Efeu - Die Kulturrundschau

Moratorien des Unerwartbaren

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08.03.2016. Wie viel Musik Menschen noch bedeuten kann, lernt die Welt in Ayat Najafis Film über Musikerinnen im Iran. Geradezu überwältigt kommt aber auch die FAZ aus Zubin Mehtas Münchner "Maskenball", und der Standard gibt sich dem elegischen Fließen in Péter Eötvös' "Drei Schwestern" an der Wiener Staatsoper hin. Die NZZ bewundert Aldo Rossi als den Umberto Eco der Architektur. Und die SZ erschauert im Rückblick vor der auftrumpfenden Arroganz des Wiener Aktionismus.

Musik



Frauen ist es im Iran verboten, als Musikerinnen allein aufzutreten. Der in Berlin lebende Filmemacher Ayat Najafi, der schon mit David Assmann den Film "Football under Cover" gedreht hat, zeigt in "No Land's Song", wie seine Schwester, die Musikerin und Komponistin Sara Najafi, diesem Verbot trotzt. In der Welt ist Michael Pilz sehr beeindruckt: "Die weibliche Stimme, sagt Sara Najafi, sei bereits vergessen im Iran - und was das für ein Jammer ist, daran erinnert nun ihr Bruder im Film 'No Land's Song' den Rest der Welt. Gemeinsam mit der Mezzosopranistin Sayeh Sodeyfi steht sie in ihrer Küche, beide kochen und reden dabei so ernsthaft über das Lied 'Morq-e Sahar' aus den Zwanzigerjahren, über Atem und Natur, dass man sich denkt: Sieh an, so wichtig ist Musik für Menschen, wo sie noch etwas bedeutet."

Popjahr 1966: Revolte, Popirrsinn, Drogen, Protest gegen Vietnam - oder doch eher Konformismus, Heintje und Roy Black? Mit einigem Gewinn liest SZ-Popkritiker Klaus Walter das neue Buch "1966: The Year the Decade Exploded" des Pophistorikers Jon Savage, der darin mit einigen Verklärungen und Mythen aufräumt: "Auf jede bahnbrechende Innovation der Beatles kommt ein ältlicher Crooner mit einem schmalzigen Superhit. ... Ungleichzeitigkeit - so nannte Ernst Bloch die rotierende Dialektik gegenläufiger Bewegungen: Libertinage und Repression, Entgrenzung und Wiedereingrenzung, Fortschritt und Rückschlag. Mit seiner Mikrogeschichte des Jahres 1966 demonstriert Jon Savage, dass wir es hier nicht mit einer Dialektik von Jahren zu tun haben, sondern von Sekunden."

Weiteres: Die SZ bringt ein bislang unveröffentlichtes Gespräch mit dem am Wochenende verstorbenen Dirigent Nikolaus Harnoncourt. Besprochen werden das Album "Varmints" von Anna Meredith (Pitchfork) und ein Konzert von Jewgenij Kissin (Tagesspiegel).
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Architektur

Aldo Rossi war der "Umberto Eco der Architektur", das weiß Roman Hollenstein in der NZZ schon lange, doch in einer Ausstellung in der Galerie Archizoom in Lausanne entdeckt er nun, dass Rossi nicht nur die Zeichnung, sondern auch die Druckgrafik nutzte: "Rossi, der einst als Student düster reduzierte Stadtlandschaften in der Art von Mario Sironi malte, nutzte später seine feinnervigen, höchst eigenwilligen Architekturzeichnungen als wichtigen Bestandteil der baukünstlerischen, zwischen Anschauung und Erinnerung oszillierenden Entwurfsarbeit. Aber erst in seinen Zürcher Jahren entdeckte der Bewunderer von Piranesi die Druckgrafik (nur kurz nach den Avantgardisten von Superstudio) als Mittel des architektonischen Diskurses. In den ersten, 1973 entstandenen 'urbanen Kompositionen' stellte er seine frühen, meist kleinen 'Monumente' - das Partisanendenkmal von Segrate, die Schule von Broni, den Wohnblock von Gallaratese und das nie realisierte Rathaus von Scandicci - stets neu zu rätselhaften, an Giorgio de Chiricos metaphysische Stadtansichten erinnernden Traumvisionen zusammen oder ließ sie als 'Architecture assassinée' klirrend bersten."
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Stichwörter: Aldo Rossi

Bühne


Verdis "Maskenball" an der Bayerischen Staatsoper. Foto: Wilfried Hösl.

Mit Johannes Eraths Inszenierung von Verdis "Maskenball" kehrt Dirigent Zubin Mehta nach zehn Jahren wieder an die Staatsoper München zurück, informiert Jan Brachmann in der FAZ und ist von Mehtas Leistungen völlig überwältigt: "Indem er dichte szenische Anschlüsse herstellt, treibt er das Drama voran. Musikalisch werden die Verzögerungen an Höhepunkten oder Kadenzen zu Moratorien des Unerwartbaren, wo das Drama nicht mehr mechanisch abschnurrt. ... Musikalisch ist diese Aufführung ein Traum." Mit Eraths Inszenierung ist der Kritiker allerdings nur halb zufrieden: "Statt ein Drama der Eifersucht, der gescheiterten Ehe, der verfehlten Politik zu erzählen, malt Erath das entwicklungslose Stimmungsbild einer aus der Verankerung gerissenen Existenz." In der SZ ist Reinhard J. Brembeck unterdessen ganz von den Leistungen Piotr Beczalas gefangen: Dieser sei "einer der wenigen Tenöre derzeit, die diese aberwitzig schwere Rolle überhaupt singen können: tonschön, hell, sehnsüchtig und möglichst unangestrengt." Beim Bayerischen Rundfunk kann man die Premiere online nachhören. Für den Münchner Merkur hat sich Markus Thiel mit Zubin Mehta unterhalten.)


Péter Eötvös' "Tri Sestri" an der Staatsoper Wien

Im Standard preist Ljubisa Tosic Péter Eötvös' "Drei-Schwestern", die Yuval Sharon an der Wiener Staatsoper als träumende Besucherinnen ihrer eigenen Erinnerungen in Szene setzte: "Auf elegante Art und Weise korrespondiert die szenische Gestik zudem mit jener der Musik. Neben dem elegischen Fließen von Linien, die unter anderem ein Akkordeon intim evoziert, wird es mitunter durchaus ruppig und tumultös: Wie die Wände sich einen Spalt öffnen und den Blick freigeben auf Soldaten in Nebelschwaden, entsteht eine reizvolle Dramatik. Und dies ergibt etwas Außenwelt für ein mobiles Museum der Erinnerungen, in dessen Vitrinen zerstörte Träume und Demütigungen ausgestellt sind." Und wie Tosic versichert, wird auch hervorragend gesungen.

Besprochen werden Alexander Eisenachs "Der Goldene Fleiß" am Schauspiel Frankfurt (FR), She She Pops "50 Grades of Shame" (FR, mehr hier), eine Aufführung von Tennessee Williams' "Glasmenagerie" an der Komödie am Kurfürstendamm (Tagesspiegel, Berliner Zeitung) und Barbara Freys "Nachtstück" in Zürich (SZ).
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Literatur

Begeistert berichtet Berthold Seewald in der Welt, dass die unermüdliche Orientalistin Claudia Ott weiter Handschriften und Überlieferungen von "Tausendundeiner Nacht" erforscht hat und nun auch auf das Ende gestoßen sein will - und zwar auf das glückliche: "Auf 25 Seiten darf man staunen, wie Schahriyar und Schahrasad am Ende zusammenkommen."

Weiteres: Oliver Harris liest für das TLS mehrere Neuerscheinungen, die nachzeichnen, wie Hammet, Chandler und Co. aus Pinkertons berüchtigten Schlägertrupps romantische Hardboiled-Detektive schufen. Für die taz berichtet Doris Akrap von Lesungen von David Wagner und Ronja von Rönne. Marta Kijowska verabschiedet sich in der FAZ vom Palais Obory, dem viele Jahre lang wichtigsten Literatenort Polens.

Besprochen werden Juli Zehs "Unterleuten" (taz), Roland Schimmelpfennigs Romandebüt "An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts" (Tagesspiegel), Carlos Fraenkels philosophische Unternehmung "Mit Platon in Palästina" (NZZ), Donald Antrims Storysammlung "Das smaragdene Licht in der Luft" (NZZ), Karen Duves "Macht" (Freitag), neue Mussolini-Biografien (taz), Michael Köhlmeiers "Das Mädchen mit dem Fingerhut" (SZ) und Marion Poschmanns Gedichtband "Geliehene Landschaften" (FAZ). Mehr aus dem literarischen Leben im Netz in unserem Metablog Lit21.
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Kunst

Die Gurus von gestern: Otto Muehl, Materialaktion No 9., 1964, in der Ausstellung "Körper, Psyche und Tabu" im Wiener Mumok

Der Wiener Aktionismus funktioniert nicht mehr, stellt SZ-Kritikerin Catrin Lorch beim Besuch dreier aktueller Ausstellungen in Wien, Berlin und München fest: Die einstmals provokativen Transgressionen sehen sich heute erheblicher Konkurrenz durch den regulären Medienbetrieb ausgesetzt - ob es nun blutige Musikvideos oder reale Enthauptungsvideos des IS sind. "Es sind nicht mehr die gleichen Augen, die auf die Blutorgien und Mysterienspiele schauen. ... Am wenigsten stört noch der Sex. Auch kaum die toten Tiere, die während der Kunst-Aktionen von der Decke baumeln oder an die Wand gespannt werden. Oder die Fotos von nackten, blutverschmierten Körpern. Es ist die Autorität, die abstößt - die diese Werke ausschwitzen aus allen Aufnahmen, aus den sauber auf den künstlichen Altären und Opfertischen ausgelegten Papiertaschentüchern und Mullbinden, aus den langen, blutbemalten Leinwänden. Eine breiig auftrumpfende Arroganz."

Wer etwas für Jean-Auguste-Dominique Ingres übrig hat, kommt um einen Besuch der aktuellen Ausstellung im Prado in Madrid nicht herum, meint Bernhard Schulz im Tagesspiegel: Diese sei eine "Sensation" und "eine ganze Epoche zu besichtigen, gespiegelt im Ouevre eines ihrer bedeutendsten Vertreter. Eine Sternstunde, die nicht einmal der Louvre allein bieten kann."

Weiteres: Für den Tagesspiegel besucht Birgit Rieger die Fotografin Heidi Specker im Atelier. In der FAZ schreibt Rainer Stamm über Ida Gerhardis' Bilder vom Pariser Künstlertreff Bal Bullier, die im Rahmen der Ausstellung "Die Malweiber von Paris" in der Jesuitenkirche Aschaffenburg zu sehen sind.

Besprochen werden Martin Roemers Fotoausstellung "Relike des Kalten Krieges" im Deutschen Historischen Museum in Berlin (Tagesspiegel, Berliner Zeitung) und die Michaela Melián gewidmete Schau im Münchner Lenbachhaus (taz).
Archiv: Kunst