtsweg hält, ist belanglos."

In der FAZ dröselt Mark Siemons die Aktion unterdessen nach Kunst-, Theater- und Politaktivismus-Aspekten auf und resümiert: Schwer wiege es, "dass sich Ernst und Unernst, Wirklich und Unwirklich, Richtig und Falsch in dieser Konstellation des prinzipiellen Kunstvorbehalts generell nicht verlässlich unterscheiden lassen. Das brauchen sie in der Kunst tatsächlich nicht, in einer Debatte aber, in der es wirklich um etwas geht, ist man darauf angewiesen. Das Flugreiseverbot für Flüchtlinge würde eine Diskussion verdienen, an der alle Beteiligten teilnehmen und Verantwortung für ihre Argumente übernehmen."

Im Streit um den designierten neuen Intendanten der Berliner Volksbühne, Chris Dercon, geht es nicht nur um eine Personalie, sondern um die Deutungshoheit über innovatives Theater, meint Hubert Spiegel in der FAZ. Und es geht ums Erbe: "Der Protest gegen [Dercons] Berufung ist tatsächlich nicht einfach nur die Verweigerung eines Wechsels. Er ist die unausgesprochene Forderung, Castorf und seiner Volksbühnen-Ära den Status eines modernen Klassikers zuzusprechen."

Besprochen werden Amélie Niermeyers Inszenierung von Francesco Cavallis "Veremonda" in Mainz (FR) und Dieter Wedels zur Eröffnung der Bad Hersfelder Festspiele gezeigte Inszenierung von Arthur Millers "Hexenjagd" ("einfach nur uninspiriert", schimpft Adrienne Braun in der SZ).
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Kunst

Daniele Muscionico (NZZ) hat nichts zu lachen bei ihrer Begegnung mit dem "Süperimmigranten Müslüm" auf der Manifesta.

Besprochen werden die Ausstellung über Spaniens goldenes Zeitalter in der Gemäldegalerie in Berlin (Tagesspiegel), die Retrospektive Katharina Grosse im Burda Museum in Baden-Baden (Welt), eine Ausstellung über John Heartfields englische Exiljahre im John-Heartfield-Haus in Waldsieversdorf (Tagesspiegel) und Georg Baselitz' im Städel Museum ausgestellte "Helden" (FAZ).
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Architektur

Schier zum Verzweifeln findet es Gottfried Knapp (SZ), nach dem Besuch der Frankfurter Ausstellung "Zukunft von gestern: Visionäre Entwürfe von Future Systems und Archigram" einen Blick auf die aktuellen ambitionierten Bauprojeke der großen IT-Konzerne zu werfen: Uns sei die Zukunft gründlich abhanden gekommen! Denn "was sich die derzeit wirtschaftlich mächtigsten Herren der Erde beim Wettstreit um eine zukunftsträchtige Architektur (...) vorschlagen ließen, das muss auf Leute, die sich an die Zukunftsvisionen der jüngeren Vergangenheit erinnern, wie ein Eingeständnis fehlender neuer Ideen wirken, wie ein verschämter Rückgriff auf wagemutigere Zeiten. In den Verwaltungszentren der mächtigen Weltkonzerne entstehen derzeit Bauten, die aussehen, als wären sie vor 50 Jahren erfunden, aber ohne Verständnis für die damaligen Ideen nachgebaut worden."
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Literatur

Judith von Sternburg war für die FR bei einem Abend mit Juli Zeh. In Tutzing befasste sich eine Tagung mit Geschlechterrollen in der Jugendliteratur, berichtet Roswitha Budeus-Budde in der SZ.

Besprochen werden unter anderem neue Erzählungen von Mircea Cartarescu (NZZ) und Tendai Huchus "Maestro, Magistrat und Mathematiker" (Freitag). Weitere Besprechungen finden Sie über das literarische Metablog lit21.
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Design

In der Volksbühne diskutierte eine Konferenz über die Skinny Jeans, deren lange Trendphase sich auch langsam ihrem Ende entgegen neigt, wie Elisabeth Wagner in der taz berichtet: "Eine Hose, die in den 50er, 60er Jahren des 20. Jahrhunderts als popkulturelles Zeichen der Unangepasstheit galt, ist zum Werkzeug der Beschämung geworden. Im Sinne der Leistungsgesellschaft ist das ein Aufstieg. Die Hose wird zum Fitnesstool, nach Elastan-Anteilen und Schwierigkeitsgraden gestaffelt. ... Die Skinny Jeans droht zum Claqueur, zur geheimnislosen Opportunistin an der Seite eines narzisstisch-feudalen Ichs zu werden."
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Stichwörter: 50er, 60er, Jeans, Mode

Musik

Wenn Jens Balzer in der Berliner Zeitung davon spricht, das "sonderbarste" Konzert seit geraumer Zeit besucht zu haben, darf man aufmerken. Live gesehen hat er Anohni, die ihren von Oneohtrix Point Never gestützten Betroffenheitspop unter Textilverkleidungen sang und Figuren auf einer begleitenden Videoprojektion in den Mund legte. Reizvolle Idee, meint Balzer, doch "auf Dauer zu variationsarm und undialektisch, um mehr abzugeben als bloß eine etwas höher geschraubte Ästhetik der Betroffenheit." Sophie Jung von der taz beobachtet unterdessen fasziniert Anohnis queere Körperperformance: "Den ungelenken Bewegungen setzt sie grazile Gesten ihrer Hände entgegen. Diese unbeholfene Divenhaftigkeit, diese manierierte Brüchigkeit ihrer Bühnenpersona ist ganz wunderbar. Wenn sie in ihren Texten ohne den Schutz von Ironie oder einer rhetorischen Distanzierung in aller Deutlichkeit die Dinge benennt (...), dann ist das mutig. Doch der Grat zwischen Mut und Kitsch ist schmal."

Weiteres: Großbritanniens Popmusiker sorgen sich um ihre Zukunft im Falle eines tatsächlichen Brexit, schreibt Robert Rotifier in der Berliner Zeitung. In der FAZ bohren sich Andrea Diener, Julia Bähr und Fridtjof Küchemann durch die Geschichte der populären Musik, um zu eruieren, warum im kalten Sommer vor 20 Jahren ausgerechnet der Popsong "Macarena" von Los del Rio so eingeschlagen ist.

Besprochen werden "It's Hard for Me To Say I'm Sorry" von Jim O'Rourke und Fennesz (Pitchfork), die Wiederveröffentlichung von Grace Jones' "Warm Leatherette" (The Quietus), ein Konzert der Staatskapelle mit András Schiff (Tagesspiegel) und ein Konzert des Pianisten Lars Vogt (FAZ).
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