Efeu - Die Kulturrundschau
Wundersame Farbigkeit der Schöpfung
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.07.2026. Die taz besucht eine Ausstellung von politischen iranischen Künstlern, die sich nach einer Welt jenseits der autokratischen Fremdbestimmung sehnen. Deutschland wird Grauland, seufzt die SZ mit Blick auf aktuelle Design-Trends. Trotz Höllenhitze hat die FAZ auf den Musikfestspielen Potsdam viel Freude an einem Händel-Oratorium. Klassik und Techno im selben Konzertsaal? Keine gute Idee, findet Backstage Classical. Die SZ fragt nach, wie Tanztheater in Sachsen-Anhalt sich auf einen möglichen AfD-Wahlerfolg vorbereiten.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
01.07.2026
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Kunst

Harff-Peter Schönherr besucht für die taz die Schau "Widerstand. Von feinen Rissen und tiefen Erschütterungen", die im Osnabrücker Kunstraum hase29 politische Arbeiten von vier Gegenwartskünstlern aus dem Iran versammelt. Was die vier Positionen vereint, ist die Hoffnung auf einen Neuanfang jenseits der "Welt der Fremdbestimmung" im Iran der Gegenwart. Eindrücklich ist etwa "The Party Of God. Well Did We Live", eine Installtion von Nazanin Noori: "Ein Faltenvorhang aus islamgrüner Lastwagenplane, davor mit persischen, in Gelb getönten Schriftzügen das Wort 'Verzeihung'. Das spielt farblich auf das Logo der Hisbollah im Libanon an, die schiitische Miliz wurde maßgeblich durch Iran gegründet und radikalisiert. Eine Hisbollah, die um Verzeihung bittet? Utopisch, ließe sich denken. Aber was wäre unsere Welt ohne Utopien? Was das gleichzeitig meint: Iran müsste um Verzeihung bitten, für die Entstehung der Hisbollah und das Anheizen der Konflikte in Nahost."

Eine außergewöhnliche Ausstellung besucht Nicola Kuhn für den Tagesspiegel im Gutshaus Steglitz. Der Ausstellungsraum im Südwesten Berlins zeigt eine Schau der Künstlerforscherin Antje Majewski, die sich der Osage-Orange widmet. Einer Pflanze mit großen, gelben, für Menschen ungenießbaren Früchten, die man in Deutschland nur in Botanischen Gärten zu Gesicht bekommt. Majewski "schürt die Neugierde auf diese Gattung des Maulbeerbaums, malt sie doch seine seltsame Frucht hyperrealistisch und vergrößert das ein ums andere Mal. Die quadratischen Tafeln sind mitten im Ausstellungsraum auf Ständern platziert. Dahinter hängt atmosphärisch wie ein Theatervorhang eine metergroße Leinwand, auf der das dichte Geäste des Baums abgebildet ist wie die Kulisse einer surrealen Szene." Die Ausstellung entfaltet für Kuhn ein "erstaunliches Beziehungsgeflecht", das die Pflanze mit der Siedlungsgeschichte Nordamerikas verbindet.
Marcus Woeller inspiziert für die Welt das Angela-Merkel-Porträt, das bald das Kanzleramt schmücken wird. Geschaffen hat es der Künstler Jérémie Queyras, der sonst vorwiegend abstrakt malt. Diesmal aber: im Gegenteil. "Abstrakt ist nichts auf diesem Bild. Es ist der pure Realismus. Von protestantischer Nüchternheit. So riskant wie eine Verwaltungsvorschrift. ... Es ist leider überhaupt nicht überraschend. Jérémie Queyras hat die Angela 'Sie kennen mich' Merkel gemalt." In der SZ schreibt Peter Richter. Hier ist das Bild zu sehen.
Weitere Artikel: Der Künstler Markus Lüpertz hat wieder einmal ein Kirchenfenster gestaltet, im Naumburger Dom; Jörg Häntzschel nimmt das in der SZ zum Anlass, sich Gedanken über das Verhältnis von Kunst und Kirche zu machen. Ingeborg Ruthe ruft in der BlZ dem verstorbenen Galeristen Klaus Märtens nach. Florian Illies bespricht in der Zeit einen Gesprächsband, in dem sich ein anderer Galerist, Michael Werner, über "notwendige Kunst" äußert. Im Tagesspiegel wiederum verfasst Nicola Kuhn einen Nachruf auf die Konzeptkünstlerin Runa Mields. Katharina Rustler hört sich für den Standard in der Wiener Angewandten um, wo nach dem Amtsantritt der neuen Rektorin Ulrike Kuch plötzlich gute Stimmung herrscht.
Besprochen werden Vatherine Opies Schau "Mountains Don't Know Their Names" im Pomo, Trondheim (monopol), die Frida-Kahlo-Schau "Frida: The Making of an Icon" in der Londoner Tate Modern (NZZ) und die Ausstellung "Tapetenwechsel. Migration und Mobiliar seit 1960" im Museum Ephraims-Palast, Berlin (taz).
Literatur

Besprochen werden unter anderem Lídia Jorges "Die Stunde der Nelken" (taz), Dieter Fringelis Gedichtband "das leben gefällt mir auch ohne mich" (FR), eine Ausstellung in Kassel mit Arbeiten der Märchenbuchillustratorin Helga Gebert (FAZ), Radka Denemarkovás "Schokoladenblut" (SZ), Olga Tokarczuks Erzählungsband "Spiel auf vielen Trommeln" (NZZ) und neue Sachbücher, darunter Geertjan de Vugts kulturwissenschaftliche Studie "Der Wunsch zu verschwinden. Über Fingerabdrücke" (FAZ).
Film

Mit seinem auf einem ausrangierten Mobiltelefon gedrehtem Film "Dry Leaf" kehrt der georgische Filmemacher Alexander Koberidze, der in Berlin lebt und dort auch Film studiert hat, für eine Art essayistisches Roadmovie in seine Heimat zurück - und sucht dort im Hinterland Fußball- und Bolzplätze. "Viele Plätze, die es noch vor zehn Jahren gab, existieren heute nicht mehr", erzählt der Regisseur im taz-Gespräch. "Manche Dörfer sind fast leer geworden, viele Familien in die Städte gezogen. Während des Drehs habe ich diese Plätze einfach so gefilmt, wie wir sie vorgefunden haben. Dabei sind sie nicht unbedingt verlassen. Wenn man genau hinsieht, erkennt man oft, dass dort noch gebolzt wird. Bei anderen ist alles überwuchert. Solche Orte spiegeln, was sich in Georgien verändert." Und warum ein altes Telefon als Kamera? "Es zeigt weniger, und gerade dadurch entsteht Raum für Fantasie."
Außerdem: Andreas Busche blickt im Tagesspiegel zurück auf fünf Staffeln der nunmehr abgeschlossenen Erfolgsserie "The Bear". Im Filmdienst erinnert Olaf Möller an Peter Alexander, der dieser Tage hundert Jahre alt geworden wäre. Besprochen wird Daniel Rohers in der Klavier-Welt angesiedeltes Heist-Movie "The Piano Tuner" mit Dustin Hoffman (Standard, FAZ, SZ).
Design
In Loriots "Ödipussi" war die Durchgrauung der deutschen Lebenswelt noch ein Witz, gibt Gerhard Matzig in der SZ zu bedenken. Doch "heute kann man mit Blick auf die Autostraßen und Wohnzimmer, mit Blick auf SUVs, die so grau und wuchtig auf einen zukommen wie Haie, Panzer oder Kriegsschiffe in Tarngrau, mit Blick auf Möbel, Wandfarben, Kleidungsstücke, Häuser und Städte nur konstatieren: Deutschland ist ein graues Land. Mal mehr ins Mausige, mal mehr ins Schiefrige, mal mehr ins Staubige spielend. ... Lasst uns bitte wieder Farbe bekennen in einer sinnlicheren Welt, die sich ein Vorbild nehmen könnte an der wundersamen Farbigkeit der Schöpfung und der Kulturgeschichte."
Bühne
Die Hitzewelle hat auch die Musikfestpiele Potsdam fest im Griff. FAZler Clemens Haustein fühlt sich teils wie in "einer Dampfsauna". Zumindest dem Händel-Oratorium "Il Trionfo del Tempo e del Disinganno", das in Potsdam in einer von Dorothee Oberlinger angeleiteten halbszenischen Aufführung auf die Bühne kommt, können die Temperaturen nichts anhaben: "Francesca Lombardi Mazzulli als Piacere, das personifizierte Vergnügen, lässt dieser unsterblichen Musik die ganze Zartheit ihres Singens zukommen, Oberlinger und ihre Musiker geben sich die nötige Zeit ohne ins Zelebrieren zu verfallen. Überhaupt nimmt stark für sich ein, wie das Ensemble herzvolles Spiel und klare Zeichnung zusammenbringt. In der Schärfung der Artikulation tut sich für Oberlinger ein Mittel auf, die Zuhörer zu immer neuem Ohrenspitzen zu verleiten." Klaus Büstrin vom Tagesspiegel ist ebenfalls angetan und freut sich über die "unbedingte Vertrautheit" von Dirigentin und Musikern.
Dorion Weickmann hat sich für die SZ bei Tanz-Ensembles in Sachsen-Anhalt umgehört: Wie bereitet man sich in dieser besonders divers und international aufgestellten Kunstform auf einen möglichen AfD-Wahlerfolg im Herbst vor? Eine ausführliche Antwort hat er nur von Tarek Assam, dem Leiter des Tanzdepartments des Harztheaters in Halberstadt und Quedlinburg, erhalten. "Assam, dessen Ensemble fünf Nationalitäten im Ballettsaal vereint, schildert die Vorsichtsmaßnahmen, die bereits jetzt angesichts der Montagsdemos getroffen werden: 'Wir bitten unsere Tanzgäste (Choregraphen, Ausstatter, Trainingsleiter und Tänzer) nicht nach der Auflösung der Montagsdemos auf die Straße zu gehen.' (…) Es sei, auch in der Stadt, 'eine deutliche Verunsicherung spürbar'."
Weitere Artikel: Esther Slevogt macht sich auf nachtkritik Gedanken zu KI und Theaterkritik. Benno Schirrmeister unterhält sich, ebenfalls auf nachtkritik, mit dem portugiesischen Autor und Regisseur Tiago Rodriguez, der das Festival d'Avignon leitet.
Besprochen werden eine "Turandot"-Inszenierung an der Staatsoper Stuttgart (FR - "eine attraktive, zugleich zerfaserte Inszenierung") und "Die Entführung aus dem Serail" an der Staatsoper Unter den Linden mit special guest Bülent Ceylan (nmz, van - beide Rezensionen halten nicht viel von der Kombination Mozart-Ceylan).
Dorion Weickmann hat sich für die SZ bei Tanz-Ensembles in Sachsen-Anhalt umgehört: Wie bereitet man sich in dieser besonders divers und international aufgestellten Kunstform auf einen möglichen AfD-Wahlerfolg im Herbst vor? Eine ausführliche Antwort hat er nur von Tarek Assam, dem Leiter des Tanzdepartments des Harztheaters in Halberstadt und Quedlinburg, erhalten. "Assam, dessen Ensemble fünf Nationalitäten im Ballettsaal vereint, schildert die Vorsichtsmaßnahmen, die bereits jetzt angesichts der Montagsdemos getroffen werden: 'Wir bitten unsere Tanzgäste (Choregraphen, Ausstatter, Trainingsleiter und Tänzer) nicht nach der Auflösung der Montagsdemos auf die Straße zu gehen.' (…) Es sei, auch in der Stadt, 'eine deutliche Verunsicherung spürbar'."
Weitere Artikel: Esther Slevogt macht sich auf nachtkritik Gedanken zu KI und Theaterkritik. Benno Schirrmeister unterhält sich, ebenfalls auf nachtkritik, mit dem portugiesischen Autor und Regisseur Tiago Rodriguez, der das Festival d'Avignon leitet.
Besprochen werden eine "Turandot"-Inszenierung an der Staatsoper Stuttgart (FR - "eine attraktive, zugleich zerfaserte Inszenierung") und "Die Entführung aus dem Serail" an der Staatsoper Unter den Linden mit special guest Bülent Ceylan (nmz, van - beide Rezensionen halten nicht viel von der Kombination Mozart-Ceylan).
Architektur
In Berlin soll auf dem Gelände der ehemaligen Reichskanzlei, unter dem sich noch eine Nazi-Bunkeranlage befindet, ein Neubau entstehen. Denkmalschützer melden, wie Thomas Ribi in der NZZ durchgibt, Widerstand an.
Musik
Manches Klassikhaus liebäugelt damit, ein junges Publikum mit Techno anzulocken. Die Rechnung geht aber nicht auf, findet Karl Keller - mit 22 Jahren genau im anvisierten Zielpublikum solcher Strategien - in einem auf Backstage Classical veröffentlichten Brief an Tonhalle-Intendantin Ilona Schmiel: "Wenn nach Brahms der DJ übernimmt, steht im Subtext, was niemand laut sagt: Das Konzert war die Pflicht, jetzt kommt endlich das Vergnügen. Erst Brahms, dann Bass. Das ist keine Vermittlung. Das ist eine Entschuldigung für die eigene Kunst. ... Sie besitzen das beste Produkt der Stadt und bewerben den Pausenraum. Warum nicht mit derselben Energie für das werben, was Sie eigentlich verkaufen? Für die Werke. Für die Menschen am Pult und an den Geigen. Für zwei Stunden, in denen ausnahmsweise niemand etwas von einem will."
Er "lässt Stimmen wie Vögel in unendliche Weiten aufsteigen, die Töne vermitteln jene Freiheit, die diesem Komponisten lebenszentral war", schreibt Reinhard J. Brembeck über die Kompositionen von Hans Werner Henze, der heute vor hundert Jahren geboren wurde. Der SZ-Kritiker würdigt Henzes "Komponieren, das mühelos und schwebend eine nachtdunkle Romantik mit Avantgarde zusammenfügt, sich dabei nie sklavisch nur einer und schon gleich gar nicht der angesagtesten Ästhetik verschreibt, sondern souverän und frei die Stile vermischt, auf dass ein Stück, eine Geschichte in den schönsten und triftigsten Klängen erblühen möge. ... Aber diese Schönheit ist nie restaurativ oder Weltflucht, sie ist immer eine gefährdete. Denn stets füllt er in den Rausch der Harmonien Störendes ein, Querschläger, Verunsicherungen, Beklemmendes." In der FAZ erinnert sich mit Christian Lehnert Henzes letzter Libretttist an den Komponisten. Dlf Kultur taucht mit einer "Langen Nacht" von Egbert Hiller fast drei Stunden ein in Henzes Welt.
"Ist schon ok das neue Album", aber auch "nicht wirklich bemerkenswert", schreibt Christian Schachinger im Standard zu "Foreign Tongues", dem neuen, diesmal aber wohl wirklich sehr wahrscheinlich vielleicht letzten Album der Rolling Stones. Keine Experimente, scheint das Motto im Studio gewesen zu sein, denn "das Altbewährte bewährt sich ja weiterhin. Es handelt sich vielmehr um eine Aufarbeitung von weit in die Nullerjahre zurückreichenden Viertelideen aus dem Probestudio, halb zwingenden Refrains und mit Kompressorsounds unnötig verdichteten, den üblichen, verhatscht auf dem Beat klebenden Quengelgitarren widersprechenden Dampfwalzen-Riffs. Das Schlagzeug ist überhaupt viel zu weit nach vorne gemischt und nimmt dem Ganzen die gewohnt zart abgelebte Eleganz."
Weiteres: Für die NZZ porträtiert Regine Müller den Bach-Interpreten Rudolf Lutz.
Er "lässt Stimmen wie Vögel in unendliche Weiten aufsteigen, die Töne vermitteln jene Freiheit, die diesem Komponisten lebenszentral war", schreibt Reinhard J. Brembeck über die Kompositionen von Hans Werner Henze, der heute vor hundert Jahren geboren wurde. Der SZ-Kritiker würdigt Henzes "Komponieren, das mühelos und schwebend eine nachtdunkle Romantik mit Avantgarde zusammenfügt, sich dabei nie sklavisch nur einer und schon gleich gar nicht der angesagtesten Ästhetik verschreibt, sondern souverän und frei die Stile vermischt, auf dass ein Stück, eine Geschichte in den schönsten und triftigsten Klängen erblühen möge. ... Aber diese Schönheit ist nie restaurativ oder Weltflucht, sie ist immer eine gefährdete. Denn stets füllt er in den Rausch der Harmonien Störendes ein, Querschläger, Verunsicherungen, Beklemmendes." In der FAZ erinnert sich mit Christian Lehnert Henzes letzter Libretttist an den Komponisten. Dlf Kultur taucht mit einer "Langen Nacht" von Egbert Hiller fast drei Stunden ein in Henzes Welt.
"Ist schon ok das neue Album", aber auch "nicht wirklich bemerkenswert", schreibt Christian Schachinger im Standard zu "Foreign Tongues", dem neuen, diesmal aber wohl wirklich sehr wahrscheinlich vielleicht letzten Album der Rolling Stones. Keine Experimente, scheint das Motto im Studio gewesen zu sein, denn "das Altbewährte bewährt sich ja weiterhin. Es handelt sich vielmehr um eine Aufarbeitung von weit in die Nullerjahre zurückreichenden Viertelideen aus dem Probestudio, halb zwingenden Refrains und mit Kompressorsounds unnötig verdichteten, den üblichen, verhatscht auf dem Beat klebenden Quengelgitarren widersprechenden Dampfwalzen-Riffs. Das Schlagzeug ist überhaupt viel zu weit nach vorne gemischt und nimmt dem Ganzen die gewohnt zart abgelebte Eleganz."
Weiteres: Für die NZZ porträtiert Regine Müller den Bach-Interpreten Rudolf Lutz.
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