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Im Kino

Erosmonster

Die Filmkolumne. Von Thomas Groh
09.11.2011. David Cronenbergs "Eine dunkle Begierde" ist ein Ränke- und Agentenspiel um die Begründer der Psychoanalyse, Carl Jung, Sigmund Freund und Sabina Spielrein. Kelly Reichardts hypnotisch spröder "Meet's Cutoff" ist ein feministischer Western durch und durch.


So unbeschrieben ist das weiße Blatt Papier nicht, das den Vorspann unterlegt. Plötzlich tauchen Tintenstriche auf, unterteilen und strukturieren die faserig-materielle Textur: Schrift im Anriss, deren Inhalt so nur schwerlich zu entbergen ist. Ein Hinweis darauf, dass im folgenden Film, wie es sich für intellektuellen Austausch auch im Schreibmaschinenzeitalter des frühen 20. Jahrhunderts gehört, viele handschriftliche Briefe geschrieben und gelesen werden, aber auch eine Metapher: In die Psyche des Menschen schreibt sich fast schon taktil ein, was die Psychoanalyse überhaupt erst wieder lesbar machen muss.

Eine Sprache, die zunächst nicht zur Aussprache gelangt, schiebt sich auch durch Sabina Spielreins Körper (Keira Knightley), den Körper einer Hysterikerin, die anfangs in Carl Jungs (Michael Fassbender) Sanatorium eingeliefert wird. Ihre Konvulsionen sind heftig, grotesk schiebt sich der Unterkiefer nach vorne - ein reines Körperspektakel, das die Kamera fast gleichmütig registriert, gerade so, als fühle sie sich ihrem medienhistorischen Vorläufer, Eadweard Muybridges Serienfotografie zur Bewegungsanalyse, noch immer verpflichtet: Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert der Vermessung des Menschen mit allen zur Verfügung stehenden Medientechniken und Apparaturen - die Psychoanalyse des frühen 20. Jahrhunderts, um die es in Cronenbergs "Eine dunkle Begierde" geht, war deren logische Fortsetzung. Gemessen, registriert, gelesen werden die inneren Regungen. So etwa in einer fast schon spiritisch anmutenden Seance, in der Jung in einer nostalgisch in Szene gesetzten, komplexen Verschaltung allerlei Mess- und Mediengeräts die assoziativen Regungen und Reflexe seiner Ehefrau Emma (Sarah Godon) auf spontan eingeworfene Schlüsselwörter untersucht. Unter Mithilfe von Spielrein im übrigen, die hier als Gehilfin achtsam wie eine Telefonistin ihrer Zeit die Schieber betätigt, nachdem Jung ihre Neurosen zuvor aus körperlichen in sprachliche Bahnen gelenkt und damit verhandelbar gemacht hat: Durch ihre Zuckungen, Verbiegungen und Verdrehungen spricht ein in damaliger Zeit buchstäblich unerhörtes masochistisches Verlangen.



Ein Verlangen, das erst in langen Rede- und Sprechsitzungen als solches geborgen, also formuliert wird: Jung bleibt im Hintergrund (und verschwindet beim Umschnitt schließlich ganz - ein Beispiel für die zwar funktionale, aber behutsame Kameraarbeit Peter Suschitzkys), Spielrein projiziert und versprachlicht, was über den Umweg neuerlicher, schmerzhaft anzusehender Kieferverschiebungen nur zögerlich über ihre Lippen kommt: Wie der Vater sie schlug, wie das ein unbändiges masturbatorisches Verlangen genauso nach sich zog, wie das Verlangen nach Demütigung, wie das sexuelle Verlangen sich nachts wie ein glitschig-weiches Tier an ihren Rücken schmiegte - unweigerlich schiebt sich bei solchen Beschreibungen das obszön zuckende Erosmonster aus Cronenbergs Burroughs-Film "Naked Lunch" vor das geistige Auge.

In solchen vorsichtigen Korrespondenzen fügt sich "Eine dunkle Begierde" denn auch in Cronenbergs restliches Werk gut ein, das techno- und media-kulturelle Schübe und deren Auswirkungen auf Körper und Psyche in phantasmagorische Bilder explodieren lässt: Ein trotz seines konzentrierten Charakters eskalierendes Kino, das von der archaischen Rhetorik der drei Meister der Psychoanalyse - Freud, Jung, Lacan - motivisch durchdrungen scheint. "Und das Wort ist Fleisch geworden" lautet der treffliche Titel einer ersten frühen Aufsatzsammlung über die Filme David Cronenbergs.

Wenn man so will, unternimmt Cronenberg mit "Eine dunkle Begierde" Ahnenforschung und wendet sich der Zeit zu, in der die psychoanalytischen Chiffren noch nicht in Cronenberg'scher Transsubstantiation zum Kino-Fleisch geworden sind. Kein Wunder, dass das Erosmonster hier noch ganz Vorstellung bleibt, sich noch nicht konkretisiert. Stattdessen wird in "Eine dunkle Begierde" zwischen Analytiker und Analysand, zwischen Eheleuten und schließlich Gralshütern der psychoanalytischen Lehre geredet, geschrieben und noch mehr geredet. Und in Knightleys Konvulsionen ist schließlich auch der Cronenbergsche "Mind-over-Matter"-Themenkomplex überdeutlich vorhanden.

Spielreins einmal ausgesprochenes Verlangen weckt schließlich auch das ungebührliche Verlangen des verheirateten und durch seine wohlhabende Frau bürgerlich abgesicherten Jung, das der polygame und für Enthemmung plädierende Psychoanalytiker Otto Gross (Vincent Cassel) durch suggestive Einflüsterungen schließlich voll entfacht. Eine relationale Gemengelage, in der sich auch der auf Nebenaufritte abgestellte Sigmund Freud (Viggo Mortensen) als Agent wiederfindet, nachdem ihn die nach einem kurzen erotischen Abenteuer bald wieder abservierte, nunmehr selbst zur Analytikerin herangereifte Spielrein um Rat gebeten hat. Ein in fachlichen Diskussionen und privaten Briefen sich verwickelndes, mitunter paranoid strukturiertes Beziehungsgeflecht, das umso komplexer wird, je mehr die Betroffenen sich selbst und ihre Gegenüber analysieren und in psychoanalytische Schemata einzuordnen versuchen. Der historische Bruch zwischen Jung und Freud erscheint hier weit weniger fachlich begründet - Jung wird esoterisch -, als durch wechselseitige narzisstische Kränkungen.

Ein Ränke- oder gar Agentenspiel also. Auch das passt ins Cronenbergsche Schaffen, in dem es vor Agenten, die ihr eigenes Spiel nicht mehr durchschauen, nur so wimmelt. Freud selbst gibt den mafiös wirkenden Paten der Psychoanalyse, der stets Zigarre schmauchend darum besorgt ist, die reine Lehre vor den draußen lauernden, nie aber konkret angesprochenen "Feinden" zu verteidigen. "Selbst in hundert Jahren", sagt er an einer Stelle, "wird man uns noch anfeinden." Eine zutreffende Prognose - hier formuliert am Vorabend des Ersten Weltkriegs, den Jung in seinen Träumen diffus antizipiert - die allerdings noch nicht ahnt, dass sich die Psychoanalyse neben Kommunismus und Faschismus als eine der ganz großen Erzählungen des 20. Jahrhunderts entpuppen wird. In den unter der beruhigt anmutenden Oberfläche dieses Films wie seiner Protagonisten tobenden Ränken und Rangeleien kann man den Ingenieuren dieser Erzählung bei der Vorarbeit zusehen, die am Ende auch Vorarbeit zum Kino David Cronenbergs gewesen sein wird.

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Der Prolog ist reine, sprachlose Kinopoesie an der Grenze zum audiovisuellen Ambient: Ein Fluss, eine dürre Landschaft, ein überschaubarer Treck, der sich seinen Weg durch die Furt sucht. Kisten tragen, Wasser einholen, den Esel satteln, die Kutsche wieder bestücken, die Kleidung auswringen, das Wasser im Vogelkäfig auffüllen. Die Kleidung ist ausgebleicht, eine blaue Haube, ein rotes Hemd blitzen als Fremdkörper hervor. Einer ritzt das Wort "LOST" in trockenes Holz. Dann zieht der Treck weiter, aus dem Bildkader hinaus, der Fluss bleibt als blaues Band in der Landschaft zurück. Ein paar Herzschläge lang steht das Bild, es folgt die langsamste, schönste Überblendung mindestens des laufenden Kinojahrs, die für die Dauer dieses Zwischenzustands das Filmbild zu einer rein piktorialen Angelegenheit erklärt: Eine Zäsur, die das Zuvor und das Nachher als klar getrennte Sphären ausweist - eine mit, eine ohne Wasserquelle.

Der Prolog zeigt letzte Manöver einiger, der unbarmherzigen Natur ausgelieferter Menschen, Siedler, die im Jahr 1845 unter Anführung von Stephen Meek (Bruce Greenwood) durch die Wüste von Oregon ziehen. Die von Meek eingeschlagene Abkürzung abseits des üblichen Pfads entpuppt sich als strapaziöse Zerreißprobe, die weit länger dauert als die angekündigten zwei Wochen. Die Wasser- und Essensvorräte gehen zur Neige.



Eine existenzielle Situation, die Kelly Reichardt in ruhige, spröde, farblich entsättigte Bilder fasst, in denen die Zeit - wie in der Überblendung - zum Erliegen zu kommen scheint.

In der Mythopoetik des Westernfilms - in dessen machistischster Ausprägung - handelt das Genre auch von der glorreichen Erschließung des Landes und der Wüstenei, hinter deren Bergen sich immer neue verheißungsvolle Abenteuer verbergen. Kelly Reichardt stellt dieser erotisierenden Breitbild-Fantasie nicht nur das vergleichsweise klaustrophobe 4:3-Bildformat entgegen, sie holt die Geschichte der Landnahme im de-fetischisierenden Verfahren auch auf ihre materielle, strapaziöse Basis zurück: Das Land ist widerspenstig, das Überleben muss ihm bitter abgerungen werden, Raumüberwindung ist kaum bewältigbare Herausforderung, die hier nicht, wie in klassischeren Westernkonzeptionen, im schnellen Umschnitt zwischen zwei Bildern zum Verschwinden kommt. Auch deshalb ist die eingangs erwähnten Überblendung so bedeutend: Sie verneint den raffenden Schnitt, der Raum und Zeit aus der Filmerfahrung streicht und damit ideologische Mitarbeit leistet.

Die Befürchtungen der Siedler, sich verirrt zu haben, zerstreut Meek mit einer selbstzufriedenen Gelassenheit, die verdächtig schon deshalb wirkt, weil er die eigene Autorität notfalls durch den demonstrativen Griff zur Waffe unterstreicht. Zottelig und ergraut gibt er eigene Heldengeschichten aus Zeiten zum Besten, die lange zurückliegen - der Westernheld als kümmerlich egomane, latent bedrohliche Figur, die mit den altgewordenen Melancholikern des Spätwesterns, die traurig auf sich und mit dem Film auf das eigene Genre zurückblicken, nichts gemein hat.

Als der Treck auf einen Indianer (Rod Rondeaux) stößt und diesen gefangen nimmt, ist das Ensemble des klassischen Westerns - der Revolverheld, die Frau (Michelle Williams) und der Indianer - vollständig. Der Indianer soll unter den ängstlichen Blicken der Siedler den Treck zu einer rettenden Wasserquelle führen - eine Kränkung für Meek, der mit gesteigerter Aggression reagiert.

Reichardt erzählt dieses Drama hypnotisch spröde und minutiös - jedes Bild bekommt seine Zeit, die Spannung wird sorgsam aufgebaut, bis sie sich in einer drastischen Geste der Ermächtigung einerseits, in einem antiklimaktischen Ausklang andererseits auflöst. Wenn es ihn bis dahin nicht gegeben hat, dann gibt es ihn jetzt: Ein feministischer Western, durch und durch.

Eine dunkle Begierde - Großbritannien / Frankreich / Deutschland / Kanada / Schweiz 2011 - Originaltitel: A Dangerous Method - Regie: David Cronenberg - Darsteller: Viggo Mortensen, Keira Knightley, Michael Fassbender -Prädikat: besonders wertvoll - Länge: 99 min

Meek?s Cutoff - USA 2010 - Regie: Kelly Reichardt -Darsteller: Michelle Williams, Bruce Greenwood, Will Patton, Zoe Kazan, Paul Dano, Shirley Henderson, Neal Huff, Tommy Nelson, Rod Rondeaux - Länge: 102 min.

Archiv: Im Kino

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