Efeu - Die Kulturrundschau

Göttliches Unwetter der Extraklasse

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23.03.2026. Die Kritiker resümieren die Leipziger Buchmesse: Die SZ hofft, dass die Debatten um Weimer zu weiterer Reflexion über rechts und links anregen, die FAZ hätte sich gewünscht, dass mehr über KI und weniger über Weimer gesprochen wird. Meredith Monks rhythmische Körperbeherrschung begeistert den Tagesspiegel. Mit Rem Koolhaas' Erweiterungsbau des New Museum blicken FAZ und Zeit in die Zukunft. Die Wiederentdeckung des Komponisten Walter Braunfels bringt die Kritiker zum Jubeln. Die FAZ eröffnet eine Debatte über die Relevanz deutscher Bühnen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2026 finden Sie hier

Literatur

In der SZ fände Bernhard Heckler die Konzentration der Leipziger Buchmesse auf den "renitent gegen den Strom schwimmenden Kulturstaatsminister" Wolfram Weimer recht produktiv, würde die Debatte zum weiteren Nachdenken anregen: "Anti-Weimer-Parolen gehörten zur diesjährigen Messefolklore, zum guten Ton. Und die Frage, ob sich alle auch so fürchterlich aufgeregt hätten, wenn drei vermeintlich rechtsextremistische Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreis ausgeschlossen worden wären, war eher kein Thema bei den Sektempfängen. Es käme auch niemand auf die Idee, von der Leipziger Buchmesse als der 'linken Buchmesse' zu sprechen. Ein paar Kilometer weiter in Halle an der Saale findet in diesem Herbst zum zweiten Mal die selbstverständlich und voller Unbehagen so genannte 'rechte Buchmesse' statt."

Außerdem aus Leipzig: FAZ-Kritiker Jan Wiele hätte sich auf der Buchmesse weniger Hohn über Weimer und mehr Diskussionen über Themen wie KI gewünscht, hat allerdings alles in allem einige inspirierende Tage in Leipzig verbracht. In der Berliner Zeitung berichtet Cornelia Geißler von der Buchmesse, in der taz berichtet Julia Hubernagel, in der FR Judith von Sternburg.

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Im Interview mit der NZZ spricht der Schriftsteller Christoph Peters über seine Alkoholsucht und sein autobiografisches Buch "Entzug": 25 Jahre lang habe er "durchgetrunken", erzählt er, als er sich zum Entzug entschloss, war er wirklich am Ende: Er brauchte 2,3 Promille Dauerpegel, um nicht zu zittern. "Das letzte Stadium, das reine Pegeltrinken, ist mit keinem Vergnügen mehr verbunden. Der Körper ist nur noch damit beschäftigt, diese hohen Giftstoffmengen auszuhalten." Sein Buch sei "sprachlich und kompositorisch schon ein Roman, auch wenn eigenes Erleben die Grundlage bildet. Es gibt große Lücken, die ich, als ich darüber geschrieben habe, auf der Basis von erinnerten Empfindungsbildern gefüllt habe. Ich musste über mich selbst recherchieren wie über einen Fremden. Auch bei den Ärzten von damals."

Ebenfalls in der NZZ schreibt der Schweizer Autor und Kurator Stefan Zweifel eine kleine Geschichte der Psychogeografie, in der auch Nietzsche zu Wort kommt, der in "Ecce Homo" den Einfluss des Klimas auf sein Denken untersuchte und erklärte, warum ihm fröhliche Wissenschaft in Basel niemals möglich sei, aber immer in Turin: "Da strömen die Gedanken breit und mächtig wie der Po; und die Grissini, Tortellini und Spaghettini sind so leicht, dass sie nicht auf dem Magen lasten wie die deutsche Philosophie, die aus der 'Pervertierung der Mehlspeise zum Briefbeschwerer' entstand und die Kant-Knödel so unverdaulich in unserem Bauch rumpeln lassen. 'Das deutsche Klima allein ist ausreichend, um starke und selbst heroisch angelegte Eingeweide zu entmutigen (. . .) und aus einem Genie etwas Mittelmäßiges, etwas 'Deutsches' zu machen.' Deshalb ließ er seine Studenten in Basel bei Besuchen nicht Bier trinken, sondern an Pariser Parfumflacons schnuppern und sich mit einer Dosis 'Parisin' berauschen."

Weitere Artikel: Die Mittelalterhistorikerin Racha Kirakosian sieht im Met-Museum ein Kästchen aus Elfenbein: Auf der linken Seite sieht man kunstvoll geschnitzt ein Liebespaar, über dem das Gesicht eines zweiten Mannes schwebt. Das sind Tristan und Isolde und Isoldes Ehemann Marke, ist sich Kirakosian sicher und analysiert in der FAZ die "Doppelcodierung" des Gesprächs von Tristan und Isolde, nachdem sie durchschaut haben, dass sie von Marke beobachtet werden. Alexander Menden berichtet in der SZ von einem Auftritt Salman Rushdies bei der Lit.Cologne, in der FAZ berichtet Oliver Jungen. Ebenfalls in der FAZ schreibt Bernd Noack zum Tod des fränkischen Schriftstellers Tommie Goerz.

Besprochen werden Wolfram Lotz' "Träume in Europa" (NZZ), Volha Hapeyevas "Wörterbuch einer Nomadin" (Standard), Madame Nielsens Roman "Das Zeitgeisterhaus" (SZ), Sara Barquineros Debütroman "Ich werde allein sein und ohne Party" (Tsp), Ada Diagnes Jugendroman "Baobab" (FAZ), Antje Herdens "Die weißen Sneaker oder Mein fast perfektes Leben" (FAZ), Clemens J. Setz' Reimbuch "Mopsfisch": "Mopsfisch trampo- / Mopsfisch -lin. / Mopsfisch fliegt sehr weit wohin!" (FAZ) und Jonathan Haidts "Generation Glücklich" (FAZ).
Archiv: Literatur

Musik

Hingerissen berichtet Gregor Dotzauer im Tagesspiegel vom Auftritt Meredith Monks bei der MaerzMusik in Berlin. Das ist so viel mehr als Vokalakrobatik, findet er: "Es ist ein theatralisches Ereignis, das jeden Ton an eine Gebärde, eine Geste, eine Schrittfolge oder eine Körperhaltung knüpft, und sei es nur, indem die Handflächen wie kleine Segel agieren. Meredith Monks Verständnis von Musik als Bewegung und Bewegung als Musik wird getragen von einem Sinn für den Atem, der schon im rhythmischen Hecheln alles ermöglicht, was die Stimmbänder passiert. Es lebt, jenseits von Zwerchfell und Kehlkopf, von einer Faszination für die Mundraumhöhle, die ihr etwa im 'Click Song' ein mit Schnalz- und Schmatzakzenten versehenes Duett für eine Sängerin erlaubt." Auch taz-Kritikerin Sophie Jung ist begeistert: Die Auszeichnung Monks mit dem Großen Berliner Kunstpreis findet sie mehr als verdient, schade nur, dass der Berliner Senat zuvor die Hälfte - insgesamt 22.500 Euro - des Preisgeldes gestrichen hat.

Hier ein Click-Song von Monks Album "Cellular Songs":



Weiteres: Der Standard berichtet über Reaktionen auf die Missbrauchsvorwürfen gegen Musiker Christoph Seiler, der sich jetzt entschuldigt haben soll. Besprochen werden das neue Album von das bisschen Totschlag "0dB Headroom" (taz) und eine Aufnahme von Reinhard Lakomys Elektronik-Konzert 1983 im Palast der Republik (BlZ). Wir hören rein:

Archiv: Musik
Stichwörter: Monk, Meredith, Maerzmusik

Film

Songwriter und Zeichner Daniel Blumberg hat nicht nur letztes Jahr einen Oscar für die Filmmusik zu "The Brutalist" gewonnen, er hat auch die Songs zu dem Shakerfilm "The Testament of Ann Lee" geschrieben. Im Interview mit der FR erzählt er, wie er dabei vorging: "Die Shaker tanzten und sangen nicht in Kirchen, sondern in von ihnen gebauten Holzhäusern. Sie waren Tischler und entwarfen auch Möbel. Und Mona Fastvold hat mich sehr ermutigt, einfach so weiterzuarbeiten, wie ich sonst an meinen eigenen Songs arbeite. Sie kennt ja meine Musik. Und ich begann, mit der Choreografin zusammenzuarbeiten und zu sehen, wie sie die Bewegungen der Shaker, die man auf den überlieferten Zeichnungen sieht, mit einem zeitgenössischeren Gefühl verband. Also gingen wir gemeinsam in diese Richtung, in der wir keinen Dokumentarfilm drehten. Wir haben wirklich eine Übersetzung geschaffen. Für mich ist der Film fast wie ein Gedicht."

Weiteres: Patrick Cernoch annonciert in der NZZ die zehnte Staffel der amerikanischen Krankenhausserie "Scrubs". Besprochen werden Bradley Coopers Liebeskomödie "Is This Thing On?" (taz) und Harry Lighton SM-Komödie "Pillion" mit Alexander Skarsgård als sexy Biker (Tsp).
Archiv: Film

Architektur

New Museum. Bild: Office for Metropolitan Architecture.


Der Erweiterungsbau des New Museum an der Bowery in New York, verantwortet von Rem Koolhaas, ist nach zwei Jahren endlich fertig. Frauke Steffens schaut sich für die FAZ den "Kiss Point" näher an, den Punkt, an dem die beiden Gebäudeteile aufeinandertreffen. Sie sind als Paar gedacht, das ebenso von Ähnlichkeiten wie von Unterschieden geprägt ist: "Den 'Kusspunkt' markiert im obersten Stockwerk eine Art Fußgängerbrücke. Vom verglasten Durchgang aus schaut man hinunter auf die Stahlgewebefassade rechts und die neue Glaswand links, geradeaus liegt die Prince Street. Neben den versetzt gestapelten Quadern des bisherigen Gebäudes ragt nun eine kristallin anmutende, gebrochene Form mit schrägen Rücksprüngen auf. (…) Der Übergang zwischen beiden Gebäuden scheint oft nahtlos. Ganz oben, in den verglasten Veranstaltungsräumen, gibt es neue und vertraute Perspektiven auf die Stadt. Ein kleiner Balkon bietet einen dreieckig gerahmten Ausblick auf das World Trade Center - verkleidet ist er rundum mit einer Art pinkfarbenem Flokati." 

In der Zeit beschreibt Claas Oberstadt das Gebäude als "realisierten Zukunftstraum. Mit seiner eckig-metallenen Ästhetik, den Glasflächen und spitzen Winkeln könnte man meinen, ein Raumschiff aus einem frühen Science-Fiction-Film sei in die Stadt gekracht."
Archiv: Architektur
Stichwörter: New Museum, Koolhaas, Rem

Kunst

In der Ausstellung "Persistence of Vision" im Gropius Bau erblickt Tagesspiegel-Kritiker Jens Hinrichsen Fotografien zweier großer Amerikaner, Peter Hujar und Liz Deschenes. Während letztere mit ganz reduzierter Technik monochrome Flächen erzeugt, "ist alles 'Porträt' bei Hujar. Kein Motiv rangiert über einem anderen. Aktbilder, Bildnisse von Celebrities und Unbekannten, Tierfotos oder Bilder von Ruinen hängen wie zufällig kombiniert Seite an Seite - vorzugsweise im Raster, eine Präsentationsform, die auf Hujar selbst zurückgeht. Doch sein egalitärer Blick hat mit Andy Warhols 'All is pretty'-Nivellierung nichts zu tun: Jedes Wesen, jedes Ding besaß für Hujar eine einzigartige Essenz, die es fotografisch einzufangen galt."

Besprochen werden: Die Ausstellungen "Monets Küste" im Frankfurter Städel (Monopol), "Tracey Emin - A Second Life" im Tate Modern in London (NZZ) und "Gustave Courbet. Realist und Rebell" im Leopold-Museum Wien (FAZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Hujar, Peter, Deschenes, Liz

Bühne

"Die Vögel." Foto: Thomas Aurin.



Endlich erhält der von den Nazis wegen seiner jüdischen Herkunft von den Bühnen verdrängte Komponist Walter Braunfels die ihm gebührende Aufmerksamkeit, jubelt Judith von Sternburg in der FR: angesichts von Ersan Mondtags Inszenierung der Braunfels' Oper "Die Vögel" am Staatstheater Wiesbaden: "Paul Taubitz und das Orchester haben einen luziden Klang erarbeitet, füllig und doch transparent genug, und äußerst abwechslungsreich. Braunfels schrieb sich sein Libretto selbst, fußend auf der antiken Aristophanes-Komödie. Während dort allerdings die Vögel, aufgewiegelt durch zwei Athener, durch heimlichen Städtebau ihre Herrschaft errichten - lockende Brathähnchen und drohender Vogelkot sind triftige Argumente gegenüber Göttern und Menschen -, scheitern sie bei Braunfels. Ein göttliches Unwetter der Extraklasse, musikalisch opulent, beendet den Traum vom revolutionären Vogelreich. Die Anstifter, bei Braunfels die windigen Herrn Hoffegut und Ratefreund, bleiben mit der leicht hämischen Gleichmut der Davongekommenen zurück."
 
Auch Nachtkritiker Jean Maurer ist froh, Braunfels wiederentdecken zu können: "Mondtags Inszenierung des lyrisch-fantastischen Spiels als Populisten-Oper ist dabei eine so offensichtliche wie überzeugende Interpretation. Hoffegut und Ratefreund werden zu Karikaturen von Trump und Musk, die uns Luftschlösser versprechen, während die Chorsänger den grotesken Porträts der Neuen Sachlichkeit entsprungen sind, denen man die Spuren des Ersten Weltkriegs noch ansieht. Grotesk und zugleich atemberaubend ist auch das von Mondtag geschaffene Bühnenbild, dessen herrschaftlicher, dunkelgrüner Saal an britische Herrenhäuser erinnert, während der Blick aus dem großen Fenster eine mit 3D-animierte Landebahn in einer öden Landschaft darstellt."

Einen "erheblichen Bedeutungsverlust unserer Bühnenkunst" beklagt Simon Strauß in der FAZ, mit Blick auf die Münchner Kammerspiele und das Zürcher Schauspielhaus, deren Intendanzen er eine Leidenschaft für Langeweile vorwirft und zu wenig Einsatz, wenn es darum geht, Einsparungen zu vermeiden. Es zeigt sich, "dass das Theater gegenwärtig nicht nur an Rückhalt im Publikum, sondern auch in der Kulturpolitik verliert. Dass es vielen Politikern mittlerweile als Institution fragwürdig und vielen Kulturbürgern offenbar als Unterhaltungsort entbehrlich geworden ist. Es steht insofern die Frage im Raum, wie das Theater sich für die Zukunft rüsten will, um seinen stadtarchitektonisch meist noch sehr zentralen Standort auch kulturell und gesellschaftlich zu behaupten. Die Zeit drängt, denn mit jeder hingenommenen Sparrunde wächst die Gewissheit: So, wie es war, wird es nie wieder werden."

Besprochen werden "Süßer Vogel Jugend" von Tennessee Williams, inszeniert von Max Lindemann am Schauspiel Frankfurt (FR, Nachtkritik, FAZ), Rainald Goetz' "Baracke", inszeniert von Stefan Pucher am Thalia Theater in Hamburg (Nachtkritik), Peter Weiss' "Marat/Sade", auf die Bühne des Residenztheaters München gebracht von Regisseurin Claudia Bossard (Nachtkritik) und Stefan Bachmanns Inszenierung von Thornton Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen" am Burgtheater Wien (Nachtkritik, Standard, SZ).
Archiv: Bühne