Efeu - Die Kulturrundschau

Beim Mitheulen doch ganz glücklich

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20.11.2015. Die Welt feiert den neuen Berliner Flow im Film. Die Popkritiker hören Adele. Die taz würde Xavier Naidoo gern zum Eurovision Song Contest schicken: Die schwulste Familienshow Europas täte ihm bestimmt gut. Die NZZ sieht Knausgard im Vorhof der Literatur herumtigern und amüsiert sich mit süffigem chinesischen Poptheater von Meng Jinghui.

Film

In der Welt feiert Hanns-Georg Rodek eine neue Filmbewegung, die er den "Berliner Flow" nennt. "Love Steaks", "Familienfieber", "Dicke Mädchen" und "Alki Alki" nennt er als Beispiele. Es gibt sogar zwei Manifeste: "Fogma von Jakob Lass und das Sehr gute Manifest von Axel Ranisch fordern, mit unterschiedlichem Temperament, Ähnliches. 'Fogma ist ein Experiment für Freiheit', postuliert Lass. 'Ein sehr guter Film entsteht in Freiheit, selbstbestimmt und unabhängig quasi von glücklichen Filmautoren.' ... Gemeinsam ist ihnen das Misstrauen gegen die heilige Benchmark des Filmemachens: das Drehbuch."



Ausgerechnet das Thema "Sterben" nutzt Nanni Moretti in "Mia Madre", um filmisch mit leichter Hand zu experimentieren - und so auch ein neues Verhältnis zum Thema zu gewinnen, schreibt Daniele Dell'Agli in einem kleinen Perlentaucher-Essay: "So ist "Mia Madre" ein vielschichtiger, ein multipler Film geworden: Dokument von Morettis Trauerarbeit am Tod seiner Mutter; Reflexion über die Möglichkeit, diese Erfahrung filmisch zu verarbeiten; Inszenierung der Kollision von Beruflichem und Privatem am Set und ihrer Auswirkungen auf den Fortgang der Dreharbeiten; und das Ganze wiederum vor der Kontrastfolie eines ganz anderen Films, an dem derweil 'im Film' weiter gedreht wird." Weitere Besprechungen im Tagesspiegel und in der SZ.

In der FAZ staunt Nina Rehfeld nicht schlecht über die Schauwerte der neuen Amazon-Serie "The Man in the High Castle", eine von Ridley Scott betreute Verfilmung von Philip K. Dicks Alternative-History-Roman "Das Orakel vom Berge", in dessen Szenario die Nazis und Japan als Sieger aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen sind: Die Optik der Serie ist "ein Paukenschlag. ... Man [darf] prophezeien, dass aus den Amazon Studios in den kommenden Jahren noch weitere Qualitäts-Serien zu erwarten sind." Voll des Lobes ist auch Leh Schnelbach vom Science-Fiction-Magazin Tor.com: "These first two [episodes] were remarkably taut and engaging (with some fun little PKD Easter eggs scattered throughout)."

In der Jungle World schreibt Esther Buss über die Reihe "L.A. Rebellion: Creating a New Black Cinema" im Berliner Kino Arsenal.

Besprochen werden Marielle Hellers "The Diary of a Teenage Girl" (Tagesspiegel), Alfonso Gomez-Rejons Teeniefilm "Ich und Earl und das Mädchen" (FR), Panos Karkanevatos' "Riverbanks" (FR), die Serie "Occupied" (FAZ) und Roland Emmerichs "Stonewall" (FAZ, mehr dazu hier).
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Literatur

Nein, also so ganz kann Andreas Breitenstein in das Lob des jetzt global hochgejazzten Karl-Ove Knausgard nicht einstimmen. Knausgards Vorhaben, sein so weit nicht unbedingt interessantes Leben m Maßstab eins zu eins abzubilden, mag theoretisch bestechen, aber nach Lektüre des fünften Bandes verabschiedet der NZZ-Kritiker das Phänomen, und zwar in einem Leitartikel, nicht in einer KritiK: "Welthaltig ist sein Schreiben trotz der Stofffülle nicht - auf sich selbst fixiert, tigert er im Vorhof der Literatur herum. Denn noch der in die Jahre gekommene Autor hat das Problem nicht gelöst, von dem 'Träumen' handelt - nichts erfinden und mit seiner planen Art des Erzählens keine symbolischen Prozesse auslösen zu können."

Weiteres: Außerdem veröffentlicht die NZZ einen Text aus einem kommenden Band Durs Grünbeins mit Kindheitserinnerungen: Die Schuluhr plagt den Siebenjährigen... In persönlichen Gesprächem am Rande des Münchner Literaturfests ging der wegen seiner angeblich zu laxen politischen Haltung im Syrien-Konflikt kritisierte Adonis auf harsche Distanz zum Assad-Regime, berichtet Saskia Müller in der FAZ. Roman Bucheli schreibt in der NZZ zum Tod des Literaturwissenschafter Werner Morlang.

Besprochen werden unter anderem Billy Hutters "Karlheinz" (ZeitOnline) und Frédéric Ciriez' "Auf den Straßen von Paris" (SZ).

Mehr Literatur im Netz in unserem fortlaufend aktualisierten Meta-Blog Lit21.
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Bühne


Szene aus "Bernstein" von Liao Yimei. Bild: Janjanski / Schauspielhaus Zürich

"Süffiges, fabelhaft choreografiertes Pop-Theater" sah NZZ-Kritikerin Katja Baigger bei einer Gastaufführung von Meng Jinghuis Stück "Bernstein" im Zürcher Schauspielhaus. "Überhaupt skizziert Meng Jinghui, ein Kultregisseur des zeitgenössischen chinesischen Theaters, in der faszinierenden Inszenierung ein widersprüchliches Bild seiner jungen Landsleute. Ihr Lebensgefühl changiert zwischen Gefühlskälte und der Sehnsucht nach Tiefgang. In Mengs Bühnensprache bedeutet das: Punkrock nach westlichem Vorbild, asiatische Kampfkunst, Persiflagen auf mediale Hypes, auf das unerreichbare Ideal der Manga-Superweiber und den Donjuanismus. Die Schattenseiten des Konsumwahns beschreibt er mit Orientierungslosigkeit und Angststörungen."

Weiteres: In der SZ führt Reinhard J. Brembeck durch das Programm der nächsten Münchner Musiktheaterbiennale, das "handfest spannender als die dahinter stehenden guten Theorieabsichten" wirke.
 
Besprochen werden die Uraufführung von Jon Fosses und Georg Friedrich Haas' Oper "Morgen und Abend" in London (NZZ), Keith Hennessys beim Berliner "Marx' Gespenster"-Festival ausgeführte Tanzperformance "Turbulence" (es werde " gepisst, gefummelt, liebkost und Waterboarding simuliert", berichtet Astrid Kaminski in der taz) und Ben Beckers Rezitation von Walter Jens' "Ich, Judas" im Berliner Dom (Welt, SZ).
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Kunst

"Max Beckmann und Berlin". Der Titel einer aktuellen Ausstellung in der Berlinischen Galerie ist für Rolf Lautenschläger von der taz erstmal kontra-intuitiv, verbinde man das Schaffen des Malers doch üblicherweise mit anderen Städten. Umso überraschender dann die Schau, die zeige: "An der Stadt und ihrer Kunstszene hat sich Max Beckmann jahrelang gerieben, gehäutet, gestoßen. Trotzdem war es - manchmal - eine Liebesbeziehung." Ingeborg Ruthe von der Berliner Zeitung schwärmt: "Er suchte aus der Gegenwart die Brücke zum Unsichtbaren, wollte die Magie der Realität erfassen und diese Realität in Malerei übersetzen." Eine weitere Besprechung bringt die FAZ.

Weiteres: In der taz spricht Hilke Rusch mit der Fotografin Alex Giegold über deren im Berliner Kunstquartier Bethanien ausgestelltes Fotoprojekt "in your mind" über Queerness und Wahnsinn. In der FAZ berichtet Kerstin Holm vom Russischen Museumsdialog, der im Berliner Bode-Museum stattgefunden hat. Besprochen wird eine Ausstellung von Pressebildern aus dem Archiv der ETH Zürich im Zürcher Kunstraum Counter Space (NZZ).
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Musik

Die Popkritik hört geschlossen "25", das neue Album von Adele. Und "Adele thront", meint Harald Jähner in seiner hymnischen Besprechung in der Berliner Zeitung. Nadine Lange vom Tagesspiegel hört ein "wieder auffällig persönlich gewordenes" Album, auch wenn an die Qualitäten der ersten Hitsingle "Hello" keines der übrigen Lieder anschließen könne. In vielen Songs der 27-jährigen Sängerin geht es ums Älterwerden, fällt Jan Kedves von der SZ auf, was allerdings "inhaltlich dann auch ermüdend" sei. "Eine bombastische Über-Produktion", meint Ueli Bernays in der NZZ, ist aber "beim Mitheulen doch ganz glücklich". Nur Jan Wiele von der FAZ winkt denkbar kräftig ab: Diese Platte ist "einfach nur ein weiteres Popgewäsch-Album, das die Welt nicht braucht."

Warum will der NDR ausgerechnet Xavier Naidoo - wir erinnern uns: christlicher, homophober Verschwörungstheoretiker und Freund der Reichsbürger-Anhänger - ganz ohne Vorentscheid für Deutschland zum Eurovision Song Contest schicken? In der Welt spottet Frédéric Schwilden: "Auch Musikexperten begrüßen Naidoos Wahl. So schreibt Klaus Lederer von der Linkspartei, dass es sehr gut zur aktuellen Lage passe, dass ein antisemitischer und homophober Verschwörungstheoretiker und Reichsdeutscher das Land vertrete."

Jan Feddersen, der ESC-Beauftragte der taz, hält das für gar nicht mal so eine schlechte Idee: "Merkt denn keiner, dass, erstens, der bekennende Mannheimer bei der schwulsten Familienshow Europas teilnimmt, und zweitens, dass für die BRD anzutreten bedeutet, als 'Reichsbürger'-affiner Mensch nicht mehr die BRD als existierenden Staat negieren zu können?" Sein Kollege Martin Kaul ist im Kommentar gleich darunter ganz anderer Ansicht, stehe der Sänger doch "für eine weltverschwörerische, geldkritische, antiamerikanische und auch antijüdische Bewegung, deren popkultureller Anführer er ist. ... Wer ihn 'für Deutschland' ins Rennen schickt, schickt Pegida 'für Deutschland' ins Rennen."

Weiteres: Christoph Wagner annonciert in der NZZ das Zürcher Jazzfestival "unerhört!". Philip Sherburne von Pitchfork spricht mit dem Musikproduzenten Arca (mehr zu dessen neuem Album "Mutant" in unserer gestrigen Rundschau). Für die taz spricht Julika Bickel mit der Postpunk-Band Die Nerven. Für die FAZ war Lotte Thaler bei den Musiktagen in Badenweiler. Besprochen wird außerdem Sven Kacireks "Songs from Oki­nawa" (taz), Rossinis "Stabat mater" mit der Zürcher Sing-Akademie unter Donald Runnicles (NZZ) und Bob Dylans "Bootleg Series, Vol. 12" (NZZ).

Und ganz frisch: Bei Vevo gibt es das erste Video aus David Bowies für Januar angekündigtem neuen Album - mit zehn Minuten Spielzeit ein kleines, melancholisches Pop-Epos.

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