Efeu - Die Kulturrundschau

Schrille Trillerpfeifen, Fetzen von Marschmusik

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19.11.2015. Die Filmkritiker lassen kaum ein gutes Haar an Roland Emmerichs Geschichte der Schwulenbewegung in den USA, "Stonewall". Die NZZ besucht eine Ausstellung über "Rousseau und die vergessenen Meister". Die Zeit porträtiert die koreanische Komponistin Younghi Pagh-Paan. Die SZ warnt vor einem Denkmalskandal, denn Hamburg will die City-Höfe abreißen lassen.

Film



Für den auf Blockbuster spezialisierten Roland Emmerich ist der unabhängig und mit ziemlich bescheidenen finanziellen Mitteln produzierte Film "Stonewall" ein Novum. In den USA protestierten allerdings queere Gruppen gegen den Film über die schwule Szene New Yorks der 60er Jahre, die sich in der Christopher Street gegen Polizeiübergriffe schließlich auch militant zur Wehr setzte. Warum, erklärt uns Jan Künemund im Freitag: Der Film mache aus einer ethnisch diversen Protestbewegung eine ziemlich weiße Mittelschichtsgeschichte: "Die Fiktionalisierung geht (...) auf Kosten derer, die nicht reibungsfrei in die dominante Kultur integrierbar scheinen: der Nicht-Weißen, der Nicht-Gender-Konformen, der Nicht-Bürgerlichen."

In der Welt ist Tilman Krause auch nicht zufrieden: Der Film wäre ganz nett, "wenn nur Danny-Boy sich nicht als seelenvolles Landei, mit prachtvollem Blondschopf und im blütenweißen T-Shirt, so strahlend über die queeren Latinos, Schwarzen und Transvestiten erheben müsste". In der taz kann sich Toby Ashraf immerhin zu einem halben Lob aufraffen: Dem Regisseur "ging es auch um ein Porträt von Armut unter nichtheterosexuellen Jugendlichen, und in der ersten Stunde des Films gelingt ihm tatsächlich eine respektable Erzählung über diese obdachlosen Sexarbeiter_innen, von denen viele maßgeblich an den Unruhen des 28. Juni 1969 beteiligt waren." Auch Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel listet die Kontroversen um den Film auf, macht ihm aber vor allem seine "ungelenke" Erzählweise zum Vorwurf. Im Interview mit der Welt erzählt Emmerich von seinem eigenen Coming Out.

Weiteres: Im Perlentaucher stellt Lukas Foerster zwei Filme vor, die nicht im Kino, sondern auf Vimeo zu sehen sind: Kurt Walkers "Hit 2 Pass", der geläufige Perspektiven des Dokumentarfilms gleichzeitig unter- und überschreitet, sowie Gina Telarolis "Here's to the Future", die Reinszenierung einer achtzig Jahre alten Verführungszene mit Bette Davis und Richard Barthelmess in allen gegen- und eine gleichgeschlechtlichen Kombinationen. David Assmann stellt in der NZZ die norwegische Serie "Occupied - Die Besatzung" vor: Um die Ölförderung zu sichern, kapert Russland im Auftrag der EU die norwegischen Bohrplattformen. Im Berliner Zeughauskino beginnt morgen eine Reihe mit Filmen über die Nürnberger Prozesse, berichtet Thomas Groh in der taz. Detlef Kuhlbrodt verweist in der taz unterdessen auf das Cinespañol-Festival in Berlin.

Besprochen werden Nanni Morettis "Mia Madre" (taz, FAZ), Kaspar Kasics' Dokumentarfilm über die Liebe "Yes No Maybe" (NZZ), der letzte Teil der "Tribute von Panem"-Reihe mit Jennifer Lawrence (taz, Berliner Zeitung, FAZ, Tagesspiegel, NZZ), Prashant Nairs "Umrika" (Tagesspiegel), Hiromasa Yonebayashis Animationsfilm "Erinnerungen an Marnie" (SZ, unsere Besprechung hier) und Wolfgang Murnbergers gestern Abend ausgestrahltes Biopic über Luis Trenker (FR, FAZ, ZeitOnline, hier in der Mediathek).
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Bühne

Besprochen werden Carlus Padrissas Inszenierung der Berlioz-Oper "Benvenuto Cellini" in Köln ("ob der Regisseur ... dieses außergewöhnliche Werk wirklich verstanden hat, darf bezweifelt werden", meint Michael Struck-Schloen in der SZ) und ein "Don Karlos" in Bochum (SZ).
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Kunst

Kerstin Stremmel besucht für die NZZ die Ausstellung "Der Schatten der Avantgarde. Rousseau und die vergessenen Meister" im Museum Folkwang. Im Zentrum der Ausstellung, die die Werke von 13 Künstlern mit "sparsam gesetzten, etablierten Positionen aus klassischer Moderne und Gegenwartskunst konfrontiert", steht Henri Rousseau: "Die halluzinatorischen Landschaften, in denen sich oft blutrünstige Szenarien abspielen, und die Porträts, darunter auch ein Bildnis des extravaganten Pierre Loti mit einer Katze, die so statuarisch wirkt wie die Betonskulpturen des ehemaligen Bergmanns Erich Bödeker, der sich lieber 'Erbauer' als 'Künstlers' nannte, haben keinen eigenen Raum, die grünen Wände bieten breite Durchgänge an allen vier Seiten und verdeutlichen die Scharnierfunktion des Autodidakten, dessen Einfluss auf die Avantgarden, von den Malern der Neuen Sachlichkeit bis zu den Surrealisten, nachvollziehbar ist." (Bild: Henri Rousseau, Portrait de Monsieur X (Pierre Loti), 1905 - 1906, Kunsthaus Zürich, © Foto Kunsthaus Zürich)

Außerdem: Freddy Langer trifft sich für die FAZ mit der Fotoreporterin Lisl Steiner (hier auch ein Interview mit ihr auf Spon).

Besprochen werden die Ausstellung "Bodenlos - Vilém Flusser und die Künste" in der Berliner Akademie der Künste (taz), die Werkschau Jeppe Hein im Kunstmuseum Wolfsburg (taz, Zeit) und die Ausstellung "Ich bin hier!" in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe (FR).
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Archiv: Kunst

Architektur

Für einen "Denkmalskandal" hält es Till Briegleb in der SZ, dass die Stadt Hamburg beschlossen hat, die City-Höfe zugunsten eines ertragreicheren Gebäudes abzureißen: "Besonders bigott an der Hamburger Politik ist, dass die Stadt sich mit dem Kontorhausviertels neben den City-Höfen als Unesco-Weltkulturerbe bewirbt." (Mehr dazu in der Zeit)
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Literatur

Besprochen werden Tilmann Lahmes "Die Manns. Geschichte einer Familie" (Zeit), Monika Rincks "Risiko und Idiotie" (FAZ) und Juan S. Guses "Lärm und Wälder" (SZ).
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Stichwörter: Juan S. Guse, Lärm

Musik

Einen genussvoll verrätselten Eindruck hinterlässt das neue, wieder sehr fluide geratene Album "Mutant" des Produzenten Arca bei der Popkritik . Eine "ganz spezielle Version" der Schöpfungsgeschichte hört Tazler Elias Kreuzmair aus der Platte heraus: Erschaffen werde dabei jener Mutant, der auch auf dem Cover zu sehen ist: "Der Sound hat etwas von einer manischen Suche, ein unbedingter Wille, vorwärtszukommen, trägt ihn. Dabei klingt das Material unfertig, widersprüchlich, stellenweise aggressiv." Ziemlich begeistert zeigt sich Mark Richardson auf Pitchfork, der uns Arcas ästhetisches Konzept erklärt: "Conventional beauty is swirled together with ugliness, aggressiveness exists alongside serenity, chaos and form fail to cancel each other out. ... As the tracks tick off and you lose track of how far into the album you actually are, the clarity of Ghersi's vision comes into focus. The broken-ness of the music takes on an empowering energy, as oblong fragments bind together into gorgeously weird shapes and dynamic shifts that shouldn't make sense feel perfectly logical." Hier eine Hörprobe, mehr auf Soundcloud:



Volker Hagedorn unterhält sich für die Zeit kurz vor ihrem 70. Geburtstag mit der koreanischen Komponistin Younghi Pagh-Paan, die mit 28 Jahren mit einem Stipendium des DAAD nach Deutschland kam. "Sie holt eine ihrer berühmtesten Partituren, Sori für großes Orchester, und zeigt mir eine reich mit Schlagzeug besetzte Stelle, spricht den komplexen Rhythmus des Tomtom, 'das ist aus südkoreanischer Bauernmusik. Danach entwickle ich Polyrhythmik, Polymetrik, was ich alles in Deutschland gelernt habe.' In diesem Stück, das ihr 1980 den internationalen Durchbruch in Donaueschingen bescherte, damals auch in der Zeit gerühmt für 'differenzierte Klangvorstellung' und 'subtile Rhythmik', geschieht aber nach klar und reich entfaltetem Leben, nach wachsender Spannung etwas Brutales. Das Orchester rastet aus. Pauken donnern wie Geschütze. Schrille Trillerpfeifen, Fetzen von Marschmusik, Kontrollverlust. Danach nur noch fahle Ruhe in langen Tönen. Krieg? 'Ich habe mich dazu nie geäußert, ich wollte es nicht als Programmmusik betitelt haben.'"



Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung empfiehlt Peter Uehling das Berliner Geburtstagskonzert zu Ehren des deutschen Komponisten Helmut Lachenmann, der zuvor bereits in Stuttgart gewürdigt wurde, wie Gerhard R. Koch in der FAZ berichtet.

Besprochen werden das neue Album von Adele (Welt), das Buch "Plattenkisten - Exkursionen in die Vinylkultur" von Jörn Morisse und Felix Gebhard (FR) und Kurt Stenzels Soundtrack zu Frank Pavichs Dokumentarfilm über Alejandro Jodorowskys gescheitertes "Dune"-Filmprojekt (Pitchfork).
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