Efeu - Die Kulturrundschau

Wie galaktische Hexen

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21.09.2026. An der Deutschen Oper erleben die Kritiker in Karlheinz Stockhausens Oper "Mittwoch aus Licht" esoterischen Wahn samt Streichquartett in fliegenden Helikoptern. Im Gropius Bau entdecken die Kritiker migrantische Kunst, die seit den 1960er-Jahren entschieden die Kreuzberger Szene mitprägt. Auf dem Filmfestival Toronto kann die FAZ die Bruchlinien sehen, die sich zwischen chinesischem, amerikanischem und europäischem Kino auftun. Die Posener Synagoge verfällt, obwohl sie ein bedeutender Erinnerungsort ist, klagt die Kulturhistorikerin Agnieszka Pufelska in der NZZ.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2026 finden Sie hier

Bühne

"Mittwoch aus Licht". Foto: Julian Roeder.


An der Deutschen Oper in Berlin eröffnet Regisseurin Susanne Kennedy die Intendanz von Aviel Cahn mit Karlheinz Stockhausens Oper "Mittwoch aus Licht". Ein "Coup" laut FAZ-Kritiker Clemens Haustein, wurde die Oper doch bislang nie szenisch in Deutschland gezeigt. Der Komponist, dem Esoterischen nicht abgeneigt, entwirft hier eine Kosmologie, in der die Musik erhaben werden soll, auch im Wortsinn, denn das zentrale Streichquartett wird in fliegenden Helikoptern vorgetragen. Hier finde die Inszenierung "zur Höchstform, Technik und Kunst verbinden sich in einer monströsen Nummer. Wenn die vier Musiker, jeder in einem eigenen Helikopter sitzend, abheben, nimmt ein knapp dreißigminütiges Stück seinen Lauf, das für den Hörer puren Stress bedeutet. Das Dröhnen der Rotorblätter mischt sich mit dem Dauer-Tremolo der Streicher, dagegen schreien die Musiker Zahlenreihen wie galaktische Hexen ihr Einmaleins. (…) Ist es ein dramaturgisches Manko, dass das Streichquartett der Deutschen Oper nicht live in die Hubschrauber steigt, sondern die Szene Wochen zuvor auf einem Flugplatz südlich von Berlin aufgenommen wurde? Man darf beruhigend vermelden, dass sich der Event-Charakter, aber auch die Dringlichkeit der akustischen Brutalität schon durch die Wiedergabe des bloß Aufgezeichneten mitteilt."
 
Manuel Brug hätte den Abend mit Magic Mushrooms vielleicht besser überstanden, überlegt er in der Welt, so geht das Ganze stattdessen "wenig inspirierend zu Ende mit dem sauschwer zu singenden wie zu spielenden 'Michaelion' für Chor und Instrumentalisten und dem 'Operator' - einem Bass mit Kurzwellenempfänger - als finalem Trip für die Jünger, als Qual für die Skeptiker. Gag der Aufführung ist ein nicht aufhören wollendes, an sich selbst verzücktes Tanderadei der 'kosmischen Solidarität': ein Bälle in den 'Licht'-Tagesfarben kackendes Luzikamel als neuer Weltenherrscher; ein puscheliges Stockhausen-Original von 1998, extra entlaust. Und was soll man sagen, kritisieren? Man muss diese Mixtur aus Hochamt und Kasperletheater, verfertigt vom 'Radioapparat Gottes' (als solcher verstand sich Stockhausen) einfach glauben. Sonst ist man verloren." Weitere Besprechungen im Tagesspiegel und in der taz.

Weiteres: Egbert Tholl reist für die SZ nach Meiningen, ein kleines thüringisches Städtchen, das seit Langem ein erstaunliches Theateridyll ist. Jakob Hayner fragt sich für die Welt in Frank Castorfs "Mephisto"-Inszenierung am Berliner Ensemble, wie viel Faschismus wir alle in uns haben. Bernd Noack stellt in der NZZ Çagla Ilk vor, die neue Intendantin des Gorki-Theaters, die ganz andere Pläne für das Haus hat als ihre Vorgängerin Shermin Langhoff.

Besprochen werden: "Metropolis", inszeniert von Sebastian Nübling nach dem Film von Fritz Lang am Staatstheater Wiesbaden (FR), Ulrich Rasche inszeniert Kleists "Prinz von Homburg" in Düsseldorf (FAZ, Nachtkritik), Clara Weyde inszeniert Dorothee Elmigers Roman "Die Holländerinnen" am Theater Magdeburg (Nachtkritik), Ibsens "Die Wildente", Regie führt Selen Kara am Schauspiel Essen (Nachtkritik), Tschechows "Kirschgarten", inszeniert von Rebekka David am Theater Bonn (Nachtkritik), am Landestheater Niederösterreich in St. Pölten inszenieren gleich elf Regisseurinnen und Regisseure Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" (Nachtkritik), Anno Schreiers Oper "Peter van Pels" am Theater Osnabrück (SZ), Christopher Rüpings "Deutscher Herbst" auf der Ruhrtriennale (taz) und Frank Castorfs Inszenierung von Klaus Manns Roman "Mephisto" am Berliner Ensemble (taz).
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Literatur

Isolde Sellin schlenderte am vergangenen Wochenende für ZeitOnline über die Rare-Books-Messe in Berlin, bei der Antiquare Preziosen und Raritäten ausstellten. Im Dlf spricht Joachim Scholl ausführlich mit Daniel Kehlmann. Fürs Literaturfeature von Dlf Kultur wirft Peter B. Schumann einen Blick darauf, wie lateinamerikanische Literaturen von der Diktatur erzählen.

Besprochen werden unter anderem Adania Shiblis "Täuschung" (Standard), Carlo Reichls "Das dreiste Schweigen meines Kühlschranks" (Standard), Anna Baars "Amseln" (Standard), Maggie Nelsons "The Slicks. Über Sylvia Plath und Taylor Swift" (Standard), Ruth-Maria Thomas' "Die zweitgrößte Liebe" (Standard) und neue Hörbücher, darunter eine Live-Lesung von Joachim Meyerhoffs "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Musik

Ca7riel & Paco Amoroso aus Buenos Aires begreifen die "Pop- und Jazzgeschichte als Selbstbedienungsladen mit Express-Checkout" und mauserten sich damit in den spanischsprachigen Ländern und auch schon in den USA zu einer absoluten "Popsensation", schwärmt Andrian Kreye in der SZ. Aktuell ist das Duo auch auf Stippvisite in den deutschsprachigen Ländern. "Jazzfunk, Hip-Hop und der ganz große Mitpfeif-Pop sind das Fundament, auf dem sie die Bälle dann hüpfen lassen. Keine Nische ist zu klein, als dass sie nicht besucht wird. Solche Melangen wirken in der Beschreibung schnell beliebig. In den Händen von Könnern verschmilzt das durchaus zu einem großen Ganzen." Die Texte sind "in all ihrer Direktheit" geradezu unübersetzbar eindeutig zweideutig. "Auf der Bühne unterstreichen die beiden das dann noch mit einer superathletischen Körpersprache. Muss man erstmal leisten, wenn sie zum Beispiel eine Choreografie mit schweren Schwungseilen aus dem Gym durchpowern oder auch einfach so lange auf und ab springen, bis die Menge in einer einzigen Pogo-Welle explodiert."



Weiteres: Die aktuelle Kontroverse um Ed Sheeran in den letzten Tagen zeige, "wie das Konzept eines unpolitischen Popstars in der Gegenwart an seine Grenzen gerät", schreibt Sinem Kılıç auf ZeitOnline. Dem Regisseur Shaked Goren ist es für seinen eben in Israel gezeigten Dokumentarfilm "Esther" gelungen, den einstigen Schlagerstar Esther Ofarim nach vielen Jahren des Schweigens zumindest via Telefoninterviews zurück in die Öffentlichkeit zu bringen, schreibt Tal Sterngast in der FAZ. Besprochen werden das vierte von insgesamt 26 Comeback-Konzerten von Céline Dion in Paris (Welt) und der Auftritt von Evanescence in Frankfurt (FR).

In der Frankfurter Pop-Anthologie der FAZ schreibt Jens Buchholz über Annette und Inga Humpes "Don't know where I belong" von 1985: "ein Song über Orientierungslosigkeit, über die Flucht vor der Vergangenheit und die Suche nach Heimat und Identität" nach dem Ende der NDW, in der die Humpes bekannt wurden.

Archiv: Musik

Kunst

Vlassis Caniaris: Kind. © Nachlass Vlassis Caniaris, Foto: Sebastian Schaub.


Noch immer kämpfen migrantische Künstlerinnen und Künstler um Sichtbarkeit und Anerkennung, sieht Birgit Rieger für den Tagesspiegel in der Ausstellung "Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960" im Gropius Bau. Das Kuratorenteam Patrizia Dander und Gürsoy Doğtaş haben eine Ausstellung mit verschiedenen Kapiteln seit 1960 gestaltet: "Vlassis Caniaris' Assemblage 'Kind' verbreitet Siebzigerjahre-Flair, noch bevor man die Schau richtig betreten hat. Caniaris hat das Material für seine Installationen oft bei Besuchen in migrantischen Familien gefunden. So vielleicht auch den grün-gelb karierten Wollpullover, die Jeans-Schlaghose und das Bonanza-Fahrrad, mit dem seine 'Kind'-Figur ausgestattet ist. Den Kopf bildet ein zusammengerolltes Drahtgestell. Selbst die Kinder wurden in der Frühphase der Arbeitsmigration nicht als Individuen wahrgenommen. Solange ihre Eltern nur auf der Durchreise waren, durften auch sie nicht ankommen."
 
Für die taz unterhält sich Oliver Koerner von Gustorf mit dem Kurator Gürsoy Doğtaş, der ihm das Konzept der Ausstellung erklärt: "Wir gehen von den Werken aus und fragen von dort weiter, nach Stilen, dem Kritischen Realismus, der Fotomontage, der Pop Art, der Miniatur, und nach kuratorischen Gegenüberstellungen, die diese Unterschiede im Raum erfahrbar machen. Wir fragen, wie die Netzwerke organisiert waren, wer mit wem das Atelier teilte, wer gemeinsam ein Bild machte und welche Motive - der Stempel, der Koffer, die Kinder auf der Straße - Künstler*innen unabhängig voneinander fanden. Die Zeitgeschichte ist in alldem enthalten, sie ist der Stoff dieser Werke. Aber die Fragen, die wir an sie stellen, sind die der Kunstgeschichte. Viele dieser Künstler*innen hängen hier zum ersten Mal miteinander. Wir wollen sie in eine Kunstgeschichte einschreiben, die bisher ohne sie erzählt wurde."

Weiteres: Galerien sind vielleicht bald ein Ding der Vergangenheit, überlegt Emanuel Layr im Gespräch mit Steban Kobel für Monopol, seine Wiener Galerie löst er gerade auf. Ein Kunstsammler behauptet, ein Gemälde von Paul Klee zu besitzen, die Stiftung Paul Klee Zentrum spricht dem aber die Authentizität ab, Philipp Meier berichtet für die NZZ.

Besprochen werden die Ausstellungen "Derselbe Himmel" mit Fotografien von Ute Mahler in der Galerie Pankow (Berliner Zeitung) und "Schamanen Sibiriens - Zwischen den Welten" im Reiss-Engelhorn-Museum, Mannheim (FAZ).
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Film

Bert Rebhandl berichtet in der FAZ vom Filmfestival Toronto, dem größten Filmfestival in Kanada. Dort sah er vor allem neues chinesisches Kino. Auffällig: Große Autorenfilmkunst mit klingendem Namen, mit der westliche Kinematografien die großen A-Festivals bestücken, kommt aus China fast gar nicht mehr. Eher lief Gebrauchsware, die bei den europäischen Filmfestivals nie zu sehen sein wäre, welche "aber viel über die Gesellschaften erkennen" ließ. Mit deutschen Kinostarts sei nicht zu rechnen, vielleicht tauchen die Filme irgendwann mal in den tieferen Tiefen der Streamingangebote auf, meint Rebhandl. "Das sind alles Indizien für einen Kontaktabriss, der in anderen kulturellen Bereichen vielleicht nicht so dramatisch ist, der aber für die audiovisuellen Industrien eklatant ist. Der europäischen Kinowirklichkeit mit ihrem weltweiten Koproduktionsnetzwerk und ihren Subventionsstrukturen stehen inzwischen kommerzielle Nationalindustrien der beiden rivalisierenden Supermächte gegenüber, die sich im deutschen Alltag sehr ungleich abbilden: aus Hollywood (das Wort ist ohnehin nur noch ein Hilfsbegriff) sehen wir alles, aus der Volksrepublik fast nichts."

"Die halbe Welt diskutiert gerade über einen Film, den kaum jemand gesehen hat", schreiben Marlene Knobloch, Annabel Wahba und Katja Nicodemus auf ZeitOnline mit Blick auf die erhitzte Kontroverse über Yuval Abrahams und Rachel Szors beim Filmfestival Venedig uraufgeführten Dokumentarfilm "Naza" (unsere Resümees), und dies "allein, diese Art des aufgedrehten Nichtwissens, sagt schon viel über die Schnappmechanismen der Gegenwart".

Außerdem: Es ist "die Fähigkeit, Empathie, Angst und Komik in einem einzigen Blick zu erfassen", die das Schauspiel von Matthew Rhys kennzeichnet, der gerade mit gleich zwei Emmys für seine Leistungen in den Serien "Widow's Bay" und "The Beast in Me" ausgezeichnet wurde, schreibt Pamela Jahn in der NZZ. Entzückend findest es derweil nicht nur Linus Schöpfer in der NZZ, sondern gleich das ganze Netz, wie die Schauspielerin Margaret Qualley durch einen Biss auf ihre Unterlippe zum Meme wird - zu sehen in diversen Filmen, aber auch hier bei 00:47 bei ihrem Auftritt im Criterion Closet: 

Archiv: Film

Architektur

Die Posener Synagoge droht zu verfallen, obwohl sie ein bedeutender Erinnerungsort für die Geschichte der preußischen Juden ist, prangert die Kulturhistorikerin Agnieszka Pufelska in der NZZ anVon den Nazis wurde das prachtvolle Gebäude 1940 entweiht und in ein Schwimmbad umgewandelt, das bis Anfang der 2000er-Jahre Bestand hatte, Pläne der jüdischen Gemeinde für ein Museum konnten aus Kostengründen nicht erfüllt werden: "Während Nutzungskonzepte wechseln und Investoren kommen und gehen, verschlechtert sich der bauliche Zustand von Jahr zu Jahr. Heute wirkt der Verfall wie ein eigenes Erinnerungskonzept. Offiziell fordert niemand das Abreißen. Doch je länger die notwendige Sanierung ausbleibt, desto leichter wird sich dafür argumentieren lassen, dass eine Rettung wirtschaftlich nicht mehr vertretbar sei. Die Zeit vollzieht, wozu sich die Politik bislang nicht offen bekennt: Die Erinnerung an die Posener Juden besitzt weder in Polen noch in Deutschland Priorität. Mit der ehemaligen Synagoge würde einer der wenigen Orte verschwinden, an denen sich die Geschichte der preußischen Provinzen noch in ihrer ganzen Komplexität ablesen lässt. Wenn heute von Posen oder Westpreußen die Rede ist, dominieren Erzählungen über deutsche Kulturlandschaften. Weniger sichtbar ist, dass diese Regionen zugleich von Polen, Juden und anderen Gruppen geprägt wurden."
Archiv: Architektur